Liebesnot.
Von E. ®. Kolbenheyer.
Warum tust du mir so weh, Willst du mich nicht kennen? — Weil ich dich mit Augen seh, Die vor Lieb« brennen.
Warum bist du hart zu mir. Daß ich still muß weinen? — Meine Liebe will aus dir Glut, wie Stahl aus Steinen.
Ist mein Herz ein Stein, ein Stein? Ach, es träumt jo linde, Will gewiegt, gewartet sein Gleich dem jüngsten Kinde! —
Meine Sehnsucht aber spricht: Gib dich ungemessen!
Flamme stirbt an ihrem Licht, Du mußt dich vergessen.
Oer Zauber der Mumie.
Bon Paul Ernst.
In einer oberägyptijchen Stadt, welche der Sitz einer Verwaltungsbehörde war zu der Zeit der römischen Herrschaft, lebte ein junger Mann namens Pantus, der Sohn der Temestes, welcher als Beamter bei dem Verzeichnis der Staatseinkünfte angestellt war.
Pantus liebte ein junges Mädchen namens Nike, die Tochter seines Nachbarn Apollonus. Die beiden jungen Leute waren aus demselben Stande, ihre Eltern waren vermögend, und Pantus hatte eine gute Laufbahn vor sich, denn er durste erwarten, datz er später einmal Statthalter des Distrikts wurde; dazu war Pantus von angenehmem Aeußern, liebenswürdigem Benehmen und gutem Wesen; so hätte nichts im Wege gestanden, daß Nike den Bewerber erhört hätte; aber das junge Mädchen sagte ihren Eltern, sie habe eine unüberwindliche Abneigung gegen ihn, sie wisse nicht, weshalb; und da die Eltern verständig genug waren, ihre Tochter zu einem so wichtigen Schritt nicht zwingen zu wollen, so sagte Apollonus mit bekümmerter Miene zu dem Bewerber, der im Festtagskleid und mit einem Strauß kostbarer Blumen vor ihm stand, daß er zu seinem größten Leidwesen auf die Ehre verzichten müsse, ihn als Sohn in sein Haus aufzunehmen, und daß er ihm nur wünschen könne, er möge sein Herz ein anderes Mal einem verständigeren Mädchen schenken, als Nike sei. Pantus wurde blaß und neigte die Stirn auf die Hand des Apollonus, dann ging er.
Das Haus des Apollonus lag in einem schönen Garten. Pantus hatte seinen Besuch am frühen Morgen gemacht, und noch blitzten feine Tautropfen an hängendem Gras und bunten Blumen. Nike, in einem Gewand aus zartem durchscheinendem Leinen, lief auf dem sauber kiesbestreuten Gang hinter einem bunten, gaukelnden Schmetterling her. Sie erblickte Pantus, wie er, gefesselt durch das anmutige Bild, dastand, mit sehnsüchtigem Blick aus sie hinsehend; ein Zug von Trotz huschte über ihr heiteres Gesicht, dann glätteten sich Mienen und Zuge wieder zu kindlicher Heiterkeit, und sie wies auf den Schmetterling, der sich inzwischen auf eine Blume gesetzt hatte, in Wonne die farbenprächtigen Flügel flach auseinander schlug, und im tiefen Selbstvergessen den berauschenden Honig des Kelches sog. Auch über Pantus wollte ein Selbstvergessen kommen; aber plötzlich verfinsterte sich sein Gesicht und er riß sich nut
turym ®nr“^05einem Priester, der in einem kleinen Häuschen neben ,eini)Tr Priester "agte^ihm: „Das Land ist vortrefflich eingerichtet. Jeder Mensch ist ausgeschrieben, und sein Leben wird ganz genau von den Behörden verfolgt, und in den Akten sind alle seine Erlebmsie M-ndem Jedem Menschen ist eine Arbeit zugewiesen die er für d>e Gesellschaft zu verrichten hat; und dafür bekommt er sein bestimmtes Maß Lebensmittel, von de? Art, wie sie für seine Arbeit und seine Lebenswe. e angemessen sind. Du weißt, daß bei den andern Volkern das nicht so ist, daß die in Roheit und Gedankenlosigkeit dahmleben. Die Ursache ist aber, daß wir Aegypter wissen, unser irdisches Leben 'st nur etwas ganz Gleichgültiges und Unbedeutendes, und das eigentliche Lebe,, ist das Leben nach dem Tode. Deshalb leben wir ja auch m Wirklichkeit mit allen Toten zusammen, die seit undenklichen Jahrtausenden rn diesem Lande gelebt haben; wenn wir ihre Geister sehen konnten dann wurden wir sehen, daß auf jedem Zollbreit ägyptischer Erde ein Geist eines
Nachdem e?das gesagt hatte, erfüllte er den Wunsch des Pantus Er nahm ein kleines Bleiplättchen und schnitt es mit dem Messer in Herzform; dann ritzte er die Inschrift ein unMeigte ^jd°m Junglmg; fie lautete- Norton Sohn des Serapus, mache, daß Nike, o,e -vomier
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ha nicht fertig, der Leichnam lag noch mit oft ^.e ° Y Y rocr=
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,/Diefes Päckchen wird das Herz des Horlon roerben", sagte er zu dem Jüngling. „3n zwei Wochen wird die Leiche fertig zubereitet sein, der Sarg ist schon berett, in den sie gelegt werden soll; dann kommt sie in ihr Grab. In zwei Wochen wird Horion die Nike quälen, wie du mich gebeten hast."
Pantus beugte die Stirn auf die Hand des Priesters, dieser segnete und enlließ ihn.
Pantus ging auf fein Amt und machte seine Arbeit; er kam nicht in die Nähe von Nikes Haus, er hielt sich in feinem Haufe, wenn er nicht auf feinem Amt war.
An einem Abend faß er am Fenster und sah auf die Ebene, von welcher das Dunkel hochstieg. Da klopfte es zaghaft an feine Tür; er rührte sich nicht und rief, der Klopfende solle eintreten. Nike trat ein, sie schob sich durch die wenig geöffnete Tür, zog die Tür hinter sich zu. und stand nun da an der Wand, mit niedergeschlagenen Augen. Pantus gab keinen Laut von sich, er blickte auf die Ebene durch das Fenster. Nach einer Weile sagte Nike:
,Lch habe unrecht getan, daß ich deine Liebe von mir stieß Du muht mir verzeihen. Und vielleicht ist es so gewesen, daß meine Eltern nur nicht verstanden haben, wie es in mir war, und ich habe es auch nicht verstanden. Nun bist du die Wochen lang nicht bei meinem Vater gewesen. Das war klug von dir, denn dadurch hast du mich bezwungen. Zuerst dachte ich immer, du kommst noch; aber feit einer Woche dachte ich, nun liebst du mich nicht mehr."
Als sie das sagte: „Das war klug von dir", da lachte sie; aber als sie sagte: „nun liebst du mich nicht mehr", da tarnen ihr die Tränen. Pantus faß noch immer still und teilnahmslos am Fenster, ihre Tränen rannen, und sie blickte ihn flehend an.
„Vielleicht ist es wirklich so, daß du mich nicht mehr liebst?" fuhr sie nach einer Pause fort. „Du solltest doch nicht so hart fein. Sieh, ich bin ja auch hart gewesen, aber ich war es aus kindischem Unverstand, weil ich nichts von der Liede wußte und von mir selber; aber du weißt doch, wie Liebe tut, und du weißt auch von mir und dir."
Noch immer schwieg Pantus. „3ft denn wirklich alles zu Ende?" fragte fie. „Sieh, auch wenn du mich nicht mehr liebst, ich bin doch schön, ich will dir eine gute Frau sein und will dir in allem gehorchen, könntest du mich nicht zum Weibe nehmen, und vielleicht käme die Liebe wieder? Ich weiß ja nicht, rote ich so sprechen kann, denn das ist nicht mädchenhaft, daß ich so spreche, aber es ist mir, als ob mich Etwas zwingt." Als sie so gesprochen hatte, löste sie sich von der Wand und ging auf ihn zu. Er stand auf und trat ihr gegenüber, da erhoben sich gleichzeitig ihre Arme, und Nike schmiegte sich an seine Brust und er umarmte sie.
Das geschah damals, nun ist auch das fast zweitausend Jahre her, und Pantus wie Nike sind lange verschwunden, die Leiche des Horion aber blieb, und in ihrer Brust tag ein bleiernes Täfelchen, in Herzform geschnitten, auf welchem der Zauder eingeritzt ist, der Nike an Pantus fesselte; und solange das Täfelchen in der Brust des Horion ruht, so lange wirkt der Zauber; er wirkt noch heute, Pantus und Nike find verschwunden, aber die Liebe von Nike ist losgelöst von ihrem Körper, sie ist noch.
Oer Beruf des Dichters.
Von Erwin H. Rainalter.
Die soziale Stellung des Schriftstellers hat sich während der letzten Jahrzehnte grundlegend gewandelt. Was vorher zumeist nur Berufung gewesen war, ein Amt, das man um seiner selbst ausübte, das wurde nun in einem bürgerlichen Sinne zum Berus. Der Schriftsteller besann sich immer mehr daraus, daß die Produkte seines Schaffens nicht nur ideelle Werte darstellten, so daß sie — wenn man dies nüchterne Wort in solchem Zusammenhang gestatten will — auch ein wirtschaftliches Gut von ernsthafter Bedeutung waren. Mit dieser Erkenntnis begann er sich aus den anderen Berufen auszuschallen, die ihn bisher geborgen hatten. Die Frage, ob dies zum Nutzen der Kunst geschah, wird allzuleicht nicht zu beantworten sein. Gottftied Keller noch, ein Mann also, der schon in unsere Zeit hineinragte, hielt fest an feinem Amt als Staatsschreiber von Zürich, weil er der Meinung war, daß diese Bindung an das bürgerliche Leben ihm allein die innere Freiheit und Unabhängigkeit gebe, die er für feine Kunst brauchte. Mit folcher Anschauung stand er keineswegs vereinzelt da. Goethe widmete sicb den Ausgaben, die ihm als einem weimarischen Staatsminister oblagen, mit Genauigkeit und Ausdauer; Schiller war Professor; Herder Prediger. Als Erster hatte Lessing den Mut, zu werden, was man heute einen freien Schriftsteller nennt. Kleist folgte ihm zwar darin nach, aber er suchte wenigstens zeitweise eine Bindung in der Journalistik. Im allgemeinen darf man sagen, daß ehedem das bürgerliche Leben scharf von der künstlerischen Tätigkeit geschieden war.
In diesem Zusammenhänge muß es merkwürdig erscheinen, daß der Schafsende, der einzig und allein seiner Kunst lebt, in anderen Kunstgattungen von jeher zu Recht bestand, und daß nur der Dichter sich erst mühsam von seinen Hemmungen und Vorurteilen frei machen mußte. Mozart, Beethoven, Schubert, Wagner lebten nur für ihre Berufung, die sie zum Berufe werden ließen. Schwer vorstellbar i t ein Maler oder Bild'hauer, der tagsüber in einem Kontor angestellt i t und sich karge Mußestunden abftiehlt, um zur Erfüllung seiner eigentlichen Ausgabe zu kommen. Dabei muß freilich festgehalten werden, daß jede andere Kunst fester im Handwerklichen verankert ist als die Dichtkunst. Dürer war nicht mehr als ein zunftmähiger Meister, der freilich hoch in den Himmel seligsten Schöpfertums hinaufwuchs Wogegen die Meistersinger durchwegs ein Gewerbe übten, das sie mit ihrem Dichtertum wohl in Einklang zu bringen verstanden. Kein Zweifel kann darüber bestehen, daß dieses Hinausheben dichterischen Schaffens über die Sphäre des Alltags viel zur Vertiefung des Schaffens beitrug, während andrerseits das Berhaftetsein des Dichters 'im Bürgertum jene Weltkenntnis vermittelte, ohne die das Dichtwerk nicht bestehen kann. Denn im Gegensatz etwa zur Musik, die die unabhängigste aller Künste ist,


