Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger
Jahrgang 195^
Freitag, -en 25. März
Nummer 25
Oie tiefste Liebe.
Von Ruth Schaumann.
Verlaß mich nicht!
Wird je der Mond verlassen
Die dunkle Erde, wenn er sich erneut?
Verlaß mich nicht!
Kann je das Gold erblassen,
Das jener Heilige in den armen Gassen
Aus seinem blauen Mantel ausgestreut?
Vergiß mich nicht!
Vergißt der Hirt die Herden,
Wenn er den Wolf von seiner Hürde treibt?
Vergiß mich nicht!
Wird je vergessen werden,
Was ein Gebet im Himmel und auf Erden Mit Tränen in das Buch der Engel schreibt?
Verlier mich nicht!
Es war ein Sohn verloren
Und fand sich heim, nie ging er wiederum.
Verlier mich nicht!
Ich bin für dich geboren,
Für dich bin ich der Bettler vor den Toren, Dich einzukleiden als ein Lamm geschoren — O still! Die tiefste Liebe liebt sich stumm.
Ou und Angela.
Von K. H. W a g g e r l.
Gestern noch waren die Felder öde und wüst, Haus und Garten eine gottverlassene Insel im frostigen Nebel. Aber schon in der Nacht hörtest du den Wind aus dem Dach lärmen, e-> wurde hell in deiner Kammer, und am frühen Morgen stieg wahrhaftig die Sonne jungfräulich aus dem dampfenden Wald, -ren ganzen Tag bis du umhergelaufen, die Luft ist stark und wurzig vom Geruch der frischgepflügten Aecker und die Baume blühen. Warum solltest du nicht vergnügt sein und in der Seligkeit dieses Tages ein bißchen vor dich hinsummen, das tun ja auch die Vogel laut genug, die sind wie närrisch hintereinander her. Und es fallt dir ein, daß du vor einiger Zeit einen Brief bekommen hast. Ein kleiner Schlüssel kam da aus der Ferne zuruck, ein Blatt Papier, damals lag dir nicht viel daran. Aber heute holst du deine Schrotbüchse aus der Kammer, du suchst dir ein wenig Essen zulammen, Mehl und Fett und Käse, und auch den Schlussel vergißt du nicht.
Gegen Abend stehst du vor der Hütte aus den Almen und hier willst du nun eine Woche bleiben, bis das Jungvieh aufgetrieben wird. Die Schildhähne balzen nm diese Zeit. Du machst Feuer auf dem Herdstein nnd schüttelst den Strohsack aus, man muß wohl auch sonst ein wenig Ordnung machen. Vielleicht blühen schon ein paar Anemonen an der Sonnseite, und das . Fenster sollte einen frischen Vorhang bekommen, dieser hier schließt nicht mehr gut. Was stand auf dem Zettel? „Auf Wiedersehen" stand darauf.
Du kochst dein Mus am krachenden Herdfener nnd später sitzt du noch eine Weile vor der Hütte. Aber das bringt dem Herz nicht zur Ruhe, die Einsamkeit, der Glanz des besternten Himmels nber dem Berg, das Rauschen der Luft un alten ^as. Ach, und dem schlagendes Blnt, das alles mischt sich gefährlich tn den schlaf.
Fu> Morgengrauen hängst du dein Schießzeng nm und bist wieder unter,vegs. Die Sonne trifft dich schon hoch oben zwischen den Gipfelfelsen, dort hockst du und wartest. Die Wahrheit zu sagen, Schildhähne gibt es da nicht, auch keine Schneehühner, du wirst deine Suppe ungewürzt verdauen muffen. Aber gleichviel, du lehnst die Büchse an den Fels imd streckst dich ans. Ganz uno gar müßig bis du ja "nicht, d„ hast sogar- etwas WnteS im Auge, das Schutzhaus unten in der Mulde. Und dabei denkst du an einen gewissen Morgen im vergangenen Frnhmhr, und daß damals ein prächtiges Stück Wild m dieser Gegend stand em Mädchen, kraus und braun und munter aus Ichlauten Bemen.
Aber du vrstehst dich zu wenig auf diese Jagd, ein Jahr verging und es steckt noch immer kein grüner Bruch auf deinem Hut...
„Was suchen Sie denn da?" fragte das Mädchen, kraus und braun.
„Spielhähne", sagtest du, der bärtige Jäger.
Das verstand die Jungfer nicht, man mußte es ihr erklären, Jäger sind artige Leute. Und schließlich war es dir auch erlaubt, neben ihr auf den Steinen zu sitzen und allerlei zu erzählen, dies und das aus deinem rauhen Leben. Das Mädchen hieß Angela, sie wohnte unten im Schntzhaus.
Oh, eine herrliche Zeit! Der Frühling auf dem Berg ist nicht wie anderswo, nicht prunkvoll und prahlerisch mit einem Ueber- maß von Blüten nnd Blumen. Er liegt in der Luft, der Berg atmet ihn ans. In der Stille liegt er, oder im Orgelton des Windes über den Klüften, int Schrei der Raubvögel, tm Schleifen und fischen der Hähne, wenn sie ums Morgengrauen über die taufeuchten Böden huschen. Dieser Frühling ist nicht sanft, Angela, kein zärtliches Getändel, er fällt dich mit Gewalt an, nut einem Mal stürzt er dir rauschend ins Blut. Schlaflos liegen in sternhellen Nächten. Unter dem Reisigschirm kauern, wenn tm Zwielicht die Birkhähne raufen. Blitzendes Weiß unter krummen Federn, rasende Liebe, Pulverdampf und Tod, so ist es in federn Jahr. Aber damals lief Angela mit dir auf und ab durch die Almen. Du lagst an ihrer Seite im Beerenkraut, Schneehühner flogen auf, der Habicht stieß vom hohen Himmel nieder tn das Holz. Eine Unmenge Tiere gab es, Hasen und Eidechsen, und feuchtschwarze Molche und ganz fern das Gemswild im Blickfeld des Glases. Spät am Tage, als du allein und traurig warst, holtest du noch Blumen für Angela ans der Wand.
„Ach", sagte sie am andern Morgen, „Himmelsschlüffel?"
Nein, Peterstainm. Und du zeigtest ihr die Stellen im Fels, wo der Peterstamm wächst. Kann ein Mensch dort Fuß fassen?
Ja, ein Mann wie du! Du steigst sogar vor ihren Augen ein Stück hinauf, gestern nahmst du freilich die leichtere Sette, aber gleichviel, nach ein paar Griffen hörtest du Angela rufen, angstvoll holte sie dich zurück. .
Gut, wenn es nicht anders sein konnte! Angela, — und was den Peterstamm betraf, so hatte es damit eine eigene Bewandtnis. Es gab einmal ein Mädchen in dieser Gegend, das schlief den Unzen Sommer hindurch allein in seiner Kammer, immer allein. Nacht» klopfte es am Fenster, da stand der Jäger im Mondschein vor der Hütte. „Mach auf!" sagte er. „Ich habe Blumen für dich ans dem Hut. Schweißblumen, wenn du den Riegel aufmachst.
Nein, dachte das Mädchen, ich bin mir zu gut. Schweißblumen wachsen nicht hoch genug für mich.
In der andern Nacht währte es schon langer, bis der Jager wiederkam und dann brachte er Edle Raute an das Fenster, die wächst viel höher oben, nicht mehr im Gras.
„Nein!" sagte die Jungser zum zweitenmal, „laß das Klopfen! Raute wächst hoch, dachte sie, aber nicht hoch genug für wich.
Und in der dritten Nacht blieb der Jäger am längsten fort. Sein Hemd war naß von Schweiß und Blut, denn er hatte nach Peterstamm gesucht und so abgründig wie dieser blüht kein ande-
Qrciut
Allein 'das Mädchen blieb auch dieses Mal hart in feinem Uebermnt. „Peterstamm blüht am höchsten!" rief es durch das Remter, „aber mein Kranz hängt noch höher!' .
Da setzte der Jäger alles daran und stieg ein letztes Mal in die Wände, immer weiter hinauf an messerscharfen Graten. Was für ein Kraut wächst wohl am höchsten zwischen Himmel und Holle? Ach, ein bitteres Kraut! _ r .
Das Mädchen lag und wachte bis zum Hahnenschrei, niemand klopfte an das Fenster. Da wurde ihr bang, sie lief hinaus und schrie und suchte, vielleicht muß sie nun ihr Leben lang allein in der Kammer schlafen, immer allein. Ja, das mutzte sie wohl, denn der Jäger lag tot auf dem Anger. Und er hatte nichts Grüne» oder Blühendes in der Faust, nur einen Stern, der so hart und taub war, wie das Herz des Mädchens, und alle leine Tranen halfen nicht mehr. Und seither, Angela, seit diesem Tage mutz jedes Mädchen den Riegel offen lassen, wenn es abends Peter- ftamm auf dem Fensterbrett findet...
Angela lag neben dir auf der Halde, während du die Geschichte vom übermütigen Mädchen erzähltest. Der Wind zupfte an ifirem krausen Haar, die Augen gingen dir über, io keck war der Wind. Du mutzt etwas wagen, dachtest du. Immer nur tm Grase hocken und Händchen drücken und weithin seufzen, das war ja lächerlich! Aber dann wollte Angela plötzlich nicht mehr bleiben, nein, man


