GieheiierZanMenblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <954 Montag, -en 25. April Nummer 51
Preußen wirklich keinen Anteil mehr an den Geschicken dieser überseeischen Besitzung nahm, weil sich das alles abseits im dunklen Erdteil zwischen Menschen zutrug, die nicht mehr interessierten: zwischen den Leuten der Holländisch-Westindischen Handelsgesellschaft und einem Negerkönig, dessen Namen erhalten blieb: er hieß Jean Guny, Johann Guny.
Diesem Negerkönig oder Negerhäuptling übertrug der Kommandant, als er das Wartens müde geworden war, die Festung. Die Zeit hatte ihn mürbe gemacht.
„Ich muß heim", sagte er, „Geld holen, Schiffe rufen. Man kann uns nicht vergessen."
Bevor er abfuhr, ließ er die schwarze Garnison zusammentreten, mit keinem Gedanken darüber im Zweifel, daß er nach einiger Zeit mit Soldaten und Geld, mit Proviant und Kleidern wiederkommen werde. Er ließ die Flagge niederholen und überreichte sie feierlich dem Negersührer Johann Guny, von dem er sich versprechen ließ, diese Fahne niemand anderem zu übergeben als ihm selber, sei es, wer es sei. Jean Guny nahm seinen Platz ein. Als der Kommandant abzog, ließ er die Flagge hissen, und die Batterie schoß Salut.
Der Kommandant kehrte nicht wieder.
Aber die Vertreter der Holländisch-Westindischen Handelsgesellschaft stellten sich ein und verlangten immer dringender die Ueber- gabe der Festung und die Niederholung der Flagge.
Jean Guny schickte sie fort.
Er verstand nichts von dem, was sie ihm sagten und schriftlich auf ihren Papieren zeigten, oder er wollte es nicht verstehen. Er wiederholte auf jede Forderung: „Ich übergebe die Fahne nur meinem Freund Kommandant, der sie mir gab. Ich halte mein Wort, wie er es hält. .
Da zogen die Unterhändler ab. Sie boten eine Truppe von 50 Mann nek>Ü einem Hauptmann auf, die sich zu Schiff nach Groß-Friedrichsburg begaben, um die Festung dem Vertrag entsprechend mit Gewalt zu nehmen.
Hinter den Palisaden rührte sich nichts als sie den Berg erklommen hatten und gegen das Tor heranmarschierten. Es war verschlossen. Als sie ungedeckt im freien Feld fast unter den Befestigungen standen, schoben sich aber plötzlich Gewehre aus den Luken, Jean Guny kommandierte mit dem eingelernten branden.- bnrgischen Kommando: „Gebt — Fönet I" und eine Salve pral- selte unter den Holländertrupp, daß von den fünfzig Mann nur einer schwer verwundet übrig blieb, der sich zu retten vermochte.
Dieser Vorfall, der in den niederländischen Kolonistenkreisen Entsetzen auslöste, war der Auftakt zu einem Kampfe, wie er wohl selten heldenmütiger geführt worden ist. Wohl schrieb man nach Berlin und stellte die Sachlage dar, zumal keine größere -rruppen- macht zur Verfügung ständ, die Verteidiger von Groß-Friedrichs- burg mit Gewalt zu überwinden: aus Berlin, wo sich der Kommandant nichtsahnend aufhielt, kam ein förmliches Dokument, das eine Bestätigung des Kaufs mit allen Rechten enthielt: aoer Jean Guny lehnte es ab. Er bestand auf seinem Ver prechen und wich nicht ab von ihm. Und wenn auch von Monat zu Monat andere Truppen vor der Befestigung erschienen, er hatte Pulver genug und machte Beute, er hatte Soldaten genug und wenn er sie aus dem entferntesten Urwald holen mußte. Er kämpfte.
Mit jedem Schiff, das in die Bucht kam, hoffte er auf den Kommandanten, dem er die Festung übergeben konnte. Die Palisaden waren rundum mit den Schädeln der Erschlagenen behängt. Der Platz vor den Wällen war ein Kirchhof geworden. Immer wieder griffen die Holländer an. Aber so sehr e-> für sie zur Ehrenpflicht geworden war, den Negerhaufen zu überwältigen, ebensosehr wuchs auf der anderen Seite der Widerstand. Und wenn sie auch eingekreist waren, - es gelang den schwarzen Truppen Jean Gunys immer wieder, den Gürtel der Belagerer zu durchbrechen. Aus dem Urwald kam Zustrom. Es schien, als ob dieser Platz an der Küste zur ewigen Kampfstatte zwischen Weißen und Schwarzen geworden wäre. Und dennoch ging der Krieg nur um die Flagge Brandenburgs, um die wörtliche Erfüllung eines Versprechens, um ein Ehrenwort zwischen einem schwarzen Ehrenmann und einem Weißen. Der Kamps wäre beendigt gewesen hätte man den Kommandanten zur Stelle geichasft. Daran dachte niemand, weil man, wie man damals sagte, den Krieg „mit eigenen Mitteln" zu beendigen hoffte. So tobte der Kampf sieben. Jahre, ein wilder, aber mit Ruhe geführter Verte>dlgungskampf der schwarzen Rasse, der sich nur auf die Festung beschrankte, der aber den Umkreis mit Blut durchtränkte.
Da gab ein Wort, ein hingeschleuderter Satz den Au»)chlag.
April.
Von Theodor Storm.
Das ist die Droflel, die da schlägt. Der Frühling, der mein Herz bewegt: Ich fühle, die sich hold bezeigen, Die Geister aus der Erde steigen.
Das Leben fließet wie ein Traum — Mir ist wie Blume, Blatt und Baum.
Oer brandenburgische Neger.
Erzählung von Otto Rombach.
Während in Berlin einige Herren von der Holländisch-West- iudischen Handelsgesellschaft den Kauf der Kolonie Groß-Friedrichsburg durch ihre Unterschrift vollzogen, stand aus dem Wall liefet afrikanischen Festung noch ein einziger weißer Soldat als Besatzung: der Kommandant. . , ,
Die Geschichte der Erwerbung dieser Kolonie ist eine Geschichte für sich. Was vor wenigen Jahrzehnten mit großer Umsicht und Begeisterung begonnen worden war, zerfiel. Der große Kurfürst war tot, und Benjamin Raule, der neben der brandenburgischen Flotte die Besitzungen in Afrika geschaffen hatte, war ißm gefolgt. Die Kolonie im schwarzen Erdteil, im letzten Augenblick vor dem Angriff niederländischer Kaufleute erworben, galt in Berlin als Belastung des Staates, die man gern los geworden wäre und die immer mehr an ihrem Wert verlor: von 40 000 Pfund Sterling, die Friedrich Wilhelm I. verlangte, ging die Forderung auf 200000 Taler herunter. Um 4000 Dukaten fand sich ein Käufer, die Holländisch-Westindische Handelsgesellschaft. Denn die zwölf Mohren- jungen, die der König als Draufgeld zur Bedingung machte, — sechs von ihnen sollten mit goldenen Halsbändern geschmückt sein, - diese zukünftigen Trommler und Pfeifer fielen kaum ins Gewicht. Fünf Eisenstangen galt ein Mohr im Tauschverkehr. —
„Mit Güte oder mit Gewalt", sah der Vertrag vor, sollte Groß- x-riedrichsburg unter die Flagge der Holländer kommen, ein Passus, der wichtig war, weil man nicht wußte, wie es an der hioldküste stand. An diesen Punkt des Vertrages knüpften sich furchtbare Folgen.
In Groß-Friedrichsburg wehte noch immer das Banner von Brandenburg über den Urwald. Ein Mann nach dem andern war lern Klima, dem Fieber, den Entbehrungen zum Opfer gefallen. Leit Jahrzehnten hatte kein Schiff mehr aus der Heimat Anker «eworfen in der Bai. Die Heimat besaß keine Schiffe mehr. Das (seid war ausgegangen in der Kolonie, die Verpflegung versagte, zu schweigen von dem Mangel an Medikamenten, von der Mutlosigkeit, die eingekehrt war. Nur Pulver, Gewehre und Kugeln waren noch da, ein paar Festungsgeschütze, ein Kommandant, der in zermürbten Kleidern, die ihm vom Leibe fielen, fast selbst wie ein Wilder herumlief, der Tag für Tag und Jahr für Jahr keinen endeten Menschen sah, als Neger, der von der hoch gelegenen Festung aus übers Wasser starrte und mit jedem Schilf am Horizont Hilfe erwartete. Sie blieb aus.
In Brandenbnrg, das zum Königreich Preußen geworden war, hatte man anderes zu tun: Schlesien war zu erwerben und zu erhalten, wichtiger als der Urwaldboden in Afrika war das eigene Ackerland, das unter den Kriegen gelitten hatte: es galt, dem Bauern zu helfen. Anstatt einer Flotte baute man* die ersten loründungen einer bisher kaum nennenswerten Industrie aus. birotz-Friedrichsburg war vergessen.
Der Name des Kommandanten, der dort auf verlorenem Posten stand, ging unter, genau so unmerkbar, wie diese letzte Kolonie für Brandenburg unterqing. Er ließ die schwarzen Wachen auf- marschieren, drillte sie, obgleich kein Gegner zu befurchten war. Die Hollander saßen friedlich in ihren Kolonien in der Nachbarschaft und füllten ihre Schiffe. Freibeuter und Schmugglet, die euch hier ihr Unwesen trieben, vermieden die brandenburgische Bucht, in der für ungezählte Siedler, Handelsleute, Pflanzereien unb Lagerhäuser Platz gewesen wäre. Es kamen weder Schiffe, roch Soldaten, weder Händler, noch Kolonisten. . t „
An ihrer Stelle erschienen die Abgesandten der Handelsgesellschaft, um ihre angekaufte Festung einzunehmen. ,
Aber wenn auch der Verkauf in Berlin mit sachlicher Schlichtheit vor sich gegangen war, — dieses Ende der Kolonie hat trotzdem einen dramatischen Ausgang und Ausklcmg bekommen, wie es niemand ahnte. Es ist kaum bekannt geworden, weil man tn


