Ausgabe 
23.7.1934
 
Einzelbild herunterladen

SiehenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1954 Montag, den 25. Juli Nummer 56

Einen Sommer lang.

Von Detlev von Liliencron.

Zwischen Roggenfeld und Hecken Führt ein schmaler Gang;

Süßes, seliges Verstecken Einen Sommer lang.

Wenn wir uns von ferne sehen, Zögert sie den Schritt, Rupft ein Hälmchen sich im Gehen, Nimmt ein Blättchen mit.

Hat mit Aehren sich das Mieder Unschuldig geschmückt. Sich den Hut verlegen nieder In die Stirn gerückt.

Finster kommt sie langsam näher, Färbt sich rot wie Mohn;

Doch ich bin ein feiner Späher, Kenn die Schelmin schon.

Roch ein Blick in Weg und Weite, Ruhig liegt die Welt, Und es hat an ihre Seite Mich der Sturm gesellt.

Zwischen Roggenfeld und Hecken Führt ein schmaler Gang;

Süßes, seliges Verstecken Einen Sommer lang.

Es wallt das Korn weit in die Runde ...

Von Otto Karstädt.

Dies Getreidemeer mit seinem rätselhaften Grunde und seinem Körnernicken und mit der Verheißung neuen Brotes ist die Geschichte der Menschheit selbst. Korngeistersagen und Kinderfabulieren umranken diesen Nährbronnen der Zeiträume und Geschlechter von Ewigkeit her mit dichtem Gespinst. Das Auserstehen der Saat, das Keimen, das Wachsen das Wallen des Getreides und das Reifen in jedem Jahre ließ unsere Ahnen in Ehrfurcht vor dem Wunder der Scholle stehen und führte zu kultischer Verehrung des Feldersegens. In den War­nungsgestalten, mit denen wir heute die Kinder von Blumen- und anderen Eroberungsfeldzügen ins buntgoldene Meer zurückhalten, leben die uralten mythologischen Gestalten als dienende Kobolde noch fort, die Erinnerungen an vorgeschichtliche, vermenschlichende Schau unserer Abnen für alle Zeiten in Gemeinschaftsbewußtsein bewahrend.

' Zwei Quellen für das Werden der Korngeister im Phantasieschaffen der nordischen Rasse sind erkennbar: Wetter, Wolken und Wind und eine dunkle Erinnerung vom Eingewandertsein aus dem Norden her. Dem dunkeln Schoß der heiligen Erde vertraut der Sämann seine Saat und fühlte, daß Segen und Gedeihen von oben, vom Lichte, von der Sonne und ihren Geschöpfen, den Wolken und Winden, kommt. Leben sie aber nicht alle: Lichtstrahlen, Wolkengestalten, Windeswehen? Aus der Wolke aber quillt der Segen, strömt der Regen, zündet der Blitz, vernichtet der Hagel, aus ihr also liehen sich die Geister, die man droben ihr Spiel in allerlei Tiergestalten treiben sah, befruchtend ins Korn nieder. Daher die Korntiere: der Kornwolf, der Halmbock, die Roggen- fau, der Kornstier, der 5)aferbocf, der Erbsenhund. Den Zusammenhang mit Witterungserscheinungen zeigen noch heute Ausdrücke wie Bullkater, Wetterkatze Kattenspor für Wetterwolken in Niederdeutschland. Geht der Wind durchs Korn, so sagt man in Niedersachsen noch immer: die Windkatzen laufen durchs Korn, die Wetterkatzen springen im Roggen herum.Sucht keine Kornblumen im Roggen!" warnt man im Hol- steinschen die Kinder,sonst packt euch der Bullkater!" Und wenn das Korn wogt und die Aehren des weiß im Winde wallenden Blutenstaubs harren, dann so sagt die Volksphantasie dannwollt das Korn. Die Einbildungskraft des Bauern sieht noch heute die Wolken segnend und leibhaftig durchs Korn gehen. Die Wolkentiere 'm Getreide sind ihre sichtbaren Verkörperungen, dieKorndämonen . So sieht sie schon die Vedenmythologie: ein Dämon Vitra oder eine große Zahl -Ultras hausten nach den Sanskritsagen im Aehrenseld.

Was wird aus den Dämonen, wenn die Sense klingt, wenn Garbe auf Garbe gebunden, aufgemandelt, hinwegfahren wird, wenn heute die Maschinen in wenigen Tagen aus dem Gewoge weite Stoppelfelder als Reste einstiger Herrlichkeit hinterlassen? Dann flieht der Dämon von Acker zu Acker, sucht die Breiten, wo noch Halme stehen, zieht sich zuletzt in den letzten Getreiderest zurück und früher in manchen Gegen­

den noch jetzt ließ man ihm auf jedem Acker ein letztes Eckchen als Zuflucht stehen. Wer es nicht tat, der mußte fürchten, daß der Geist mit der letzten Garbe, in die er sich sonst flüchtete, in die Scheune kam und dann dort das Korn woher dann die tauben Aehren! Wo man keine Eckchen von Halmen mehr für die Korngeister stehen läßt, da sucht man sie zu bannen, daß sie nicht ihr Wesen in den Speichern treiben. Der Mäher, der den letzten Sensenhieb tat, das Mädchen, das die letzte Garbe band, wurden mit Halmen umwickelt und mußten den Austbock" (Erntebock) darstellen, ober es wird eine Puppe aus den Halmen gebaut und auf das letzte Fuder gelegt.

Der Getreidehahn scheint ein Opfer für die Korndämonen gewesen zu fein. Er wurde auf einem Sechsspänner mit großem leeren Ernte­wagen zum Stoppelfeld gefahren und dort von den Burschen verbun­denen Auges mit einem Sensenschnitt getötet. Wenn heute beim letzten Fuder der Erntekranz statt der Sagengestalt auf dem Korn liegt und der Hahnenbraten dampfend auf dem Tische steht, so denken wir kaum noch an die Ursprünge dieser Sitte, oder wissen es doch nur noch in einigen deutschen Landschaften, was sie einst bedeuteten.

Nun ist es ein Zug der germanischen Sagenbildung, von den Tier- gestalten zu menschlichen Wesen emporzusteigen. Die Ernteböcke und Wölfe erscheinen darum in der nordischen Mythologie bald als Tiere der Freya, der Beschützerin des Herdes und der Fluren. Ueber allen Gestalten schwebt schon die dunkle Vorstellung von derGroßen Mut­ter" über dem wallenden Korn.

Die Kornweiber oder Roggenmuhmen sind unmittelbare Vermensch­lichungen und nicht der großen Allmutter im Korn gleichzusetzen, Ge­witterwolken als Regenmütter. Rauscht der Wind zur Reifezeit übers Getreidemeer, wirbelt er in wilden Tromben empor, so wird er beson­ders sichtbar, weil sich blendend im Sonnenglanze der weiße Blüten­staub hellsärbend in das Kreiseln mischt und stürzt: bann zieht bie Kornmutter burchs (Betreibe, bie Weizenmuhme, bie wilbe Frau. Je nach ber Lanbschaft fährt sie im Wolfs- ober Rübengespann einher, reitet durch die Saatfelder wie eine Königin ober rennt so schnell wie bas wilbeste Pserb burchs Felb In ber Hand trägt sie eine Peitsche ober einen Stecken, ihre Finger finb feurig hütet euch vor ber Roggen- muhme: so klingt es schon aus ber Schilberung ihrer Gestalt!

Wie kann baneben ein Kornkinb austauchen? Das Erntekind ist das Sinnbild des Keimes und Wachsens, des immer neuen Werdens. In der germanischen Vorstellung kam es im Boote als neugeborenes Kind auf einer Garbe liegend von Norden her übers Meer. Der Stamm der Angeln, der von den deutschen Stämmen am weitesten nordwärts wohnte, nahm es auf und machte es zum ersten anglischen König eine unbewußte Erinnerung an die Einwanderung der Germanenstämme aus nordischen Bereichen. So wurde im Schlesischen das letzte Gebund einem Kinde ähnlich gestaltet und feierlich von Paten getauft. Die Binderin ber letzten Garbekriegte bie Wiege" im nächsten Jahre. Warf ein Knecht ein iSetreibefuber um, so war ihm bas Kornkinb vom Wagen gesprungen. Liegen gebliebene Halme sind noch heute das Wiegenstroh" In der deutschen Schweiz findet man ein engelschönes Kind unter grünendem Klee als Zeichen eines fruchtbaren Jahres, ja es werden bie Neugeborenen braußen im Grünen als Geschenk gefunden und nicht wie im norddeutschen Ammenmärchen vom Storch gebracht.

Dies Erntekind wird nun eine lieblichere Gestalt, wird Kornbraut, Haferfrau, Weizenbraut und wird beim letzten Fuder neben einem Bräutigam, von Brautjungfern umgeben, in feierlichem Zuge auf den Hof gebracht, als ob es sich um eine wirkliche Hochzeit handle.

Frau Holle und Wodan wandeln übers Äehrenfeld. Für Frau Holle ließ man auch nach der heiligen Dreizahl drei Aehren stehen. Wodan aber fuhr mit feinem wilden Heere im blütenstäubenden Wind segnend über bie Gefilde, schon eine Gestalt von höherer Göttlichkeit unb von einer Erhabenheit, bie an Züge seines Vilbes aus der Edda erinnert.

Den heutigen Kindern aber schienen am meisten noch die alten Dämonen, die bloßen Vorstellungen von Kornwölfen, Hunden und wil­den Weibern zu genügen, um die kleinen Naseweise aus dem Getreide­feld fern zu halten. Da hat die Roggenmuhme als Kinderfchreck all den andern Gestalten den Rang abgelaufen. Ihre Hündchen führen die im Feld laufenden Kinder in ihre feurige eiserne Umarmung. Auf schnellsten Rossen setzt sie den Kleinen nach, pustet ihnen die Augen aus, setzt sie 311 sich auf den Sattel, steckt sie in ein eisernes Butterfaß und zerstampft sie darin, weshalb sie in Pommern, wo sie besonders boshaft auftritt, auch die Buttermuhme zubenamet ist. Bald ist sie schwarz, bald schnee­weiß, sie nährt sich vom Korn, ißt aber besonders gern die Halme, die über die andern hinwegragen. Erzürnt der Bauer sie, so dörrt sie ihm das ganze Kornfeld aus und zündet es manchmal sogar an (Sinnbild ber Dürre unb bes Gewitters überm Korn).

Das (Beiftergeraun ums Kornfeld verstummt, nur aus Jahrtausenden klingt es noch, ' Vorzeit und Gegenwart überbrückend, zu uns herüber. Das uralte Brauchtum aber lebt noch, wenn auch in grmanbelten For­men; heute wird es neu geheiligt: Erhalten wir es, wo wir nur können!