Ausgabe 
21.12.1934
 
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Ich will dir etwas sagen", erklärte Josef, »das ist alles richtig, aber du kannst da nicht sitzen bleiben, das verstehst du doch? Geh einfach heim, geh zur Mutter heim, meine ich."

Die Mutter, nein. Ich habe keine Mutter", sagt das Kind.

Joses rückt näher und legt den Arm um die Schultern des Mäd­chens. Sie läßt es geschehen und drückt sich verstohlen an ihn. Er redet ihr leise und freundlich zu,müde", sagt erja müde bist du, kleines Wesen, und du willst nicht mehr allein bleiben, freilich, das ist schlimm. Ich weih, wie schlimm das ist, die Kälte und alles.

Bist du auch arm?"

Arm?" Ach nein, Josef ist nicht arm. Vielleicht liegt etwas Tröst' liche's darin, wenn er so sagt. Uebermähig wohlhabend ist er ja nicht, aber er hat fein Auskommen, was das Essen betrifft, ein paar Zlga- retten.

,^ch friere immer", sagt das Mädchen.An den Händen, im Gesicht, überall, aber das macht nicht viel. Nur die Füße, ich kann nicht schlafen, weiht du, und wenn ich Hunger habe, ist es ganz schrecklich. Ach, und gar nichts hilft."

Nichts, nein. Jofef verstummt. Er neigt sich vornüber und betrachtet die Schuhe des Kindes. Sie sind aus dunklem Tuch gemacht, zwei un­förmige Klumpen, von der Näffe durchtränkt. Jofef hat plötzlich andere Schuhe vor Augen, Stiefelchen aus blauem Leder, innen mit Pelz gefüttert...

Er richtet sich auf und denkt nach. Es ist etwa sieben Uhr, noch wenigstens eine Stunde Zeit. Was konnte es am Ende schaden?Warte einmal", sagt er aufgeräumt,ich habe da etwas für dich, vielleicht hilft es doch."

Er löst die Schnur von feinem Paket und kniet hin, um dem Mäd­chen die naffen Schuhe abzustreifen. Wahrhaftig, die Zehen find fo kalt, daß er es mit feinen erstarrten Fingern fühlen kann. Und bann nimmt er also wirklich die Pelzstiefelchen aus der Schachtel, Gott helfe ihm, es ist ja noch Zeit, eine ganze barmherzige Stundei Das Kind fchaut ihm aus staunenden Augen stumm ins Gesicht. Es schluchzt auch ein wenig, man weih nicht recht, ob es lacht oder weint. Es steht ihn nur an und feine Lider füllen sich langfam mit Tränen.

Nun?" fragt Jofef und würgt feine Rührung großartig hinunter. Er fetzt sich auch wieder, das Mädchen zieht die Knie hoch und steckt sogar die Hände in das Pelzwerk, es seufzt und lächelt und drückt die Schulter dankbar gegen Josefs Brust.

Mit einem Maie fühlt Jofef eine bittere Traurigkeit in feinem Herzen, er fängt an, von feinem Leben zu erzählen. Nein, übermäßig wohlhabend ist er nicht, die Wahrheit zu sagen. Er hat nicht alle Tage Pelzstiefel zu vergeben. Und überdies prüft ihn Gott auch fönst auf seine Weise.Sieh mich an", sagt Josef,kannst du mein Gesicht sehen? Ach, Hunger ober Kälte, bas ist nichts Unabwendbares. Aber hast bu bas erlebt: bah bir unversehens auf ber Straße ein Kinb in die Arme läuft, fo etwas ganz Kleines und Atemlofes, und du hast fogar ein Stück Zucker für das Kind in der Tasche. Das war lange aufgespart und jetzt trifft es sich fo. Ja, aber bann schaut bir bas Kinb ins Gesicht unb es lacht plötzlich nicht mehr. Es hat Angst in ben Augen unb roinbet sich los unb bann kommt natürlich bie Mutter, bie reiht bir bas Kinb aus bem Arm. Ach, ba hilft nichts, ba kannst bu noch lange fo stehen, mit deinem lächerlichen Stück Zucker in ber Hanbl Die Häßlichkeit, verstehst bu, bie ist wie Gift. Sie macht bich erst arm, ver­flucht, verlaßen, bie nimmt bir alles, auch das Erbarmen, bas bißchen Mitleib in ben Augen ber anberen..."

Jofef merkt, baß bas Mäbchen eingefchlafen ist. Nun freilich, denkt er, es ist ja langweilig, mein Gejammer! Er rückt sich zurecht, macht es ihr bequemer in feinem Arm und bann schweigt er bebrückt. Sie atmet sanft, er spürt bie laue Wärme ihres Körpers burch feinen bünnen Rock.

Wie fall bas nun enben, bentt Jofef ernüchtert, ba schläft sie, mit meinen Pelzstiefelchen! Es bleibt nichts übrig, man muß sie wecken unb ein Enbe machen. Er regt sich ein wenig, ba lächelt sie im Schlaf.

Unb Joses sitzt wieder still, er zieht nur das Tuch fester um ihre Schultern. Dabei streift seine Hand an etwas Kaltes auf der Bank. Es sind die alten Schuhe, zufammengefchrumpft und steif gefroren.

Nein, ba ist wohl nichts zu änbern, ba mag in Gottes Namen alles seinen Lauf nehmen. Es ist vielleicht am besten, wenn er einfach weg­geht, ehe sie aufwacht. Er löst sich vorsichtig von ihr unb lehnt ihren Kopf an ben Baum neben ber Bank. Sie feufzt nur ein wenig unb wacht nicht auf.

Jofef nimmt bie leere Schachtel und geht ruhig fort. Sein Kopf ist seltsam müde und ausgeräumt. Im Vorbeigehen steckt er den Karton durch ein Kellergitter.

Ein Wachmann kommt ihm entgegen. Nein! denkt Joses und biegt in eine Seitengasse. Aber ba schlägt bie Uhr auf ber Marienkirche.

Acht!

Jofef besinnt sich einen Augenblick, bann kehrt er hastig um und läuft dem Wachmann nach. Seine Schritte hallen laut hinter ihm her in der leeren Gasse.

Verzeihen Sie", sagt Josef atemlos,ich glaube, Sie werden mich verhaften müssen!"

Der Wachmann mustert ihn verblüfft.Was denn..

Ja, die Sache ist fo: ich habe etwas gestohlen."

Wißen Sie", fagt der Wachmann ärgerlich,Sie sind einfach besoffen! Gehen Sie nach Hause, rate ich Ihnen!"

Nein, ich habe tatsächlich etwas gestohlen, glauben Sie mir! Ein Paar Pelzstiefelchen, Herr Wachtmeister!"

Kommen Sie mit!"

Es ist uämlid) heiliger Abend!" sagt Josef nachdenklich und lächelt-».

Weihnachten in der deutschen Kunst.

Don Ernst von Niedelfchütz.

Das Thema der Heilandsgeburt ist von der Kirche schon früh in ihr Bilderprogramm ausgenommen worden und hat in ungezählten Werken der Wand- unb Tafelmalerei, ber graphischen Kunst unb ber Plastik Ausbruck gefunben. Hinsichtlich ber äußeren Momente ber Darstellung ist es für unsere heutigen Begriffe von kunstlen cher Frei- heit zunächst auffaUenb, baß sich bie heilige Hanblung aus allen biesen Silbern nach einer gewißen Uebereintunft abfptelt, nach einem Schema, an bas sich auch ber größte Künstler gebunben suhlte. Weber besaß er ben Ehrgeiz, etwas unbebingt Neues, nach rue Dagewesenes 3U leisten, noch wäre ihm ein solcher Ehrgeiz von ber Kirche als ber Auftraggeberin unb ber berufenen Hüterin ber Ueberlieferung erlaubt worben Nur in ber Wahl besfruchtbaren Moments ftanb ferner Phantasie eine beschränkte Bewegungsfreiheit zu. Vollzieht sich das Weihnachtsgefchehen boch in vier Etappen, bie oft für sich allem, Häufig aber auch in naiver Vermengung, also ohne Rücksicht auf ihre zeit­liche Abfolge, in ben Geburtsbarftellungen auftreten. Es ftnb bies ein­mal bie Geburt mit ber liegenben Mutter als Hauptfigur, ferner bie Anbetung bes Kinbes burch bie tnieenbe Maria, ber oft ber Vater Joseph zugesellt ist, schließlich bie Anbetung burch bie Hirten unb bie Hulbigung ber heiligen brei Könige. ......

Diese Szenen gehen natürlich im einzelnen auf bie biblischen Ur­quellen zurück, also auf bie Evangelien, in erster Lime ben Bericht bes Lukas. Kleinere Züge intimeren Charakters fugen bie fpateren Marienleaenben hinzu. Im ganzen aber bleibt sich bas Szenenbilb Jahrhunberte hinburch ziemlich gleich. Hütte unb Krippe, bas Eltern­paar mit bem Kinbe, Ochs unb Efel, bie ber Anbetung beiwohnenben Engel, bie Hirten auf bem Felbe, unb über allem ber Stern von Bethlehem: bas war ber nur leicht verstellbare Tatfachenbeftanb.

Rein gegenftänblid) betrachtet, ist bas Geburtsthema also nicht son- derlich ergiebig. Um fo erstaunlicher bie unenbliche Mannigfaltigkeit ber Lösungen. Würbe man alle jemals gemalten Darstellungen ber Geburt Christi burchgehen, man würbe bei aller Gleichartigkeit ber äußeren Umftänbe doch einer ganz verschiedenen Auffassung und Deu­tung des Vorgangs begegnen. Denn nirgends zeigt sich die Hoheit unb Größe der Kunst mehr als in der wunderbaren Fähigkeit, auch den abgegriffensten Stosf immer wieder neu zu gestalten.

Setzen wir den Fall, eine internationale Ausstellung vereinigte ein­mal die schönsten Weihnachtsbilder aller Völker: es wäre ein Leichtes, die deutschen (die deutschen im weitesten Sinne, also unter Einschluß der Bilder niederländischer Herkunft) aus Hunderten herauszuerkennen. Arn deutlichsten heben sie sich von denen der romanischen Nationen ab, in denen das südliche Bedürfnis der feierlichen Repräsentation dem heiligen Vorgang immer leicht ben Charakter einer weltlichen Haupt- unb Staatsaktion gibt. Bei ben großen Italienern etwa ist Maria zu­meist eine kultivierte Dame mit geübter Gebetsgeste, bas Christuskinb- lein ein baurnenlutschenber strammer Zehnpsunbjunge, ber Wert barauf legt, berounbert zu werben. Alles sehr gepflegt unb auf Wirkung be­baut. Diesen italienischen Weihnachtsbarstellungen, auch wo sie Wunber- werke ber Malerei sinb, fehlt sehr häufig gerabe bas, was den deut­schen den unergründlichen Zauber verleiht: das seelisch Vertiefte der llebermittlung, das Geborgenfein in den dunklen Falten des Myste­riums. Es geschieht bei den Italienern äußerlich mehr, innerlich weniger. Vergegenwärtigen wir uns etwa ein fo typisch deutsches Geburtsbild, wie die 1424 gemalteHeilige Nacht" des Meisters Francke tn der Hamburger Kunsthalle! Eine dem äußeren Apparat nach sehr stille, gar nichtshermachende", dafür aber um fo gefühlsinnigere Tafel, die offenbar ganz darauf angelegt ist, das Wunder der Fleifchwerdung des Wortes anschaulich zu machen. Die für das biblische Geschehnis so not­wendige Hütte fehlt. Statt ihrer gibt der Künstler das entzückende Motiv des Mantels, den drei dienstfertige Engelchen gleich einer das Geheimnis schirmenden Mauer um die Muttergottes ausbreiten. Darüber ber Himmel als rote Fläche, mit golbenen Sternen besät. Joseph fehlt. So sind Mutter und Kind ganz mit sich allein.

Und gerade dieses Alleinsein in der magisch-unwirklichen Landschaft macht den unsagbaren Zauber des Bildes aus. Man fühlt, daß ein Wunder geschieht. Maria, ganz in Weiß gekleidet, halb Kind noch, ist in bie Knie gesunken und betet in strahlender Freude den Sohn an. Hat je das Dankgebet einer Mutter angesichts des Geburtsgeheimnisses einen gefühlstieferen Ausdruck gefunden? Darum hat Meister Francke das göttliche Kind auch nicht auf Stroh liegend und in Windeln gebettet bargeftelit: es scheint gewichtslos im Weltall zu schweben mehr Stern und geistig wirkende Kraft als irdischer Stofs.

Das ist nur ein Beispiel unter Tausenden. Wir mögen bie namen­losen Meister ber Gotik befragen, wir mögen bas Werk von Dürer ober Cranach, von Grünewald ober A l b o r f e r durchforschen immer wieder begegnen wir solchen Geburtsbildern wie dem eben beschriebenen, in denen sich der Künstler um die Sichtbarmachung eines Mysteriums bemüht, das zu entschleiern und zu profanieren bisher noch keiner Wissenschaft gelungen ist: der Entzündung des Lebenssunkens im vergänglichen Leibe. Am schönsten ist dieses Wunder aller Wunder wohl von Hans Salbung in bem 1516 vollenbeten Freiburger Hochaltar veranschaulicht worben, wo auf einem ber Seitenflügel mit ber Geburt Christi bie himmlischen Heerscharen ber Maria das göttliche Kinb zu­tragen und bamit sinnfällig bekräftigen, daß es aus übernatürlichen Sphären in diese Welt gekommen ist.

So erscheint in den Weihnachtsbildern der alten deutschen Meister der Vorgang ganz in bie Empfinbungsschicht bes Heiligen, schlechthin Unbegreiflichen verfetzt: jeber Zug von rührenber Herzenseinfalt, bas Ganze lieblich wie ein Kindergebet, dabei doch von tiefer und echter Feierlichkeit des Geschehens. Nur deutsche Menschen, die noch etwas von ber Urheimat bes Geistes wissen unb zuweilen mit ben Hinter­gründen des Lebens tiefer vertraut sind als mit feiner lockenden unb prangenden Außenseite, konnten solche Bilder malen.