Oer Tod von Wesel.
Die Erschießung der Schillschen Offiziere im September 1809.
Von Will Reifferscheid t.
Was den, der einfach und schlicht sein Vaterland liebt, bei jener Tragödie Schill immer wieder erschüttern wird — man mag hier auq> den Namen Schlage ter einsetzen — das ist das fraglose Opfer vi- nur aus dem heißen Gefühl kommende Eingabe, die aufsteht ohne -öer bindung, ja zumeist im Gegensatz zur sogenannten „hohen Politik . vat- Opfer erscheint beziehungslos und stört gar diejenigen, die da „oven ihre Fäden ziehen. Aber das Volk ist bei denen, die sich geopfert haben., als die Salven von Wesel verklungen, erschollen die Flüche gegen veni König von Preußen, und es ging das Gerücht, daß die Königin ■ sich scheiden lassen wolle von ihm, der kein Mann sei.
Was aber den, der um die tiefste Verknüpfung und Einheit allem Geschehens weiß, viel mächtiger packt als jene anderen, die nur oa»> Gefühl lenkt, das ist der Anblick der grandiosen Wechselbeziehung Zwi scheu dem Tod da unten und der Politik da oben. Schills milttarw. Aktion verpusfte nutzlos. Aber die rasende Wut. die sein und sein Offiziere Tod erregte, das Gedenken an sie in jedem preußischen herzen, war ein Faktor, den Yorck ebenso gut in Rechnung stellte, als er ow Tauroggener Konvention unterschrieb, wie der Staatskanzler h a rv e berg, der es eines Tages, alle Contenance vergessend, dem franzostM Gesandten offen ins Gesicht warf, daß man nur noch zähnekniricyen warte. Rur der liberale Dogmatiker unterscheidet zwischen „Kabinen
bunter Wirtshausschilder wächst in die Gasse, zwischen blumenge^muck- ten Fensterbrettern stehen die lieben Heiligenfiguren (3olb im Mantel, Segen in den Händen. Weikersheim hebt seine blauschiefernen Zwiebel, türme aus dem Dickicht der Weiden und Erlen. Im silbernen Schaum ällt das Tauberwasser Über den Stau. Weiß geht «n Flug Tauben über >en braunen Ziegeldächern von Creglingen aus, sollt ein anderer herab in die Erntewagen, vor die offenen Scheunen, flattert im malmenden Staub des gedroschenen Korns. Der Weg entwindet sich steil dem Städtchen führt am Berg entlang und endet vor der Mauer der Herrgottskirche. Blumen und Efeu breiten sich Über die Graber, man hort die Grillen zirpen, kleine, friedliche Geräusche eines ländlichen Nachmittags. Die Sonne steht schief und das Licht ist müde geworden. Em wenig Kühle kommt vom Tal, man zögert weiterzugehen der Friede zwischen efeuüberwucherten Kreuzen, versunkenen Leben halt dich an, du atmest Stille, Sammlung. Dann gehst du weiter, zögernd gegen den eigenen Willen angezogen von der schmalen, dunklen Deffnung in der Steinmauer. Es ist wie Ahnung, die dich warnt vor der Stille der Verlassenheit, in die du gehst, vor dem Schicksal, das in toten Meeren ruht und dein Herz fordern wird. Und während du in einer der Lanke itzt und den Blick auf den lindenholzenen Altar geheftet hast der ganz jurchfichtig erscheint, durchbrochen von mildem Licht, da erfährst du es, daß in dieser Kirche, zwischen diesen Gestalten, diesen Grabsteinen, das deutsche Leid eingewurzelt ist. Eingewurzelt, rote die Baume am Berg- Hang, die ewig in die höhe begehren und niemals ihre Wurzelfuhe ander Erde zu ziehen vermögen, sie stürben denn daran, hat dir nicht chon das Herz in der Stuppacher Kirche geklopft? Aber dort ist Warme und Gebet, dort taut Gnade über die Welt, hier ift nichts als Verlassen- beit, und wenn du betest, ist dir, als sauge das Halz von Meister Tilmans Altar Gebete, wie dürre Sommererde Regen schluckt und trinkt.
Himmelfahrt Mariens im gelben Lindenholz, doch scheint dies Wachs, so tausendfältig bossiert hat es der Meister. S)ier offenbart sich eine Kunst über alles Maß und über jede Natur. Das Holz ist zu lebender Natur zurückverwandelt worden. Maria überwindet himmelwartssteigeno den Dornenkranz irdischen Geschicks. In bitterlicher Kümmernis verweilen die Apostel. Magisch, aber trostvoll ist die heilige Frau von Stuppach, ist ganz gesättigt von den Brunnen, die ihrem Volk in der Tiefe rauschen hier bricht nicht die Uebernatur sengend wie heilige Flamme aus dem irdischen Werk, aber alles Menschenleid rührt dich an.
Du gehst weiter, du löst dich von der schmerzvollen Verklarung, sindest dich aus Grabplatten stehend von Grabsteinen umgeben. Der Fiedelmann Tod hat sie in diesen Raum gereiht, hat sie zum ewigen Schlaf gefiedelt. Die hohenlohefchen Grafen und ihre Gefponsen, ihre Marschälle, Truchsesse und Priester, sie stehen aufrecht an den Wänden, sie liegen unter deinen Fußen, ftemplattenbebectt, aber in ben Monbnächten, zwischen Mitternacht unb Hahnenkraht, sinb sie alle wieber ba. In ben Monbnächten beginnen bie Schacher unter Chris« Kreuz am Altar zu tanzen unb zu springen, ba lästert ber Imke und aufs neue brennt bie Reue ben rechten. Der Altar, von berber Hand geschnitzt, grell bemalt, offenbart ben Verfall einer Zeit, in ber der Seift Grünewalds und Riemenschneiders noch einmal das Mittelalter mit der Morgenröte der Zukunst verschmolz. Blitzhaft erblickst du den Abgrund, den deines Volkes Weg durchmaß, hier ist der Tanz ent- feffelter Sinne, ist Leugnung und blasphemische Lästerung, nichts atmet mehr Glaube und Hingabe Aus dem dürren Holz grinst Alraune, Zeugung einer entgeiftigten Zeit.
Aber da ist ein großes Fresko über die ganze rechte Chorhalste gemalt, und im Anschauen, im Sichversenken wird dein Herz ruhig un- getrost. Was du siehst, ist ein riesiger Christophorus, der, geschürzten Gewandes, mächtig watend die Flut burdjguert. Er tragt auf ben Schultern bas göttliche Sinb. Aus bem Waffer steigen bte Nixen, ba tanzt das elbische, heidnische Zauberwesen, gewillt, den Starken zur Tiefe zu tören. Angsthaft knien am Ufer Rittersmann und Rittersfrau, sie sehen zagend zu Christophorus aus. Der aber schreitet gewaltig voran. Da braust das Wasser, da strahlt der Stern, und im Herzen weißt du dir dies, wie das Kindlein auf der Schulter des Fergen, ruiji das Reich Gottes auf den Schultern des Riefen Deutschland, umtort unö umspielt vom elbischen Gaukelwerk, wildwasserumsprudelt, in sm- sterster Nacht, trägt der gewaltige Riefe sicher in sich seine gottlirt)« Sendung.
Wir waren nachher mit dieser Ausführung unserer Tat indessen sehr zusrieden. Ich sagte natürlich nicht, daß ich nur den Ohrzipfel geküßt batte3 sondern log, daß es genau die Wange war und daß ich Paula dabei richtig in den Arm genommen hatte, und hornig rechnete es mir aaru zweifellos hoch an. Paula ihrerseits trug es uns nicht nach. Sie hatte es auf das Versprechen einer ganzen Tüte Dolchen hm auch der Tante nicht erzählt und spielte wieder Mann und Frau und Baby mit uns wie vorher, und höwig wurde wieder in den Wagen gelegt und ich rauchte stolz meine Zigarren aus Ahornmark und durfte Paula UntJ)ann wurde der Herr Stationsvorsteher versetzt, und höwig und Paula verschwanden mir aus meiner kleinen Welt, und tarnen und gingen ein paar Jahre lang auch noch einige sorgfältig linierte und beschriebene Glückwunsch- und Ansichtskarten zwischen unsfernher, - es gab nun andere Gespielen, andere Freunde und schließlich auch andere hellblonde Mädchen mit blauen Augen, um die herum man ferne nun allerdings stillen und sehr heimlichen Pläne schmieden und Traume träumen konnte. Ich hörte nie mehr etwas von diesen beiden, von höwig und Paula. Ob höwig mit in den Krieg gegangen ob er zurückgekommen ist? Und Paula? Vielleicht kommen ihr diese Zeilen in die Hände und sie erinnert sich an die Eisenbahnfahrten und an die Pfarrfchule? Ob sie aber noch weiß, wer höwig war und wer ihr ben ersten, ein wenig verunglückten Kuß gegeben hat?
Herbst in Kranken.
Von Juliana von Stockhaufen, GDS.
Bleich liegt bas Land. Die Stoppeläcker fchimmern in einem fahlen Violett, grau filtert ber Tau auf ben geschnittenen Wiesen, grau-weiße Pilze stehen wie Flecken barin. Noch sind bie Wälber grün: feuchte vom Winbe unablässig in zitternbe Bewegung versetzte Laubmassen. Jetzt aber schon beginnt ihr letztes Spiel, ihr Aufflammen unb Verwehen, benn bitterlich beizt sie ber Tau unb bie Kalte ber monbtlaren Nacht.
In biefer Zeit, nachbem bie schwere Pracht bes Kornes emgeheimst, erscheinen bie Täler gleichsam tiefer, steiler bie hänge. Unb was bas weiche Fluten von Korn unb ©ras verhüllte, tritt nun zutage; kahl unb karg ist bas Laub, rauh unb berb in seinen Konturen, aber bafür von zeitloser Weite. Ueber biefe lang hinschwingenben Berge geht bas Leben ben schweren Schritt bes Ackermannes, besten Arbeit unter ewig wech- felnbem Himmel ewig wirkt.
Diese Fahrt birgt bas Abschiebnehmen von Glanz unb Hitze in sich Die Schnelle ber Bewegung verwischt bie Grenze, bie zwischen der höhe bes Jahres unb seinen Abstieg gelegt ist. Zwischen ben schmalen Gassen ber Dörfer, im flirrenben, mehligen Staub ber Scheunen, burchhammert vom Takt ber Dreschmaschinen, lastet bie Hitze. Da glitzern bie betauten Blumen, grohgesternte Helianthus, blut- unb fleischfarbene Gorgmen; unb funkelt ber Wiberschein bes Lichtes von ben bleigefaßten, gebuckelten Scheiben. Die Tauber strömt niebrig, zwischen flachen Steinen schaukeln auf ben laulichten Wellen hie trägen Enten. In ben Kartoffeläckern arbeiten bie Bauern; bas Kraut ist welk, prall gereift bie braune unb rosige Knolle. Im Winb schwelt ber Ruch bes Kartoffelfeuers, branbig streift der hauch des herbstes bie Wange. . .
Von ber letzten höhe gleitet ber Wagen hinab m bas Stabtchen, ist plötzlich inmitten breiter, stattlicher häufer, solcher von spitzgiebeliger Gotik, solcher mit steilen Renaistance-Fassaben unb ganz reicher, bte ein fdjieferblaues, französisches Dach überwellt. Messing funkelt an geschnitzten Türen, Bratenbuft weht hinter weißen Garbinen, mischt sich mit Weihrauch, ben alte Kirchen entatmen, scharf steht ber Mostdunst dazwischen. Am Markt blüht Oleander, rot und weih, am Markt perlt der Brunnen, den der steinerne Ritter hütet. Vom Markt aus springt eine Gasse auf, an ihrem Ende steigt weißes Mauerwerk, wuchten bleiche, mächtige Türme in das tiefe Blau des Himmels, und gewaltig erfaßt dich das Zeichen und Siegel der Deutfchherren, unter deren Huld und Kraft Mergentheim wuchs, sich sättigte mit dieser schweren, bürgerlichen Anmut. Mit diesem behäbigen Reichtum, der aber nicht ins Flache versandete, sondern tief im Volkstum verwurzelt blieb.
Jetzt steht der Mittag am höchsten, die rundgekuppelten Hügel, blaugrün gerippt von Weinstöcken, bieten sich dem Licht dar, geben sich ihm hin, mit einer Heftigkeit, in ber sich alles Weh unb alle Lust bes Ab- schiebs offenbart. Schon schlittert ber Winb über ihre Flanken, noch zaghaft, aber wie halb ihr roilber, rauher Gespiele.
So zwischen brennenbem Licht unb beizenber Lust, in der Stunde der zaubergewaltigen Mittagsdruden, stehst du vor Meister Grünewalds Altar, vor der weißen, zauberischen Mutter Gottes von Stuppach. Die heilige Frau ist niedergesessen in dem vom Pfahlwerk umgebenen Garten; vom Feigenbaum weht grünblauer Schatten, im Topf blüht die Lilie, denn es heißt im hohen Siebe: „Wie eine Lilie bist bu unter Barons Töchtern". Weit sällt bas glitzernbe haar über hals unb Schultern, wuchtig umwogt ber rote Brokat Schoß unb Füße. Die Frau hält ihren Knaben auf bem Arm, bietet ihm mit gebogenen Fingern ben Granatapfel. Jrn Garten ist Stille, aber über ben fahlen Gebirgen wetterleuchtet bie Gewalt bes Allmächtigen, offenbart sich bie Glorie der Himmel in Gewitterfchauern. Weiß und still ist das Gesicht ber heiligen Mutter unb boch gezeichnet von magischem Wissen; es ist bas Geheimnis ber heiligen, die mit Gott zu heilen und zu wirken begabt sind, wie die Bösen mit der Kraft der Dämonen. Der Meister, der dies schu — in welch weißer, lodernder Mittagsstunde, in welchen Sternennächten ertastete er das Zaubervollr Wann geschah es ihm, daß er davon besessen ward und in das große, blasse Gesicht der fränkischen Magd das mystische derer, die Gott erwählt hat, fjineintrug? Aus der Vereinigung, aus diesem Ineinander von deutscher Magd und Gottes Magd erwächst die Ahnung der Berufung eines Volkes zum Reiche Gottes.
Wir fahren unter fruchtschweren Bäumen, durch Wiesengebreite am weidenüberbuschten Fluß; sanft bügelt und senkt sich das Land. Golden nisten Städte und Weiler, runden sich Marktplätze inmitten fachwerkener Häuser ober solcher von Stein mit geschwungenen Treppen. Zierat


