Ausgabe 
23.2.1934
 
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Verantwortlich: Dr. Hans T.hhriot.

- Druck und Verlag: Drühl'fche Univerf itäts-Vuch. und Steindruckerei. R. Lange. Gießen.

und verstand das Vergnügen seines, Sohnes an der burschikosen Jungfrau. Als sie sich mit ihrer Tage neben ihn setzte, nicht ohne einen herausfordernden Blick gegen den kampfähnlichen Schwa­ger, war er sogar herzlich bereit, an dem Vergnügen teilzuhaben.

War es schön in Engelberg, Fräulein Julie? fragte er, ihr eine Brücke zu bauen.

Herrlich! strahlte sie mit allen Zähnen. Jeden Tag eine große Abfahrt, und jeden Abend Tanz!

Und wie war das mit seiner Pfeife?

Als Herbert unbeabsichtigt seinen dreifachen Salto mortale machte und die Pfeife im Mund nicht verlor, platzte sie sogleich heraus: Heil! sagte er, und wir haben uns totgelacht über sein dummes Gesicht!

Sie lachte von neuem los und trumpfte in der Richtung der weißen Gamaschen auf: Jetzt wird es endlich wieder lustig! Und wollte wissen, ob der Doktor auch Schi laufe? Ja! Und tanzen? Herbert habe geprahlt, in Köln wären die ältesten Herren die besten Tänzer, namentlich Walzer! Auch hatte sie gleich eine Idee: da sie zum Nm. .ckag in der Halle einen Tanztee hätten, würde sie sich unbändig freuen, wenn er dazu bleiben könne! Mein Schwager tanzt nämlich nicht! fügte sie als kurioseste Begründung hinzu und mußte darüber wieder mit allen Zähnen lachen.

In diesem Aufzug? fragte Doktor Schmitz und zeigte an seinen Hosen herunter.

Ober wieberkommen? Sie führe ihn selber hinunter mit ihrem Zweisitzer! beharrte sie, während der Doktor Schmitz seine Uhr zog und mit einem nachdenklichen Gesicht anfing zu lügen, daß er leider für heute nachmittag eine Verabredung habe. Das heißt, ich muß unbedingt jemand treffen! verbefferte er sich, um wieder ehrlich zu werden,' aber er log doch, weil er nur nachgerechnet hatte, wieviel Zeit er noch bis fünf Uhr habe. Denn er wußte nun schon bestimmt, daß es die Professorentochter mit der weißen Rüsche war, die er am Meldeamt abwarten wollte.

Er sah den Unmut über ihr Puppengesicht huschen,' aber als sie nach einer Weile aufstand, ihre Tasse abzustellen und, einen Schlager pfeifend, in die Halle zu gehen, schien sie den Korb schon wieder verschmerzt und vergessen zu haben.

Während Doktor Schmitz eine Frage des Hausherrn beant­wortete, der sich in seinen Lederseffel zurückgelehnt hatte und, den blauen Rauch seiner Zigarre beliebäugelnd, zu einem rechten Gespräch geneigt schien, überschlug er rasch, was für ein Unter- fchieo zwischen diesem Sportkind und der Professorentochter in der Rüsche wäre? Schmetterling und Biene! sagte er und schüttelte selber den Kopf dazu, weil es nicht stimmte.

Die Hausfrau hatte sich sogleich zurückgezogen,' Luzie, nach entern geflüsterten Wort zu ihrem Mann, folgte der Schwester bald,' nicht lange, so stand auch der Doktor Verwaldner auf, eine Weile in den Büchern herumzustochern, bis er unauffällig die Tür erreicht hatte und mit einem Schritt verschwand.

Dem Oberst selber, der mit der flachen Hand seinen Nietzsche- Schnurrbart kämmte, entgingen anscheinend diese Nebenumstünde. Es schien dem Doktor Schmitz, als wäre es eine Verabredung, daß sie nun allein saßen. Eine halbe Stunde würde er ihm noch opfern können! überlegte er und fragte nach einer gemessenen Pause geradezu, ob er über gewisie Vorgänge in Engelberg und dadurch eingetretene Beziehungen unterrichtet sei?

Zu seinem Erstaunen wollte der alte Herr davon weder spre­chen noch hören. Soviel er andeutete, hatte er geschäftliche Aus­künfte eingezogen, die ihn befriedigten: insofern also der junge Herr Beziehungen eintreten lassen wollte, möge er sich bald ein­mal vorstellen!

Es mißbehagte dem Oberst offensichtlich, baß dies noch nicht geschehen war,' er machte auch keinen Hehl daraus, wie wenig er Überhaupt mit dem Jungvolk von heute anfangen konnte. Sport und Tanztee, Auto, Kino und Radio: er wäre froh, in einer Beit tung gewesen zu sein, wo diese Modernitäten noch nicht erfunden waren! 1

Aber auch das war ihm nicht wichtig genug, darüber eine Jere- mi.de anzustimmen. Er sei zufrieden, hier einen ungestörten Ort sur sein Sitzfleisch zu haben,' wenn in der Halle nebenan getanzt würde, mache er einfach die Doppeltür zu.

Um als Doktor Schmitz daraufhin ein paar tastende Fragen tat, merkte er zu seiner Freude, daß er in dem alten Herrn noch einen Demokraten der alten Schule vor sich hatte, der sich über den Gang der Weltuhr durchaus eigene Gedanken machte. Er fragte ihn dies oder jenes, was mit den wirtschaftlichen Zustän- oen der Schweiz zusammenhing, und kam unvermutet in ein rich- ttges j. laudergesprach, das ihn für die Gerichtsverhandlung im Eßzimmer entschädigte, weil der Oberst ausgezeichnet zuzuhören verstand und das wenige, .was er sagte, von gesundem Urteil zeugte.

So wagte er zuletzt, einer unwiderstehlichen Laune folgend, die dte in der Schweiz, wie er wußte für einen Deutschen die gefährlichste war: Woher die veränderte Gesinnung gegen die Deutschen und der unverhohlene Haß käme, den er in gewissen Fallen habe feststellen muffen?

Die Antwort des alten Herrn war einfach, indem er hen Haß uüerljaupt bestritt und die veränderte Gesinnung nur für die tzarlslinge zugab: Als uns Bismarck die Scherereien mit dem Wohlgemut machte, als ihr vor dem Krieg mit dicken Zigarren in unseren Zügen saßet und nachher im Suvrettahaus Champagner rrankt. fagte er, wart ihr uns weniger angenehm als Heutes wo ihr bescheidener geworden seid!

(Fortsetzung folgt.)

Sohn nicht so etwas ins Haus statt dieser Sportöame? meditierte er zwischen dem Frage- und Antwort-Spiel, das er nicht völlig vermeiden konnte, und dann noch dies: Sind wir Rheinländer nicht eigentlich immer so? Augenblicksmenschen, keine Charak­tere wie die Süddeutschen mit ihren dicken Stirnen, und erst gar diese selbstgerechten Schweizer! Unzuverlässig, wie sie uns nachsagen, nur deshalb, weil wir beweglicher, entschlußfreier sind. Deshalb können wir auch das Lächerliche todernst und das Tod­ernste lächerlich sagen.

Als dann endlich die zeremonielle Handlung zu Ende war, und die Familie durch die Halle hinüber in das Zimmer des Hausherr ging, bei der reichlich verdienten Zigarre den Kaffee zu nehmen, tat der Doktor Schmitz dies nicht, ohne vor einem Bild von Buri stehenzubleiben, das nicht günstig zwischen Fenster und Perlvorhang hing,' denn er hatte zu Hause selber ein Bild dieses schweizerischsten aller Maler.

Bunt, hart und bäurisch in den Farben, keine Malerei! urteilte der Schwiegersohn, der nun im Stehen auch seine weißen Ga­maschen wieder zeigte.

Immerhin Natur uns also vollkommen ehrlich! widersprach der Doktor Schmitz, der sich in der Halle auf neutralem Boden fühlte: die Schweizer hätten das Glück gehabt, eine Zeitlang solange Hobler berühmt war eine eigene Malerei zu haben, die sich mit jeder andern Malerei messen könne, weil sie auf bem eigenen Selbstgefühl gewachsen fei; nun wären sie wieder in die Provinz zurückgefallen, bet Cezanne, Pieaflo oder sonst einem Franzosen in die Schule zu gehen!

Besser eine französische Provinz als eine deutsche, weil sie auf dtese Weise doch den Anschluß an die europäische Malerei wieder- gewännen! hakte der Mann mit den weißen Gamaschen sofort ein, kampfbereit eine Zigarre auf dem silbernen Deckel abtupfend. Und der Kriegszustand hätte sich noch in der Halle zum ersten Gefecht entwickelt, wenn Fräulein Julie nicht ihren komisch widerstreben­den Schwager beim Arm genommen und ihre Schwester Luzie lachend aufgeforbert hätte, bas gleiche mit bem Herrn Doktor zu tun! die Kampfhähne zu trennen, wie sie mit bemerkenswerter Offenheit sagte. Während der Doktor Schmitz mit seinem Scherz auf öen Waffenstillstand einging, sah er genau, daß sein Gegner von einer turnerischen Kraft fortgeschleift wurde, gegen die seine gespielte Komik die klügste Waffe war.

Das Zimmer des Hausherrn lag dem Eßzimmer gegenüber an der andern Seite der Halle, und der Oberst erwartete sie schon, die Auswahl seiner bequemen Sitzgelegenheiten zur Verfügung zu stellen. Er hatte sich offenbar geweigert, dem Fanatismus des Architekten auch seine persönliche Behaglichkeit zu opfern,' jeden­falls sah sich der Doktor Schmitz zu seiner freudigen Ueberraschung in einem Bibliotheksraum, der wie eine Oase in der sachlichen Dürre nut feinen alten und gediegenen Möbeln einladend war: selbst der Sonnenschein, der sich in dem Operationssaal Brett ge­macht hatte, wirkte hier zur Behaglichkeit mit, weil er mit gutem Raumgefühl abgeöämpft war. Hier ist der Stil zu Ende, sagte der Oberst derb zu einem befriedigten Kopfnicken seines Gastes unb bot seine Importen an, die Anlaß zu allerlei beschwichtigen­den Bemerkungen gaben.

Es wäre unter solchen Vorzeichen zu einem plauderhaften Ausgang der Zeremonie gekommen, wenn nicht die Person mit der Rüsche einen Anlaß gegeben hätte, die Gefechtslage neu zu beziehen. Als sie nämlich mit ihrem leisen Geschick die Silber­platte mit der alchimistischen Glaskugel gebracht und sich lautlos wteöer empfohlen hatte, dem Hausherrn die ihm anscheinenö lieb­gewohnte Kaffeebereitung zu überlassen mein Anteil an der modernen Welt! erklärte er, mochte 6er mit den weißen Ga­maschen die angeregten Blicke des Gastes beobachtet haben: Ihre Landsmännin, Herr Doktor, sagte er und belauerte den Eindruck seiner Mttteilung, ist eine Professorentochter aus Köln!

Aus Aachen! korrigierte der Oberst, der gerade den Glas- «Wer fachgemäß mit dem Kaffeepulver füllte: Nur gebürtig aus Köln!

Aus Aachen? fragte der Doktor Schmitz fofort mit einer Ahnung, als ob ihn das Gesicht erinnert habe: Dürfte ich den Namen wissen? Und als er den Namen eines vor Jahren gestor­benen Professors erfahren hatte: Mit dem habe ich zwei Semester ^^"iM^adt studiert! tagte er und fügte ohne Besinnung hinzu: Aber das tft ja schrecklich!

. ,^b^s" schrecklich? fiel der Doktor Verwaldner fofort in Ge- fechtsstellung zurück.

Nun ja, suchte der Doktor Schmitz mit beiden Händen nach einem Ausdruck: Deutsche Professorentöchter pflegten sich vor dem ite® sncht als Hausmädchen nach der Schweiz zu verdingen!

Dafür habt ihr den Krieg verloren! vergaß sich der mit den weißen Gamaschen, die Bemerkung über die Provinz zu vergelten. . Aber der Doktor Schmitz hatte sich in der Hand: Allerdings, dafür! gab er ruhig zu und war wie eine Katze auf die Füße gefallen. Er nahm sich vor, dem hochmütigen Herrn noch einige ferner spöttischen Scherze zu versetzen, mit denen er in den letzten Jahren feinen Groll über die saturierten Schweizer zu unter« galten pflegte. Vorläufig steckte er mit Sorgfalt seine Habana an, pruste den Rauch mit geblähten Nüstern und lobte dem Haus- ! Herrn das Kraut aufs artigste.

T6Lcitcte nn auch der Kaffee seinen Dust, und Julie ' verteilte die durch den Oberst eigenhändig ausqeschenkten Tassen

Bemerkungen: ob Zucker aesällig fei und As.hsu o6tr Kirsch? Sie machte das reizend, rote Doktor Schmitz öcftefjen mußte,' er sah sie für einen Augenblick als Sportlerin I