Auto ihre
Grün ver- des wilden
Die Bärin.
Eine Geschichte aus Siebenbürgen.
Von Otto A l s ch e r - Orsova.
Unten, in den Tälern, ist der Buschwald von schwerem schlossen, Hagedorn und Wildapfel verblüht, selbst der Duft Flieders in den Kalkfelsen beginnt zu vergehen, doch die höchsten Gipfel der Süd-Karpathen glitzern noch weiß in den blauen Himmel. Etwas
Gedichte bezeichnenderweise die Ueberschrist „Wanderlieder" trägt. Im Wandern erlebte dieser Poet wie schon Goethe den Rhythmus der Weltbewegung nach und er erfüllte die ganze Natur um sich mit den Stimmen der Menschen, Ranzen und Wanderstecken werden im Reiche der Musen heimisch, und mit der Wiederentdeckung der deutschen Vergangenheit springt auch der Quell der landschaftlichen Schönheiten neu und beglückend auf. Wandergeist lebt in den Liedern von Justinus Kerner, von U h l a n d und von Wilhelm Müller. In seinen „Runenblättern" verkündet Friedrich Ludwig Jahn: „Wandern, Zusammenwandern erweckt schlummernde Tugenden, Mitgefühl, Teilnahme, Gemeingeist und Menschenliebe. Steigende Vervollkommnung, Trieb nach Verbesserung gehen daraus hervor und die edle Betriebsamkeit, das auswärts gesehene Gut in die Heimat zu verpflanzen. Die Wanderschaft ist die Bienen- sahrt nach dem Honigtau des Erdenlebens." Seit diesen Tagen sinden wir die Gestalt des Wanderers als Verkörperung deutschen Wesens immer wieder dargestellt, und die Eroberung der deutschen Heimat mit Rucksack und Wanderstab ist weiter vorgeschritten, ohne daß die gewaltigen Neuerungen der Technik, ohne daß Eisenbahn und " Erfolge schmälern konnten.
tiefer singen in den sturmverrenkten Buchenwipfeln die Ring-Amfeln. Doch auch hier, auf den Hochwiesen, liegen in den Schluchten der Nordhange noch Schneewehen. Und dreht der Wind einmal jäh nach Nordost herum, wirbelt dichtes Schneegestöber über die kahlen Grate hinweg, in den Wald hinab.
Aus den Hochwiesen tönen die tiefen Glocken der Schafherden. Die rumänischen Berghirten, in langen Schaspelzen, die Axt im Arm, begleiten die Herden. Und die großen, weißen, zottigen Hunde fahren oft mit wütendem Gebell in den Wald hinein, wenn ihnen die nahe Witterung des Wolfes entgegenschlägt. Doch der Wolf ist nicht der gefährlichste Feind in diesen Bergen...
Grauweiß dringt es aus der Nacht zwischen den Stürmen hervor, füllt den Lichtkreis des Feuers vor dem halbseitigen Dach der Hirtenhütte mit milchiger Helle und sprüht eisiges Naß nieder. So dicht ist der Nebel, daß sich die weihen Wollrücken der Schafe im Pferch kaum aus der Finsternis lösen.
Aus den nachtverschlossenen Wipfeln klatschen große Tropfen nieder, Aeste knarren im Sturm, eine Eule ruft und vom Winde zerrissen steigt dünn das Geheul eines Wolfes auf. Dann knurren die Hunde, die fich irgendwo verkrochen haben, einer blafft kurz und ärgerlich auf, doch nach einer Weile ist wieder nur das eintönige Brausen des Sturmes, das Aechzen der Wipfel hörbar.
Anfangs hatte sich hin und wieder einer der beiden Hirten erhoben, die brennenden Holzklötze über dem Gluthaufen des Feuers zufammen- S-schoben, eine Weile in die Nacht gelauscht um dann wieder weiierzu- hlafen. Dann aber sank das Feuer immer mehr zusammen, nur selten noch riß der Wind ein blaues Flämmchen hoch und die Finsternis rückte enger über Hütte und Pferch. —
Im verschlossenen Grau der Nebelmauer zwischen den Stämmen wuchs ein Schatten. Reglos ragt er auf, gleich dem Stumpf eines verkohlten Stammes, nur schmäler... Und jetzt ist er einige Schritte vorgerückt.
Die Nacht ist finster, bis auf einen Stamm, der rötlich glänzt. Der herantreibende Nebel führt den Geruch von Rauch mit sich und von vielen Tieren und Menschen.
Der reglose Schatten beginnt sich zu bewegen, wird zum langgestreckten Leib einer Bärin. Gierig zieht sie die Witterung der Schafe ein, schüttelt aber dann mißtrauisch den Kops, denn die Anwesenheit der Hunde, der Menschen stört sie. Zwar nimmt sie wahr, daß sie schlafen, aber sie traut ihnen dennoch nicht.
Die Bärin ist hungrig. Zwei Junge in der Hohle zwischen den Felsen zehren an ihr.
Lange, lange lauert die Bärin. Sie ist langsam naher geruckt. In Sprungweite vor der Hürde verhasst sie nochmals, sie hat festgestellt, wo die einzelnen Hunde sich verkrochen haben, hat sich von der Arglosigkeit der schlafenden Hirten überzeugt. Da rührt sich plötzlich einer der nahen Hunde, ein Windwirbel hat ihm die Nähe einer unbestimmten Gefahr zugetragen, er knurrt, hört im gleichen Augenblick ein zorniges Schnauben, zwei jähe Sprünge, dann kracht das trockene Reisig der Hürde, und in das heulende Anschlägen der Hunde mischt sich das wütende Gebrumm des Räubers, das Poltern der erschreckt auseinander- fahrenden Schafe. Noch bevor die Hunde die Bärin angreifen können, erf?; int sie wieder, ein Schaf im Fang außerhalb des Pferches, ein Prankenhieb schleudert einen Hund zur Seite, tobend folgt bie Meute der mit mächtigen Sätzen Entfliehenden. Doch einen nächtlichen Kampf im Walde, ohne die Nähe ihrer Herren wagen sie nicht. —
Die Hirten sind verzweifelt. Immer wieder kam die Bärin tötete ein, zwei Schafe, schleppte sie davon, ohne Furcht vor den H^chben, trotz der wachenden Hirten. Vergeblich saßen die Hirten die ganze Nach- mit der Axt im Arm beim Feuer, um den Räuber mit brennenden Acsien zu empfangen. Er kam nicht, auch nicht in den regenschweren, finsteren Nächten. Nur bann, wenn sie es am wenigsten vermuteten, gegen Morgen, wenn schon ber Uhu ben Tag verkündet.
Els Schafe hatte der Bär schon geraubt, zwei Hunde zu Schanden geschlagen, als die Hirten endlich den Forstwart im Tal verständigten, daß ein Schad-Bär da sei, der abgeschossen werden müsse. Und der Forstwart, der schon manchen Bären erlegt, kam, nachdem er die Erlaubnis zum Abschießen des Bären eingeholt hatte. —
Die Bärin kam im langen Trabe aus der Schlucht heraus. Als sie schon den Rauch des Hirtenfeuers witterte, ging ihr Lauf in ein tastendes Schleichen über. Der scharfe Geruch der Schafe, die Witterung der wenigen verängstigten Hunde war wie immer. Auch die Witterung der Hirten drang zu ihr herüber. Aber hier hörte sie etwas. Das waren nicht zwei verschiedene WUterungen, noch eine war dazugekommen, von einem dritten Menschen.
Geduckt hinter Büschen und Bäumen, geräuschlos wie ein Schatten^ glitt sie näher. -Dann sicherte und windete sie minutenlang.
... Ja, es war ein Fremder dazugekommen. Mit der Witterung der anderen vermischt, vom Rauch des Feuers durchsetzt, ließ sich der Geruch des einzelnen nicht deutlich erfassen. Und doch mußte sie wissen, ob dieser Feind gefährlicher war, als die anderen.
Beunruhigt fchüttelte die Bärin den Kopf. Alle Gier nach der nahen, gewohnten Beute war vergangen, nur Argwohn beherrschte sie, weshalb sich die Feinde wohl vermehrt hatten.
Die Bärin hatte sich auf ihre Keulen niedergelassen und saß wartend da, auf irgendeine Veränderung harrend, die ihr Gewißheit bringen könne.
Lange geschah nichts. Dann aber fing ihr Gehör ein Räkeln in ber Hütte auf, Zweige würben geknickt, ber Rauch des Feuers wurde dichter, es flammte auf und begann hell zu brennen. Zugleich kam für einen Augenblick deutlicher die Witterung des Fremden herüber. Die Bärin schnaubte zornig. Nun wußte sie, daß der neue Feind nicht so arglos war wie die anderen.
Sie hätte sich davonmachen sollen. Aber sie war wütend, daß ihr jemand die nahe Beute verwehren wollte. Den Angriff jedoch, mit dem Feind zwischen sich und der Schafherde, durfte sie nicht wagen. Von einer bestimmten Absicht ersaßt, begann sie einen Bogen um Pferch und Hirtenlager zu schlagen. Kaum kam sie den Hunden unter den Wind, als diese schon mit rasendem Gebell auffuhren und wie eine Mauer, zur Abwehr bereit, vor dem Pferch Aufstellung nahmen.
Nur einen Augenblick hielt die Bärin vor den Hunden, dann setzte sie ihren Weg fort, um im weiten Kreis das Hirtenlager wieder unter Wind zu bekommen.
Die Hunde kläfften noch immer aufgeregt nach der Richtung hin, wo sie die Bärin gespürt hatten. Einer der Männer hatte sich den Hunden zugesellt und suchte mit den Blicken die Nacht zu durchdringen. Nun kam er wieder zur Hütte zurück und, von der frischen, reinen Nachtluft getragen, fing die Bärin voll die Witterung dieses Mannes auf.
Scheu drückte fich die Bärin in die Nacht zurück. Das war die gleiche Witterung, die ihr einst als Jungtier entgegengeschlagen, als sie an einem Spätherbsttag, durch Lärm und Hundegekläff aufgeschreckt, durch den Wald geflüchtet war. Jäh hatte sie einen Menschen vor sich eräugt, blitzschnell warf sie sich in eine Hecke, ein scharfer Knall, ein dumpfer Stoß, und durch einen brennenden Schmerz in ihrer linken Keule war sie fast gelähmt. Lange hatte sie damals mit der Wunde in ihrer Höhle gelegen.
Die Bärin beschleunigte ihre Flucht. Bald war der Schein des Feuers, jeder Laut der Hunde hinter ihr versunken. Sie näherte sich nie mehr dem Hirtenlager, sie war vergrämt für immer.
Katarina kann sich nicht entscheiden.
Roman von Viktor von Kohlenegg.
Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H., Berlin.
IFortfetzung.l
Ladewig kam noch einmal nachsehn und sträubte den kurzen Seehundsbart. „Also, wenn ich raten darf: Mal weiter weg! AegyptenI" trompete er. „Den ganzen alten Adam überholen lassenI"
„Keine Zeit dazu."
„Wenn ich Sie wäre, lieber Herr Professor, nach Ihrer Lebensleistung, ich gestatte mir eine Jacht im Mittelmeer, ein weißes Chateau an der Adria und dazwischen eben Aegypten."
„Habe weniger weitläufige Ansprüche, Doktor. Ich habe noch nicht darüber nachgedacht."
„Die Gedanken macht sich immer bloß ber auf der Minusseite. Also denken Sie über Aegypten nach! Die Stimmung scheint nicht rosarot zu sein?"
„Ich fühle mich sehr munter, Doktor! Ausgezeichnet!" Er brachte den kleinen, runden Sanitätsrat an die breite Treppe. Er ging flott und ausrecht, stark und stattlich. Brauchte nicht mehr zu kommen, der rauhe, tüchtige Ladewig! Hatte, eine Art, einem unversehens den dicken Zeigefinger gegen den muckernden Zahn zu stoßen, die einen in Harnisch brachte.
Louis hatte plötzlich bas Bedürfnis, ein paar Schritte zu laufen. „Klüter!" rief er mit starker Stimme die Treppe hinab, als ber Doktor draußen war. „Meinen Mantel! Möchte ausgehn."
„Es ist rauh."
„Weiß ich. Dann sagen Sie Finke, er solle sich zu vier fertigmachen! Ich will Fräulein Till vom Büro abholen. Und dann — ja Klüter: Ein paar Theaterkarten heute abend!" fiel ihm ein. Till hatte gestern begehrlich mit den Nasenflügeln geschnuppert: Dieser Schauspieler Soundso sollte wieder sehr hervorragend sein. Konnte man mal machen! Louis war in brillanter, unternehmender Laune, trotz dem Krakeeler Ladewig; hatte Lust, den ritterlichen Onko zu spielen. Er fühlte Gesundheit und federnde Kraft in sich — ein neues Glücksgefühl. Bloß vor romantischen Marmorbänken würde er sich fein Lebtag zu hüten wissen ... Ein Mann von Lebensleistung, wie der Seelöwe Ladewig sagte. Er hatte sich in seinem Leben immer durchgesetzt, war ein Mann von hohen Graden — erfolgreich in jedem Betracht. Gewiß kein Mann der himmelblauen Lebensgläubigkeit — kein eitler Narr! Er hatte schließlich etliche Jahrzehnte Menschenerfahrung ... Er wollte ihr Blumen schicken und einen Gruß. Hatte oft schon daran gedacht ... „Was ist los, Klüter?" fragte er ärgerlich.


