„Glänzend, Dagobert! Und Ihnen?" , ..
Er lächelte; er wiegte das Köpfchen, vergaß die Wett, sprach weich und fröhlich, benahm sich wie ein durchsichtiger Tischlergeselle und bekam rote Obren. „Ja, ich komme furchtbar gern ein bißchen. Ganz famos, Barby! — Diez? Ja, er ist auch hier. Ich weiß nicht... Ob du rntt- kommen willst?" fragte Dagobert rauh. „Barby — ? Smd Sie noch da?... Oh, famos! Hören Sie, Barby: Er wird so gnädig fern. Natürlich kommt er mit. Also: aus ein Stündchen! Freu' mich riesig, Barby! Freu' mich... Wiedersehn, Barby! Wieder--"
.Dagobert —I" mahnte Diez sanft.
Was willst du denn? Ekelhafter Kerl! Zwei so nette deutsche Mädchen— frisch und gesund ... Auch Till — du Nashorn!"
„Eben, eben." m ., .
„Wir fahren gleich los, mein guter Diezemann. Mach dich nett unö sauber wie sich's gehört! Reinen Kragen um und anständigen Schlips unters' Kinn, mein lieber Junge!" Dagobert ging in feine Kammer, rumorte und fang. Eine entsetzliche Stimme.
XIV.
Zuweilen trat Katarina am Tulpenweg ein. Drüben im Haus wurde gehämmert und tapeziert; Maurer gingen, langsam wiegenden Schritts, mit einer Molle Kalk ober Steinen zwischen Hofwinkel und Haus, indes Lina Klüter behaglich Schoten pellte. ,
Hier wurde Ernst gemacht mit der Zukunft! erkannte Katarina und wurde selbst ernst, als rückten ihr die Dinge mit einemmal beängstigend nahe auf den Leib. Ach, kuckt nicht so frech, ihr dummen Männer! dachte Katarina gereizt. Ihr, mit euerm bißchen Hämmern und KalkschmiereM Ich habe mehr und leidenschaftlicher gearbeitet — nie zufrieden! Ich würde es rasend gern weitertun, wißt ihr...
Danach schlenderte Katarina allein durch den Garten. Hier war sie sicher und glücklich, hier fiel fast alles von ihr ab, wuchs das Leben hell und blank in die Zukunft. Sie ging in das Gewächshaus hinab, wo Glänzels faltiger Hosenboden traurige Gesichter schnitt. Ziska Glanzel trat schüchtern und beglückt auf sie zu und brachte ihr Blumen, als habe sie gewartet. Ach, in der brannte auch etwas, das nie zur Ruhe kommen wollte: ein Hunger — ein sehr simpler, wilder Heißhunger vermutlich ...
Daheim räumte Katarina in Schränken und Schüben aus; man mutzte etwas tun — wenn man nicht plötzlich mit fanatischer Lust und heißem Willen im verschwiegnen Studio übte. Sie räumte auch in ihrem Schreibtisch und in der großen Briefschatulle auf; Himmel — was lag da alles! „Ins Feuer damit! Ich werde todkrank, wenn ich in alten .Schätzen' krame. Staub, Staub, Moder."
Doch da waren Lus kurze, humorvolle Briefe; die wurden sorglich geordnet. Sie streckte die Beine aus und steckte sich genußsüchtig eine Zigarettss an. Sie sprach in Gedanken auch zu den Briefen auf ihrem Schoß: „Natürlich vermisse ich dich, Lu! Ich war immer eine Frau von Fleisch und Blut. Immer sehr ordentlich. Aber bestimmt keine Sägemehl- puppe. Du solltest hier fein, Lu! Ober ich bei bir! Wenn bu zu jeher Stunbe erreichbar unb zur Verfügung bist — das überzeugt. Deine Abwesenheit macht manchmal — haargenau gesagt —: ein bißchen problematisch ober schwieriger, was man sich leichter gebucht unb gewiß auch leicht unb beglüdenb erlebt hat. Da ist zum Beispiel bas mit Manfred Spille und feinen großen Plänen. Du wirft bas verstehn? Man sitzt hier, läuft herum, tut taufenb Dinge unb buch nichts. Ein Mann, ben man liebhat, nicht wahr, mutz wirklich fein, muß bafein!"
Sie spielte mit ben Briesen, häufelte sie neu, mischte sie mieber willkürlich burdjeinanber unb buchte für sich, uls gehe bas mehr sie an als Lu: Ohne Zweifel, ber Gebanke einer unwiberruflidjen Trennung bis zur Hochzeit war von ihr ausgegangen, Lu hatte ihm zugestimmt. Es war von beiben Seiten aus hochnoblem Grund geschehen. Aber es war auch [o etwas wie — ehrlich, Katarina, ganz ehrlich, mein süßes Kinb! —so etwas wie ein geheimes Verlangen nach Freiheit barin gewesen: nach einer — wie sag' ich's ganz richtig? — vielleicht noch aufschiebenden Flucht aus allem biefen Neuen, Ungewohnten, bas eigne Leben Be- zwingenben unb Aufschluckenben ... Ein Fluchtwunsch, wie —? Eine Flucht... Ein bißchen schwierig bas. Es blieb besser im Dämmerschein der chaotischen Gefühle.
XV.
Cs gibt besonders scharfsinnige Leute, die dem Zufall in einem höheren Sinn bas Daseinsrecht verbieten. „Es gibt", sagen sie streng, „bloß eine pfiffige Komöbie ober listige Tragöbie bes heimlichen Bewußtseins. .Zufall' — alles äußere Geschehen unb Erleben ist bloß Mittel ober Vorwanb zur Erreichung geheimer Wünsche ober zur Flucht vor etwas Unerwünschtem!" sagen bie gescheiten Tiefenforscher im Schein ihrer Grubenlampe, womit sie bem harmlosen unb alltäglichen Zufall als Gelegenheitsmacher, wie einem schlauen Sdjwinbel, bas Genick abdrehen
Katarina war kein weises unb gelehrtes Huhn. Sie war eine sehr menschliche Frau, bie bloß aus eigne Faust mal aus ber bunklen Brunnenstube bes Geschehens Ahnungen unb Vermutungen fischte: Es ist alles Bestimmung...
Eines Morgens kam Katarina ziemlich spät zum Vorschein. Sie hatte wieber in ihren Sachen gekramt. Sie war streitsüchtig, was sonst nicht ihre Art war. Das muß sofort geänbert werben! brütete sie über ihrer heißen Tasse. Es gab keinen befonberen Grunb zu schlimmer Laune.
Katarina löffelte mit Erquickung eine Apfelsine unb schielte auf bie Briese hinüber Die Mama hatte bie Post schon georbnet; bas war eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Es lagen zwei sauber geschichtete Häufchen ba, also auch Privatbriefe Die nahm Katarina gern unb neugierig in bie Hand: Briefe von Verehrern unb Verehrerinnen, bie beinahe Liebesbriefe waren. Da schien auch ein neuer, bitter Brief von Kittel zu liegen, wahrscheinlich voll gebrückter unb bebilberter Nachrichten aus ber Welt bes Tanzes, bie sie entzünben sollten; Kittel interessierte jetzt
nicht. Auf diesem zweiten Päckchen lag ein langer, schmaler Brief in starkem blauem Umschlag, mit schwarzem Reliefaufdruck oben links in ber Ecke; ein Hotelumschlag, wie es schien. Die Abresse zeigte eine elegante, feste Herrenschrift.
„Von wem ist der Brief?" fragte ine Mama.
„Weiß nicht."
„Aus Hamburg, Atlantic-Hotel, las ich — darunter handschriftlich eine Zimmernummer, sonst nichts. Amerikanisch, wie?"
Fragen, die Katarina grundsätzlich überhörte. Sie sah hinüber. Aber ihr Blick war langsam erwacht. Sie mußte aus unerfindlichem Grund zwischen zwei Atemzügen an jemand denken. Konnte es das wirklich geben? Sie glaubte es nicht, wehrte sich dagegen. Aber die Tatsache da drüben war nicht völlig von der Hand zu weisen. Mein Gott! dachte sie und trank gemächlich und genießerisch weiter. Das ging doch jetzt nicht?
„Willst du die Post nicht ansehen, mein Kind?"
„Das hat doch Zeit, liebe Mama!" antwortete Katarina ungeduldig. Sie saß gelangweilt da, tippte die Krümchen auf. Du liebe Zeit! dachte sie wieder, ohne es zu wissen.
Die Mama wurde böse. Katarina rührte das nicht. Da stand die Mama auf. „Erika wird abräumen. Es ist recht spät, mein Kind!" sagte sie tadelnd und rauschte ungnädig ab.
0 schön! O gut! Klapp —I machte die Tür, und Katarina schenkte sich noch einmal ein, schielte nach dem Brief unb trank gemütlich — sehr süß unb bitt bas Letzte. „Ach, hab bich nicht so —I" sagte sie berb unb belustigt. Dann griff sie nach bem langen Brief hinüber. Dann schnitt sie ben Umschlag mit bem bereitliegenben Eisenbeinstäbchen auf. Es war bloß ein kurzer Brief mit gut aussehenbem breitem Raub. Ihr Blick ging langsam nach unten. „Peter Geyck", ftanb am Schluß.
Nun also! dachte sie mit einem sanften Schrecken, und das nächtliche Gespräch mit Julia vor ein paar Wochen, das mit Tante Bigge-Mäncke in Park-Avenue begann unb mit „Lord" Peter unb Wil Möncke gcenbet hatte, fiel ihr ein. Julia hatte es „Hellseherei im Morgengrauen" genannt. Der „unsterbliche (Beliebte", wie Julia gespottet hatte. Nun war er also beinah hier? Eine schöne Geschichte! Sie lehnte sich bequem zurück unb las, neugierig lächelnb unb gefaßt.
„Liebe gnäbige Frau! Ich kam gestern abenb in Hamburg an. Ich hörte schon auf bem Schiff von begeisterten ßanbsleuten Ihren Namen; bas schien mir ein gutes Zeichen. Ich fanb ihn eben im Adretz- buch. Wie geht es Ihnen? Ich hoffe, morgen ober übermorgen in Berlin zu fein, um von bort aus meine Neuruppiner Bermanbten zu besuchen. Aber ich hoffte auch, Sie wieberzusehn. Ich wäre glücklich, wenn ich Sie nach so langer Zeit wieberfehn bürste. Ich werbe es (ebenfalls wagen, aus meinem Berliner Hotel anzurusen, unb verbleibe in ungewanbelter Verehrung ber Ihre —"
Sehr viel „Ich" in bem Brief. Sehr viel Peter. Nun, das mar nicht neu — trotz der „ungewanbelten Verehrung". Sie las ben Brief, bequem zurückgelehnt, noch einmal.
Es war immerhin anhänglich von Peter. Schon zehn Jahre her? Eine Ewigkeit. Eine lächerliche, verbrehte Sache bamals... Er hatte auf bem Schiff von ihr gehört? Sie las bie Stelle bebächtig ein briftes Mal. Gute Leute. Ob er inzwischen Witwer geworben ober geschieben war? „Lorb Peter", wie sie ihn in ber Park-Avenue am East River, Neuyork, genannt hatten; Wil Möncke, Julias störrischer, frecher Vetter aus Rostock, hatte ihn so getauft. Wahrscheinlich hatte er feine Frau unb feine Kinber bei sich? Sie schätzte: vier Kinder...
Er muhte jetzt gut über Mitte Vierzig sein, sechs-, sieben-, achtund- vierzig; wahrscheinlich gealtert, fett, grau unb gebeugt. Er war bamals schon ein bekannter Architekt gewesen, an einer großen Firma beteiligt; war mit einer reichen, sehr jungen unb hübschen kalifornischen Dame aus mächtiger Familie verheiratet gewesen, einem launischen, zarten Geschöpf — bamals in Palm Beach in einem Sanatorium; hoch- gewadjfener, breitschultriger Mann mit ausfallenb Hellen Augen, prachtvolle Erscheinung, großartig, ein „Lorb"; im (Brunbe gutmütig unb sentimental.
Er hätte sie bloß anzutippen brauchen, unb sie wäre hilflos gewesen unb rafenb geworben, zu jeber Preisgabe bereit, wie niemals vorher ober nachher... „Unsterblicher Geliebter", wie Julia gelästert hatte? Das gab es zur Zeit ber Kreuzzüge... Gr hatte nicht ben Mut unb bie Härte gehabt, sich von ber reizbaren, hübschen unb — reichen Frisko- Dame aus „einflußreicher Familie" loszureißen; unb auch nicht bie Courage zu rücksichtsloser Leidenschaft. Sie waren einanbcr krank unb sinnlos in bie Arme gestürzt, Arm in Arm, Hanb in Hanb gekrampft gegangen unb anbres mehr: rafenbe, unersättliche Küsse.. Julia, bie bem „Lorb" nicht grün war, hatte wie ein böser Wachhunb aufgepatzt, unb Wil Möncke hatte biskret gefeixt. Aus... Sie hatte ihm durch einen riefelnben Strom von Heuttagen nachgesehen, fprubelnb in Wut unb schauerlicher Qual; unb Julia Möncke hatte strenge unb erbauliche Reben gehalten. Na, schön! Aus biefen kinblichen Tornabobezirken war man feit etlicher Zeit heraus. Eine reifere Jugenbliebe mit bickem Staub ...
Sie schlug mit ber Hanb flach unb fest auf ben Bries, ber auf ihrem Knie lag. „Cs wirb ein angegrauter Herr in Erscheinung treten: leberund gallensteinleidend!"
Da kam die Mama zurück.
Katarina packte klatschend alles zusammen: Briefe, Drucksachen unb Zeitungen. „Sita! Abräumen!"
„Von wem ist ber Brief aus Hamburg?" fragte bie Mama unb blickte auf ben achtlos zerknitterten Brief.
„Welcher Bries —? Ach, von einem alten Bekannten aus Neuyork, von Bigges her, Julias Onkel unb Tante." Unb sie ging geschäftig mit Sita aus bem Zimmer.
(Fortsetzung folgt.)
Deraniwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Berlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, D. Lange, (Sieben.


