Ausgabe 
22.6.1934
 
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MchenerZamilienblätter

Unterhallungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang Zreltag, -en 22. )uni Nummer y

Oie Heimat.

Von Friedrich Hölderlin.

Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom, Von Inseln fernher, wenn er geerntet hat,' So kam auch ich zur Heimat, hätt ich Güter so viele, wie Leid, geerntet.

Ihr teuern Ufer, die mich erzogen einst, Stillt ihr der Liebe Leiden, versprecht ihr mir, Ihr Wälder meiner Jugend, wenn ich Komme, die Ruhe noch einmal wieder?

Am kühlen Bache, wo ich der Wellen Spiel, Am Strome, wo ich gleiten die Schiffe sah, Dort bin ich bald; euch traute Berge, Die mich behüteten einst, der Heimat.

Verehrte sichre Grenzen, der Mutter Haus Und liebender Geschwister Umarmungen Begrüß ich bald und ihr umschließt mich, Daß, wie in Banden, das Herz mir heile.

Ihr treu gebliebnen! aber ich weiß, ich weiß, Der Liebe Leid, dies heilet so bald mir nicht, Dies singt kein Wiegensang, den tröstend Sterbliche singen, mir aus dem Busen.

Denn sie, die uns das himmlische Feuer lethn, Die Götter schenken heiliges Leid uns auch, Drum bleibe dies. Ein Sohn der Erde Schein ich; zu lieben gemacht, zu leiden.

Mutter Jula von Gottesland.

Von Hilde Bock.

Früh am Tag, wenn noch prall und silbern die Tautropfen hi den Blattwinkeln sitzen, nnd die Stare noch einen letzten Ahnen Hupf auf das Erbsenbeet wagen, guictscht Julas Garten- gütter, das den Nutzgarten von dem mächtigen Rasenvlatz ab- twnnt, den die Siedlerin Jula seinerzeit angelegt hat. Niedrige känke ziehen sich darauf herum am Zaun entlang, vor denen in Abständen ebenso niedrige, roh gezimmerte Tische fest in den Rasen eingepflockt sind. Links hält eine schmale Holzeinfaßnng eilten Sandspielvlatz umschlossen, und auf der andern Seite spreizt eine zierliche Wippsthaukel ihren rechten Arm steil in die Luft.

Wenn die Siedlerin Jula hier anlangt, ist sie schon lange tätig in jungen Tag. Dann sind Großvieh und Hühnervolk schon ver- sirgt, nnd die beiden Stuben hinter der griinwetß-karterten T and bereits geputzt. Indes rührt das Jungmädchen Nir tn der Küche den schaumigen Grießbrei gar, summt ein kindliches Liedchen und sieht vor dem Fenster alle Morgen dasselbe: Nämlich die Siedlerin Jula groß und gerade über den Rasenplatz gehen, über jedem der kurzbeinigen Tische ein buntes Tuch entfaltet, aus einer mächtigen grasgrünen Gießkanne in irdene Töpfchen blitzende^ Raffer gießen und immer eines davon mitten auf jeden Tisch Wien. Je mehr sie sich bückt nnd dreht, je länger sie hier wirt- Icimftet, um so sorgsamer erscheinen ihre Bewegungen, um so mehr Liebe scheint zu jedem Handgriff da zu fein. Und wenn der Grieß­brei in der Kasserole so dick ist, daß er in bellen Ballen vom Löffel fällt, sieht die kleine Rix, wie das Fräulein Jula die ll'.'oße, weiße Hand über die Augen schirmt, wie sich darunter tlr wunderschönes, frohes Lachen spreitet, und während Nix den LIrei zu gleichen Portionen in viele kleine Schüsseln schöpft und jedes Häuflein mit einer Mütze von lichtrotem Gelee krönt, er- bibt sich draußen auf dem Rasenplatz ein schrilles Gekreisch und mächtiges Jauchzen: Auf die hohe, schlanke Jula wirft sich ein Schwarm von Jungen und Mädeln, deren unruhige Münder un- aitfhaltsam plappern, deren magere und rundliche Aermchen acht- l.in gepflückte oder auch wild geraufte Feldblumenstrautze empor- ricken, und deren kleine Herzen mit aller Zutraulichkeit dem großen Julas zuichlagen. . , . . .

Das ist für Rix das Zeichen, das Brett mit den dampfenden l'Tciportionen hinanszutragen und sie auf den Tischen zu ver­teilen. Manchmal streift ihre Hand dabei die flinke, warme des Fräulein Ttula, d>e emsig den herumschwirrenden Kindern zeigt, nie man Löwenzahn mit Schafgarbe, Hahnenfuß mit Lichtnelken ir ansehnlichen nnd gefälligen Sträuben steckt.

Die kleinen Gäste löffeln mit Behagen hinter den langen Tischen die nahrhafte Mahlzeit. Es ist still darum, so still, daß

ihr da helfen und etwas Glaubwür-

solch einer funkelnden Siedlung liber- Eines Tages schlugen Menschen einen

hier stehenbleiben müssen, tarierten Häusern konnte diges dazu sageul

Denn wieviel wußte in Haupt einer vom andern? Zaun um ihr grünweitzes

eines kleinen Vogels Lied jetzt mitten hineinfallen kann in den -Rasenplatz. Die Siedlerin Jula steckt das allerletzte Spürchen Melde in ein kühles Wasser, schaut die Reihe der behend schlucken­den Münder entlang, die nun durch die ganze Sommerzeit mit ihrem Hellen Lärm allmorgendlich hier einfallen werden. Und Rix in der Küche über dem Teichtrog spinnt an dem besonnenden Gedankennetz:

Warum in aller Welt das Fräulein solches tut? Warum die Siedlerin Jula lieber drei Stunden vor Tagbeginn schuftet und noch lange nach (Sonnenuntergang werkt, nur, um den lieben, langen Vormittag für nichts und wieder nichts die Kinder der Gottesländer zu hüten? Ein gutes Werk. Schön. Das sagt auch Rix. Ein Tun in christlicher Nächstenliebe, eine Einrichtung, die der ganzen Siedlung nützt, die alle Mütter von Gottesland Liebe und Verehrung für die Siedlerin Jula fühlen läßt. All das ist wahr. Aber Und dann weiß die kleine Rix weiter nichts. Gestern ging es ihr ebenfalls so, und morgen würde sie wieder Und niemand aus all den grünweiß-

Gehöft, von denen eines dem andern glich wie zwei "Kinder, die zu gleicher Zeit einer Mutter Schoß getragen hat. In dieses hier kamen Menschen aus bergigem Land, das südlich lag und warme Taler barg, in jenes solche aus der Ebene, auf der die rauhen Winde wohnten.

In diesen buntumbauten Gehöften glichen sich jedoch umgehend ihre Tage, glich sich der Kreis ihrer Gedanken, glich sich ihr Hoffen, ihr Wünschen, ihr Wollen. Darüber ging unablässig die Sonne nieder und stieg erneut heraus, wechselten Nässe und Dürre, Kälte und Hitze und taten das ihrige dazu, um diese Menschen verschiedensten Ursprungs und Herkommens zu neuer Gemein­schaft zu verbinden. Wer sich aber darauf verstand, in ihre Träume zu schauen oder hinter die betend gesenkten Stirnen, wer es ver­suchte, den Feierabendstimmen zu lauschen, dem zeigte sich manch­mal ein flüchtiger Blick in ihr früheres Leben und Schicksal.

Die kleine Rix verstand aber nur das Henke zu sehen. Der Tag auf der Siedlung war das, was sie lebte, war das Wirkliche. Das war aber nicht die ganze Siedlerin Jula! Das konnte nicht fein! Nein. Aber die kleine Rix würde auf diese Weise wohl auch nie dahinter kommen, und wenn sie noch manchen Sommermorgeu lang unter Grübeln Grießbrei rührte! t , r.

Die Siedlerin Jula war sich darüber durchaus klar, daß sie mit diesem kostenfreien Kindergarten dem ganzen Gottesland einen großen Dienst erwies, und sie bemühte sich nm so eifriger, diesen Dienst mit Hingabe zu erfüllen, weil sie selbst trotz allem Reichtum ihrer Eltern eine schwere, freuöenarnte Kinderzeit ge­habt hatte. Ihre Eltern waren fremd gegeneinander geblieben, und die Feindlichkeit ihrer Seelen hatte Inkas Kindheit ver­giftet. Inkas sehnlichster Wunsch von Kind an war es gewesen, einmal selbst Kinder zu haben und sie dann anders zu halten und zn pflegen, als man es mit ihr getan hatte, und wohl auch nicht anders tun konnte, weil man es nicht besser verstand, und der Eigennutz es nicht anders zuließ. _

Und Julas strahlender Kops mit dem goldbraunen Haar, das jetzt aschig geworden ist vor dem nahenden Alter, und ihre sichere, ruhige Hand zogen manchen herbei, der bereit war, mit ihrem Vater den Ehepakt zu besprechen. Aber dann tat Jula ledesmiU etwas Ungeheuerliches: Sie fragte nämlich einen jeden, der sich ihr mit solcher Absicht näherte, auf den Kops zu:Warum wollen Sie mich eigentlich heiraten?" B

Das war etwas Unvorhergesehenes, Ungewöhnliches, wovor die Männer meist unsicher wurden. Sie antworteten mehr oder minder eigennützig oder beteuerten, mißtrauisch geworden, daß es bestimmt nicht nur um des Geldes willen geschehe, das Julas Vater zur Verfügung stellte.

Jula hatte alle enttäuschen müssen und endgültig immer ge­sagt:Nein. Denn wir werden nicht das erfüllen können, wozu nach meiner Meinung eine Ehe da ist!" r

Das war unbegreiflich! Was verlangte das Mädchen Jula denn? Wie konnte man vor einer Ehe schon an deren Erfüllung denken? Das fand sich doch, war ganz einfach!

O nein, Jula wünschte keine Gemeinschaft nur zum Selbstzweck. Sie kannte das zur Genüge, da ihre Kindheit im Schatten solcher Lebensart fiingefümmert war. Jula konnte sich eine Gemeinschaft nur bewußt zum Zwecke neuer Menschwerdung denken! Da» war's.