Ausgabe 
22.10.1934
 
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Und der Konsul? Er hatte vielleicht schon vergeben. Assessor Luzius sagte, leise an den Zweck dieser nächtlichen Zusammenkunft rührend: .Darf ich das wiedergefundene Perlenkollier einmal sehen, Herr Konsul?

Konsul Finkenden sah ihn verblüfft an. Dann griff er in die Jackett- tasche.Da, bitte", sagte er,Sie vollkommen unbegreiflicher Mann!

Luzius nahm den Schmuck in die Hand. Ja, das waren zweifellos die Perlen, die Frau Olga bisher getragen hatte. Es war aber auch ganz gewiß jenes Kollier, das vor ein paar Stunden beim Vater Berlebach auf dem Tisch gelegen hatte und von Hand zu Hand gewandert war. Er sah die Perlen an, lange und suchend. Er fand nichts.

Der Konsul betrachtete ihn nachdenklich.Nun?" forschte er,was wollen Sie eigentlich?"

Da gab sich Luzius einen inneren Ruck.Herr Konsul , hob er an, ich verkehre seit Jahren in Ihrem Hause. Sie kennen mich. Ich bin nicht plötzlich wahnsinnig geworden; aber ich bitte Sie, kommen Sie mit mir, jetzt mitten in der Nacht! An der Ecke wohnt ein Juwelier. Wir werden ihn Herausklopsen. Es ist noch nicht zehn Uhr, kommen Sie bitte mit mir!"

Der Konsul beugte sich vor und zog den Atem ein.

Luzius errötete.Ich bin auch nicht betrunken", sprach er,ich for­dere dieses alles nur in Ihrem Interesse. Ich will Sie vor Schaden bewahren."

Wie das, junger Freund Luzius?"

Herr Konsul, gnädige Frau, ich habe begründeten Verdacht, und ich bin beinahe gewiß: dies ist nicht.mehr das Perlenkollier, das Sie kennen, will sagen: diese Perlen hier sind einige ober alle falsch!"

Wie können Sie so etwas sagen!"

Wollen Sie mitkommen, Herr Konsul?"

Aber liebster Luzius, Sie müssen mir doch erklären ..."

Keine Zeit verlieren, Herr Konsul! Kommen Sie! Sie sind in zehn Minuten zurück. Gute Nacht, gnädige Frau. Sorgen Sie sich bitte nicht."

Der Konsul folgte diesem entschlossenen Assessor, der ihn einfach beim Arm genommen hatte. Sie gingen die Straße zu Ende. An der Ecke war wirklich der Laden eines Juweliers. Sie hatten Glück, der Besitzer wohnte im gleichen Hause. Es gelang ihnen, Einlaß zu erlangen.

Sie brachten ihr Anliegen vor. Der Geschäftsinhaber, den Konsul er­kennend, war sofort bereit, den Schmuck zu untersuchen. Er nahm die Perlen und zog sich für eine Weile zurück.

Luzius Herz schlug. Dies war seine große Minute. Entweder er irrte sich und wurde lächerlich, oder er behielt recht, und bann würbe er diese Spur rücksichtslos zu Ende versolgen.

Sie warteten, saßen in dem leeren, grell erhellten Verkaufsraum und schauten sich an. Der Konsul fragte nichts. Luzius war es zufrieden. Konnte er schon Aufklärung geben? Gewiß nicht! Noch war alles nur eine Idee, eine Kombination. Aber noch in dieser Nacht würde er sich Ge­wißheit von Reginald Zurrhelm verschaffen.

Der Juwelier kam zurück aus seiner Werkstatt; er legte den Perlen- schmuck aus den Tisch.Wer Perlen", sagte er,die großen mittleren, sind Nachahmungen. Ich habe Sie Ihnen mit einem Farbfleck gezeichnet, Herr Konsul. Die Farbe läßt sich jedoch leicht entfernen. Die Imitationen sind recht gut!"

Danke", sagte der Konsul.Was bekommen Sie?" Aber der Juwe­lier komplimentierte die Herren zur Tür hinaus. Draußen winkte Luzius ein Auto heran.Fahren Sie nach Haufe, Herr Konsul", bat er,ich kann Sie nicht mehr begleiten Sie hören gleich morgen früh von mir."

Der Konsul, noch völlig überrascht, stieg ein. Der Schlag fiel zu. Als der Wagen anfuhr, faß der Konsul Finkendey zurückgelehnt, hielt den Halsschmuck mit den vier getupften Perlen in der Hand vor sich hingestreckt und starrte darauf, als fei er hypnotisiert. Er achtete nicht mehr auf den Assessor, sah nicht, daß der den nächsten Wagen nahm, vernahm nicht den Zuruf: ,^)otel Europa"; er saß und die Ueberraschung hatte ihn knock out geschlagen.

Seine Frau empfing ihn in der Halle. Er trat vor sie hin, immer noch den Schmuck in der Hand.Da", sagte er, ,cher Luzius kann mehr als Witze erzählen. Die Perlen sind salfch!"

Hierauf war eine ganze Weile Schweigen zwischen den Gallen. Frau Olga drehte ihren Schmuck in den Fingern, als bete sie einen Rosen­kranz; zwischendurch fuhr sie sich einmal wild durch die Haare. Erst nach einer geraumen Weile sagte sie:Wie tarnt ihr daraus?"

Konsul Finkendey hob die Arme vom Körper ab und ließ sie klat­schend wieder an die Hosennaht fallen.Ich weiß von nichts, Olga, du brauchst mich nicht erst zu fragen. Was du mit mir gesehen und gehört hast mehr erfuhr ich auch nicht. Luzius hatte es eilig. Ich denke mir, er ist dem Dieb ober wie ist ber Verbrecher zu benennen? auf ben Fersen."

Er äußerte bir gegenüber keinen Verbucht?"

Kein Wort, Olga."

Ein Mäbchen betrat bie Halle, sah bie Herrschaften unb zog sich mit einer Entschulbigung noch einmal zurück. Durch ben Garten kam Doktor Bellmann heran. Er sah bie erleuchtete Halle unb bog vom breiten Kiesweg ab unb ging an bie Settentür, wo er Einlaß fanb. Das war klug von ihm; roeber ber Konsul noch Frau Olga spürten Lust, jetzt noch frembe Gesichter zu sehen. Sie sah ihren Mann an.Unb was glaubst bu, Lorenz?", fragte sie,was ist beine Meinung zu btefen fonberbaren Vorgängen in unserem Hause?"

Er nahm ihren Arm.Ich glaube, Olgachen, wir lassen bie Geschichte heute in Ruhe unb reben nicht mehr bävon unb benken bis morgen früh nicht weiter baran. Morgen kommt zeitig ber Assessor, er hat es mir zugesagt; unb bann sehen wir weiter."

Frau Olga nickte. Ihr war bas sehr recht. Sie liebte keine Auf­regungen. Nun biefe Perlen. An sich eine Sache, über bereu Verlust man sich tröffen konnte. Aber mußte ein Diebstahl im eigenen Haus hineinspielen? Peinlich unb blamabel. Lorenz hatte recht. Nicht baran benken. Man war ohne Verschulben in biese Lage geraten. Das würbe jeher anerkennen. Sie schritt neben ihrem Gatten bie Treppe hinaus. Er ließ ihr in bas Schlafgemach den Vortritt.Weißt du", meinte sie.

als er die Tür zuzog, und sie war bereit, auch die letzte Peinlichkeit aus der Welt zu schaffen, indem sie legalisierte,wegen ber Mita wollen wir uns auch keine Gedanken machen. Nun sie bei Fräulein Luzius ist, braucht hier niemand weiter zu erfahren, daß sie daß sie uns mit ihrer Reife überraschte."

Der Konsul knurrte etwas. Sie verstand ihn natürlich nicht und fragte nach; aber er wiederholte nicht den ganzen Satz, sondern warf nur hin, Extrakt seines Gemurmels vorhin,deine Tochter!"

Frau Olga versuchte gerade aus ihrem Kleid herauszukommen. Ihre Stimme kam daher ein bißchen gedämpft; es war, als habe sie einen Knebel im Munde.

Ich denke, Mita hat mehr von bir", meinte sie.Ich bin als junges Ding nie von Hause weggelaufen. Aber warst bu nicht als Siebzehn­jähriger nach Jnbien burchgebrannt?"

Ich bin als gemachter Mann wiebergekommen!"

Nun, unsere Tochter ist noch nicht zurück. Sie wird da in Berlin bestimmt nichts Schlechtes tun. Aber es kann fein, daß sie Erfolg hat." Frau Olga kam prustend frei. Der Konsul schüttelte den Kopf.Erfolg?", wiederholte er abfällig,Filmstar?"

Frau Olga faß auf dem Bettrand.Die Möglichkeiten ber Wett sind anbere geworben, Mann, Lorenz", meinte sie,es hätte für unsere Tochter feinen Zweck, nach Jnbien auszureißen."

Der Konsul fuhr herum.Daß ich bir btefen Anfang meiner Laus, bahn einmal habe erzählen müssen ..."

Frau Olga lächelte; es war immer noch das Lächeln von früher. Lorenz" sagte sie leise. Er sah sie an. Die Beleuchtung war schuld, bie rosarote Ampel an ber Decke. Ihr Lächeln bezauberte ihn immer noch. Genau wie bamals.Es ist unser Kinb", sagte er und nickte vor sich hin.Ich habe gedacht, sie sollte den Vetter Ewald oder Luzius heiraten; ich wollte einen Juristen in der Firma haben; aber wenn sie nun ein­mal ihr Heil beim Film sieht meinetwegen. Sie soll auf ihre Fasson selig werden."

Frau Olga lächelte stärker.Sie wird den Luzius heiraten", sagte sie. Wir kommst du auf Ewald Brendel, ber ist ihr guter Freunb, mehr nicht; aber ben Assessor liebt sie, unb er liebt Mita. Einmal werden die beiden wohl ein Paar. Aber nicht gleich. Erst muß Mita ihre Flügel probieren. Sie würde sich später immer einreden, eine große Glücks­möglichkeit verpaßt zu haben."

Wie klug du bist, Olgachen", sagte der Konsul, und er schaute zn

ihr hinüber.

Die Gonguhr in ber Halle unten schlug zehnmal, als das Licht Im Schlafgemach erlosch. Die Straßenfront ber Villa Finkenbey lag nun im Dunkel. Das Licht im Zimmer bes Doktor Bellmann, ber bort oben noch wach war unb über Briefschaften gebeugt faß unb schrieb ober las, war von ber Straße aus nicht zu bemerken. Die Perlenkette lag roieber wie früher in dem Kästchen auf dem Nachttisch. Alles schien unverändert. Konnte man nicht einfach die letzten vierundzwanzig Stunden streichen?

Asiessor Luzius sah in feinem Hotelzimmer. Nebenan in Nummer 114 rumorte Jan Strombeck. Der Chauffeur bps Holländers hatte schon zwei-, dreimal Gepäckstücke hinuntergetragen. Die Hotelboys liefen mit Hand­taschen über den Flur. Vor dem Hoteleingang wartete das hellgelbe Auto. Kein Zweifel, Jan Strombeck reifte noch heute nacht. Und mit ihm würde Frau Barbara fahren? Gab es nichts, dies zu verhindern?

Luzius steckte feinen Revolver zu sich. Platzpatronen immer noch? Natürlich, sie würden genügen. Der Dietrich konnte ebenfalls von Nutzen sein. Mitgenommen also! Dann wartete er.

Zehn Uhr, bie oerabrebete Zeit zwischen Barbara unb Jan Strom­beck. Wenn er jetzt hinüberging zu bem Hollänber, ihm sagte: ich weiß, was Sie Vorhaben; es ist ein Verbrechen; Reginalb Zurrhelm liebt fein Weib; Sie bürfen ihm Barbara nicht nehmen! Unb er tat eine Hand­bewegung, bie etwas wegwischte. Das war ja vorbei. Gestern noch hätte er bas sagen können; gestern noch hätte er es gewagt, Frau Barbara ins Gewissen zu reben. Heute, nach allem, was ihm biefer Abend ge­bracht hatte, fanb er es fast gerecht, eine Schicksalsfügung, daß ber Hol­länber zur rechten Zeit gekommen war unb Frau Barbara unb bas Kind nun mit sich nahm, wegführte aus dieser Stadt, die bald eine Gerichts­verhandlung sehen würde und auf ber Anklagebank Reginalb Zurrhelm. Er jebenfalls würbe nicht mehr ben Mut haben, von dieser $rau zu verlangen, daß sie bei dem Manne bleiben sollte, der ein Dieb war. Ein raffinierter Dieb dazu. Zurrhelm hatte nicht bie Entschulbigung für sich, einer Gelegenheit erlegen zu fein. Er hatte arglistig nach einem Plan gehanbett, das war ganz gewiß. Diese gewitzte Art, das Halsband zu stehlen, bie wertvollsten Perlen herauszunehmen und durch Nach­ahmungen ersetzen zu lassen, dann die Frechheit, das Schmuckstück den Finkendeys wieder in das Fenster zu werfen, ließ auf einen abgefeimten Betrüger schließen. Und alles wäre geglückt. Keiner würde Verdacht ge­schöpft haben. Der Schmuck war wieder da, was gab es da noch zu suchen!

Luzius stand vor dem Spiegel. Er sah sich an. Mit der Ham­fähr er glättend über einige Falten in feinem Gesicht. Vielleicht brachte er mit dieser Gebärde auch seine Gedanken in Ordnung, glättete sie ebenfalls. Es ist nicht mein Verdienst, wußte er; es war Zufall. Aber gibt es das, Zufall? Man kann es auch ganz anders nennen. Wenn das Mädchen mich nicht angesprochen hätte ober viel früher, wenn ich mich nicht vor Zurrhelms Haus gestellt haben würbe, um ihn zu warnen, aber wo fing es an, wo begann bie Geschichte wirklich

Er hörte nebenan bie Tür gehen. Jan Strombetts schwere Schritte entfernten sich. Da machte sich auch Assessor Luzius auf, er riß die nutz­losen Ueberlegungen ab unb folgte in gewissem Abstand dem Hollander. Es war ja nun alles genau umgekehrt. Er wartete darauf, daß Frau Barbara unb bas kleine Mädchen das Haus Zurrhelms verlassen hatten. Er wünschte der Frau die Szene zu ersparen. Wenn sie aber mit dem Holländer davon war bann würbe er zugreifen.

(Fortsetzung folgt)