Ausgabe 
20.4.1934
 
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Das königliche Spiel.

Betrachtnnge« über Wese« «ud Geschichte des Schachs.

Von Dr. Wilhelm Gemperle.

Wieder einmal sitzen sich in diesen Tagen im Rahmen eines großen Schachturniers die beiden berühmtenMeister der 64 Felder" Aljechin und Bogoliubow gegenüber und be­kundeten in vollendeter Kunst die Feinheiten und Tiefen eines Spiels, das weit mehr ist als gesellige Unterhaltung oder eine Herausforderung von Glück und Zufall, sondern das schon seit vielen Jahrhunderten als das Spiel der Könige und Weisen überall Eingang gefunden hat, wo sich Menschen in geistigem Wett­kampf gern gemessen haben. Auch der an dem Ausgang solchen Ringens um die Weltmeisterschaft weniger Interessierte kann sich der einzigartigen Stimmung selten entziehen, die über den Spie­lern liegt. Diese Atmosphäre hat nichts gemein mit der fiebrigen Erregtheit in einem Spielsaal Monte Carlos oder mit der lär­menden Geschäftigkeit der meisten Kartenspieler. Ja, nicht einmal das mit so viel Zurückhaltung und gesellschaftlicher Würde ge­pflegte Spiel der Angelsachsen, das aus dem Whist entstandene Bridge, kann es dem Schachspiel an geistigem Ernst gleichtun. Es ist deshalb nicht zu verwundern, daß die Gestalt schachspielender Menschen, die tiefversunken und gegen ihre Umgebung abge­schlossen Zug um Zug der Entscheidung entgegengehen, sowohl die Malerei als auch die Dichtkunst zur Darstellung gereizt hat.

Der Vergleich mit der Philosophie und mit der Mathematik hat immer nahe gelegen, und der Wert des Schachspiels für die Entwicklung der Denkfähigkeiten ist immer mehr anerkannt wor­den, so daß Schach in einigen deutschen Schulen Pflichtfach ge­worden ist, wie es auch im neuen Rußland in der Erziehung der Jugend einen breiten Raum einnimmt. Zweifellos gehört aber auch zu diesem Spiel Begabung und besondere Schöpferkraft, die oft von Generation zu Generation vererbt wird. Wie auch auf diesem Gebiete die Talente unter den einzelnen Menschen ver­schieden verteilt find, so scheinen die Völker mehr oder minder starke Begabung für das königliche Spiel mitzubringen. An seinen höchsten Spitzenleistungen verlangt es einen Menschen mit der geistigen Uebersicht und inneren Sammlung des Philosophen und der nüchternen Klarheit des mathematischen Denkers, der aber zugleich entscheidungsbereit und handlungsfähig sein mutz, denn der Zug mutz geschehen, wenn neben ihm auch noch so viele andere Möglichkeiten bestehen, die den ewigen Zauderer bedrücken und lähmen, wo ein beherzter wenn auch wohlüberlegter Entschlutz notwendig ist. Die geistigen Fähigkeiten und die charakterliche Veranlagung prägen die verschiedenen Schach-Temperamente, den angriffslustigen Spieler, den kühlabwägenden und den ent- schlutzfreudigen, den der auf einfaches übersichtliches Spiel bedacht ist und den, der plötzliche Ueberraschungen liebt. Es ist gewiß kein Zufall, daß zwei Schachgrößen der Gegenwart geborene Russen sind, der deutsche Staatsbürger Bogoljubow und der franzö­sische Staatsbürger Aljechin. Der grüblerische Sinn des Sla­wen verbindet sich bei ihnen mit einer außergewöhnlichen Hart­näckigkeit. Der große Entscheidungskampf um die Weltmeisterschaft in Buenos Aires im Jahre 1927 zwischen Jose Capablanca und Alexander A l j e ch i n zeigte die Grundverschiedenheit der beiden Männer und der sich in ihnen verkörpernden Völker. Die mathematisch klare und übersichtliche Spielweise Capablancas stand der an Kombinationen reichen Technik Aljechins gegenüber. Capablanca hat man mit Recht eineSchachmaschine" genannt, die nach einem genau berechenbaren System funktioniert, während der Russe mehr dem schöpferischen Einfall vertraut, der jeweils aus der Lage des Spiels hervorspringt.

Die Herkunft des königlichen Spiels ist zwar in tiefes Dunkel gehüllt. Ansätze lasten sich aber schon bei den ältesten Kulturvölkern nachweisen. Nach den ersten zuverlässigen Nachrichten ist es in­dischen oder persischen Ursprungs. Eine alte Mythe erzählt auch, daß der Held Palamedes das Schach während der Belagerung von Troja erfunden habe,' deshalb hat Palamedes lange Zeit als der antike Schirmherr dieses Spiels gegolten. Arabische und persische Quellen nennen als den Erfinder Sassa, den Sohn des Dahir. Viele indische Sagen berichten von der Bedeutung des Schach­spiels,- Herrscher vergaßen darüber ihre Regierungsgeschäfte und verloren Krone und Reich. Aber der tüchtige Schachspieler genoß alle Ehren des Weisen. Der im Jahre 1020 gestorbene persische Dichter Firdausi erzählt in seinem großen Heldenbuch, den SchLh-nstme", wie das Schach nach Persien kam. Der König der Hindus schickte zu dem König Nauschirwan einen Gesandten mit einem Schachbrett und verpflichtete sich, dem Perser ein großes Vermögen zu zahlen, falls es einem Angehörigen seines Hofes gelänge, das Geheimnis dieses Spiels zu ergründen. Der erste Kanzler des Königs, Buzursmihr, erklärte, nachdem er einen Tag und eine Nacht in tiefstem Nachdenken verharrt hatte, vor dem gesamten Hof dem erstaunten Gesandten feierlich die Regeln des Spiels. So soll Indien damals in die Abhängigkeit Persiens ge­raten sein. Die Tschaturanga (das Vierteilige, das Heer") ge­nannte Form des Schachspiels kam in Indien in mehreren Abar­ten vor, von denen die älteste mit Fußgängern, Rosten, Wagen und Elefanten operierte.

Dte Perser entwickelten das indische Tschaturanga zum Schatrandsch, in dem der König die persische Bezeichnung Schah erhielt, woraus der Name Schach entstanden ist. Im frühen Mit­telalter waren die Perser und die Araber, die das Spiel vornehm­lich nach Europa brachten, die Meister der Schachkunst,- von Si­zilien und Spanien breitete es sich nach Süd- und Mittel­europa aus und gelangte schon im 12. Jahrhundert nach England. In den ersten Jahrhunderten wurde das Schach von vier Per­

sonen gespielt, aber schon wie heute auf einem Brett mit 64 Fel­dern. Jede Partei hatte einen König, einen Turm, einen Ritter (unseren Springer), einen Narren (unseren Läufer) und vier Bauern. Zwei Parteien spielten zusammen gegen die anderem Der Sinn des Spiels war, den König zum Feld des verbündeten Königs durchzubringen. Glückte das vor dem Bundesgenoffen, so übernahm der Erfolgreiche den Oberbefehl über beide Heere, um sie gegen die feindlichen Könige zu führen.

Bald entwickelte sich in fast allen Ländern ein gründliches Stu­dium der theoretischen Voraussetzungen des königlichen Spiels, unter Betrachtung aller möglichen Kombinationen. Ans spanisch­arabischen Handschriften schöpfte der Dominikanermönch Jacobus de C e s s o l e s sein berühmtes, schon im Jahre 1275 erschienenes Schachbuch, das in 24 Kapiteln dasGoldene Spiel" zum Abbild des Lebens machte und die Elemente der christlichen Sittenlehre an den Symbolen der einzelnen Schachfiguren erläuterte. Später entstanden in Spanien die Schachwerke des Lucena (1497), Da­miano (1512) und Ruy Löpez (1567) und in Italien die des Gianu- zio (1597), Salvio (1604 und 1634), Carrera (1617) und Greco (1619). Im 14. und 15. Jahrhundert erscheint das Schachspiel auch häufi­ger in Bildern, aber nicht nur als ein würdiger Wettkampf der Großen, wie auf dem Gemälde des Lucas von Ley 8 en, son­dern auch als warnende Darstellung weltlichen Treibens, als Spiegelbild des Menschenschicksals, als Gleichnis der Vergänglich­keit und Unentrinnbarkeit alles Irdischen.

Die neue Art des Schachs, bei der Dame, Läufer und Bauern nach den noch heute bestehenden Regeln bewegt werden, entstand im 16. Jahrhundert in Frankreich. Die Schachbretter der Ritter­zeit waren kostbar aus Gold und Silber oder ans Elfenbein ge­fertigt, die Figuren aus Elfenbein oder Ebenholz, bisweilen auch aus verschiedenartigen Edelsteinen,' sie waren sehr groß, wie man noch heute aus den erhaltenen Stücken z. B. im Germanischen Museum in Nürnberg, im Britischen Museum und im Pariser Museum entnehmen kann. In höfischen Kreisen galt das Schach­spiel als edelste Beschäftigung- genaue Kenntnis des Spiels und der technischen Ausdrücke gehörte zum guten Ton. Den Geistlichen wurde es jedoch im 14. und 15. Jahrhundert streng verboten. Aber auch noch im 18. Jahrhundert stand dieses Spiel in dem Ruf, ein wahres Element der vornehmen Erziehung zu sein, das nicht nur dem Zeitvertreib diene, sondern an dem man auch Mäßigung und Besonnenheit, Staatsklugheit und strategischen Sinn erproben könne. Die Namen von großen Schachkünstlern wurden in ganz Europa bekannt. Im 18.Jahrhundert galt der Franzose Phili- d o r als unumstrittener Weltmeister. Offiziell wurde dieser Titel zum ersten Mal dem Deutschen A n d e r s s e n auf dem ersten internationalen Turnier in London im Jahre 1851 verlieben. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts traten vor allem Deutsch­land, England und Frankreich in der Pflege des Schachspiels her­vor. Zwischen 1840 und 1850 wurden in Deutschland und England die ersten Schachzeitungen gegründet, die das Interesse für das königliche Spiel in die weitesten Kreife trugen.

1894 wurde Emanuel Lasker, der bezeichnenderweise auch als Philosoph und Mathematiker hervorgetreten ist, Weltmeister, der den Titel in erbitterten Kämpfen gegen Janowski, Mar­shall und Schlechter behauptete, um ihn dann gegen Ca­pablanca 1921 zu verlieren, der ihn seinerseits an A l j e ch t n im Jahre 1927 abtreten mutzte.

Galgenhumor.

Auch ein Beitrag zur Volkskunde.

Von Dr. Wolfgang Frahm.

Woher das Wort Galgenhumor stammt, was es bedeutet? Hier bedarf es zur Erklärung wirklich keiner philosophischen Tiefen­schürfung und keiner sprachkundlichen Bildung. Wohl kaum ein Ausdruck gibt seinen Sinn so ungeschminkt und sinnfällig wieder wie dieser. Hier dürfen wir ein Wort gewissermaßen bei seinen Buchstaben packen, und alles, was an Vorstellungen, an Geschichte und an Gefühl hinter ihm steht, breitet sich handgreiflich vor un­serem geistigen Auge aus. Galgenhumor? Ja, das ist der Witz, das Augenblinzeln oder die Gaunerfrechheit, die dem Armesünder in seinen letzten Augenblicken unter dem Galgen wie eine weg­werfende Handbewegung beim Abschied aus diesem Jammertal gerade noch zur Verfügung steht, also in einer Lage, die man im allgemeinen nicht gerade als rosig empfinden dürfte, zumal man die Aussicht aufs Himmelreich bei solchen Anwärtern auf den Galgen nicht sehr hoch einschätzt. Nun lautet ein altes Wort: Scherz beim Schmerz das gibt Humor". Danach und wir können dieser alten Volksweisheit Glauben schenken erweist sich die Echtheit des Humors eigentlich erst inmitten der Schwierig­keiten und Nöte dieses Lebens, umgeben von Peinlichkeit und Bedrängnis. So wäre es möglich, die Menschen aller Schichten und Länder nach den Beweisen ihres Humors einzuteilen. Und es wäre nicht die schlechteste Rangordnung. Ganz unten würden die stehen, die zu allem, was in der Welt vorgcht, eine saure Miene machen, die sich so wichtig vorkommen, daß sie dem übel- nwllenden Schicksal am liebsten auf die Finger schlagen möchterr, und die vor allem keinen Spatz verstehen können, wenn es ihnen an den Kragen geht. Dann folgen in mannigfaltigen Abstufungen die vielen, die den Widerständen der Welt zwar nicht aus einer tiefen Bereitschaft zu Witz und Gelassenheit begegnen können, die aber doch in seltenen Augenblicken das sind die Höhepunkte ihres Lebens über den Humor der andern zu lachen vermögen. Ganz oben aber stehen die Weisen, die dem Leben gegentiber so viel Humor aufbringen, daß sie wie Sokrates willig den Giftbecher in die Hand nehmen.