der
neu
Eulenspiegel-
des
Platz.
die Husaren-
schlossene Menge zurück.
In eisigem, blutaufpeitschendem Schweigen leert sich
„Aufsitzen!"
Eine Trompete schluchzt; still, bleich formieren sich reihen.
mit gesenkten Köpfen. *
Zwei Knaben sitzen in der hintersten Ecke eines vollgeräumten Dachbodens Wo das älteste Gerümpel liegt, wo im Halbdunkel die Spinnen hausen. Reglos ruhen die stockigen, unfertigen Glieder auf den staubbedeckten Brettern: Wie gelb, wie mager, wie hilflos dünn der Mensch liegt wenn er tot ist? Wie Tiere brüllten sie! In Bächen floß das Blut in den Straßen. Breeig, rauchend, blasenbedeckt stand es überall in den Rinnsteinen. Die jungen Beine zucken. So kann der Mensch sein? ...
Warum half niemand? Die Türen sperrten die Eltern ab, sie schlossen die Läden, verlassen mußten draußen die Tapferen sterben.
Einen stockenden, sich aufstemmenden Seufzer tut der Fritz. Er steht seinen Freund an; der kann auch nicht reden; es wäre furchtbar, sähe der Fritz, daß er innerlich heult, wie ein Kettenhund! Hart stellen sie die Zähne aufeinander, die jungen Fäuste ballen sich. Es zerrt und wühlt in den Gesichtern der Knaben.
Feig saß der Vater! Die Mutter häkelte. Als höre sie nichts! Die Schwester spielte ... Pianoforte! „Ich schmeiß' ihr die Gesichtstinktur aus dem Fenster! Ich steck' ihr Radeln ins Bett!" Schills Kopf lag aus dem Gehsteia vor der Rathauslaube: auf der Fleischbank lag der wundenbedeckte. zerfetzte Körper! Nackt! Tiefschwarz troff das Blut aus den Röhrenöffnungen des abgeschnittenen Halses. „Fritz! Wir müssen's zurückzabl->ns"
„Ja!" Mit der Faust macht der Fritz eine heftige Drehung im Gelenk. „Zwölfe waren es gegen einen! Saft gesehen, wie er dem holländischen Oberst den Schädel auseinanderhieb? Wie ein Zinnsoldat flog der vom Pferde!"
Verantwortlich: vr. Haus Thyriot. - Druck und Perlag; Prühl'fche Univer, itäts-Puch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen-
„Rückt ab!"
An der Spitze seiner blutjungen Offiziere, zu Füßen „
türme, vom alten Schloß überragt, biegt Schill aus den engen Giebelhäuschen in die freie Straße nach Norden ein. Wie Weinen ist es über den Rücken der langsam Verschwindenden. Traurig gehen die Pferde,
hünno Mädchenstimme. „Hoch!" Lachen .....Heldenmütig trotzen die
Tiroler dem Feind. Die tapferen Hessen haben sich erhoben! Aus! Zu den Waffen! Zu den Waffen!" Ein Ruck geht durch die wirbelnde Menge, sie drängt zurück: Breitschultrig steht ein schnauzbärtiger Unteroffizier, auf der 9©tirn einen blutüberkrusteten Hieb, aus der Treppe über den Menschen. „Helft zu neuem Ruhm!" Der Unteroffizier schnellt dre Stufen hinab, ehe der Hausknecht vom Löwen Zuruckwelchen kann, hak er ihm die Hand auf die Schulter gelegt: „Tritt ein, Kamerad! Asthfahl ist der Bursch im Gesicht geworden, er retiriert. Wild starrt der Hujar auf die Zurückweichenden. Totenstille; Halsbinden werden geruckt, Hauben werden gesteckt, die Blicke suchen im Staub. Die Köpfe drehen sich: Larnwnd überschallt von der schönen alten Musik der aufgelösten snderiziamschen Regimenter, in breiter Front ziehen Schills Husaren die Straße herauf.
„Ich mach' mit, Herr Unteroffizier!" schreit Marie Dieckebusch „Ich bin kein Feigling!" Die Menge teilt sich, von der todesentschlossenen Musik an die Hauswände gedrängt. Ein junger preußischer Ma>or, ionn- oerbrannt, mit herabhängendem dunkeln Schnurrbart u^? v^^enem Antlitz, den hohen Tschako schles auf, reitet voran. Staubbedeckt sind die Mannschaften, unerschütterlicher Kampfesmuk, volle Todesbereitschaft zeigen die Gesichter. „Verwundete!" Enger preßt sich die Menge an die Mauern der Häuser. Ein Planwagen rumpelt im Zug. Daß das Feuer aus den Steinen spritzt, galoppiert ein Offizier die Reihen entlang. „Leutnant von Frangois meldet die Aufhebung der Stadtwache! Die Burger stoßen sich an: „Komm! Wir werden erschossen, wenn die Franzosen -mrückkommen! Das sind Rebellen! Komm mit! Was gehen uns die an?
Das Militär rückt auf den Marktplatz ein; zaghaft, widerstrebend folgt ein Teil der Menge. Die Mannschaft sitzt ab, Jungen helfen; ängstlich werden sie von ihren Müttern zurückgezerrt. „Hierher! Was gehen euch die an?" Der Bürgermeister und der Pastor treten vor Schill. "Herr General , beginnt der Bürgermeister, „wir sind getreue rheinbündlerifche Untertanen!"
„Ihr seid Deutsche! Wie wirt"
„Wir leben mit Frankreich in Frieden, Herr Oberst!" Dunkelrot ist Schills Gesicht. „Brüder!" ruft Schill schallend über den Platz. „Bleibt nicht so fern. Kommt doch näher! Habt ihr denn Angst vor uns? Wir sind gekommen, um euer Unglück zu enden! Habt doch Vertrauen! Unter meiner Führung stehen tapfere deutsche Männer, die alles, was ihnen teuer war, itn Stiche gelassen haben, um euch von den fremden ausge- zwungenen Gesetzen zu befreien, die unsere Eigenart und euren Charakter ermorden! Wir sind da, um die alte deutsche Freiheit zuruckzuerobernl Wollt ihr kleiner sein als Spaniens Frauen und Kinder, als -Tirols Bauern?" Es bleibt still. Schills Faust umkrampft den Sabelkorb Verschlossen, verlegen, ablehnend sind die Mienen der Bürgerschaft. Schill tut einen unsicheren, fahrigen Blick über seine Schar: Verbissen finster und traurig stehen die Husaren neben ihren Pferden. „Ihr seid Rebellen! schreit anklagend eine Stimme im Hintergrund. „Aufrührer seid ihr! —
Bleibt ruhig'" Der Pastor hebt die Arme zum Himmel. „Ich frage Sie, Herr Major, ich frage Sie im Antlitz des allmächtigen Gottes, der unsere Taten richtet, ist es wahr, daß Sie im vollen Frieden kaiserliche Truppen angegriffen und niedergemetzelt haben?"
„Schmähliches, ehrloses Knechtepack!"
„Ruhig, Moltke! Ich bitte dich!" Mit zuckendem Antlitz steht Schill. Christen Brüder und Schwestern!" kräht der Pastor. „Weiecht zurück vorn den Verführern! Rettet eure unschuldigen Kinderchens! Laßt die Verräter ihren Lohn finden! Kommt, kommt, geht in die Häuser!" Mit gebrei- tetcn Armen eine lebendige Warnungstafel drängt der Pastor die unent-
Blau«, verzweifelt dreschende Hufarenarme, bäumende, schäumende Pferde sind vor ihi^n, gelbweiß stieg der Puloerdampf! Wie Opferrauch!
Zeia' mir die Fahne!" „
Den eroberten Tuchfetzen zerrt der Fritz unter sich vor; sie krallen anbetend, schwörend die Fäuste in das blutnasse Fahnentuch, sie umarmen sich.
Sie weinen, daß es sie schüttelt. *
Verstörte Menschen stehen inmitten des überschwemmen Rheingeländes Van der Stadt her, auf dem Damm naht französisches Militär. Kavallerie zieht voran, Infanterie hinterdrein; vor den Kolonnen schreiten elf hohe, chmale, aneinandergekettete Jünglingsgestalten. In Straflingskleidern. Dumpf einherschwankend hallt unheilverkündend der Trommelschlag unter dem bedrückten Regenhimmel. Die Bürger weichen zur Seite, eine Grube ift im sumpfigen Grund aufgeworfen. Der Zug schwenkt ein. Hochaus- gerichtet betreten die Schillschen Offiziere ihre Richtstätten, st«; gehen ge> lassen vor ihr Grab. Die Trommeln lärmen zu Ende. Em Kommando. Die Gewehre in der Hand tritt die ausgeloste Exekutionsmannschaft vor die Verurteilten, sie formiert sich, heller Schein ist auf den Stirnen dex Gerichteten. Der Kapitän nimmt ein Blatt Papier zur Hand; er lieft mit öeit^m tarnen Soifer Napoleons des Großen! Die westfälischen Rebellen sind durch Pulver und Blei zu Tode zu bringen!" Lärmend quaken aus den Sumpfwiesen die Frösche. „Herr Leutnant verfahren: Sie: nach dem Gesetz!" Ein neues Kommando, die Herzen stehen still. „Wünscht ihr bte qenaue Vorlesung des gesamten Urteils? Ihr habt nach dem Völkerrecht einen Anspruch daraus!" Die Verurteilten schütteln d,e Kopse; furchtlos, verächtlich sehen sie in die Gewehrläufe, die sich auf sie richten.
Die'Bürger und Bauern sinken auf die Knie, sie decken die Hande über die Augen. Die Salve kracht. Der Pulverdampf schwankt über den Kopsen des Pelotons. Hochaufgerichtet ragt inmitten der erschossenen Kameraden ^^,Könni^hr9nicht besser schießen, Franzosen? Hier steht ein Wedelt! Hoch Preußen!"
D^r? Exekutionsoffizier reißt ein Gewehr an die Backe. Zwei andere Offiziere springen vor; drei Schüsse. Ein Stein, geschleuderte Steine und Rasenstücke fliegen über die Köpfe des Kordons; die Infanterie wendet sich sie pflanzt die Bajonette auf. Zitternd schiebt d.e Pwn.erkompan.e die Leichen in die Grube. Die Ketten der Ermordeten klirren.
Schleiermacher schließt in der Dreifaltigkeitskirche in Berlin die Bibel- er legt sie zur Seite. Wie von Sinnen starrt ein alter Offizier zur Kanzel empor. „Jesus erkannte die bittere Notwendigkeit her völligen Zertrümmerung alles Erhabenen aus vergangener Zeit , spricht Schleier wacher. „Klar verkündigte er seine Ueberzeugung, daß von aller ehemaligen Größe nicht ein Stein auf dem andern bleiben konnte Jesus hat recht behalten. Auch uns ist das Große verschwunden! Von dem vortrefflichen Baue Friedrichs ist kein Stein mehr übrig! Es ist verständlich", spricht Schleiermacher in die erregte Menschenmenge unter sich hinab, „daß viele von Ihnen am Alten sesthalten. Es ist das für viele die einzige Art, um dem Feind des Guten ohne Verzweiflung entgegenzutreten' Was aber war uns wahrhaft Friedrich? Wir muffen uns darüber klar werden! Was blieb uns von ihm? Sein Vorbild! Sem Tun und fein Handeln entsprachen dem Geiste und der Bestimmung seines Volkes! Unverfälscht setzte er unsere Art m die Tat um, Friedrichs Bleibendes sind wir, ist sein Volkstum, aus dem er entUanbl ® müssen wieder mutig sein, rote er! Wir muffen wieder
unabhängig werden, wie er es war! Wir muffen wieder eine Gemeinschaft bilden, wie Friedrich und die Seinen eine Gemeinschaft bildeten! Des Erlösers Wort vom nötigen Verfalle iches alten Gebäudes ist weissagende Drohung. Viele von euch haben ge agt: .Wir werden niemals daniederliegen!' Das war vermessen. Es ist aber letzt ebenst falsch, zu sagen: .Wir werden uns nie mehr aufrichten! Der Menjcy muß haben, als hätte er nicht! Verehren Sie Fredrich, ja, er verdient es, aber verehren Sie ihn, als hätten wir ihn nicht! Er i|t ja in uns!" Schleiermacher nickt den Kindern zu, die ihm von Mannern und Frauen entgegengehalten werden. „Ihr, meine Bruder und Schwestern" pricht Schleiermacher mit zitternder Stimme, „es ist em Kamp, um unser Innerstes, um unsere Religion, um unsere Geistesbildung, um alles! Seien Sie in ruhiger Ansicht der Weitbegebenheiten einig darinnen! Seien Sie einig und entschlossen im Geiste Friedrichs! Amen.
Lautlos erhebt sich die Gemeinde. Sie steht, bis Schleiermacher verschwunden ist. Lautlos, langsam gehen die Menschen dem Ausgang zu.
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Wortlos wartend stehen Offiziere vor dem Zimmer des kommandierenden Generals in Pommern. Ein korpulenter Herr m Zwü tun ein. Mit ängstlichen, unsteten Augen sucht er ein befarm es Gesicyr Hastig, dunkelrot eilt er auf einen Obersten los. „Mein lieber Bulow. Ich muß Blücher sprechen! Ihr habt das Kriegsgericht doch noch.mcyl abqehalken?"
„Wir warten auf die Exzellenz! Aber, Herr von Ruchel, wenn ich Ihnen gut raten darf, ich glaube, es ist besser. Sie sprechen heute nicht die Exzellenz! Sie hat die alte Uniform an! — „Ich muß! Lieber Romberg", bittet der Verabschiedete einen jungen Offizier. „Um unserer ehemaligen Kameradschaft willen, sehen Sie zu, daß mich Blücher empfängt!" Der junge Offizier geht in den Hintergrund des Zimmers. Wie steht es mit Rombergs Vater?" — „Er ist in der Vorwoche qe- f'torben!" — „Ach Gott, ach Gott!" Kummervoll nickt Rüchel vor sich hin „Ueberall Unglück! Ueberall! Dieses grausige Malheur! Ich fage Ihnen, der Massenbach war schuld! Scharnhorst und Gneisenau sivo ungerecht! Sie sind geradezu barbarisch in ihren Urteilen."
(Fortsetzung folgt.)


