Ausgabe 
23.3.1934
 
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mußte endlich den Blumen Wasser geben, behauptete sie. Weil es doch so kostbare Blumen waren!

Einen Tag bliebst du allein, em andern Mittag gingst du zum Hüttenmirt, um Tabak einzukaufen. Du nahmst auch einen Schnaps und spater einen zweiten, Hüttenwirte sind nicht sehr gesprächig. Wer wohnt da oben, wo der Peterstamm am Fenster steht? Eine junge Dame, morgen reist sie ab.

So? Hüttenwirte sind auch sonst schwer von Begriffen. Das kommt und geht eben, junge, Dame, alte Dame, ihnen ist es einerlei.

Uebrigens war ein Gewitter zu erwarten, es wurde schwül, ein gewisser, metallischer Glanz lag über den Bergen. Auf dem Heimweg trafst du unversehens Angela. Sie stand zwar abseits in den Stauden und war feuerrot vor Schreck, als du sie anriefst, aber du hattest recht gut bemerkt, woher sie kam. Es wurde ein fröhlicher Tag, ach Gott, der fröhlichste von allen, und als die Wetterwolke aus dem Westen hcrankroch, da wart ihr schon weit auf neuen Wegen. Da blieb keine andere Zuflucht mehr als deine eigene Hütte, zufällig traf es sich so.

Ja, plötzlich war alles Licht verdämmert, Angela schwieg betrof­fen und sah sich um. Im gleichen Augenblick prallte der Wind an den Berg, eine fauchende Melle, eiskalt und grob. Es sang und knisterte im Fels, Vögel "schossen schreiend über euch weg. und Angelas Röcke flatterten wie bunte Sturmfahnen auf dem Grat. Unten im Grünen lag die Hütte, ein breites und sicheres Dach, und gar nicht weit, Angela, ganz nahe!

Nein!" sagte Angela.

Dann aber griff der Blitz durch die Wolke, ein flammender Arm, und schlug Feuer und Rauch aus dem versengten Gras der jenseitigen Kuppe. Einen Atemzug lang erstarb euch das Herz im Gebrüll des Donners zwischen den Wänden.O Gott" sagte Angela, sehr nahe an deiner Schulter, und jetzt gab sie dir willig die Hand für den Weg durch das Geröll. Der Regen jagte euch unter die Wetterbäume, Angela nahm deinen Hut und auch den Lodenrock über ihr dünnes Zeug, und zuletzt ranntest du voraus, um die Hütte aufzuschließen. Wenn Angela kam, konnte schon Feuer auf dem Herd brennen, du würdest sogleich einen tüchtigen Topf zusetzen, heißen Tee und Branntwein für das frierende Kind. Draußen wäre Sturm und krachender Donner, und wenn Angela vielleicht noch immer ängstlich war, dann konntet ihr ja auch in der Kammer sitzen, noch nie seit Menschengebenken hat der Blitz in einen Jägerstrohsack geschlagen.

Schon unterwegs grubst du nach dem Schlüssel in deiner ^ose, zum Teufel, Pfeife und Feuerzeug und Tabak in allen Taichen, du hattest doch um Gotteswillen kein Loch im Hosensack?Angela!" riefst du zurück,hast du den Schlüssel tm Rock?"

Ein ganz winziges Schlüsselchen, Angela, aber kostbar! Fünf Zähnchen hatte es, man konnte es wie einen Ring an den Finger stecken, so hübsch und zierlich war das Schlüsselchen. Und ein so prächtiges Unwetter dazu, die Hütte schwamm in Sturzvächen, eine friedliche Arche mitten in der Sinflut, du hattest sogar Lebkuchen eingekauft, nicht nur Tabak, und nun war der Schltiffel verloren! Eine Weile tobtest du wie ein angeschweißter Bär vor allen Lucken, aber das half nicht, Riegel und Gitter hielten stand. Du wolltest die Tür eintreten, aber dort saß Angela auf der Schwelle, nein, hier hatte sie endlich einen trockenen Fleck!

Das breite Vordach schützte euch notdürftig, und da hocktet ihr nun, ausgestoßen und sogar um den Apfel betrogen. Das Wetter verfing sich in dem engen Keffel, es zog im Kreis herum mit Blitzen und Güssen, und das mochte in Ewigkeit kein Ende neh­men, Wind und spritzendes Wasser. Vor den Füßen gurgelte ein Bach, Bäche tropften aus deinem Haar, kleine Rinnsale aus den Aermeln des Hemdes. Aber jedesmal, wenn es dich schüttelte, rückte Angela ein wenig näher an deine Seite, und dafür frorst du ja auch aus Leibeskräften. Zuletzt reichte der Rock sogar für beide, es war vielleicht überhaupt am besten, man nahm einander um den Hals.

Gib mir die Hand, Angela", sagtest du,was hast du da in der Faust?"

Nichts, laß e8. Frierst du noch?"

Nein, jetzt gar nicht mehr. Willst du wirklich bald abreisen?" Morgen," sagte Angela.Leider," fügte sie hinzu.

Aber sie würde wiederkommen? Im Sommer, Angela?"

Ja, vielleicht!"

Ach, und so verging eine lange Zeit. Ihre Hand gab dir Angela nicht, die vergrub sie fest in ihrem Schoß. Aber du warst nicht eigensinnig, dafür durftest du sonst allerlei wagen. Wie schnell schlug das Herz deines Mädchens, wie sanft war ihre Wange, dn dachtest an etwas Kühles und Zärtliches, an ein Birkenblatt im Tau.Anaela" sagtest du,wenn du wiederkommst, dann blühen die Almrolen, denke dir, alles rot und rot auf unserem Berg!"

Der Himmel brach auf und war dein Zeuge, ja, mochte der Schlüssel verloren fein, du hast dennoch ein treues Herz, wie Gold. Und du wirst immer auf Angela warten, ewig.

Immer?" fragte Angela...

Aber der Sommer verging, auch der Herbst. Jetzt, im Frühling, blühen wieder die Anemonen auf der Halde, Enzian und Peter­stamm im Fels. Du läufst umher auf den vertrauten Wegen. Unruhe und Kummer im Blut. Streifst nm das Hans und fuchst die Fenster mit dem Glase ab, alte Damen, junge Damen, keine ist wie Angela.

Was stand auf dem Zettel? Nus Wiedersehn. Eines Morgens wirst du dein Mädchen finden, kraus und braun, sei nur geduldig. Sie wird irgendwo am Wege fitzen oder unter den Bäumen und auf dich warten.

Bei Gott, das wird sie tun!

Stein und Hardenberg 1811.

Von Walter v. Molo, GDS.

In einer verhängten Holzfällerhütte an der böhmischen Grenze sitzen zwei Männer. Ein Kienspan beleuchtet tiefernste Gesichter. Schützend, eng, als wolle er seine Gegenwart hier verheimlichen, hält der Mann am Tisch den dunklen Nadmantel, der ihn bis zu den Knöcheln deckt, unter dem Kinn zusammengerafft,- mit breiten, eckigen Schultern aufgespreizt, eine Reitkappe auf dem trotzigen Kopf, in kurzem Reitrock, Reitstiefel an den Beinen sitzt in der Ecke auf dem Holzklotz der zweite Mann. Unruhig, wartend, ehrer­bietig scheu sind die klugen Augen des vornehmen Herrn am Tisch auf seinem Geführten. Prüfend. Der Kienspan knistert,- er läßt Funken nnd Asche auf den gestampften Lehmboden fallen.Ver­härten Sie sich nicht zu sehr, lieber Stein", bittet der Mann am Tisch.Seine Majestät hatte keinen anderen Ausweg, wollte Sie nicht auch Schlesien abtreten. Wir waren nicht imstande, die fällige Rate der Kriegsentschädigung zu bezahlen." Verzehrende Erbitte­rung leuchtet in Steins Blick,- Stein erhebt sich.Ich schlug seiner­zeit ein Bündnis mit Frankreich vor", spricht Stein,um offen rüften zu können! Unsere Truppen sollten gerüstet zu Oesterreich übergehen! Ihr aber, ihr mit eurem Kadavergehorsam, ihr werdet jetzt dem Napoleon die russischen Kastanien aus dem Feuer holen ... und bann übler daran sein als jetzt! Gut!" spricht Stein.Tut, was ihr nicht lassen könnt, fechtet als Napoleons Soldknechte gegen Rußland, macht eure Schmach voll! Warum", sagt Stein,da alles beschlossen nnd besiegelt ist, warum bestellten Sie mich hier­her? Glaubten Sie von mir ein Einverständnis mit Ihrem wahn­sinnigen Handeln zu erreichen?"

Ich habe Sie hierher gebeten, lieber Herr vom Stein, weil ich wissen muß, weshalb Sie nach Rußland gehen? Was Sie dort zu tun gedenken?"

Wer wird das preußische Hilfskorps führen? Ist es ein Geg­ner von mir?"

Ja."

Wer ist es?"

York."

Stein atmet auf.Wo ist Blücher?" fragt er.

Seine Majestät hat dem Herrn General Blücher ein Gut in Schlesien geschenkt. Auf meinen Vorschlag hin, Herr vom Stein! Blüchers Heftigkeit war öffentlich nicht mehr zu decken."

Scharnhorst ist auch in Schlesien?"

Ich bin überrascht, wie gut Sie über alles unterrichtet sind?!" Ist es wahr, daß Sie' Gneisenau nach England sandten?" Herr von Gneisenau hat mir von seiner Absicht, eine Studien­reise nach England zu tun, Mitteilung gemacht."

Ist Ihnen bekannt, daß Scharnhorst den Kriegsplan für den Zaren ausarbeitet?"

Ich habe solches gehört."

Wie stehen Sie dazu?"

Ich zweifle nicht, daß alles, was Scharnhorst tut, Hand und Fuß hat."

Warum, wenn Sie so denken, haben Sie alles vernichtet, was ich zur inneren Befreiung unseres Volkes anfing? Wo ist die Nationalrepräsentation? Warum ist den Freigelassenen kein Land zugewiesen? Sie haben nichts von dem durchgestthrt, was ich Ihnen in meinen Briefen ewig und ewig befahl? Warum?"

Sie sehen die Sachen leichter an, lieber Herr vom Stein, als sie sind. Die Ritterschaft und die Beamtenschaft sind geschloffen gegen jede neue Verfügung, sie fallen jeder Neuerung in die Arme."

Warum sperren Sie die Schufte nicht zu Wasser und Brot? Es wäre sehr leicht neroefen, Herr von Hardenberg, Ordnung zu schaffen! Wenn eine Negierung etwas will, dann setzt sie es durch! Jede Regierung, die Gutes will, ist stark! Ihr habt die Stunde verpaßt!"

Es ist meine Pflicht, Herr vom Stein, die Dinge real anzu­sehen. Es steht anders zuviel auf dem Spiel."

Ihr hättet das Volk freimachen können", spricht Stein,durch eure Schuld wird es ans unseren Gräbern noch einmal blutig um fein Recht kämpfen müssen!" Stein zieht den Nock straff; er dreht sich und macht sich fertig, aus der Hütte zu gehen.Ich werde meine Pflicht tun", spricht Stein,ich werde jetzt gegen euch kämpfen! Paßt gut auf euer Hilfskorps unter York auf!"

Lieber Stein!" bittet Hardenberg bestürzt.Ich bin hier mit Wissen des Königs! Wir mußten das Bündnis eingchen! Wir waren dazu gezwungen! Machen Sie uns keine Opposition! Hätten wir das Bündnis nicht geschlossen, so wären die französischen Truppen als Feinde durch Preußen gezogen! Sie hätten uns ver­nichtet! Jetzt, da die Franzosen offiziell als Bundesgenossen durch Preußen ziehen, glaubt das Ausland, es sei unser freier Wille! Wir erhielten dadurch wieder Kredit! Wir können, Stein, aus die Meinung des Auslandes nicht verzichten! Wir können nicht allein stehen! Wir sind durch unsere geographische Lage vom Auslande abhängig! Es war ja der Fehler im letzten Krieg, daß wir so ganz ohne jeden Bundesgenossen gegen Napoleon standen!"

Deswegen reise ich zum Zaren! Ihr werdet nicht mehr lange allein fein!" Stein dreht den Kops, er sieht zur Türe, warnend bebt er die Hand. Vorgeneigt lauschen sie in die Nacht hinaus. Der Wind faucht durch die Tannen.Nichts", sagt Hardenberg heiser nach einer Weile.Lieber Herr vom Stein, glauben Sie mir: Seiner Majestät steht das Wohl des Volkes zu höchst!" Stein wen­det sich zur Türe; er greift in die Brusttasche seines Nockes und zieht eine Pistole hervor, er spannt deren Hahn; Hardenberg weicht in den Hintergrund der Hütte zurück. Die Pistole znm Schuß erhoben, öffnet Stein die Brettertüre. Vorsichtig späht er in die Sterncnnacht.