Ausgabe 
20.4.1934
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Nummer 30

Zreltag, den 20. April

Jahrgang MH

sein

Das Largo von Händel.

Eine Geschichte von Paul Ernst.

Das Herz.

Von Carl Spitteler.

Es kam ein Herz an einem Jahrestage vor seinen Herrn, zu weinen diese Klage:

So mutz tch Jahr um Jahr denn mehr verarmen! Kein Gruh, kein Brieflein heute zum Erwärmen! Ich brauch ein Tröpflein Lieb, ein Sönnchen Huld. Ist mein der Fehler? Jst's der andern Schuld? Hab jede Güte doch mit Dank ersaht und auf die Dauer niemand je gehatzt.

Noch ist kein Trauriger zu mir gekommen, der nicht ein freundlich Wort von mir vernommen. Wer weitz es besser, wie man Gift vergibt? Wer hat in Strömen so wie ich geliebt?

Doch dieses eben schmeckt so grausam schnöde: Da, wo ich liebte, grinst die leerste Ocde."

An seinem Schreibtisch waltete der Herr, schaute nicht auf und sprach von ungefähr: Ein jeder wandle einfach seine Bahn. Ob öd, ob schnöde, ei, was geht's dich an? Was tut das Feuer in der Not? Es sprüht. Was tut der Baum, den man vergißt? Er blüht. Drum übe jeder, wie er immer tut.

Wasch deine Augen, schweig und bleibe gut.

Das eine der Mädchen hatte wohl die Nacht durchgetanzt oder sonst den Schlas versäumt,- ihr Gesicht war noch grauer wie der übrigen, tiefe blaue Ringe waren unter den Augen, und ihre Be­wegungen waren sehr matt. Sie sah müde vornübergebeugt, plötz­lich sackte sie zusammen und fiel vorwärts vom Stuhl auf den Boden, sie war ohnmächtig. Ihre Nachbarinnen blickten fluchtig nach ihr hin, dann wendeten sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Lumpen im Schoh und das eilfertige Spiel ihrer Hande mck den Flicken und Lappen. Die Ohnmächtige lag, es wurde auch nichts gesprochen, und nur das leise Geräusch des Zupfens und Suchens war. Eine schimpfende Stimme kam von oben aus einem Kiichenfcnster, die Frauen im Haus hielten sich für Besseres, wie die Arbeiterinnen, die Stimme schmähte, datz sich niemand um die Ohnmächtige kümmere, die doch auch ein Mensch sei, wenn auch nur eine Lumpenausleserin,- die Arbeiterinnen hörten das Ke-fen wohl, aber sie waren so eifrig in ihrem Suchen und Sammeln, daß sie «icht antworteten. ,, , ...

Durch den Torganq kamen zwei junge Menschen, wohl ein Ge- schwisterpaar, eine junge Dame von etwa achtzehn und em Jüng­ling von vielleicht neunzehn Jahren. Die beiden waren sehr sauber und anständig gekleidet, man sah auch, daß die Kleidungsstücke ein­mal von einfacher und vornehmer Kostbarkeit gewesen waren, aber nun war alles verschobt und sorgfältig zurechtgemacht, so, datz man trotz der freien Haltung und der ursprünglich guten Kleider den beiden doch die bitterste Armut ansah. Der Jüngling trug eine Ziehharmonika, das junge Mädchen eine Geige.

Eines der fetten alten Weiber wendete das gemeine Gesicht den beiden zu und sagte grob, sie seien selber arm, bet ihnen könne man nicht auf den Bettel gehen. In dem edlen, durch den Hunger ckmalqewordenen Gesicht des Mädchens stieg eine leise Stote auf, ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie zupfte ihren Begleiter, um ihn zum Fortgehen zu mahnen. Der aber biß sich auf die Lippen, ergriff die Ziehharmonika und begann zu sprelen. Das Mädchen bezwang sich sichtlich, nahm die Geige zum Kinn und fiel ein.

Die beiden spielten das berühmte Largo von Händel.

Bei den ersten Tönen lasen die Weiber weiter aus. Einige Fenster öffneten sich, dann mehr. Als aber die wunderschönen Stellen der Geige kamen, die das junge Mädchen Har und rem vvrtrug, in welchen eine göttliche Heiterkeit und Sehnsucht sich verbunden haben, datz wir denken mögen, dw Tranen des Glucks müssen uns in die Augen steigen, da liehen die Weiber im Hof die Hände sinken und lauschten still, mit gebücktem Kopf, als schäm­ten sie sich ihrer gemeinen Gesichter,- die Weiber an den Fenstern lauschten still, und es schien, als ob auch ste sich versteckten: lautlos war es im Hof, und die wundervoIen Klänge perlten von der Geige, über welche sich das blasse Gesichtchen beugte.

Das Largo ist eines jener Werke, die so geschlossen smd, datz wir nachher nicht wissen, ob sie lange gedauert haüenvdernur kurze Seit. Ton für Ton lau,chten die Weiber, selbst der Mann hinter dem Glasfenster war vom Schreibpult fortgegangen und hatte sich, die Hände hinten unter den Rockschößen zusammenge­schlagen, breitbeinig in die Tür seines Lagerraumes gestellt und lauschte. Wie verzaubert war die Stille, und ste wahrte bis zum Schluß, da senkte das junge Mädchen den Bogen und verneigte

Alle hielten noch still: es ivar, als ob selbst der Atem zurück- gehalten werde. Der Mann in der Tür des Vorratsraumes suchte "in seiner Geldtasche und winkte, der Jüngling kam, und er gab ihm ein Geldstück. Einige der Weiber suchten in ihrer gasche, der Jüngling ging mit dem Hut in der Hand im Krene und nahm die hineingeworfenen Pfennige mit Dank auf; aus den Fenstern wurde Geld, in Papier gewickelt, geworfen, er sammelte es, und in seiner Verlegenheit eilte er so, daß er einiges liegen ließ. Dann trat er wieder zur Schwester, die beiden verbeugten ''^Noch immer lag die Kranke auf dem feuchten Boden. Da er­hob sich eine Alte und trat zu ihr, zwei andere Alte kamen noch, und so brachten die drei die Kranke m den Vorratsraum und legten sie auf ein eilig zurechtgemachtes Lager. Der Besitzer trat besorgt neben sie und fragte, ob man einen Arzt holen solle; die Kranke schüttelte den Kopf; die eine Alte beugte sich zu ihr, strich ibr über die Wangen und sprach ihr ent Trostwort zu; dann wurde sie verlegen und ging mit den beiden anderen wieder in den Hof an ihre Arbeit, der Besitzer trat an sein Schreibpult und schrieb; die Kranke lag eine lange Zeit schweratmend da, dann richtete sie sich auf, und dann rief der Besitzer zwei der Weiber, gab ihnen Geld, und trug ihnen auf, die Kranke nach Hause zu * bringen.

Ein Lumpenhändler in einer großen deutschen Stadt hatte Geschäft in einem weiten Raum, der auf den Hof eines von Slrbeitern dicht bewohnten Hauses ging. Hier lagen auf der^ einen Seite die Ballen aufeinander geschichtet, tuu sie von den Samm­lern abgeliefert wurden. In der Mitte des Raumes saßen tut Kreis etwa zwanzig Frauen und Mädchen, jede mtt einem großen Ballen vor sich und suchten die Lumpen auf verschiedenen Häuschen zusammen die sie nm sich liegen hatten. Bei der Arbeit entwickelt K »L M-Ub und 's®n,ft; 6,86,16 »««» 6te »»-« gewohnt, wenn daS Wetter es irgend erlaubte, daß ste ihre Stuhl- Men auf den Sos stellten und dort ihre Arbeit versahen. Da stiebten denn an allen vier Seiten die geschwärzten, feuchtklebrigen Mauern in die graue Luft, unterbrochen von den Fenstern, von denen allerhand Kleidungsstücke hingen, die ost zerbrochene und ualiierverklebte Scheiben hatten, wo auf umgitterten Blumen- brettchen ein kümmerlich verschmutztes M^uveUchen stand oder Geickenke von allerhand Feiertagen, oder Milch im £opt unö äuci- sen, die kühl stehen sollten. Gelegentlich kam einmal elneSchimp- ferei ein Weib öffnete das Fenster und beklagte sich über den Schmutz der von den geschiittelten Lumpen aufstieg, andere Fenster wurden geöffnet und Weiber aus den engen und stickigen Woh­nungen hörten zu oder stimmten bei. Die Arbeiterinnen aber er­widerten nichts und suchten emsig in ihren widerwärtigen Zacken, "ie Arbeit ging in Akkord, und jede verlorene Sekunde war ver-

l^^Man ^kann^ sich vorstellen, daß zu der ekelhaften Arbeit sich nur ein Abhub von Weibern fand. Die meistenwaren altere Personen die unförmig breitbeinig dasaßen mit fetten ^^"keln, einige iünaere Figuren und Gesichter waren zu sehen, grau. 1 cölaff, uÄunb sSfi Die Bewegungen der Finger und Arme gingen fast maschinenmäßig, die Augenwareni auf Arbett^ge- richtct, die in den Schotzgerasft war. Em g I ~ . allerhand »eit kommt aus den Schneiderwerkstätten, das Mo aueryano kleine Flicken und Schnippsel, wie sie beim Zuschnelden übrig bleiben,^nachdem die großen Stücke ausgesucht smd, bessern verwendet werden können oder für allerhand tteme ^vare, menn hie Weiber bei solchen Lumpen auf ihr Tagloyn kommen wollten so mutzten sie die Finger schon fleißig rühren und durften nicht von der Arbeit aufsehcn. Die

lieferten.