Ausgabe 
20.7.1934
 
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Gießener ZamiiienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang 1(954 Freitag, den 20. Juli Nummer 55

Was ist die Liebe?

Von Detlev von Liltencron.

Was ist die Liebe? Jst's ein Heller Stern, der plötzlich leuchtet, den wir nie geschaut? Jst's ein Erinnern, das unnennbar fern uns dünkt und nun in unsre Seele taut, jäh aus der Schale springt und einen Kern uns zeigt, so voller Süße, daß uns graut?

Ich bin dir gut. Du bist mir gut. Nichts weiter. Dann klimmen wir hinauf die Himmelsleiter.

Liliencrons Werk für unsere Zeit.

Zum 25. Todestage des Dichters am 22. Juli.

Von Hans Walther.

Er war nicht bloß der kindhafte Spielmann, nicht der Junker llebermut, nicht der liebenswürdige Leichtsinn, für den ihn viele ge­halten haben, er war auch der Mann der schweren Stunden, der ein- samen Fragen und Gedanken, und er hat nur deshalb das menschliche Leben in ein launisches Spiel der Natur umgedichtet, weil er den furcht­baren Ernst des Lebens aus innerster Erfahrung begriff, weil er sich befreien wollte von der grausamen Notwendigkeit. Er hat erst als Mann zu dichten begonnen, der vom Schicksale geprüft war... Daher der edelmännische Zauber seiner ganzen Gestalt, dessen sonniger Liebens­würdigkeit niemand wiederstehen konnte, und daher die Zauberkraft des Dichters, der selbst seine trübsten und leidvollsten Angelegenheiten in heller Lust vor uns allen verhandelt hat .. Ich höre noch seine eigenen Worte: ,Der Himmel lächelt seinem Sonntagskinde'."

Diese Worte sprach vor nun fünfundzwanzig Jahren Richard Dehmel am Grabe seines Freundes Detlev von Liliencron und um- in diesen wenigen Sätzen das freudvolle und leidschwere Leben eines deutschen Dichters, der von den Zeitgenossen teils verkannt, teils be­mitleidet, ja, hin und wieder belächelt wurde, weil er ein wirklicher Dichter war.

Er wurde am 3. Juni 1844 geboren. In der Schule zeichnete er sich nicht besonders aus. Hauslehrer und Gelehrtenschule gaben ihm nicht viel mit; die Mathematik nannte erSchleismühle des Kopfes", die ihn furchtbar gequält haben muh; einzig Geschichte hat ihn immer gefesselt. Oie Freizeit benutzte er,um mit Hund und Gewehr allein durch Heide, Wald und Busch zu streifen". Sein Kinderwunsch, Soldat zu werden, wurde ihm erfüllt; so lernte er in sieben Provinzen und siebzehn Oarnifonen Land und Leute kennen. In den Feldzügen 1866 und 1870 wurde er verwundet und nahmWunden und Schulden halber" den Abschied. Die auf eine Amerikareise gefetzten Hoffnungen erfüllten sich nicht, auch als Klavierlehrer konnte er dort sein Leben kaum fristen, heimwehkrank kam er zurück und war anderthalb Jahre Deichhaupt- mann auf der kleinen nordfriesischen Insel Pellworm und dann Hardes- »ogt auf Kellinghusen. Später lebte er in München, nachher in Ottensen und Altona und zuletzt, verheiratet, in Altrahnstedt bei Hamburg, wo er am 22. Juli 1909 starb.

Auf Pellworm, demeinsamen Eiland im Nordmeer", schrieb er sein erstes BuchAdjutantenritte und andere Gedichte", das den bereits Fünfundvierzigjährigen als eineNatur" im Sinne Goethes zeigt, als eine trotz aller Vielfältigkeit und Beweglichkeit ungebrochene, in sich ruhende Persönlichkeit von germanischer Kraft. Für sie ist der Kampf nicht nur Notwendigkeit, sondern in gewissem Sinne Bedürfnis, tn ihren Forderungen hat sie manchmal etwas heidnisch Wildes:

Hoch weht mein Busch, hell klingt mein Schild Im Wolkenbruch der Feindesklingen.

Die malen kein Madonnenbild

Und tönen nicht wie Harfensingen.

Und in den Staub der letzte Schelm, Der mich vom Sattel wollte stechen. Ich schlug ihm Feuer aus dem Helm Und sah ihn tot zusammenbrechen.

Ihr wolltet stören meinen Herd? Ich zeigte euch die Mannessehne. Und lachend trockne ich mein Schwert An meines Rosses schwarzer Mähne.

DemRaubritter vom lachenden Heute" so hat ihn der Dichter Schoenaich-Cakolath genannt war der Krieg zum stärksten Erlebnis geworden im Schlachtenlärm, auf langen Märschen oder an Lagerfeuern unter dem hohen Sternenhimmel. Hier hat er auch eines seiner besten GedichteWer weiß wo?" und viele seiner Balladen sozusagen nach­erlebt und später gestaltet. So kam in seine Dichtungen das Männliche, Heroische, das ihn weit über die meisten dichtenden Zeitgenossen hinaushebt.

Als Liliencron die ersten Gedichte veröffentlichte, gab es kaum Dichter der norddeutschen Landschaft. DieVersemacher gehen an den Rhein ober in den Süden, um das Lob dieser schönen Gaue immer wieder zu besingen", sagte er einmal und blieb selbst daheim. Ihm war darum zu tun, den Zauber von Marsch und Moor in neuen Worten zu malen, die trotzigen Gestalten aus der Geschichte seiner Heimat neu erstehen zu lassen. Beides ist ihm gelungen in seinen heimatlichen Ge­dichten und Balladen. Eine Morgenstimmung schildert er:

Die Nacht versinkt in Sumpf und Moor,

Ein erster roter Streif.

Der Kiebitz schüttelt sich im Rohr

Aus Schopf und Pelz den Reis.

Den Himmel färbt ein kühles Blau, Der Wind knipst Perlen ab vom Tau.

Auf Wiesen wölkt der Nebel, und im Feld

Mault mit gekämmtem Schwanz ein feister Schimmel, Der sich frostmüde nach dem Stalle wünscht.

Die einsame endlose Weite seiner Heimat zeichnet er anschaulich: Tiefeinsamkeit spannt weit die schönen Flügel, Weit über stille Felder aus ...

Es jauchzt der Sturm und peitscht mit seinen Ruten Erlösend meine Haidewelt.

Auch als Balladendichter hat Liliencron eine ganz eigene Note. Von Strachwitz und Fontane mag er manches gelernt haben, aber von Jahr zu Jahr wurden seine Balladen immer straffer, eigenwüchsiger. Hier stehe die erste Strophe der wundersam geschlossenen BalladeDas Schlachtschiff lemeraire":

Der Morgenruf will verklingen, keine Nachtwache legt sich aufs Ohr, die Blaujacken summen und fingen beim Putzen von Raum unnd Rohr. Der Morgenruf will verklingen, das Schiff fährt mit schwellenden Schwingen, die Blaujacken summen und fingen beim Putzen von Raum und Rohr.

Wie wenig man damals den Dichter verstand, beweist die Tatsache, daß noch im Jahre 1903 eine große angesehene Zeitschrift dieses packende Gedicht alsunsinnig" ablehnte!

Sein eigenes Dichterleben schilderte Liliencron in dem kunterbunten EposPoggsred" und zwar ausErinnerung, Traum, Erlebnis, Phantasie" gemischt. Dehmel sagte, hier habe derHerr auf Poggfred" (Liliencron) das bunte Leben zu einemlaunischen Spiel der Natur umgedichtet". Dieses Buch ist zeitlos und wird noch einmal seine Auf­erstehung feiern.

Liliencrons Dramen beweisen, daß er kein Bühnendichter ist; einzelne, schöne, ergreifende Stellen sind eben Balladen, in gerüstlose Akte und Szenen eingebaut. Auch seine tagebuchartigen Romane sind keine reinen Kunstwerke, wenn sie auch Kapitel voll chronikhafter Wucht enthalten. In denKriegsnovellen" allerdings leistet er Meisterliches in Form und Inhalt. Helle und dunkle Bilder wechseln. Biwak, Kleinkrieg, Massen- fturm, Erkundungsritte, letzter Angriff, und aus allem blühen die Mannestugenden Treue und Kameradschaft, Liebe zum Volk und Menschentum.

Detlev von Liliencron war nicht nur ein Dichter überschäumenden Lebenswillens, sondern auch ein Künder reckenhafter Kraft, der vieles litt um feines Werkes willen, den feine Zeit nicht ehrte, weil sie ihn nicht erkannte. Nun, ein Vierteljahrhundert nach seinem Tode, wäre es an der Zeit (und im Sinne unserer Zeit), daß er in feinem Werk fröhliche Urständ feierte, ihm zu Dank und uns zu Nutzl