Ausgabe 
20.4.1934
 
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Mj will es einmal in diesem Augenblick gelten lassen: dir allein schuldest du Rechenschaft. Aber kannst du es wirklich vor dir selber verantworten, was du tun willst?"

Daß ich mich zur Ruhe setze, warum sollte ich es nicht ver­antworten können? , , , . , ,

Zur Ruhe willst du dich setzen. Aber das hat doch nur dann einen Sinn, eine Berechtigung, wenn du müde brst. Willst du es mit deinem Tun vor dir und vor mir und vor aller Welt be­haupten?"

Nein "

"Richt' wahr, du zählst sechzig Jahre. Bist gesund. Kannst arbeiten. Wenn du magst oder wenn es sein muß, von früh um sechs bis abends um zehn. Woher nimmst du das Recht zu sagen: .Nach Antoni nächsten Jahres werde ich nicht mehr arbeiten?

Daher, daß ich es nicht nötig habe."

Im Bienenstock werden die Bienen, welche nicht mehr nötig haben, zu tun, was Sinn hat, von den Arbeitern getötet und aus dem Stock hinausgeworfen."

Rikelchen!" , r

Verzeih mir, Gust. Es war zu hart, was ich sagte, war zu bittet/'

Und falsch! Weswegen werden die Drohnen im Bienen­stock, wenn sie ihre Schuldigkeit getan haben, getötet? Weil sie den Arbeitern ihre Nahrung wegnehmen. Weil sie während des Winters das Leben des ganzen Volkes in Gefahr bringen. Wem nehme ich, wenn ich mich zur Ruhe setze, etwas fort?"

Denen, die dir zweimal im Jahre, Antont und Johannis, Zinsen bringen müssen."

Was soll das heißen, Frau?"

Widersinnig ist es in meinen Augen, wenn man stch seine HUfe und das ist doch dein Kapitalhingeben bezahlen läßt. Bis zum Jüngsten Tag bezahlen läßt. So hoch bezahlen läßt, daß man mit der Zeit mehr zurückkriegt, als man zum Zwecke des Helfens hergegeben hat!"

Wir verstehen uns nicht."

Das Höre ich von Wort zu Wort mehr, Gust."

Da ist es wohl das beste, daß ich geh'."

Wenn du mir versprichst, über meine Worte nachzudenken ja, dann ist es wohl das beste, baß wir schweigen und uns nicht noch weiter auseinanderreden. Zu gehen brauchst du deswegen nicht. Es gibt so vieles, über das wir sprechen können, warum reden wir in den letzten Jahren immer häufiger von dem, wovon zu sprechen nicht lohnt: vom Gelb?"

Gust schwieg.

Sei mir nicht böse", bat Rikelchen.Ich sehe es sicher nur von meiner Seite an. Mit Frauenaugen. Aber stell dich doch einen Tag lang neben mich. Versuch, wenn das zu viel gebeten ist, versuch mir zulieb, ein paar Stunden hindurch mit meinen Augen zu sehen. Wenn du hinterher noch derselben Meinung bist wie heute abend: Schluß mit dem Geschäft!, so will ich glauben, daß ich irre. Will versuchen, es zu glauben. Gibst du mir keine Ant­wort?"

Gust ging.

Ohne seiner Frau ein Wort zu sagen, verließ der angehende Rentier August Micheelsen das Zimmer. Ohne ihr die Hand zum Abschied zu reichen. Ohne in der Tür nach ihr umzublicken. Als ob er schon oft im Unfrieden von ihr geschieden wäre.

Er legt sich schlafen, dachte Rikelchen und wollte dem Erzürn­ten nach wenigen Minuten folgen.

Aber Gust holte aus dem Schrank im Schlafzimmer Hut und Stock mit silberner Krücke und ging ins Wirtshaus.

Das war, stellte Rikelchen betrübten Herzens fest, in den zwei­unddreißig Jahren ihrer Ehe immer wieder einmal des Sonn­tags vorgekommen. Aber noch nie an einem Alltag.

Zwei Monate hernach begann der Ledergroßhändler und Schuh- ivarenlagerbesitzer August Micheelsen die Verhandlungen über den Verkauf seines Geschäfts und seines Hauses an der Hohen Straße.

Bisher hatte Gust keine Handlung von Gewicht ohne Rikel- chens Zustimmung vorgenommen: selbst bann nicht, wenn sie schwer zu erringen war. Bon dieser entscheidenden Tat ihres ge­meinsamen Lebens aber sprach er nach jener Unterredung, die bei völligem Nichtverstehen beendet worden war, zu seiner Frau mit keiner Silbe.

Rikelchen wußte, daß Gust nicht sprechen wollte. Aber gerade deswegen stellte sie ihn.

Wenn eS durchaus sein müsse, daß er sich schon als gesunder Mann mit sechzig Jahren zur Ruhe setze, sagte sie eines Tages da wieder ein Käufer wegen überhoher Forderungen Gusts achselzuckend fortgegangen war zu dem Verstummten, dann solle er Haus und Geschäft doch nicht verkaufen, sondern verpachten.

Durch eine Verpachtung nähme er seinem Nachfolger und dessen Angehörigen tatsächlich die Butter vom Brot weg, gab Gust ge­reizt zur Antwort. Was durchs Zinsenerheben nach dem allge­mein üblichen Satz keineswegs der Fall sei. Obwohl sie, ihn vor weniaen Monaten dieser menschlichen Roheit beschuldigt habe.

Also gut: das Geschäft verkaufen! willigte Rikelchen ein. Aber nicht das Haus!

Obne die Wohnung im selben Haus sei das Geschäft fast wert­los. Nicht die Hälfte des Preises, den er fordern und durchsetzen werde, kriege er heraus, wenn sie oben wohnen blieben.

Ihretwegen, versuchte die Abgewiesene das vermeintliche Hin­dernis aus dem Wege zu räumen, könnten sie ausziehen. Auch dann, wenn die neue Wohnung nur halb, nur viertel so groß sei

wie die jetzige und nicht an der Hohen Straße liege. Sie wäre durchaus bereit, in eine Seitenstraße zu ziehen. Oder in eine Hinterstraße. Wenn es sein müsse: in die Baracken. Mik allem, was er für nötig halte, erkläre sie sich einverstanden. Nur nicht damit, daß er ihr Haus verkaufe.

Weswegen dieser frauenzimperltche Eigensinn? fuhr Gust Rikel- chen an. Alle Wege der Ueberlegung, die er ginge, führten zu einem Handweiser mit derselben Aufschrift: Verkaufen!

Das mit den Ueberlegungen möge stimmen. Das mit dem Eigensinn stimme nicht.

Dann habe ste Angst, unsinnige Angst.

Da er bei ihr bleibe, wovor sie wohl Angst haben, solle?

Wenn sie auch keine Angst habe, warum in drei Teufels Namen sie nicht ja zu dem Verkauf sage?

Ste wären, erklärte Rikelchen den für Gust unbegreiflichen Widerstand, in ihr Haus hineingewachsen wie eine Schnecke in thr Gehäuse. Seien jetzt mit ihm verwachsen. Seien ihm angewachsen. Wenn man sie mit Gewalt aus ihrem Haus herausreiße, wurden sie zwar nicht wie die Schnecken sterben. Denn die Menschen hatten eine dickere Haut als die dickfelligsten Tiere. Aber auch bet ihnen würde es Wunden geben, Wunden, die schwer, die vielleicht nie­mals wieder heilten. Aber selbst wenn diese Wunden völlig ver­heilten und von ihnen nichts übrigbliebe als Narben ohne ihr schützendes Haus wären sie hinfort so leicht verletzlich, rote sie es seit dem Tode der Frau Senator, der ihnen den Kauf ihres Be­sitztums ermöglicht hätte, nicht eine einzige Stunde lang gewesen seien.

Albernes Frauengerede!

Diesmal ging Gust in heftigem Zorn türenknallend aus dem '^^nd^wieder suchte er, obwohl es Alltag war, Zuflucht und Zu­stimmung im Wirtshaus an der Bierbank.

Michaelis 1912 verkaufte August Micheelsen, der wohlhabend gewordene Pantoffelmacherssohn aus den Baracken, sein Geschäft und sein Haus auf der Hohen Straße an einen Hamburger Herrn.

Der Käufer ließ Gust keinen Zweifel darüber, daß die veraltete Schuhmacherwerkstatt, die der Heraufgekommene schließlich doch nicht in ein neues Stockwerk verlegt, sondern in dem Htnter- zimmer geduldet hatte, eingehen solle. Dagegen werbe er den Schuhverkauf sowie insbesondere die Lederhandlung wert über das Kleinstädtische hinaus vergrößern, damit diese endlich werde, was sie bis jetzt nur dem Namen nach sei: eine großkaufmänntsche Angelegenheit.

Als znm ersten Male in der Stadt der Kaufpreis für das Ge­schäft August Micheelsens genannt wurde, hielt jedermann ihn für erlogen. Aber der Stadtsekretär, vor dem in Ermangelung eines Notars der Vertrag abgeschlossen wurde, mutzte, um endlich Ruhe vor der ständigen Fragerei zu haben, die angezwerfelte Summe bestätigen.

Gust ließ die Restkaufsumme als die größte seiner Hypotheken in das eigene Haus eintragen^ Diesmal allerdings, entgegen seiner Gewohnheit, an zweiter Stelle.

Die Räumung war in dem Kaufvertrag auf den Anfang des Jahres 1913 festgesetzt worden.

Gust wollte, ehe er sein Geschäft schloß, für Famtlte und Freunde in den Wohnräumen des ersten Stockes, für die Ange­stellten und Handwcrksleute im Laden ein prunkvolles Fest feiern; trotz des Abschiednehmens ein Fest der Freude, von dessen Glanz man noch jahrelang in der Stadt sprechen sollte.

Er schrieb an den Assessor Dr. jur. Joseph Micheelsen, der des besseren Fortkommens wegen in preußische Dienste übergetreten und den Kommunalbehörden einer rheinischen Stadt zugewiesen war, daß er unbedingt zu Weihnachten Urlaub nehmen müsse, um an dem Fest der Geschäftsniederlegung teilnehmen zu können.

Aber Rikelchen sandte ohne Gusts Wissen ihrem Jupp einen Brief, in dem sie ihn anflehte, doch einen Grund zu erfinden, der dem Vater sein Fortbleiben als notwendig erscheinen lasse. Ein Fest der Freude feiern, wo alles in ihr meine sie bringe es nicht über das Herz. Mit ihm gemeinsam zum letzten Male durch jene alten lieben Räume gehen, in denen noch immer ihr gemein­sames Lachen glitzere wie Tau in einem Spinnennetz und bei diesem Gang beides, Spinnweb und Glitzertau zerstören sie wisse nicht, woher die Kraft dafür nehmen. Also nicht kommen! Ihr zulieb dem unnatürlichen Fest fernbleiben!

Anfang Dezember traf ein Brief von Jupp für seinen Vater ein.

Darin schrieb der preußische Assessor Dr. jur. Joseph Micheel­sen: er könne, so sehr leid es ihm tue, an dem großen Fest zur Auflösung des väterlichen Geschäfts nicht teilnehmen. Denn es wäre ihm durch eine Tücke des Geschickes, die sich aber sehr günstig für ihn auszuwirken verspreche, völlig unmöglich gemacht, für Weihnachten Urlaub einzureichen. Einer ihrer städtischen Beige­ordneten habe einen zweimonatigen Urlaub antreten müssen. Ihm fei von dem Herrn Oberbürgermeister die ehrenvolle Aufgabe der Durchführung der amtlichen Obliegenheiten des Erkrankten zuteil geworden. Von der befriedigenden Lösung dieses bedeut­samen Auftrags hänge für seine weitere Laufbahn alles ab. So leid es ihm tue, seinen lieben Eltern eine Enttäuschung bereiten zu müssen, der Vater werde sicher ohne weiteres verstehen, daß der Dienst, zumal der Dienst im Interesse seiner Zukunft, dem Feste­feiern vorgehe. Und die Mutter werde durch den Vater aufgeklärt, wohl auch zum richtigen Verständnis seiner Lage kommen, so daß sie nicht gar zu traurig über sein Fortbleiben wäre.

(Fortsetzung folgt.)

(verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Derlag: Brühl'jche Univerjitäts»Buch- und Steindruckerei. 2L Lange, Dietzen.