ker weiß auch das schon wieder besser: „Schad nix", meint Helen- chen, „die beiden sind ja verheiratet". Na also...
Der urwüchsigste von allen ist dafür Kyrios Demetrius. Er scheint noch aus der alten Schule zu stammen, der guten, soliden ... außerdem spricht er ein schauerliches Kauderwelsch von Neu- und Altgriechisch, das er sich im Laufe der Jahre von den zahllosen „Gebildeten" angewöhnt hat, die nach Mykenä gepilgert sind. „Exi esti poly anemos“ — „draußen ist viel Wind", sprich „Hier zieht's"; man braucht nicht einmal griechisch gelernt zu haben, um das zu verstehen. Zum Nachtisch erscheint Helenchen dann nochmals in einen stilisierten altgriechischen Gewände ... beinahe wie auf der „Alm", wo einem weltfremden, aber gut zahlenden Amerikaner „echtes Land- und Bergleben" vorgeführt wird.
Dafür ist der „logarithmos“, die „Rechnung" — man tut gut daran, nicht die griechische, sondern die französische Bezeichnung „La douloureuse“ zu wählen — wieder entsprechend klassisch gefärbt. Aber der Protestierende erfährt zu seiner großen Ueber- raschung, daß es bei der „Schönen Helena" in dieser Hinsicht drei verschiedene Tarife gibt: in der Spitzenklasse rangieren Amerikaner und Engländer, Gruppe 2 umfaßt Deutsche und andere wirtschaftlich Schwache, in Klaffe 3 werden die Eingeborenen eingereiht, die nach Lage der Dinge mit Klassik bereits überfüttert sind und die überdies zumeist ebenfalls Orestes oder Agamemnon
Zum Schluß, beim Abschied wird es dann wieder poetisch: Man bekommt eine Rose angesteckt und — natürlich fehlt auch das nicht — das Fremdenbuch vorgelegt. Tausend Namen, Hunderte von poetischen Ergüssen. Wahre Hymnen auf die „Schöne Helena" — ein einziger Gast ist sachlich gebliebe.n: zwei kleine Zeichnungen: links das ländliche „Xenodochion" von heute, daneben das „Grand- K>otel" Schöne Helena von morgen. Mit Springbxunnen, Garagen, Fünf-Uhr-Tee. Daneben die resignierten Worte: „Mykenä — heute, Mykenä —morgen, das ist der natürliche Lauf der Dinge, leider kann's keiner ändern!"
Stimmt! Diese Entwicklung läßt sich nicht mehr aufhalten ... leider!
Frühling und Kinderspiel.
Von Dr. Jürgen Schäfer.
Wenn der Frühlingswind die Türen der Häuser öffnet, dann springen aus ihnen als erste jubelnd die Kinder hervor. Der Anblick der schnellfahrenden Wolken und der strahlenden Sonne hoch am Himmel bringt eine Unruhe in ihre Herzen, daß sie der alten Spielzeuge, die ihnen viele stille Tage gedient haben, überdrüssig werden und sie unbeachtet liegen lassen, um ungestüm in die Straßen und Plätze, die Gärten und Wälder der neuersiandenen Welt zu entlaufen. Weil diese Welt aber schwindelnd hoch tn ihrer Helle und von fast unbegrenzter Weite ist, so brauchen sie nun andere Spiele zum Zeitvertreib, Spiele, mit denen sie^den Raum erobern können und die sie stets in Sprung und Trab, in Spannung und in Atem halten. Laufen, Fangen, Springen sind darum die selbstverständlichen Bewegungsspiele, mit denen die jungen aufwachsenden Körper sich den Frühling gewinnen, und Bewegung ist das innerste Gesetz aller Spielzeuge, die sie dazu eri^hlen. t 3lnfang des Frühlingsspiels der Kinder der Ball, jenes zauberhafte Rund, das der Erde und den Gestirnen gleicht, und das nur des Anstoßes oder des Wurses bedarf, um fvrtzurollen oder sich hoch in die glänzende Lust aufzuschwingen. Er kann auch wieder in die Hände zurückfallen, die ihn hoch empor geworfen haben, und er kann hüpfen, aufspringen und tanzen, wie es dem spielenden Kinde gefällt. So scheint das Ballspiel der Jugend naturnotwcndig zu fein; und es ist auch so alt und jung wie die Kinder der Welt. Schon im Altertum war das Ballspiel bekannt und es ist auch bei den Germanen zu Hause gewesen. Es zählte zu den Volks- und Kinderspielen aller Zecken lange bevor es sich von England aus als Sport die Welt, nicht nur die der Kinder, sondern auch der Erwachsenen, tn den mannigfaltigen Nasenspielen wiedergewann, die heute für alle Körperschulung grundlegend sind. Zwei Arten von Ballspielen, darunter den Fußball, hat man sogar bei den Eskimos gefunden und glaubte annehmen zu müssen, daß die Normannen bei diesem Spiel die Lehrmeister der Grönländer waren. Nun aber weiß man, daß auch die südlich von den Eskimos lebenden Tinne-Jndianer eifrige Ballspieler waren. Und nicht «ur sie, sondern alle Rothäute, mck denen uns also nicht nur unsre Knabenfreundschaft, sondern auch dies Spiel verbindet; Fußball, Fangball, Schlagball, welche ,,-reude bereitet es uns, Winnetou und seinen roten Brudern allen bei diesen Spielen im Geist zn begegnen.
Der gleiche Bewegnngszauber ruht im Kreisel, der auch Tau-,knöpf genannt wird, weil er auf der glatten Bodenslache, von der Peitsche angetrieben, zu tanzen versteht. Auch er ist em uraltes Spielzeug; denn Kreisel fand Schliemann bei fernen trojanischen Ausgrabungen, und Kinder mit Kreiseln erscheinen schon auf den Grabbildern der alten Aegypter. Hölzerne Kreisel, denen ganz ähnlich, die heute benutzt werden, land man unter der Lavadecke Pompejis, und man kann im Neapeler National' Museum noch die Kreisel betrachten, mit denen italienische Kinder vor 2000 Jahren spielten. Das Kreiselspiel ist ebemo ein Lieblingsspiel der Chinesen, und auch die Kinder in Birma und Siam knallen lustig mit den Peitschen, die den Kreisel zu munteren Sprüngen antrciben. Die Knaben der Odschibwa-^ndianer stellten ihre Kreisel aus Eicheln und Rüssen her. Auch wir haben dies alv Knaben getan, wenn unsere „Kartoffel", der kurze untersetzte
Tanzknopf, oder die „Gelberübe", der zierlich schlanke, ht ein Kanalloch gefallen waren.
Und die gleiche Liebe im ganzen tiindervolk erwirbl sich stets aufs neue der dritte König des Kinderspiels: die Murmel. Während das Element des Balls die Luft ist und das des Kreisels die glatte Asphaltfläche der Bürgersteige und der breiten Fahrdämme ist, ist die Murmel in kleinen Gruben auf Saudflächen und im Rinnstein zu Haus. Ueberall kann man die Kinder auf den Straßen mit Murmeln spielen sehen, mit den kleinen Kugeln aus gebranntem Ton, aus Glas oder Stein, die in allen Landschaften andere Namen haben, wie Klicker, Marbeln, Schusseln und Schnellkeulcheii. Es gibt auch verschiedene „Gewichte" unter ihnen, die schnellen, slinken, bunt bemalten Tonkügelchen und die großkalibrigen Schwergewichte, die „Geckser", und über allen diesen jene geheimnisvollen Glaskugeln, in denen haardünne grüne, blaue und rote Spirallinien int Dahinrollen in wechselndem Bild aufleuchten wie die Glassplitter in einem Kaleidoskop. Altägyptische und altgermanische Funde zeigen, daß auch damals schon die Kinder diese Spiele kannten; wie sehr sie sie liebten, geht daraus hervor, daß man sie den Kindern in den Sarg und die Urne mitgegeben hat.
Neben diesen ewigen Spielzeugen der Kinder der ganzen Welt sinden wir andere, die zu bestimmten Zeiten — oft in späteren Epochen wiederkehrend — die Kinder erfreuten. Wir nennen von denen, die heute geübt werden, das Reifenspiel, das Seilhüpfen und das „Hickel n". Seltener geworden aber ist dagegen bas Reiten auf Steckenpferden; diese kindlichen Reit- tierchen haben dem Holländer und vor allem dem Roller Platz machen müssen und sind damit ein Opfer unseres technischen Zeitalters geworden. Auch das S t e l z e n l a u f e n, das unsere Vorfahren, wie Bildnisse aus vielen Jahrhunderten ausweisen, als Kinder mit besonderer Vorliebe erwählten, hat dieses Schicksal ereilt. Aber noch heute finden die Stelzen, nicht nur als Kinderspielzeug, sondern als praktisches Gerät zur Fortbewegung in sumpfigen Gebieten Frankreichs Verwendung. In China gibt es Meister int Stelzenlaufen, ebenso in Afrika. Die Negerknaben des Kongogebiets binden sich Stelzen an die Unterschenkel, um sich dadurch größer zu machen; auf Tahiti benutzt man gabelförmige Vaumäste, in die der Fuß gesetzt wird. Die alten Griechen kannten den Wettlauf auf Stelzen auf glattem Steinboden, und wahre Kunstwerke sind die Stelzen der Markesas-Jnsulaner, die aufs kostbarste geschnitzt und häufig mit Relieffiguren versehen sind. Ein anderes, heute ein wenig aus der Mode gekommenes Kinderspiel ist Blindekuh. Es war im alten Rom bekannt, und bei den Ostasiaten wird es genau so gespielt, wie es in Europa Jahrhunderte hindurch unter Kindern und zeitweise auch bei Erwachsenen üblich war.
So geht bei uns heute noch der Plumplack um, und nun folgen alle die Fangspiele und Reigen, mit denen sich unzählige alte Kinderweisen in steter Abwandlung verbinden und die durch die Zeiten fortklingen. Jauchzende, lachende Kinderstimmen stimmen sie au, durchaus nicht melodiös abgewogen, aber dafür um so kräftiger und urwüchsiger, und das Schreiten und Tanzen und Drehen gibt ihnen den Rhythmus. Sie gehören zum Frühling wie das Vogelgezwitscher und in ihnen verkündet sich am deutlichsten die ewige Wiederkehr der die Herzen aufschließenden
Wenn auch die Kinder an allen Erfindungen unseres Zeitalters mit wachem Verstand teilnehmen und wenn sie auch die modernsten Wunderwerke der Spielzeugindustrie mit viel Sachkenntnis und oft mit großer Meisterschaft zu handhaben verstehen, so behalten doch die uralten Spiele ihre Zauberkraft, wenn sie ihre Formen auch dem Wandel der Zeiten anpassen. Für die unzerstörbare Wirkung dieser Spiele auf das Gemüt der Kinder gibt es die eine und einfache Erklärung: es sind Spiele der kindlichen Freude, die in Zeit und Ewigkeit dauert.
Die Gchusterkugel.
Roman von Hans Franck.
(Fortsetzung.» (Nachdruck verboten.)
Da verlor Gust die Freude an dem geplanten großen Fest.
Er beschloß, seine Angestellten durch einen verdoppelten Monatslohn als Weihnachtsgabe abzusinden und mit seiner Fran während der kirchlichen Festtage stillen Abschied von seinem Hause .in der Hohen Straße zu nehmen.
Als Rikelchen ihn bat, ihretwegen doch auch darauf zu verzichten, damit ihr das Herz während der letzten Feiertage nicht gar zu groß in der Brust werde, noch vor Weihnachten mit ihr bas Naus zu verlassen, willigte er ohne Widerspruch ein.
Bereits Mitte Dezember fand der Umzug des bisherigen Schuhmachermeisters, Schuhwarenhändlers und Ledergrosststen August Micheelsen statt.
Da alle Räume leer waren, kehrte Rikelchen unter dem Borwand, daß sie versehentlich einen Schlüffe! mitgenommen habe — sie wisse nicht von welcher Tür und müsse ihn deswegen selber ausprobieren — noch einmal in ihr verödetes Haus zuruck.
Durch alle Räume ging die Trauernde, durch den Laden, das Kontor und die Werkstatt im untern Stockwerk, durch die Küche, die Speisekammer und das Schlafzimmer, durch Jupps Jungen- buöe, die Beste Stube und das Wohnzimmer. Bald begnügte sie sich nicht mehr damit, den leeren Räumen ihren Dank für all das Gute zuzunicken, was ihr in ihnen zuteil geworden war. Sie begann mit ihnen, als ob sie lebende Wesen seien, zu sprechen. Dann genügte ihr auch das nicht mehr. Sie Hub an, die Wände zum Dank zu streicheln.


