Ausgabe 
21.9.1934
 
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Unterhaltungsbeilage 511111 Siebener Anzeiger

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Einer Schönen.

(3m Spiegel zu lefen.) Bon Eduard Mörike.

Ein artig Lob, du wirst es nicht verwehren, Obwohl gewohnt, es jeden Tag zu hören, Gern 1110(1)1 ich denn das platteDu bist schön" In lauter seinen Wendungen gestehn;

Doch wenn es mir an Worten nun gebricht, Verschmäh' ich auch ein listig Mittel nicht;

Ich weih mit wundersamer Schrift zu necken lind meine Meinung zierlich zu verstecken. Damit ich aber gleich die Ungeduld versöhne, Führ' ich mit meinem Blatt vor» Spiegelglas die Schöne, Und was kein Schmeichler imgeftraft gewagt Ihr eigen Bild hat es ihr nun gesagt.

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Höwia und Paula.

Eine Erzühlnng von Georg Graben hör st. man unter einerIugendsreundschast" eine Gemeinsamkeit

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mstehen will, die von Kindertagen, ersten Stretchen und Srhnliiuben- alcnteuern heraus, über die schwärmerischen Jahre der Primanerreise hinweg, bi» In die Sturm« und Drangperiode de» jungen Manne» hin- elirctd)l und sich womöglich, mehr ober weniger pietätvoll aujbewahrt 11 b abgewandelt, noch darüber hinaus durch die Lehr- und Wanderjahre bnoährt, wenn man den Sinn der Iugendsreundschast so well und

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Jahrgang

msassend, so althergebracht und gleichsamklassisch" begreifen will, so Ij.fcen wir, die wir von der Schulbank in den Krieg gerutscht sind, diese h,lt>e, klassische Form der Iugendsreundschast all

wenn auch nicht verheiratet war, und einen Bruder, der einen Hund besah und eine Stube voll leerer Zigarettenschachteln und In Bonn die Rechtsgelehrsamkeit llublerte. Den Namen des Hunde» habe ich ver­gessen, aber ich schwöre daraus, das, er Bier trinken und Pselse rauchen kannte und danach richtig betrunken war. Der Student machte e» un» vor, wenn er mit seinem Hunde in die Ferien kam, wir sanden es über die Mähen lustig und kornisch, und da» respektvolle Staunen unserer Spielkameraden und da» Gerede der Leute darüber gefiel un« fehr.

Höwig war ein Jahr älter al» ich, und kam also auch ein Jahr früher in die Schute, nicht in die gewöhnliche Bolk»fchule, wie wir anderen, sondern in die katholische Psarrschule, beim er war katholisch. Auch ba» war auherordentiich und bestärkte meine Zuneigung zu Ihm beträchtlich. Ich brachte ihn morgen« hin zum Unterricht und holte ihn mittag» wieder ab, wobei ich jedoch stet» draus,en auf der Straf,e Irgendwo, unter einem Apfelbaum ober an einer Gartentür, aus ihn wartete, und die Schule selbst, die an die Kirche angesügt war, niemals betrat. Höwig halle gewls, keine Feinde unter den anderen Jungen, aber auch keine Freunde, eben weil er so ganz anders war al» sie alle. Darin sand ich Anlas, genug, mich zu seinem Beschützer und Freund zu erklären, wo» er sich gern gefallen lieh.

Mit dieser katholischen Psarrschule, die In unserer sonst rein prote­stantischen Landschaft null und breit die einzige war, hing iii*' i<i> n- da» kleine Erlebnis zusammen, da» mich immer wieder einmal an Höwig erinnert, und da» die Geschichte meiner ersten Liebe, mindesten» aber die Geschichte meine» ersten Kusse« bedeutet und um dessenwülen ich wohl überhaupt hier van Höwig erzähle.

Mit ber Eisenbahn kam nämlich täglich au» einem benachbarten Dorf ein kleine» Mädchen zu un» in die Stadt gefahren, um in die Pfarr­schule zu gehen. E» 1)1 Paula und war hellblond, halte fröhlich btlhende blaue Augen, stet» eine große, Ja über gebundene rote ober weihe Schleife im Haar und war genau da», wo« man bei un» einelütte brülle Deem" nannte. Sie wurde aus ber Station Ihres Dorfes in ben Zug gefetzt und in unserer Stabt wieder herausgehoben, und ging bann mit Höwig Haub in Hand und meist eben auch mit mir al» Begleiter in die Psarrschule. Mittag» nach dem Unterricht blieb bl» zur Abfahrt de« Zuge», der sie wieder heimwärts brachte, eine gute Stunde Zelt, bie (le nach der lleberetnfunft Ihrer Eltern mH Höwig Im Hause de» Stationsvorsteher» verbrachte, wo sie, artig, fröhlich und anstellig, wie sie war, wie ein eigene» Kind geliebt und gehalten wurde Wir spielten Bersteck zusammen auf dem Hausboden, wir pflückten zusammen l)Im­beeren im Garten, mir suchten die srischgelegten Eier Im Hühnerstall, wurden mit kleinen Aufträgen in den Keller und zum Kaufmann in öle Stadt geschickt, lutschten zusammen unsereBötchen", und wenn mir Mann und Frau und Baby spielten, so mar Höwlg da» Baby und wurde In ben Wagen gelegt, und ich war glücklich und stolz ber Papa und rauchte eine Zigarre au» Ahornmark und hakte Paula ein, wie man es eben als Mann und Frau tut.

Ich vermute heute, bah es ein zusätllg belauschtes und mit ber ganzen leidenschaftlichen Neugier der Kinder beobachtete» Rendezvous de» Stu­denten und großen Bruder» mit ber wunderschönen Tochter de» Justiz- rat» war, da« uns auf ben Gebauten brachte, Paula ebenfalls zu küssen. Wir gaben un« da» Wort daraus, Paula zu lieben und sie zu hlfleit, und ba» Los sollte entschelben, wer von un» Ihr den versprochenen Kuh geben mußte. Wir zerschnitten eine alte Zeitung zu Papierstreisen, längeren und kürzeren, und zagen jeder dreimal: mich traf da» Lo», un- widerruflich, unanfechtbar, meine Papierstreifen waren die längeren, *d) Wtr^voübrachten nufere lat eine» Mittag» nach der Schule, als Paula von Höwig» Mutter den Auftrag erhielt, in den Keller zu gehen und aus dem angebrochenen Steintopf eine Schliffet voll saurer Gurken heraufzuholen. Es führte eine stelle Treppe In den Kelter, öle unter ber Haustreppe In einem gewöhnlich verschlossenen Verschlag ansetzle. Höwig nahm <il|o ben Schlüssel, schloß auf und lieh Paula »oraiigeheu. Ich olgte und während er uerabrebungegemäß hinter un» die Tür zuwarf, türzle ich aller Finsternis und allem Herzklopsen zum Trotz, getreu dem gegebenen Wort, hinter Paula her und versuchte, ihr, die bei dem Tür- Zuschlägen vielleicht schon Verdacht geschöpft hatte und zu schreien an ing, einen Kuh zu geben, was mir in ber Aufregung und bei Ihrem Wider- ftanb nicht völlig gelang, indem er statt Ihrer Lippen ober wenigsten» ihrer Wange nur ben vhrzipsel traf. Aber mir genügte da» durchaus, heim nun bekam ich doch Angst vor meinem eigenen Mute und stimmte in Paula» Geschrei mH ein, dieTür auf, TÜr auf" undLicht" und Laß da« fein, ihr seid wohl verrückt geworben" undIch fug'» der laute" schrie, und beschimpfte nun auch von nur an» Höwig, ehrlich wütend, empört und rücksichtslos, indem ich mit den Fäusten gegen bie Tür trommelte:Du bist gemein" undDu bist ein Feigling (!) und Ich verhau dich sürchterlich, wenn du nicht augenblicklich ausmachst", bi» er endlich ansfchloß und davonrannte.

nsahreu.

Wir hatten Jngeudgefpieieu, mir hatten Nachdarskinder und Schut- fi unbe, wir hatten schließlich Älaffentameroben, StonabHuricnten und lud) ber uuocrfeljenen Eaesur des Krieges, nach dieser kleinen Ewigkeit 6 lebni» und Schicksal, wohl auch wieder Konunilitoneu und Freunde, - Jugendfreunde aber hatten wir nicht. Wir sind darum betrogen mar­in i, wie um nufere Tanzstunde, die mir schließlich in genagelten 6 itiefeln, n*t) ber Ziehharmonika unb den Arm um raube und magere Krieger- bitten gelegt, im Feldlager von PoziLre» uachhollen, und menn mir bat) schon einmal von Jugendfreunden sprechen, so meinen mir jene üichbarskluder unb Schnlkameraben, mit denen mir unsere ersten Aden liier in dieser Welt des schönen Scheins bestanden, so meinen mir jene tmdgespielen, von denen uns vielleicht nur noch ein ganz verwehtes ?'lb tu ber Erinnerung haftet, irgend Io eine kleine, lang vergessene (liebe, irgend so eine kleine, lang vergessene Bosheit, von ber es lauft t ne Spur mehr gibt außer diesem fernen, frühen Dämmergrunbe te Gefühl».

Höwig, von bem Ich hier erzählen rollt, ber Sohu bes Statiousvor- liljer» in meinem Helmatftäbtchen, mar ein sehr hübscher Junge, möchte heute beuten, er war leben falls anbei'» al» meine übrigen Spiel- lutieraben, weniger laut und breifi, feiner, empslnblicher, er hatte braune tilgen unb rote Backen rote ein Mäbchen, er trug bao lange dunkle frar Im Pony-Schnitt, unb anstatt in Manchester- unb Kieler Blusen, n>» wir anderen, ging er in dunkelgrünen ober schwarzen Samtanzügen Wb großen weißen, gestreiften Umlege fragen mit rotseibenen Schlei en. Ü., ich erinnere mich mit befonberer Deutlichkeit der spitzen gelben : iefel, die er trug, bie nicht wie bie unseren, gehörig derb unb sest, aus Hmbteber ober Boreals beim Schuhmacher Hasselbrlnk bestellt mm den, «idem bie au» ganz welchem Leder waren, bl» oben hin wie Mabcheu- <!mhe geschnürt werden mußten, unb bie seine große Schwester Malte, 11 schau verheiratet war, sogar au» England schicken ließ

Au Höwig und um Höwig herum war eben alles anders, als es «ist unter uns Jungen bie Regel mar. Seine Ettern hatten beide schon |U»ergraue» Haar, wie es sonst eben nur Großeltern halten. Die Mutti r ®-ir eine zarte, zierliche Frau mH großen, blaßblauen Augen und einer nen, unendlich liebevollen unb gütigen Stimme, wenn sie zu UN» rarf). Der Vater bagegen, ehrfurchtgebietend, groß und breit, n ilner fatgunlform mit der roten Mütze und dem buschigwelßeu Bollbart, ah «"« wie ber alte Kaiser Wilhelm, von bem er einmal eine golbene i m Ifm Geschenk erhalten hatte, bie er un» iuuuer wieder zeigen mußte, u,ib daraus mir da» kunstvoll eingravierte kaiserliche Wappen nicht ge M bemmibern konnten Außer Malle halte Höwig, der eigentlich gar M Höwig, sondern Robert hieß, unb nur Höwig genannt 'Ede, weil " sich selbst mit seinem ersten Selbstverständuls so bezeichne hatte, ll6er der englischen Malte halle er noch eine Schwester, die ibenso g ß,