Ausgabe 
23.4.1934
 
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ihr Haus.

VII.

Als Rikelchen in lenen Raum kam, darin sie am glücklichsten gewesen war, drohten die Kräfte sie zu verlassen. Sie mußte an der Wand Halt suchen. ,

Da wurde sie inne, daß ihre Wange an der Wand I>er Stube lag, wie sie oft an der Wange Gusts gelegen hatte.

Und ehe sie es wußte, ohne daß sie es wollte und plötzlich küßte sie schluchzend die Wand ihres verlassenen Wohngemachs.

Dann legte Rikelchen den vorsätzlich mitgenommenen Schlüße!, ohne ihn an seinen Ort zu bringen, auf die Fensterbank. Wie ein Flüchtling verlieb die Schuhmachersgattin Friederike Micheelsen

So emsig Gust auch suchte, so große Summen er auch bot, es war ihm nicht gelungen, für sich und Rikelchen eine Unterkunft an der Hohen Straße zu finden. Denn deren wenige Wohnhäuser waren nicht zum geringsten infolge seines wohlgelungenen Beispiels während des Laufes der Jahre zu Geschäftshäusern umgewandelt worden.

Der ehemalige Schuhmachermeister und Lederhandler mußte also mit seiner Frau in die Ackerstraße ziehen.

Es war das dritte Haus, in welchem Gust nach langem Suchen die neue Wohnung fand. Nur wenige Schritte hatte man von der Hohen Straße aus bis dahin. Aber das Haus lag in einer Neben­straße. Die Räume waren heller, höher, geräumiger als in dem ersten Stockwerk des verkauften alten Patrtzierhauses. Aber Gust wohnte mit seiner Frau in dem erst vor wenigen Gahren rohauf­gestockten Ziegelkasten zur Miete. Sie wurden als Geldbringer durchaus willkommen geheißen. Aber ihr Hauswirt war ein von früh bis spät lärmender, seine Pferde und Kühe prügelnder Vieh­händler, dessen Roheiten Rikelchens Herz schwer bedrückten.

Aus dem untern Stockwerk seines Hauses an der Hohen Straße nahm Gust auf Rikelchens Wunsch von den zahl­losen Dingen, die zu seinem Geschäft gehörten, nur diese mit in die Ackerstratze: Schusterhüker, Schustertisch, Schusterkugel, deren Dreieinigkeit oftmals seine Verzweiflung bei dem Warten auf die ersten Kunden und sein Hochschnellen, sobald die Tür sich bim­melnd öffnete, gesehen hatten.

Benutzen freilich konnte man dort, wo sie in der neuen Woh­nung stand, diese Schusterausrüstung nicht. Gust hätte sich beim Zurseitereißen des Pickdrahtes beide Musikantenknochen der Ellen­bogen an den Wänden gestoßen. Auch fiel in diese Wohnungsecke von früh bis spät kein Sonnenstrahl durch das Waffer der Glas­kugel.

Ausgießen!" hatte Gust, als der Umzug durchgeführt war, befohlen.

Die Schusterkugel leerstehen lassen?" zitterte Rikelchens Herz.

Da sie in diesem Leben von mir nicht gebraucht wird ja­wohl, leerstehen lassen!" lautet die unbekümmerte Antwort.Wär' es nach meinem Willen gegangen, Schusterhüker und Schusterstuhl würden in den Ofen, die Schusterkugel auf den Scherbenhaufen gewandert sein. Oben vom Haustritt herunter hätt' ich kurz vor dem Straßenfegen die Kugel in den Rinnstein geworfen und mich beim Klirren des Glases und dem Spritzen des Wassers mit den Worten gefreut: ,War einmal. Vorbei! Vorbei für immer!'"

Gust!"

Ich hab's ja nicht getan. Ich weiß, daß du dich von unbrauch­baren alten Sachen noch weniger als andre Frauensleut' trennen kannst. Meinetwegen mag das Schustergerümpel dort in der Ecke stehenbleiben. Aber Wasser in der Kugel? Unsinn!"

Rikelchen blieb bei ihrer Meinung: Wasser gehöre zu einer Schusterkugel wie das Blut zu einem Menschenleibe. Unbeküm­mert um den Widerspruch und Spott Gusts füllte sie auch in der Ackerstraße die unbenützte Schusterkugel mit frischem Walser, und obwohl die Sonne sie nicht traf, die Lampe mit dem Messingblacker dahinter nicht mehr entzündet wurde, vergaß Rikelchen doch nie­mals, es rechtzeitig zu erneuern.

Wie ein Museumsstück stand der Schustertisch Gusts mit seinem hundertfachen Zubehör, mit dem Schusterhüker davor und der Schusterkugel darüber in der neuen Wohnung.

Weihnachten und Neujahr peitschten noch einmal den Spiegel der Tage Gusts und Rikelchens auf. Während der Geschäftsüber­gabe türmten sich die Lebenswellcn für kurze Zeit bedrohlich rundum Der Käufer konnte mit der vereinbarten Anzahlung nicht zurechtkommen. Schon hatte es den Anschein, als werde Gust aus der Ackerstraße auf die Hohe Straße zurückkehren müssen. Binnen drei Tagen Geld oder der Kauf ist nichtig und alles geht ohne Entschädigung für die Neuaufwendungen an mich zu­rück!" bestimmte er. Der Bedrängte fuhr nach Hamburg.Auf Nimmerwiedersehn!" hieß es Haus bei Haus. Aber weder die Schadenfreude der Stadt, noch die Hoffnung Rikelchens erfüllte sich. Drei Tage später, in allerletzter Stunde, erschien der Käufer mit der ausbedungenen Summe. Woher und zu welchen Be­dingungen das fehlende Geld in Hamburg wohl beschafft war, wollte man immer wieder von Gust erfahren.Weiß ich nicht", antwortete der.Geht mich auch nichts an. Ich habe mein Geld. Das flnf'ore ist seine Sache."

Zwei Wochen später als vorgesehen war, erfolgte die Ueber- gabe Geschäfts an der' Hohen Straße an den Hamburger Herrn .

Die Wollen in Gusts Leben wurden länger, flacher, verrannen. Still > kam.

Und mit der Stille mar. nur zu bald, Stickluft da.

Der Rentier August Micheelsen, wohnhaft Ackerstraße Nr. 3, schlief in den hellen Morgen hinein.

Hatte'" er sich endlich doch erhoben und ebenso ausgiebig wie umständlich gefrühstückt, so machte er während des Vormittags die notwendigen sechs Gänge in die Stadt. Die waren, neben drei Dutzend andern, ehemals dem Lehrling zugefallen. Aber obwohl dieser in Minuten damit fertig wurde, brauchte der Schuhmacher­meister a. D. Stunden dafür. Denn überall, wo er einen Bekann­ten auf der Straße traf, stand er schwatzend herum. Und in den Läden berechneten des öfter» die Inhaber, daß der Verdienst, den sie von Gust hatten, in einem sehr schiefen Verhältnis zu der Zeit stand, die sie für Gespräche mit dem beschäftigungslosen Kunden wohl oder übel aufwenden mußten.

War, nicht ohne Mühe, die zweite Tagesstation erreicht, die Mittagsmahlzeit, so atz Gust noch ausgiebiger und umständlicher als in der Früh. Aber es wollte ihm oftmals nicht recht schmecken, trotzdem er doch des späteren Aufstehens wegen das zweite Frühstück ausfallen lietz. An seinem Appetit konnte es nicht liegen. Der war mit den Jahren gewachsen. Er fand nur eine Erklärung für diese auffällige, bedeutsame Tatsache: Nikelchen gab sich jetzt, wo sie nur für ihn, nicht mehr für Gesellen und Lehrlinge, die Mahlzeiten zubereitete weniger Mühe in der Küche. Eines Tages machte Gust seiner Frau deswegen Vorhaltungen. Rikel­chen widersprach nicht.Ich will's besser machen!" gelobte sie. Aber es gelang ihr nur für kurze Zeit, den Eßgierigen zufrieden- zustellen. Bald klagte und knurrte Gust beim Mittagessen stärker als vorher. , r

Wenn der ehemalige Schuhgrachermeister häufig mit mür­rischem, sehr selten nur mit zufriedenem Gesicht vom Tisch auf­gestanden war, folgte die wichtigste Handlung des Tages: der Mittagsschlaf. Aber auch mit diesem wollte es Gust nach einem halben Jahr nicht mehr nach Wunsch geraten. Die Schuld dafür lag gleichfalls nicht in ihm, sondern außer ihm. Der Viehhändler kam zur Unzeit mit den Wagen heim. Der Hahn auf dem Hof krähte, als ob er durch jede Mittagsschlafstörung sein Leben um eine Woche verlängere. Die Gänse schnatterten, wie wenn ein Wettschnattern ausgeschrieben wäre. Und die Fliegen kaum zu glauben, aber wahr! die Fliegen, die in den Viehställen ge­radezu gezüchtet wurden, krochen sogar unter die Zeitung, mit welcher Gust zum Schutz gegen ihr Gekrabbel sein Gesicht zudeckte. Stundenlang konnte der Rentier August Micheelsen über die Utv Verschämtheit der Fliegen schelten, zu deren Vertilgung endlich staatliche Maßnahmen getroffen werden müßten.

Nach dem Kaffee, bei dem Gust immer häufiger warum nicht? man hatte ja das nötige Kleingeld dafür Kuchen ver­langte, kam der Lichtblick des Tages: der anderthalbstündige Spa­ziergang vor das Tor. Man traf Bekannte, wurde gesehen und angeredet, wurde besprochen und beneidet. Dieser Nachmittags­spaziergang fand statt, gleichviel ob die Sonne schien oder ob Wolken am Himmel hingen, ob es regnete oder schneite.

Zum Beschluß seines täglichen Spazierganges kehrte Gust im Gasthof zum Bürgerbräu" ein. Trank einen Kümmel und zwei Glas Vier, nie mehr nie weniger. Besprach mit den Anwesen­den die städtischen Angelegenheiten. Gab seine Meinung über die deutsche Politik zum besten. Spielte zum Beschluß, wenn die Stadt­neuigkeiten ausgekämmt waren, Skat um ein Zehntel.

Schlag sieben trat der Rentier August Micheelsen in der Acker­straße bet Rikelchen zum Abendessen an und fragte, obwohl er fast immer wußte, was auf den Tisch kam:Nun, was gibt es heute denn Schönes?"

Nach dem Abendessen saß Gust mit den Nachbarn zu schmauchen­dem Abendschwatz des Sommers vor der Tür, des Winters ab­wechselnd am eignen am fremden, am eignen am fremden Ofen. Bis neundretvtertel Uhr. Niemals auch nur eine einzige Minute länger. , _

Schlag zehn lag der einstige Schuhmachermeister, der früher über seinem Hämmern oftmals nicht gehört hatte, wenn es Mitter­nacht schlug, im Bett. Stöhnte über Schlaflosigkeit. Fand in der Tat, während ihm früher die Augen zufielen, sobald er sich neben Rikelchen ausstreckte, auf seinem Lager in der Ackerstraße oft erst gegen Morgen den ersehnten Schlaf. Reichten Herumwälzen und Stöhnen nicht mehr aus, seinem Unmut Nachdruck zu geben, so weckte Gust seine Frau. Und Rikelchen mutzte mit ihm wachen, auch wenn sie kaum vermochte, die Augen aufzuhalten. Denn falls sie trotz angestrengtesten Willens doch einmal in den Schlaf zurttck- sank, entlud sich über sie ein Gewitter wegen ihrer Teilnahmlosig- keit und Herzenshärte.

So war Gust, der Siebente des Pantofselmachers Schorsch Micheelsen in den Baracken, nun also in der Ackerstratze, wie man ihn und seinesgleichen allgemein hämisch nannte,Heringsbaron",' wie es auf den ankommenden Briesen hietz,Rentier".

War es Tag für Tag.

Rikelchen blieb, abgesehen von dem Mittagsnickerchen, zu dem sie sich auf Gusts Drängen schlietzlich bequemen mutzte, auch jetzt von früh bis spät nicht eine Minute lang ohne Arbeit.

Sie lehnte die ihr wiederholt angebotene Hilfe einer Morgen­frau zwar mit freundlich dankenden, aber unbeirrbaren Worten ab. Sie wusch, obwohl Gust immer wieder wegen dieser Unsinnig­keit schalt, ihre Wäsche selber. Sie putzte, fegte, wischte, kochte. Sie tat häufig zehnmal, was genau betrachtet schon beim ersten­mal geschafft war. Drohten dennoch arbeitsleere Stunden, so fehte sie sich ans Fenster, nähte, hakelte, stickte, strickte. Keine Unnüülich- keiten. Wohl aber vieles, was sich nur in ihren Schubladen, nicht in ihrem eignen Leben »nterbringen lieh.

IFortlevnng folgt.»

Heran wörtlich: 0r. Hans Thyriot. Druck und Derlag:Brühl'sche Universitäts-Buch» und Sleindruckeret. B. Lange, Gießet».