Das fanden die beiden ungemein heiter und zeigten trotz ihrer Trauer höchste Schadenfreude.
„Da kannst du wieder mal sehen, wie Beamte arbeiten. Die wichtigsten Sachen vergessen sie."
„Wohl uns", sagte der andere.
Aber als er es ausgesprochen hatte, nahm die Geschichte eine andere Wendung. Es näherte sich ein Lastauto mit schwerbewaffneten Grenzpolizisten. Sie erlaubten sich, das Versäumte nachäu- holen. Die Schmuggler, die beim Anblick der bewaffneten Macht einen fürchterlichen Fluch ausstießen, verfielen bald ob der erneuten Heimsuchung in ein Röcheln der Verzweiflung. Sie wurden im Zellengefängnis der Stadt Aachen abgeliefert. Dort enthüllte sich ihnen ein unerwarteter Anblick: die fünf beherzten Männer waren auch verhaftet.
Arbeiter des Meeres.
Aus einem alten Journal von Edzard H. S ch a p e r.
Die Kompaß-Lampe hob den Mann am Rad in ihren schwachen Schimmer, vor den Fenstern lehnten zwei unbewegliche Schatten, deren Gesichter die Glut der Pfeifen dann und wann aus der Dunkelheit riß. Langsam, vor ausgesetztem Geschirr arbeitete der Dampfer sich ostwärts. Meer und Himmel eine unzertrennliche Wand dem Auge, das Ohr nur genährt vom Stampfen der Maschine und dem leisen Klirren in Lampen und Beschlagen, das hier oben auf der Brücke rote ein Echo dem unterirdischen Rollen nachklang. Und manchmal eine stürzende Wand Bugroaster über die Schanze am Steven. So war es Tage und Nächte, ja eigentlich sind diese Unterscheidungen kaum gerechtfertigt, denn fast immer war es Nacht. Vier Stunden des Zeitraums von vierundzwanzig eine graue Dämmerung, in der wir langsam nach Osten pantschten. , t ..
„Kanin-Feuer an Steuerbord!" murmelte der eine am Fenster, und gab dem ersten Steuermann das Nacht-Glas Der sah lange hindurch, dahinüber, wo aus dem Dunkel drei Blitze in kurzen Abständen aufzuckten. — „Ja, Kanin! Kurs: Nordost viertel-ost, Bootsmann!" „Nordost, viertel-ost!" brummelte der zurück, und das Rad mit seinen Schatten ging knarrend hinüber nach Backbord. Es war nach drei Uhr nachts. —
„Klokken vier Hieven!" meinte der Steuermann, und zog die Joppe an. — „Tee? Stürmann?" — „Ja, wäre ganz gut!" Wir gingen in die Messe, hinter deren halb zugeschobenen Schotten die Freiwache schnarchte. Allen Schlafenden zum Trotz flogen die hohen Stiefel polternd in die Ecke.
Ich hatte den Tee fertig, holte die Kumpe aus der Pantry, Sahne, Zucker. Seine Mischung kannte ich: Den Kump dreiviertel voll Tee, fünf Sekunden Sahne aus der Büchse, drei Löffel Zucker. Bei diesem Vorgang sah er mir zu und strich sich die Haare aus der Stirn. Um diese Zeit konnte man etwas von ihm erfahren, hier war er allein, ohne die Jungen, denen er die Flüche des Nordkapers ins Gesicht schreien mußte, sein donnerndes „Hiev! — Holt faaast! hiev op! hiiiieiv!" Hier war er zart rote ein großer Junge, so rote sie alle sind und nicht sein dürfen, die Arbeiter des Meeres. Er war ein kleines „Nachrichtenblatt für Seefahrer", aber er begann geradeaus, ohne Ueberschrift und Schlagzeilen. Nach Wassertiefen, Klima und den besonderen Ereignissen fragte man ihn, und er wußte immer Antwort, am besten um diese Stunde.
„Das war vor zwei Jahren, — da ging ich hier in der Gegend auf rocks!" — „So??" — Er sah lächelnd von der Tasse auf und wurde ein bißchen rot. Natürlich hätte ich gern, mehr gehört, aber er fing von anderem an. Und dann plötzlich stand er auf, hing seinen Kump an den Haken, packte die Siebensachen in die Lade und zog Trojer und Gummistiefel an. „Bald vier!" murmelte er, und sah in die Kojen.'— „Wecken Sie den Zweiten und den Käpten kurz vor dem Hieven!" — Einen Augenblick stand er unschlüssig, ging dann zu seiner Koje, kramte lange hinter dem Wellenbrecher herum und reichte mir ein paar Seiten krumpeligen, fleckigen Papiers. — „Wenn Sie Lust haben--" Das ist das Journal
der Strandung. Ein bißchen mein persönliches. Bei der Seeamtsverhandlung konnte ich es gebrauchen." Er lächelte und wurde verlegen rote ein kleiner Junge. „Na,--" meinte er, und schob
sich durch die Tür. Als ich ihn an Deck nach vorn gehen hörte, hatte ick die Papiere schon aufgeschlagen, legte mich auf die Bank und las:
Journal des deutschen Fischdampfers C-N 228.
26. Dezember 10 Uhr vorm. — Koljugen-Küste droars an backbord. Wir haben den alten Fischplatz Position 47 Grad östl. Länge verlassen, roetl die Fänge zu gering waren. Setzten neun Uhr vormittags Kurs West, und wollen zur Nacht mit Kap-Kanin- Feuer in Sicht wieder aussetzen. Wetter: Nord-nord-ost, frische Brise mit häufigen Schneeböen: Treibeis dann und wann,' sehr starker Strom in Richtung Süd. Log 24.
26. Dezember 2 Uhr mittags. — Koljugen-Küste außer Sicht; dampfen mit altem Kurs: West, Wind auffrischend; andauerndes Schneegestöber; sehr starker südlicher Strom.
26 Dezember nachm. — Kurs unverändert. Windstärke sieben; vollkommen unsichtig! Schnee. Starker Strom Richtung Süd. Log- leitte untersucht, ob Angaben stimmen, da Befürchtung, Uhr könnte eingefroren sein. Kanin-Feuer noch nicht in Sicht, obgleich es unserem Besteck nach so sein müßte. Schneesturm hindert alle Sicht; setzen Kurs von sieben Uhr an auf Nordwest, einhalb West."
Hier endete das Journal. Es begann auf der anderen Seite sehr eilig in Schrift und Ausdruck, so als wäre es nach den kommenden Ereignissen aus der Erinnerung geschrieben.
haben aufgegeben.
81. Dezember morgens. — Wie diese Nacht verging, weiß nie- U mand von uns; auf der Brücke alle im Wasser; wenn Schiff ganz unetr schweren Brechern, die Maschine gestoppt; ein Heizer und
26. Dezember 9 Uhr abends. — Sieben Uhr fünfzehn Minuten bei starker Brise in Schneeböen bei Maschinenkraft Volldampf voraus infolge Stromversetzung und Kompaßdeviation ausgelaufen. Vorderschiff mit großem Leck (Schätzung: zwei einhalb Meters auf Felsen, wird gegenwärtig gelenzt, Achterschiff unter Brechern schwer leidend. Ein Boot zerschlagen.
Schotten vom Vorschiff zum Bunker dicht; Mannschaft konnte bas Logis räumen; Antenne über Bord, Empfang unmöglich. Schiff ist achtern fortwährend unter Wasser. Befehl zum Räumen gegeben. Mannschaft bringt Boot klar, Proviant und Ausrüstungen werden an Land geschafft.
26. zum 27. Mitternacht. — Vorschiff lenz; Schaden nicht zu übersehen; alles bleibt an Bord; Maschine unter Dampf; abwarten Wetterbesserung und Tageslicht; im Augenblick: Windstärke sieben, Schnee halten Strandungsort für Ostküste der Halbinsel Kanin.
27. Dezember vorm. — Schiff lenz; großer Schaden unter der Wasserlinie; Besteck: Befinden uns an der Ostküste der ^nsel Korga, die der Halbinsel Kanin östlich vorgelagert ist; Kamn nicht zu sehen. Achtunbzroanzig Grad Kälte, abflaironder Wind, bedeckt, Strom südwärts. Achterschiff liegt in tiefem Wasier, Vorschiff auf ^^^Dezernber Mittags. — Mannschaft an Land; drei Mann Wache an Bord; haben sehr zu leiden unter Kälte, Logis unbrauchbar; Kombüse ebenfalls; es soll an Land gekocht werden; Strandungsort liegt nach Meflung auf 46 Grad, 14 Minuten östlicher Cöncje.
27. Dezember nachm. — Mannschaft von Land meldet: Insel unbewohnt, soweit zu erkennen; Eisbären und Füchse angctrvffeii; Ueberwinterung ausgeschlossen, weil Nahnrngsmangel. Fußmarsch zur Westküste fast unmöglich wegen der Fels-Formation und unübersichtlichen Schluchten. Der Koch ist bei Unternehmen gestürzt; Beinbruch; kommt sofort an Bord. Keine andere Möglichkeit als die: Schiff zu dichten und zu versuchen, Nothafen in Dock anzu- laufen. Halte Honingsvaag und Wetterfahrt Tromsö für das beste.
Nennundneunzig Prozent Lebensgefahr, weil Dichtungsmaterial für unser Leck völlig unzureichend sind; Beschluß der gesamten Mannschaft wird abgeroartet.
27. Dezember abends. — Mannschaft von Land zurück; alle sehr entkräftet; Stimmung nicht gut; der Koch fiebrig; verbunden und in Kartenhaus gelegt; der Beschluß der Mannschaft ist: Nicht an Land gehen! Dort nicht möglich zu leben; werden versuchen Leck abzudichten und in See zu gehen; als Nothafen wird Trömsö gewählt; bei Honingsvaag mit Einfahrt in den Fjord wird wie gewöhnlich Lotse genommen; die Mannschaft weiß, daß sie an Land dem Tod preisgegeben ist und daß bei einer Fahrt nach Tromsö nur wenig Möglichkeit besteht, Schiff und Leben zu retten; Mannschaft wählt trotzdem letzteres; es wird sofort alles unternommen nach Seemannsordnung, um Schiff flott und seetüchtig zu machen; ich werde Flaschenpost an die Glocke vor der Brücke binden um, — wenn wir den Seemannstod sterben sollen, — Nachricht über unser Ende geben zu können; Flasche abgeschnitten, wenn Schiff sinkt.
28. Dezember mittags (mit ganz veränderter Schrift). — Schiff flott bekommen; Leck mit alten Brettern, Twist und Teer notdürftig gedichtet; Brücke mit drei Mann besetzt; alle verfügbaren Leute an den Pumpen, um uns lenz zu halten; wir fahren sehr stark vorderlastig; Nase unter Wasser; des Kochs Befinden sehr schlecht; Behandlung laut Anweisung im Sanitätsbuch für Schiffe auf großer Fahrt, wir alle sind ohne Essen, da Kombttle nicht brauchbar; desgleichen beide Logis; Kurs: Nordwest zu West bei Windstärke drei und klarem Wetter; sehr starker Frost; Mannschaft übermüdet und hungrig; zwei Leichtmatrosen sind Finger erfroren; hoffen, daß Golfstrom in Höhe Skelpenbank Erwärmung bringt.
28. Dezember nachmittags. — Gefahr für schlechtes Wetter; hohe Dünung; ganzes Deck unter Wasser; Schotten noch immer dicht, aber wir befürchten, baß Wasier in die Maschinenräume und Bunker dringt; fünf Flaschen Rum ausgegeben.
29. Dezember nachts drei Uhr. — Aufziehender Sturm aus Nord-nord-ost; Windstärke sechs mit Schnee machen sehr wenig Fahrt; Schiff kann nicht lenz gehalten werden; wird die Abdichtung halten?? Die Mannschaft ist wunderbar; ganze Kerle; Heizer und Maschinisten wissen, daß sie verloren sind, wenn unser Leck aufspringt; bleiben ununterbrochen im Dienste; das sind Leute--
30. Dezember vorm. — Hunger! Wir arbeiten langsam in sinkendem Zustand mit altem Kurs vorwärts. Alle Mann an den Pumpen; schwere Brecher haben Fenster auf der Brücke zerlchla- gen; oft bis zum Bauch im Wasier hier oben, so daß Maschinen gestoppt werden müffen. Letztes Rettungsboot ging über Bord. Geschlagen. Keine Hoffnung; feit dem 26. ist die Mannschaft auf den Beinen und ohne warmes Essen und Trinken; zum Teil verwundet.
30. Dezember abends. — Alles rote bei voriger Eintragung; erwarten Ende; Heizer und Maschinen-Personal sind bereit, an Deck zu kommen; Schotten sind dicht, aber rote lange werden sie noch widerstehen können??
30. Dezember nachts U'/i Uhr. — Vardö passiert; Abstand: 14 Seemeilen; Schiff kaum noch manövrierfähig, weil Vorderschiff zu tief im Wasier, und achtern Schraube und Steuer halb in der Luft; Sturm aus Nord-nord-ost bei Stärke neun; Schnee. Wir


