Ausgabe 
22.1.1934
 
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Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang

Montag, den 22. Januar

Nummer 6

Schlittenfahrt.

Von Johan L u z i a n.

ließet weitweißem, schneehellem Land die Blitze der Sonne springen.

Das Herz wird uns fröhlich und heiß, wenn die Schellen des Schlittens klingen am funkelnden, stäubenden Straßenrand. Winter, du männliche Jahreszeit!

Die Bäche krachen von Scholleneis, und der Wälder große Gelassenheit erfüllt die frostklare Welt, das leere rabenbetupfte Feld und die verwunschenen Dörfer auch, behaglich umhüllt von der Herdfeuer Schmauch. Wir fahren dahin im Zuckeltrab leise, im Knirschen der Kufen, im Roßschnauben, Rufen wir fahren, wir fahren v schön ist die Reise!

Eine Geschichte von der Grenze.

Von Eberhard Korte.

Der Tatort dieser Geschichte ist die holländische Grenze. Es «vielen sieben Personen eine Rolle, die nicht als leuchtende Vor­bilder bezeichnet werden können. Obwohl sie die Frage nach ihrer Beschäftigung ohne Scham mitselbständige Kaufleute" beantwor- ien, sind sie im Grunde genommen ausgesuchte Betrüger. Sie sind kn Behörden ein Dorn im Auge, denn sie begehen in ununter­brochener Folge strafbare Handlungen. Ihre Einkünfte sind auf i>cn Verkehr mit zollpflichtigen Waren zurttckzuführen, die sie mit «rngewöhnlichem Geschick den Zollbeamten au der Nase vorbei- «mportieren. Woraus geschlossen werden muß, daß es sich um Schmuggler handelt.

Ihrer zwei steuerten an einem regnerischen Abend der Grenze Ut. Sie benutzten, da ihnen schnelle Erledigung am Herzen lag, ein Auto. Eifrig bohrte sich der Wagen durch die Nacht. Mit leisen Sprüngen hüpfte er über die Pfützen. Er gab an Wegkreuzungen fein Signal von sich. Auch fuhr er mit abgeblenbeten Lichtern. Er itog nur so durch die Dörfer, deren Bewohner mit den Hühnern schlafen gegangen waren.

Die beiden Männer hinter der Scheibe starrten krampfhaft aus dem Wagen. Sie konnten in Anbetracht der Nässe nicht Vollgas leben, worin sie einen Mangel erblickten. Dennoch schätzten sie kn Regen. Er verringert die Wachsamkeit der Zollbehörde und erschwert daß Postenstehen. So ein Wetter haben Schmuggler gern.

Da sie der Grenze näher kamen, gestatteten sie sich, den Motor tinen Augenblick zu drosseln, um über Dinge nachzudenken, die ihnen bevorstanden. Ihre Gesichter waren bemüht, vertrauen- irweckend ansznsehen. Doch ließ sich nicht vermeiden, daß ihre bespräche verdächtig klangen.

Weißt du was", tuschelte der eine,wir warten hier bis gegen Morgen. Kurz vor Tagesanbruch schlafen die Beamten bekanntlich rm festesten."

Meinst du wirklich", zweifelte der andere.Wenn es aber tzegen Morgen nicht mehr regnet?"

Dann ist es bestimmt neblig. Um so besser."

Infolge dieser taktischen Erwägung bogen sie in den Wald. Dort erwarteten sie den unvermeidlichen Nebel.

*

Jenseits der Grenze, hinter höchst geheimnisvollen Gebüschen, lauerten um diese Zeit fünf beherzte Männer. Sie führten Erheb­liches im Schilde. Sie hatten einen bis ins Kleinste ausgearbeite­ten Plan und warteten nur ans den richtigen Augenblick, ihn aus- zufübren.

Wenn sie aber nicht bald kommen", knurrte der eine, dann sollen sie mir gestohlen bleiben. Ich werde mir ihretwegen nicht He Nacht um die Ohren schlagen "

Das wirst du wohl müssen", behauptete ein anderer.Wenn sie jetzt nicht kommen, kommen sie erst gegen Morgen."

Willst du damit sagen, daß sie aus den unvermeidlichen Nebel warten?"

Vielleicht haben sie auch Lunte gerochen und kommen gar nicht", bemerkte ein dritter.

Die fünf beherzten Männer taten kein Auge zu, um jederzeit bereit zu sein, mit gezückter Masse hervorzubrechen. So verging allmählich die Nacht.

*

Gegen Morgen hörte es zu regnen auf. Dagegen blieb der un­vermeidliche Nebel aus. Die beiden im Auto warfen sich ent­täuschte Blicke zu, wodurch es auch nicht nebliger wurde. Dann gaben sie sich einen Ruck und dem Motor Gas. Sie fuhren gleich ein rasches Tempo, das sie noch immerfort steigerten.

Tas Wetter ließ jedes Verständnis für Schmuggler vermissen. Rosig und klar dämmerte der Morgen. Die Lust zischte über dem rasenden Gefährt. Das Auto nahm die Kurven mit 90 Kilometer, und da es einen instinktiven Widerwillen gegen geringere Ge­schwindigkeiten hatte, bewegte es sich mit unheimlicher Sicherheit aus die Grenze zu.

Bald wurde die Grenze sichtbar. Schon konnte man das Zoll- gebüude deutlich ins Auge fassen. Der Wagen verschlang die letzten Kilometer im Handumdrehen. Er raste einen Abhang hinunter, den jenseitigen Berg hinauf und machte nicht die leisesten An­stalten, vor den Hoheitszeichen anzuhalten.

Die Zollbeamten fuhren entsetzt auseinander. Sie standen wie verstört. Dann sah man sie äußert empört in das Amtsge­bäude stürmen, wo sie wahrscheinlich sämtliche Fernsprecher rebel­lisch machten.

Das Auto hatte einen erstaunlichen Schwung. Es behielt ihn bis zum Walde bei. Dann stoppte es. Sein Führer trat auf den Fußhebel, um einen Augenblick erleichtert aufzuatmen.

Wir können direkt von Glück sagen, daß sie nicht geschossen haben", bemerkte er und zündete sich eine Zigarette an.Denn hatten sie geschossen, wären wir glatt aufgeschmissen gewesen."

Erst müssen sie aber treffen", behauptete der andere und goß sich einen Schnaps in den Becher,mit Schießen allein ist es nicht getan."

Als der Schnaps eingegossen war, umstanden die fünf be­herzten Männer das Auto. Sie riefen in unmißverständlicher WeiseHände hoch!" und richteten auch etliche Revolver aus die Insassen. Sie erklärten, Zollbeamte zu fein und das Gepäck revi­dieren zu müssen

Sie revidierten es. Voller Entsetzen ließen die Insassen es zir. Die beherzten Männer knöpften eine Zeltbahn auf und entdeckten fünfzig Flaschen Kognak. Unter den Sitzen förderten sie zehn­tausend Zigaretten zutage. Sie sanden drei Zentner Kaffee, einen halben Zentner Tee und ganze Berge Butter. Sie belegten alles schmunzelnd mit Beschlag und waren auss äußerste entrüstet über das Verbrechen der Zollhinterziehung. Die beiden Schmuggler standen, von dem Vorwurf erdrückt, betreten daneben.

Dann zogen die beherzten Männer ein Auto aus dem Gebüsch und verstauten das wuchtige Resultat ihres Vorgehens.

Das übrige wird sich später finden", sagten sie vorwurfsvoll und steckten die Revolver wieder ein. Sie ließen den Motor an- springen, nahmen auf ihrer Beute Platz und entschwanden int rosigen Morqenlicht.

Höchst langsam begannen die beiden Schmuggler sich von dem Schreck zu erholen. Denn infolge des erlittenen Schadens und hin­sichtlich der ausgestandenen Angst waren sie hartnäckig verstört. Sie blickten sich, die Tragweite des Geschehens allmählich begrei­fend. sprachlos an. Offenbar waren sie noch nie zuvor dem Auge des Gesetzes anheimge'allen. Jedenfalls nicht so gründlich

Du mußt auch ausgerechnet bis gegen Morgen warten", hauchte der eine.Als ob es nicht gestern weit bester geklappt hätte."

Gestern?" Der andere wollte den Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen.Gestern hätte uns das genau so gut passieren können. Und wahrscheinlich wäre es auch passiert. Die haben sicher schon auf uns gelauert."

In den Bäumen erschienen die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne. Ein unerhört schöner Tag brach an. Sämtliche vorhan­denen Vögel zwitscherten. Den beiden war die vorzügliche Natur kein Trost. Sie standen mit umflorten Sinnen.

Untere Ware sind wir jedenfalls los", konnten sie nicht um­hin, zu konstatieren. Doch bewies der eine die Tapferkeit, in einem fort zu versichern, daß es sogar noch schlimmer hätte kommen können.

Inwiefern?" fragte der andere.

Weil sie nämlich die Hauptsache vergessen haben."

Die fünf beherzten Männer hatten tatst' 'stich einen wichtigen Schritt unterlassen Sie batten nämlich davon abgesehen, die beiden zu verhaften. Nicht einmal ihre Personalien notierten sie sich.