Ausgabe 
23.7.1934
 
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die argolische Ebene königlich beherrschenden Felskuppe, die den Wan­derer grüßt, der von Korinth nach Argos nm zauberhaften Golfe von Nauplia zieht.

Und eines Morgens, es war wirklich wie im Marche», öffneten Schaufel und Spitzhacke an der vorbezeichneten Stelle, jenseits des berühmten Löwentors, eine Felsgrube, auf deren Grund 15 königliche Tote lagen. Ein unvorstellbarer Goldjchmuck schmückte sie Goldene Masken bedeckten die Gesichter, goldene Panzer schützten die Brust. Arm­reifen und Ohrringe, riesenhafte Diademe, Nadeln und Knöpfe aus Bergkristall, ein großer silberner Stierkops mit dem Doppelbeil, dem Symbol der Königsmacht, mit Silber und Gold ausgelegte Schwerter waren der Grabschmuck dieses Geschlechts, das einst vor 4000 Jahren in märchenhafter Herrlichkeit von dieser Burghöhe von Mykenä geherrscht haben mag. Wer noch zweifelte, daß Schliemann wirklich Agamemnons Königsgeschlecht, ja vielleicht die unselige Klytämnestra und Orest gefun­den, dem konnte der goldene Humpen ein Beweis fein, der sich in den Gräbern fand und dessen Henkel, genau wie Nestors Becher, den Homer beschreibt, aufflatternde goldene Tauben zierten.

Noch ein drittes Mal brach Schliemann eine Lanze für Homer. In Tiryns, am argolischen Golfe, fand er in gemeinsamer Arbeit mit dem heute achtzigjährigen Wilhelm D ö r p f e l d , einen Herrscherpalast, der in jeder Einzelheit Homers Königssitzen ähnelte.

Drei Dinge verdanken wir Schliemann. Er hat wieder einmal die höhere Wahrheit aller echten Dichtung bewiesen. Er hat der Jugend, der er eine Lebensgestaltung aus eigener Kraft vorlebte, die Gesänge Homers neu geschenkt. Denn durch Schliemanns Funde waren sie auf einmal nicht mehr verstaubte Sage, sondern blutwarmes Leben. Wenn auch Wahrheit und Dichtung sich mengt: diese Menschen Homers haben wirklich gelebt, diese Schicksale haben sich wirklich begeben und diese Paläste und Mauern hat einst die Griechensonne vergoldet. Und so ver­danken wir Schliemann noch ein Drittes. Indem seine Grabungen er­weisen, wie alle Sage im Kerne immer wahr ist, gewinnen auch unsre deutschen Heldensagen an Leben und Wahrheit. Wie es wirklich ein­mal die Urbilder Agamemnons, Nestors und Priamos gegeben hat, so sind auch in irgendwelcher Gestalt und irgendwann Gunther und Hagen, Siegfried und Kriemhild über die deutsche Erde geschritten.

Diesen Glauben hat uns Schliemann, der in seinem 68. Jahr auf einer Reise in Neapel starb, mit Troja, Mykenä und Tiryns geschenkt.

Katarina kann sich nicht entscheiden.

Roman von Viktor von Kohlenegg.

Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H., Berlin.

lFortsetzung.i

XVI

Am Ende der Woche meldete sich wieder Gastein.Wie geht es bet gnädigen Frau?"

Recht gut. Wie ist der Ausflug nach dem Gamsgarkogel verlaufen« Muß man eifersüchtig fein?"

Nicht sehr."

Guter Mann! Sonst bin ich immer noch gewissenlos faul."

Unsinn, Katarina!"

Der hohe Herr muß Geduld haben! Und dann ist, wie du weißt, dear Peter Geyck aus USA., früher Neuruppin, hier. Er trinkt gern den Tee bei uns und revanchiert sich am Abend. Gestern führte ich ihn vor das rosa Haus Er stand ehrfürchtig still und nahm den Hut ab. Es war sehr heiß. Vielleicht ist Herr Geyck noch hier, wenn du zurück bist!"

Werde mich freuen", sagte er. Sie hatte ihm am sachlichen Fern­sprecher etliches vom früheren Lord Peter erzählt, soweit das zwischen ihnen Üblich war.

Katarina war natürlich etwas beklommen und auch unbeftreubar neugierig auf das Wiedersehen mit Peter gewesen. Seine Stimme am Telephon hatte sie nicht wiedererkannt. Sie hatte viel muntrer, lauter, breiter, auch rascher geklungen, als sie sie in der Erinnerung hatte nun ja, es war damals eine ernst umflorte oder leidenschaftlich vibrie­rende Stimme gewesen... Vor feinem ersten Besuch zum Tee stand sie, unwillkürlich rachsüchtig, länger norm Spiegel, denn er sollte keine ver­knitterte ältere Dame zu Gesicht bekommen, die er einmal stehengelassen hatte ,

Hallo, Katarina, gnädige Frau!" rief er und breitete, noch halb m der Tür, unwillkürlich die Arme aus, erstaunt, mit runden wasserhell­blauen Augen.Mein GottI" sagte er dann leise.

Und sie war ihm. nach einem längere, scharf forschenden Stutzen und Spähen, erleichtert mit ausgestreckter Hand entgegengetreten.Guten Tag, lieber Herr Geyck! Lange Zeit her!"

Denn vor ihr stand nicht der schlanke, hohe, ernst umflorte Jdeallord Peter der Vergangenheit, sondern ein blühender, breiter, straff-fülliger, beweglicher, lauter, weithosiger, trotz aller Erschütterung rounberbar gut­gelaunter, fast vergnügter Peter Geyck, Mitinhaber der Architekturfirma für Hoch- und Tiefbau Brown, Siiggings 8- Co., Neuyork und Phila­delphia. ,r

Katarina, ich habe manches erwartet. Aber das ist ein Wundert

Sie haben eine vergrämte alte Frau erwartet, Peter?" hatte sie, in strahlend auter Laune, gefragt.

Er hatte stürmisch gelacht und doch ernst und mit innerer Zartheit geblickt, so daß er plötzlich dem früheren Peter überraschend ähnlich geworden war.

Sie werden längere Zeit in Deutschland bleiben, lieber Herr Geyck? Haben Sie Ihre Frau mitgebracht. Ihre Familie? Sie haben noch Ver­wandte in Neuruppin, einen Bruder oder Vetter, wie? Ich erinnere mich gut. Ich war vor einiger Zeit im Auto mit Bekannten dort. Wir fuhren durch die behagliche Stadt, und ich mußte eine Sekunde lang an Sie denken. Wir tränten sehr guten Tee an einem Marktplatz."

®r sah sie an; der Glanz seiner hellblauen Augen wurde immer ernster. Ein Herr, der stark nach guter Seife, nach Brillantine, nach Kölnischem Wasser und nach Zigarrenrauch roch: ein sehr persönlicher.

,as kann doch nicht sein, daß dieses Troja verschwunden ist. Solche Nauern können nicht untergehen. Sie sind wohl nur unter Schutt und Staub begraben." Der Pastor lachte und versuchte dem Buben zu erklären, daß Troja und seine Helden doch nur Erfindungen des großen Dichters Homer mären. Doch das wollte der Junge nicht glauben. Da neinte der Vater schließlich:Schön, mein Junge, wenn du also einmal ;roß sein wirst, wirst du Troja ausgrabe n."--Selten ist eine

ungewollte Weissagung so seltsam in Erfüllung gegangen.

Vorerst aber brach alles Unheil über Schliemanns Jugend herein. Oie Mutter starb. Der Vater geriet in Not. Er muhte den Buben zu einem Bruder geben, der in einem andern Orte Pfarrer war Aber das ,alf nur wenig. Schliemann konnte nur wenige Jahre die Mittelschule iesuchen, bann mußte er sich selbst sein Brot verdienen. Aber gerade er )at bewiesen, daß ein rechter Junge es auch bann aus eigener Kraft -u Ruhm und Größe zu bringen vermag, wenn alle Wege ihm ver- chlossen scheinen.

In dem Orte Fürstenberg verbrachte Schliemann als Lehrling zwi- chen Schmierseifen und Heringstonnen, zwischen Fliegenpapier, Zucker- jüten und Petroleumkannen eine freudlose Jugend. Von morgens fünf ,is abend elf stand er in dem ärmlichen Krämerladen. Aber fein Trosa hat er auch damals nicht vergessen.

Nach sechs Jahren dieses harten Lebens verlor er wegen eines Blut- turzes seinen Posten. Er pries sich noch glücklich, daß er in Hamburg eine Stellung fand, die ihm ganze 50 Pfennige im Tag eintrug. Da Warf ihn auch fein neuer Prinzipal auf die Straße, weil auch er einen iluthustenden Gehilfen nicht brauchen konnte. Nun beschloß Schliemann aus der Heimat zu gehen.

Er bekam Heuer als Kajütenjunge auf dem SeglerDorothea . Das war aber auch alles. Vor der Ausfahrt mußte Schliemann feinen em­sigen Rock verkaufen, um sich eine wollene Decke anfchaffen zu können. Am 28. November 1841 trat bann bieDorothea" ihre weite Reife an. zwei Wochen später bonnerten bie Wogen ber Norbsee über ihren zer­borstenen Leib. Mittellos kam Schliemann nach Amsterbam, wo ihm ber mecklenburgische Konsul den Poften eines Ausgehers verfchaffte. Sein Monatslohn betrug 50 Mark.

Dennoch brachte es Schliemann fertig, damit nicht nur fein Leben zu bestreiten, fonbern auch noch Englisch und Französisch zu lernen. Das erforberte Entbehrungen, bie nur ein stählerner Wille ertragen ließ. So gab er zum Beispiel für seine Hauptmahlzeit nie mehr als 16 Pfen- ^AuchSsein Stubium erforberte beispielhafte Energie. Mit 20 Jahren ,mißte er ja von vorne beginnen. So konnte man den Geschäftsbiener mit einem aufgeschlagenen Buche vor ber Nase burch bie Straßen laufen sehen. Er lernte wenn er an ben Schaltern der Postämter, vor den Kontoren warten mußte. Er lernte bis zum grauenden Morgen, wenn er spätabends totmüde in seine eiskalte Dachstube kam. Aber es lohnte sich- innerhalb eines Jahres beherrschte er bie englische unb französische Sprache vollkommen. Seine Prinzipale wollten zwar von einem sprachen- [ernenben Ausgeher nichts wißen. Sie tünbigten ihm. In bem großen ilmfterbamer Hanbelshaufe Schröber fanb Schliemann eine neue Stel­lung. Immer noch war es ein Hundeleben, bas er führte. Aber sein Iugendtraum hielt ihn aufrecht. Er wollte ja Troja ausgraben.

Aber soviel wußte er nun schon, baß man eine versunkene Stabt nicht ausgraben könne, wenn man nicht über unbeschränkte Mittel t>cr= Füge. So beschloß der kleine, verhungerte Buchhalter um Tro,a willen Ireich zu werden. Kaum jemals ist ein junges Menschenkind aus einem io romantischen Beweggrund ein nüchterner Kaufmann 9«o°röen-

Sehr rasch fand Schliemann die Brücke zu feinem Wolkenfchlah. Obwohl Schröder bedeutende Geschäftsverbindungen nach Rußland unter­hielt gab es in bem großen Kontor seltsamerweise niemand ber auch nur einen russischen Buchstaben zu schreiben verstand Diese Gelegenheit ergriff Schliemann beim Schopf. Er begann im Geschwmbtempo Ruisiim zu lernen. Mit seinem ungemeinen Sprachentalent brachte er es fertig, daß er sich schon zwei Monate später mit russischen Geschäftsfreunden ohne Schwierigkeit unterhalten konnte. Das imponierte Srnrober. Cr sandte den kleinen Buchhalter als Generalvertreter nach Petersburg. Dort gründete Schliemann nach kurzer Zeit feine eigene weltumspan­

Wieder zeigte sich das Kämpferische unb Zugleich Gründliche ferner Natur. Zwanzig lange Jabre rang er um bie wirtschastttche Stellung, die er für fein Troja brauchte, bann war er ein reicher Mann.

In ber traumhaft schönen Inselwelt bes Golfes von Petras, auf dessen veilchenblauer, silbrig schimmernder Fläche die homerischen Felsen­inseln Ithaka unb Leukas wie riesenhafte Vorweltttere im Sonnenglast schwimmen, begann Schliemanns Schatzgräbermarchen. Auf Ithaka g J er zum ersten Male zu Spaten unb Spitzhacke. Unb rote er einst an bas Silberschälchen", an bie golbene Wiege, an »rabenhrls Eisenpfanne unb Schätze geglaubt, so glaubte er nun jedes Wort fernes Dichters. Sein heißes Herz spürte bie tiefere Wahrheit aller Dichtung. .

Als Schliemann auf Ithaka kleine Aschenurnen fanb unb inbelnd schriebvielleicht habe ich bie Asche bes Odysseus unb ber Pehelope gefunden", hielten sich bie zünftigen Gelehrten ben Bauch vor Lachen. Noch lauter würbe der Spott, als der schatzgrabenbe Kaufmann ber,äs­tete, er hätte auf bem Hügel vor Hifsarlik, nahe ben Dardanellen, Tr o a gesunden. Da hörte man plötzlich immer verwunderter von Schlie- manne gigantischen Grabungen. Bis Jener Mattag des Jahres 1 tarn, an bem er nahe bem Skäischen Tor, bas su ber ®urg bes ip - mos geführt haben soll, in lockerem Gemäuer auf golbene Teller uns Humpen, Diabeme, Kannen unb Armreifen stieß. War es König Pna- "°Jmm1r^noch zweifelte bie gelehrte Welt. Da erbrachte Schliemann drei Jahre später abermals ben Beweis für bie Wahrheit feines D ch ters. Wie ihn fein Glaube an Homer aller Wasuscheinlichkeit nach wirklich in König Priamos Stadt unb Burg geführt, fo führte . Homer nun auch in bie Gruft des Konigsgefchlechts °°n Mykenä. Planmäßig wie an den Dardanellen grub Schliemann auch auf jener