Ausgabe 
20.8.1934
 
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engagierten. Jeder nahm seine Dame und einige auch die der andern, aber alle Leute traten vor und drehten und schwangen sich hin und her, nur allein Mamsell Broström nicht, die an der Wand saß und aus Friedrich Sandberg wartete. . , , m

Die Gymnasiasten saßen droben auf der Galerie bei der Musik und sahen von da Mamsell Broström im roten Tüllgewand an der einen Langwand sitzen, damit der, den sie erwartete, sie auch leicht entdecken

Die Gemahlin des Landeshauptmanns sah durch ihre Lorgnette und fragte, wer denn dort so geputzt und groß mitten auf der Lang­seite des Saales sitze. Die chüttenbefitzerstöchter rümpften die Nase über sie, die adeligen Fräulein fragten, wie denn eine folche Person hier aus den Jahrmarktsball habe kommen können; aber Mamsell Brostrom blieb immerfort in einsamer Größe auf ihrem Platze sitzen. Friedrich Sandberg zeigte sich nicht, und kein anderer Herr sah nach ihr hin.

Dann kam das Abendessen, und danach wurde wieder getanzt; dann brachen die vornehmen Familien allmählich auf, die Herren fingen an, etwas erhitzt auszusehen, abe'r Mamsell Broström sah noch immer auf demselben Platz.

Schließlich kam aber doch der Gerber Gründer zu ihr hin und forderte sie zu einer Polka auf.

Es ist wahrhaftig Zeit", sagte Mamsell Broström.

Und das sagte sie so laut, daß man es im ganzen Saale hörte, und dieser Ausspruch wurde in ganz Värmland zu einem geflügelten Wort.

Der Gerber hatte die ganze Zeit beim Kartenspiel in den kleinen Zimmern gesessen und keine andere Absicht gehabt, als nun auch ein Tänzchen zu machen; und da er sonst keine Dame sah, die frei gewesen wäre, merkte er nicht, in welcher Gemütsstimmung Mamsell Bro­ström war.

Als sie nun aufstand, um sich in das Gewimmel der Tanzenden zu stürzen, wollte sich der Gerber höflich und verbindlich zeigen, und so fragte er:

Sollen wir vorwärts oder rückwärts tanzen, Mamsell Broström?"

Das ist mir einerlei, wenn es nur losgeht", erwiderte Mamsell Broström.

Auch dies sagte sie so laut, daß man es im ganzen Saale hörte, und auch dies wurde zu einem geflügelten Wort in Värmland.

Am Tags nach dem Jahrmarktsball wurde Friedrich Sandberg aufs neue vor die Gymnasiasten geladen. Er wurde mit dem gestärkten Herrnhemd, mit Kragen und Busenstreis, Halsbinde und seidener Weste, grauen Beinkleidern mit Sprungriemen, blauem Frack mit blanken Knöpfen und Lacklederschuhen bekleidet. Seine Haare wurden gekräuselt und toupiert, ihm Handschuhe und Spazierstock in die Hand gegeben und obendrein ein hoher Zylinderhut mit geschweiftem Rand aufgesetzt. Alsdann wurde er noch einmal zu Mamsell Broström geschickt.

Als er bei ihr in die Bodenkammer trat, stand sie wie bei seinem ersten Besuch vor dem Ofen und buk Hippen. Diesmal trug sie kein rotes Tüllgewand, sondern stand in Mieder und Unterrock da wie zu­vor, und der Schuljunge dachte, er habe noch niemals solche Hände und Füße, solche Arme und Beine, so ein bärbeißiges Gesicht, so borstiges Haar und so eine gewaltige, kraftstrotzende Gestalt gesehen.

Die Worte wollten ihm im Halse steckenbleiben, aber drei der aller- gefährlichsten Gymnasiasten standen horchend vor der Tür, und Friedrich Sandberg wußte, was das bedeutete, bei der Obrigkeit in Ungnade zu fallen.

Ich möchte mich untertänigst erkundigen, ob Mamsell Broström gestern auf dem Jahrmarktsballe vergnügt gewesen ist", sagte Friedrich Sandberg, indem er sich verbeugte.

Mehr gibt es nicht zu berichten, denn wie Friedrich Sandberg aus der Stube hinaus, durch den Bodenraum, die Treppe hinunter und auf die Straße kam, das wußte er selbst nicht, und genau so erging es auch den Gymnasiasten, die vor der Tür aus der Lauer gestanden hatten. Auch sie wußten nicht, wer ihnen die Treppe hinunter geholfen hatte. Aber es war recht gut, daß sie dabei waren, da war Friedrich doch nicht allein bei der Bewirtung. Sie reichte reichlich hin für ihn und für die andern.

Deutschland, Land der Ferne und des Wanderns.

Bon Dr. Georg Böse.

Schlägt feelisches Erbteil aus den Zeiten der Völkerwanderung immer wieder durch, hat der fchickfalsfchwers Boden dieses Landes, über das die Stämme von allen Himmelsrichtungen gezogen kamen, den Geist der Unruhe in sich aufgesogen, der das Herz Europas viele Jahrhunderte durchzittert hat, um ihn in dem tiefen Wandertrieb und der unstillbaren Fernensehnsucht des Volkes bis' auf unsere Gegenwart hell aufleuchten zu lassen? Die deutsche Geschichte hat schwer an diesem Vermächtnis zu tragen gehabt, es hat ihr aber auch die große Weite ihrer Sendung geschenkt und ihre Männer kühn nach den Sternen greifen lassen, wo die Aufgaben in den engeren Bezirken der Heimat sichereren Gewinn versprochen hätten. Wieviele kostbare Opfer die Jtalienzüge der deutschen Kaiser auch gefordert haben und wie tragisch ihre Folgen auch für den inneren Bestand des Reiches gewesen fein mögen, sie haben die Geltung der deutschen Kultur in der Welt vollends begründet und den Blick für fremdes Land und fremde Völker geschärft. Die Kreuzzüge haben der Sehnsucht nach der Ferne, besonders Nach der bunten Fremdheit des europäischen Südens und des Orients, neue Nahrung gegeben, und auch die Handelsfahrten der deutschen Kaufherren über die Alpen, bis nach Flandern, zum fkandinavifchen Norden und bis weit nach Nifchni Now­gorod haben ebenso wie die im Herbst des Mittelalters mit der ein­fetzenden Blüte der Universitäten aufkommenden Scholarenfahrten der Wanderlust starke Antriebe gegeben. Ader der Blick brauchte gar nicht erst jenseits der Grenzen zu schweifen; das alte Deutsche Reich war unermeßlich genug, seine Landschaft reich und wechselvoll und seine politische Karte schon bald so buntscheckig, daß schönheitsdurstige und unruhvolle Wanderer und Abenteurer auch im Innern ein weites Feld

fanden. Das deutsche Mittelalter bot keineswegs, wie es einige übe» holte Geschichtsdarstellungen weisinachen wollten, das Bild eines geniif (amen, ja bequemen Bauern- und Bürgerlebetzs, das sich selbstgeföll, hinter seinen schützenden Pfählen einrichtete, ohne mit der Welt kj draußen in Verbindung zu stehen. Zwischen den Städten und Semei*, den wogte die bunte Fülle der wandernden Heerscharen von Kriegen und Geistlichen, von Gauklern und Sängern, von bildungsbeslisser» Scholaren und streitbaren Rittern. Sie alle waren die Sendboten btJ großen Weltgeschehens und brachten einen Abglanz der Fremde mit af das Schloß, in das Refektorium des Klosters, in das Haus des Bürgin und unter die Dorflinde der kleinen Bauerngemeinde. Als Nachricht!», bringet, als phantasievolle Erzählet, fahrende Sänget und Possenreißr waten sie überall willkommene Gäste; aber die weltlichen und geistlich,, Behörden beobachteten ihr bewegtes Treiben, das nicht selten in tolle, Streichen und Zügellosigkeiten ausartete, mit wachsendem Mißtrau! r Zahllose Warnungen und Verbote wurden gegen die Fahrenden gerichj tef, die man denUnehrlichen" zuzuzählen begann. Noch bis iri 18. Jahrhundert hinein waren sie und ihre Nachkommen vom Gintrit in die Zünfte ausgeschlossen; sie selber aber wappneten sich gegen biet öffentliche Mißachtung mit einer tüchtigen Portion Gleichgültigkeit I stelltenihre Sach' auf nichts" und bezeichneten sich selbst alsmel: nach irdischer Begier als gen Himmel lugend". An der Bewegung kräftig«! Lebensbejahung und der Hinlenkung des Menschen auf die Natur url die Freuden des Diesseits, die feit dem 11. Jahrhundert gegen dri asketische Weltanschauung des Mittelalters entstanden, haben sie einet großen Anteil. Und der alte Handwerksbrauch des Gesellenwandem, darf hier nicht vergessen werden; er hat die Sitte des Wanderns geradeuj als ftandesmäßige Verpflichtung bis auf unsere Tage erhalten und letl z. B. noch bei den Zimmergesellen fort, denen wir in ihrer romantische! Tracht auf den Straßen aller deutschen Städte begegnen können.

Mit Recht dürfen wir diese Herrscher der Landstraße und Seni- boten der Fremde als die Ahnen unseres Wandervogels anseh«; Wanderlust und Natursreude fanden in ihrer Poesie und in ihre! Liedern einen allerdings häufig recht unbeholfenen und derben 2Iu* druck. Wenn dem Deutschen dieses Erbe schon von seiner geschichtliche: L^rgangenheit her mitgegeben ist, so muß ihm die Wcmdersehnsull doch noch viel tiefer im Blut stecken, denn auch andere Völker tönnei auf eine ähnliche geschichtliche lleberiieferung zurückblicken. Den 2tng.r- hörigen der meisten Nationen erscheint es fremdartig ober gerade;! unverständlich, wenn der Deutsche in feiner freien Zeit, vielleicht uw mittelbar nach den Anstrengungen des Berufes, mit dem Rucksack auf! Land hinauszieht ober gar einsam viele Stunben durch Täler und übst Höhen schweift, anstatt in feinen vier Wänden gemächlich auszuruh« und auf diese Weise neue Kräste für die kommenden Werktage sammeln. So verrät der Südländer wir brauchen nur an den Jis liener zu denken für diesestätige Verhältnis" zur Natur wem? Sinn. Der Engländer wiederum, der gewiß kein bequemer Mensch i:t und der mit der ihm eigenen Mischung von Gelassenheit und Verbissen heil, die seinen Spleen ausmacht, vor keinen Schwierigkeiten und Ge­fahren zurückschreckt, hat nicht das rechte Verständnis für das deuW Naturgefühl und für feinen damit eng zusammenhängenden Wandm- brang; ihn dünkt die deutsche Art leicht als romantisch verträumt obs zu gedankenvoll, als ginge ein Volk von Naturphilosophen und Märchen- prinzen auf bie Berge ober an bas Gestalte ber Meere, um bort mit Herz unb Verstaub über bie ewigen Fragen von Gott, Mensch um) Natur nachzugrübeln. Einen Kern Wahrheit wirb jeber in biefer An­sicht entdecken, ber bie Geschichte ber deutschen Jugendbewegung, ins­besondere des Wandervogels, mit ihren geistigen Auseinandersetzung! i kennt. Zwischen tätiger Naturerfassung, wie sie nur dem Wandern zuteil wird, und dem beschaulichen Versunkensein in dasgeheimnisvoll! Buch" der Natur, wie Goethe es Faust aussprechen läßt, ist den Wandern dem Deutschen eine innere Notwendigkeit, bie roeber mit bem Begriff sportlicher Ertüchtigung noch mit dem des Ausruhens und bei: Erholung gekennzeichnet werden kann.

Es ist deshalb kein Zufall, daß wir bas Wanbern im beutfdjen ßiti unb in der deutschen Dichtung in so reichem Maße besungen unb gebeult:: finben. Goethe ruft imEgmont" aus:Frisch hinaus, ba wo wir hi® gehören. Ins Felb, wo aus ber Erde dampfend jede nächste WolM der Natur unb burch ben Himmel wehenb alle Segen ber Gestirne um umwittern, wo wir. bem erbgeborenen Riesen gleich, von ber Berührung unserer Mütter kräftiger uns in bie Höhe reißen; wo wir die Menlch- heit ganz und menschliche Begier in allen Adern fühlen:" Und inWil­helm Meisters Wanderjahren" heißt es so schön:

Bleibe nicht am Boden haften Frisch gewagt und frisch hinaus! Kopf unb Arm mit heitern Kräften, Ueberall sinb sie zu Haus.

Wo wir uns ber Sonne freuen, Sinb wir jebe Sorge los;

Daß wir uns in ihr zerstreuen, Darum ist bie Welt so groß!"

In ber Volksbichtung war immer vom Wanbern, von Wanberlust unH Adschiebsschmerz, vom kühlen Trunk unb von ben Mäbchen gejungt worben. Der Quell ber Poesie von Vaganten, Scholaren, Hanbwerk-^ burschen unb sahrenben Sängern war nie versiegt; wir hören ihn no® heute in ben Wanderliedern zauberhaft unb unvergänglich fpTubelm mehr in buntlen wehmutsvollen Melodien^ als in überschäumender Lum Wenn auch schon K l o p st o ck unb bie Sänger bes Hains bie Sdjon? heiten ber Natur begeistert gepriesen hatten, so entbeckte boch erst bw Dichtkunst ber Romantik ben ganzen Reiz ber beutschen Lanbschaft uw bie Lust am Wanbern roieber, unb ihre Dichter waren selber Wanderen bie mit offenen Augen unb kräftigen Schritten bie beutschen Gaue burdir streiften unb neben ben eigenen Versen manche kostbare Beute aus dem Lieberschatz bes Volkes mit nach Hause brachten. Unter ihnen aber perbient wohl keiner so sehr ben Ruhmestitel eines Wanderbichters nW Josef von Eichenborff, dessen erste Abteilung seiner gesammelten-