Meder einmal war ein Unterhändler mit weißer Flagge erschienen, der auf die Verschanzung hinaufrief: „Ich habe mit Jean Guny im Namen seines Kommandanten zu sprechen!"
Der Negerkönig erschien hinter der Deckung.
„Dann sollen deine Leute ihre Waffen niederlegen."
Sie taten es, während er selbst seine besten Schützen neben sich hatte, die ihre Gewehre im Anschlag hielten.
„Groß-Frteörichsburg", rief der Verhandler hinauf, „ist an uns verkauft, wie Siegel und Schriften beweisen. Der König von Preußen hat den Verkauf bestätigt."
Von oben kam die Antwort: „Wenn ihr nichts anderes auszurichten habt, zieht euch zurück, sonst lasse ich feuern!"
„Ich habe dir zu sagen", rief der Niederländer, „daß dein Kommandant nicht mehr kommt und daß du die Flagge einziehen sollst!"
„Das tue ich nur, wenn er selber es sagt!"
„Er kann nicht mehr kommen, weil er tot ist!"
Das war eine Lüge des Unterhändlers, zu der er griff, weil er die Aussichtslosigkeit, auf diesen Kommandanten zu warten, nicht besser deutlich machen konnte.
Diese Nachricht verfehlte ihren Eindruck nicht.
Jean Guny hatte gezuckt. Wie ein Blitz war dieses Wort in ihn gefahren. Er stierte angstvoll vorgebeugt herunter, erwartend, daß der Unterhändler weiterfahre. In seinem Gesicht kehrte der innere Aufruhr wieder, den er zu verbergen suchte, der ihn aber so erschütterte, daß er sich schwankend zu seinen Begleitern umwandte, fassungslos nach Worten und nach Haltung suchend und erst dann wieder wie gebrochen an seinen Platz trat. Vielleicht sah er den Irrsinn seines Kampfes vor sich, sieben Jahre Angriff und Verteidigung, Blut und Tote, immer wieder unterbrochen durch die Ruhepausen, in denen die Holländer neue Truppen heranschafften. Immer wieder hatten sie Dutzende, im Laus der Jahre Hunderte vor ihren Wüllen niedergestreckt, hatte man Tote be- gr/rben und ihre Köpfe aufgespießt oder den Vorhof der Festung damit gepflastert. Wenn es wahr war, daß der Kommandant gestorben war, ist alles umsonst gewesen, ist das Papier, der Vertrag vielleicht richtig.
Diese Nachricht warf alles um.
Es war niemand mehr da, dem er die Flagge übergeben konnte, die unverändert seit seiner Abfahrt über der Festung wehte, die nur ein wenig zerfetzt war, die ihm aber anbesohlen war, die er grüßen ließ, um die er kämpfte.
„Wenn du weiter kämpfst", nützte der Unterhändler den erschütternden Eindruck seiner Worte aus, „wenn du noch einen Schuß abgibst auf uns, so müssen auch die besten Freunde deines Kommandanten glauben, daß du nicht für ihn, sondern für dich kämpfst!"
„Schießt doch!" schrie Johann Guny und widerrief seinen Befehl im gleichen Atemzug. Wut hatte ihn gepackt. Er schwankte. Er hielt sich mit bebenden Händen an den Palisaden fest, unfähig, eine Antwort zu geben. Er winkte nur.
„Morgen", brachte er schließlich hervor, „morgen gebe ich euch meine Entscheidung. Zieht euch zurück."
Dann traten seine Schützen wieder an die Schießscharten. Aber es fiel kein Schutz mehr. —
Am nächsten Morgen, als die Holländer sich erneut der Festung näherten, war das brandenburgische Banner vom Fahnenmast verschwunden. Die Festung war leer.
' Jean Guny, der letzte Verteidiger und Offizier der ersten und letzten kurbrandenburgischen Kolonie hatte die Fahne mitgenommen auf seinem heimlichen Abzug in den Urwald, aus dem keine Nachricht mehr über ihn drang, genau so wenig, wie aus Preußen eine Nachricht seines Kommandanten zu ihm dringen konnte.
3m Hotel zur schönen Helena.
Bon Hans Trübst.
M y k e n ä. Ursprünglich hatte ich in Argos bei „Agamemnon & Menelöos Nachf." Nachtquartier nehmen wollen, aber ein Herr aus Steglitz — merkwürdig: alle Vergnügungsreisenden, denen man im Auslande begegnet, stammen entweder aus Steglitz oder aus Sachsen — also dieser Herr aus Steglitz, mit dem ich ganz- „zufällig" in der kleinen Bimmelbahn, die täglich ein paarmal die Strecke nach Nauplia über Argos—Mykenä nach Korinth abklappert, im Abteil zusammengetroffen bin, rät mir dringend von einem Besuch der Stadt Argos ab. „Gar nix los dort! Paar alte Steine wie in Thyrins, die Sie sich vom Kupsfenster aus viel bequemer besehen können. Dafür aber Mykenä! Unbedingt „mitnehmen"! Fabelhafte Sache: Löwentor, Kuppelgräber und dann ... der Clou vom Ganzen: Das „Hotel zur schönen Helena"! Müssen Sie auf alle Fälle gesehen haben! Klassisch, sage ich Ihnen, Demetrius heißt der Wirt, Helena die Tochter, Orest und Agamemnon die Söhne ... können sich ungefähr vorstellen, wie es dort zugeht. Trinken Sie ordentlich Mykenä-Wein und grüßen Sie den Alten von dem Herrn aus Steglitz, dann werden Sie pikfein ausgenommen werden!"
„Gemacht!" Ich habe also Argos schwimmen lassen und dafür die „schöne Helena" besucht. Schade, daß ich so unmusikalisch bin... „Im Hotel zur schönen Helena" — das wäre doch eigentlich ein ganz hübscher Anfang von einem Schlagertext, mit dem sich heute soviel Geld verdienen läßt. Oder „Ich weiß in Mykenä ein kleines Hotel" ... klingt auch nicht übel.
Also, um es gleich vorauszusagen: der Herr aus Steglitz hat nicht übertrieben; wenn Herr Offenbach noch lebte und dies Hotel gekannt hätte, er würde an Ort und Stelle zu seiner entzückenden Operette noch tüuu bejoudere» Schlußakt hinzukomponiert haben.
Station Mykenä ist ein kleines, einsames Steinhäuschen, in welchem ein einziger Beatnter sämtliche Funktionen versieht, wie sie der Betrieb einer eingleisigen Bahn auf einer Bimmelbahnstrecke erfordert. Zwanzig Minuten davon, auf sehr guter Chaussee zu erreichen, liegt auf einem sanften Hügel des Mykenä: einige dreißig wild durcheinanüergebaute, winzige, weißgetünchte Lehmhäuschen, auf einem armseligen, steinigen Fleckchen Erde, von wo einst eine 3099jährige Kultur ihren Ausgangspunkt genommen, dann gewiße Gipfel erklettert hat, um schließlich hier, im ewigen Kreislauf wieder auf ihr Ausgangsniveau herabzusinken. Hohe, kahle Berge schließen die unter der Sonnenglut zitternde und flimmernde Ebene ein.
Der billettverkaufenöe, weichenstellende Stationsvorsteher weiß natürlich sofort Bescheid, um was es geht, unaufgefordert zeigt er den Weg zum Kyrios Demetrius: „Dort oben, links an der Straße, das rotgemalte Haus, das ist es!"
Halbwegs lauert mir ein kleiner Junge auf und bietet mir für fünf Drachmen garantiert echte, dreitausend Jahre alte, buntbemalte Tonscherben an. Sie sind zwar augenscheinlich 2999 Jahre zu Jung, aber immerhin, wenn man später zu Hause erzählen kann: „Das habe ich in Mykenä gefunden, Sie wissen doch, wo sich seinerzeit die bekannte Skandalaffäre abgespielt hat ... Klytäm- nestra, Aegisthes, Agamemnon und so ..." meinen Sie nicht auch, daß das Eindruck macht?
Noch ein paar Schritt: Aha! Da ist es ja schon! Das kleine Hotel in seinem verschwiegenen Eckchen ... augenscheinlich einziges und „bestes Haus" am Platz. Hm! Sehr hübsch! Einstöckig, kleiner Balkon, rotgetüncht, mit hellblauen Fensterläden, die in grasgrünen Füllungen hängen. Quer über die ganze Vorderfassade, mit mächtigen, dunkelblauen griechischen Buchstaben geschrieben: „Renodochion zur Schönen Helena des Menelaos". Darunter, neben der Tür, in kleinen schwarzen Lettern, ein Homervers: Odyssee, Buch I, Vers 125 „Sei gegrüßt, oh Fremdling..."
Das ganze Idyll von schattigen Olivenhäumen und roten, übermannshohen Oleanderbüschen eingerahmt — weiß Gott, der richtige Fleck, um im Angesicht der Unsterblichkeit mit der Emsigkeit eines Spatzen einen Becher Mykenäwein nach dem anderen zu leeren.
Kyrios Demetrius, ein bejahrter, aus einem Auge erblindeter Bauer, deffen anderes dafür aber doppelt geschäftstüchtig funkelt, macht hocherfreut die Honneurs und stellt die Familie vor. Zunächst Kyria Demetrius, die mal früher sehr hübsch gewesen sein muß, und die die Seele des ganzen Betriebes zu sein scheint. Dann kommen die drei erwachsenen Söhne, die die Rolle von Kellnern spielen. Der erste hat einen gut bürgerlichen, christlich-griechischen Vornamen, wahrscheinlich, weil er zu einem Zeitpunkt geboren wurde, als noch kein auf die Antike versessener Profesior Kyrius Demetrius ihn auf den Gedanken gebracht hatte, den mühseligen Ackerbau an den Nagel zu hängen und dafür den nahrhafteren Beruf eines Hoteliers zu ergreifen. Denn schon der zweite heißt — wahrhaftig — Agamemnon, der dritte Orestes und die Tochter — versteht sich — Helena. Ein schwarzhaariges Mädel von vielleicht 27 Jahren, das ich unbedenklich mit dem Epitheton „hinreißend schön" schmücken würde, wenn es mir hier darauf ankäme, in großen Zügen einen Roman zu entwerfen. So aber wollen wir uns ruhig auch auf die Gefahr hin, die beste „Poengte" zu morden, bevor sie geboren, an die Wahrheit halten: also Helenchen ist sicher einmal genau so schön gewesen, wie seinerzeit ihre Mutter, aber in der heißen Sonne Griechenlands laufen eben die Frauen, wenn sie in die Jahre kommen, entweder auseinander wie Kunsthonig an der Sonne, oder trocknen ein wie die Korinthen. Bitter, aber nicht zu ändern.
Wenn das wenigstens die einzige Enttäuschung geblieben wäre! Aber ach! Man erwartet ein sauberes Dorfwirtshaus mit harmlos, natürlichen Wirtsleuten und findet dafür ein Lokal vor, in welchem man schon nach wenigen Augenblicken das peinliche Gefühl nicht mehr los wird, einer der primären Formen des „Nepps" gcgenüberzustehen, der sich notdürftig mit dem Mantel des Originellen verhüllt. Den ganzen unteren Raum nimmt die Gaststube ein, Steinfliesen, Tische und Stühle, sehr gutes Geschirr und Tischwäsche, an den Wänden bunte Reklameplakate, daneben eine Klingersche Radierung, Buntdrucke und Postkarten, jedes Stück dreifach teurer als anderswo. Ein Wandregal, bis an die Decke mit Wein- und Kognakflaschen vollgestopft, englische Konserven in Maßen, dazu eine Theke mit einem — höchst verdächtig — Telephon modernster Konstruktton, das eine Geschäftstüchtigkeit verrät, die seltsam mit der an den Tag gelegten „ländlichen Urwüchsigkeit und unaesuchten Natürlichkeit" kontrastiert. Alle Augenblicke ruft die Mutter mit Stentorstimme nach „Agamemnon" und „Orestes", auch die gewesene Schöne Helena wird mit allen möglichen überflüssigen Aufträgen beehrt. Die beiden Engländerinnen, die kurz nach mir einpassiert sind, finden das alles „wonder- ful“ und „fabelhaft romantifch" — in der Tat, einen telephonierenden Agamemnon in Filzparisern und einen Exportbierflaschen aufziehenden „Orestes" — noch dazu in Mykenä — trifft man nicht alle Tage.
„Allakart" kann man bei der „Schönen Helena" nicht speisen, nur „Pangsston" ... ich habe es ja immer schon'gesagt: die Leute in Mykenä haben nicht nur der urältesten, sondern auch des aller- neusten Kulturgeistes einen Hauch verspürt. Man kann „Rostbief" haben, „Tee, Toosts und Tschäm", wie Orestes es nennt. In der gleichen Aufmachung wie in jedem Luxushotel, nur eben etwas teurer. Dafür wird man aber auch sehr aufmerksam von der Schönen Helena bedient. Deren Mutter steht mit unterge^chlagenen Armen dabei und dirigiert. Und als Helena die Schüssel zuerst mir und dann der Gattin, ach der teuren, reicht, wird sie von der Mutter entsprechend eines beßeren belehrt. Aber der kleine Schä-


