Barbara Allen.
Don Theodor Fontane.
Es war im Herbst, im bunten Herbst, wenn die rotgelben Blätter fallen, da wurde John Graham vor Liebe krank, vor Liebe zu Barbara Allen.
Seine Läufer liefen hinab in die Stadt und suchten, bis sie gefunden: „Ach, unser Herr ist krank nach dir, komm', Lady, mach' ihn gesunden."
Die Lady schritt zum Schloß hinan, schritt über die marmornen Stusen, sie trat ans Bett, sie sah ihn an: -Hohn Graham, du ließest mich rufen."
„Ich ließ dich rufen, ich bin im Herbst und die rotgelben Blätter fallen, hast du kein letztes Wort für mich?
Ich sterbe, Barbara Allen."
„John Graham, ich hab' ein letztes Wort, Du warst mein All und Eines;
Du teiltest Pfänder und Bänder aus, mir aber gönntest du keines.
John Graham, und ob du mich lieben magst, ich weiß, ich hatte dich lieber, ich sah nach dir, du lachtest mich an und gingest lächelnd vorüber.
Wir haben gewechselt, ich und du, die Sprossen der Liebesleiter.
Du bist nun unten, du hast es gewollt, ich aber bin oben und heiter."
Sie ging zurück. Eine Meil' oder zwei, da hörte sie Glocken schallen;
sie sprach: „Die Glocken klingen für ihn, für ihn und für — Barbara Allen.
in
seinem eigenen Wesen aufgeworfen wie das deutsche. Mit einem bohrenden Ungenügen rütteln seine geistigen Führer immer wieder an jenem
Lieb' Mutter, mach' ein Bett für mich, unter Weiden und Eschen geborgen;
John Graham ist heute gestorben um mich und ich sterbe um ihn morgen."
Das Deutsche in der Kunst.
Von Bruno E. Werner.
In der Auseinandersetzung über das deutsche Wesen
Ke st Volk im abendländischen Raum hat wohl mit gleicher zäher Beharrlichkeit durch die Jahrhunderte immer von neuem die Frage nach
der Kunst entwickelt der Verfasser in seinem Buch „Vom bleibenden Gesicht der deutschen Kunst" seine Antwort auf die Frage, von der die folgenden Ausführungen handeln.
erratischen Block, der ihnen das Wissen über ihr Wesen zu verschließen scheint. Die ganze deutsche Geschichte über mehr als ein Jahrtausend hin ist ein ewiges Suchen aus dem Weg zu sich selbst, und die Antwort auf die immer wiederkehrende Frage „Was ist deutsch?" wird von allen ersehnt, als besäße man mit ihr den Stein der Weisen, während doch gerade dieses Fragen und Suchen, diese Ungewißheit über sich selbst, das Fehlen der letzten Bewußtseinshelle gegenüber dem eigenen Sein Zeugnis ablegt von der unaufgebrauchten schöpferischen Substanz eines Volkes, das sich eben auf dem Weg zu sich selber, zu feiner eigenen Gestalt hinbewegt.
Kaum auf einem anderen Gebiet — es fei denn dem politischen — ist das gewaltige Problem des Deutschseins so anschaulich zutage getreten wie in der bildenden Kunst. Kaum anderswo wurde es so stark als Problem empfunden, und die Geschichte der deutschen Kunst dieses Jahrtausends ist ein einziger Kampf um die eigene Gestalt, mag er sich als stilles ernstes Ringen eines aufgerüttelten Instinkts ohne eigentliches Gewahrwerden der Problematik abgespielt haben, oder mag er, wie in kn wahrhaft tragischen Fällen, als nackte Frage dem Schaffenden über die Schulter geblickt haben, bei Tag und bei Nacht. Denn es gibt in unserem Land nicht die Gnade, die dem Erwählten erlaubt, sich auf eine künstlerische Ahnenreihe zu berufen, wie es in Frankreich von Jean Elouet bis Manet, von Simon Marmion bis Fernand Leger wohl möglich wäre, und wie es dort in kürzer abgesteckten Zeitkäufen höchst sinnfällig zu beweisen ist. Für den deutschen Künstler gibt es keine solche stütze trotz mancher Kontinuität im Schaffen der Stämme. Hier gibt ts nur den Kampf, und jeder einzelne ist weit mehr als bei den anderen Böltern ein Ende und ein Beginn. Seinem „Hier stehe ich, ich kann nidjt anders" scheint stets die Umwelt das warnende, zweifelnde „Monch- fein, du gehst einen schweren Gang" zuzurusen, und die Gnade, die dem Berufenen schließlich doch noch zuteil wird, an der vorhandenen Gestalt feines Volkes weiterbauen zu dürfen, ist kein Wiegengeschenk. Die Gnade des deutschen Künstlers liegt darin, einmal dem Engel zu begegnen mit km man ringen muß. Gewiß ist Werk und Dasem des sch°p -nschen Wnstlers bei jedem Volk das Ergebnis einer unerbittlichen Ausemander- 'etiung. Aber wo tragen die künstlerischen Werke so che Spuren von der schwere dieser Auseinandersetzung, wo legt noch ,ebes Bild und 1ebe Ckulptur Zeugnis davon ab, wie es dem Engel abgerungen, wie es
ersiegt werden mußte, und selbst jene Werke, die leise Denkmäler der Ruhe und der Weisheit zu sein scheinen, verraten dem kundigen Blick den tragischen Urgrund, auf dem sie erbaut wurden. Gewiß zeugt nicht allein die bildende Kunst von dem Kampf, den jeder schöpferische Deutsche bestehen muß. Die ganze deutsche Geistesgeschichte erscheint wie eine ewige Kette von Schlachten, und wie aus den katalaunischen Gefilden klirren die Schwerter und Schilde der Toten weiter gegeneinander.
Gewiß ist der Engel, mit dem der deutsche Künstler zu ringen hat, der am schwersten gewappnete. Wie sollte es anders in einem Volk (ein, das aller fertigen Gestalt gegenüber ein Mißtrauen empfindet, weil es noch kein eigentliches Sein, sondern nur ein Werden keimt. Unter den vielen Versuchen, deutsches Wesen zu deuten, kehrt immer an Stelle des Wortes „Sein" das Wort „Werden" wieder. Hierin vereinigen sich alle Stimmen. Wenn Luther sagt, Leben sei nicht ein „Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht ein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden, überhaupt nicht ein Wesen, sondern ein Wedren", so führt Lessing weiter und meint, wenn ein Gott ihm die Wahl liehe, zwischen der reinen Wahrheit und dem Suchen nach ihr, so würde er flehen um die Zweite Gabe. Goethe, der Grenze und Formung des ©eins fand wie kaum ein anderer Deutscher, spricht „Wir müssen nicht fein, sondern alles werden wollen", Hölderlin bekennt „Wir sind nichts, was wir suchen ist alles", und Nietzsche schließlich, der in Heraklit den Ahnherrn deutschen Geistes sah, kam zu einer völligen Gleichsetzung von Werden und Deutschsein: „Die deutsche Seele hat Gänge und Zwischengänge in sich, in ihr gibt es Höhlen, Verstecke,und Burgverließe, ihre Unordnung hat viel vom Reiz des Geheimnisvollen, der Deutsche versteht sich auf die Schleichwege zum Chaos, und wie jeglich Ding fein Gleichnis liebt, fo liebt der Deutsche die Wolken und alles, was unklar, werdend, dämmernd, feucht und verhängt ist: Das Ungewisse, Unausgestaltete, sich Verschiebende, Wachsende jeder Art, fühlt er als „tief" — der Deutsche selbst ist nicht, er wird, er „entwickelt" sich "
Wo im Gegensatz zum lateinischen Sinn für Maß und Grenze, für Form und Gestalt das Ewig-strebend-sich-Bemühen als einzige Konstante in der Geistesgeschichte dieses Volkes festgestellt werden kann, wo das Ungewisse, Unausgestaltete als tief empfunden wird, muß die Lage der bildenden Kunst, die es vornehmlich mit Form und Gestalt zu tun hat, besonders schwierig sein. Man wäre versucht, zu glauben, daß von einem solchen Volk der Weltgeist nur erhorcht, aber nicht erschaut werden könnte, und in der Tat ist es vor allen anderen Künsten die deutsche Musik, die so vergleichslos, so „original" ist, daß selbst die Feinde und Verkenner unseres Wesens vor ihr Haltmachen, daß die Welt in der Ueberzeugung übereinstimmt, hier den deutschen Genius am klarsten zu erkennen. In Wahrheit ist jedoch diesem Volk in hohem Maße eine besondere Schau eigen, die Fähigkeit, sein Wesen in seiner Beziehung zur Transzendenz durch die Gestalt sichtbar zu machen, fo daß die deutsche bildende Kunst eine der wenigen führenden abendländischen Stimmen, ja zu gewissen Zeiten die führende Stimme abgibt. Sie vermag es traft jener großen Persönlichkeiten, die eine erstaunliche Klarheit des Geistes und Unbeugsamkeit des Willens aufbringen, die stark genug sind, eine so heftige seelische Triebhaftigkeit im Zaum zu halten, und die der großen Seele den großen Geist entgegenstellen und damit der Gefahr begegnen, daß der Hang zum Irrationalen in einem zuchtlosen Zerfließen des ungebändigten Gefühls endet ...
Man muß jedoch heute, wo das erwachte nationale Selbstbewußtsein immer von neuem die Frage aufwirft, ob ein Kunstwerk deutsch sei, darauf Hinweisen, daß das Deutschsein der von Deutschen geschaffenen Werke eine Selbstverständlichkeit darstellt. Deutsch sind die schlechten wie die guten Bauten und Bildwerke, denn „deutsch" ist zunächst ein integrierender Bestandteil aller von unserem Volk geschaffenen Kunst oder kunstähnlichen Erzeugnisse. So gewiß eine Verleugnung des Wesens unseres Volkes zu schwachen ober minderwertigen Ergebnissen führt, und so gewiß gerade aus unseren größten Kunstwerken bas Deutsche am unmittelbarsten zu uns spricht, so entscheibet über seinen Wert erst ber Rang seines Schöpfers, ein Rang, ber über bie natürlichen Gegebenheiten hinausreichenb feine trcmszenbente Herkunft verrät. Es ist somit selbstoerstänblich, baß ein Volk keine kosmopolitische, fonbern nur eine nationale ober sagen wir eine volkliche Kunst hervorbringen kann, bie wohl, wenn sie etwas Allgemeingültiges aussagt, Weltgeltung bekommen mag. Aber erst bie schöpferische Persönlichkeit gibt bem Nationalen in ber Kunst feinen Gehalt. Wohl können wir am kleinen un- bebeutenben Kunstwerk bas Deutsche ablefen. Aber wir vermögen es nur, weil bie Werke ber Großen uns gelehrt haben, welche Fülle und welcher Reichtum unser Wesen umfaßt, unb wie es aussieht. Sie allein unb nicht ber unfaßbare, in Urtiefen ruhenbe Grunb bes Volkstums sprechen aus, was beutsch in ber Kunst ist. Die Genialität ihrer Per- fönlichkeit unb Leistung, ihr stets neuer eigener Beitrag, nicht etwa bie bewußte Wieberholung bekannter folkloristischer (Eigenarten, formt den geistigen Raum ber Nation.
Wenn wir bie deutsche Kunstgeschichte der letzten tausend Jahre betrachten, so können wir wohl durchgehend feststellen, daß dieses schweifende deutsche Gefühl fast immer erst durch die Begegnung mit fremden Völkern derselben Rasse zur Gestalt findet. Diese Begegnungen sind seit dem Jahr 800 aus der deutschen Kunst nicht wegzudenken. Sie wurden ihr zum Schicksal. Unb wenn es gewiß ist, baß bie beutsche Kunst unaufhörlich unb immer von neuem ihre Anregung von außen empfing, wenn bas Hineinströmen frember Formprinzipien im beutschen Schaffen biefes Jahrtausenbs so ungewöhnlich groß ist, so ist bies gerabe ber Beweis für bie außerorbentliche unb großartige Weltoffenheit unb Spannweite beutschen Wesens. Kein anberes Volk hat frembes Erbe immer wieder so schöpferisch umgeschmolzen, kein anderes bie Ahnungen ber Umwelt so zu Enbe geführt unb so mit eigener seelischer Substanz verwanbelt. Es wäre ein mangelnbes Selbstbewußtsein, ein solches Sich- einoerleiben fremben Gutes nur als beutsche Schwäche zu sehen. (Es beweist vielmehr eine seelische unb künstlerische Ueberlegenheit Denn hier gilt bas Wort Goethes:
„Wär' nicht bas Auge sonnenhaft. Die Sonne könnt' es nie erblicken —*


