Abendliche Ernte.
Don Johannes Linke, EDS.
Boll Klarheit wie ein seltner Traum Lag das Gebirg ins Abendgold ergossen. Die Blätter rührten sich im dunklen Baum. Ich hielt mich an die höchsten Leitersprossen Und schaute in den auserblauten Raum.
Voll Klarheit wie ein reiner Blick
Hielt Berg um Berg die weite Sicht umfriedet. Leise fiel eine Frucht im Reifeglück, Als wie vom eignen süßen Saft ermüdet Zum Grunde ihres Auserstehens zurück.
Voll Klarheit wie ein tiefes Wort
Umhegten Hang und Täler, Wälder, Matten
Den Erntegarten als ein guter Hort.
Ich schwang mich aus dem vollen Blätterschatten Und trug den schweren Korb durchs Leuchten {ort.
Zm Lande des Löwen.
Von Cherry Kearton.
Nachstehend eine Probe aus dem neuen Buch „Im Lande des Löwen", von Cherry Kearton, das bei Engelhorn in Stuttgart erschien, und in dem wieder eine Fülle von interessanten Beobachtungen aus der afrikanischen Tierwelt vereinigt sind. Keartons stühere Bücher, „Die Insel der fünf Millionen Pinguine" und „Pallah", wurden seinerzeit von uns besprochen.
uhig weiter, bis sie schließlich nur noch siebzig Meier vom Hügel entfernt sind. Jetzt kommt Bewegung in den Löwen. Katzenhaft kriecht er
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ruf dem Bauch durchs Gras. Gleich darauf machen die Wachen einen Satz und auf dies Alarmzeichen hin donnert die ganze Herde auf unb
? «ihr zu warnen.
I Für den flüchtigen Blick ist auch nicht die geringste Spur drohenden Unheils zu bemerken. Die Landschaft stellt das schönste Motiv für em Ukademiegemälde dar. Aber die beiden Wachtiere sind aus dem Posten. Mit gespannter Aufmersamkeit spähen sie zu dem kleinen Hügel hinüber, auf dem sie offenbar einen Feind vermuten. Mit Hilfe meines Feldstechers gewahre ich nun auch eine Bewegung dort drüben und ent- >ecfe, was die Tiere da unten bereits wißen: unter der Akazie, die den i leinen Hügel krönt, liegt geduckt im Gras ein Löwe.
Die Herden haben offenbar vollstes Vertrauen zu ihren Wachen. Sie mögen selber genau wissen, daß der Feind sie belauert, äsen aber
Man kann nur staunen über die Fähigkeit eines st>lch riesigen einah flach auf dem Boden vorwartszukriechen und im kurzen ungesehen zu kommen und zu gehen. TunneI versteckt, der von
„ Einmal hatten sich drei Löwen in einer 2Ir Tunnel oerjrea^
i ^genströmen ausgewaschen worden war. Zw aibjug beob-
L I leiten den Platz scharf im Auge, um die Löwen bei ihrem
Ich sitze auf einem kleinen Hügel im Herzen von Zentralafrika.
Dreißig Kilometer weiter beginnt die Ebene dort unten anzusteigen, unb der Blick wird begrenzt von Bergzügen, aus denen — mir gerade gegenüber — ein längsterloschener Vulkan hoch über die andern Gipfel ifinausragt. Ein großartiger Anblick. Ich könnte stundenlang so sitzen lind hinüberschauen. Aber wichtigere Aufgaben drängen.
Nicht weit von mir erhebt sich der Boden zu einem kleinen etwa fünfzehn Meter hohen Hügel, der mit dreißig Zentimeter langem Gras ^wachsen ist und aus dessen Höhe eine einzelne kleine Akazie steht. Uns dem Stück Steppe zwischen hier und dort — es mögen hundert- üinfgig Meter sein — weiden etwa zwei- bis dreihundert zahmere Busch- tiere: Zebras, Kuhantilopen und Gazellen.
Grasrupfend halten sie immer ein wenig Abstand voneinander. Aber links steht etwas abseits ein einzelnes Zebra und auf der Rechten in lvtsprechendem Abstand eine Kuhantilope. Ein Bild, das dem Afrikaner zanz vertraut ist — eine Herde weidender Tiere, von denen zwei gesondert als Wachen aufgeftellt sind, um die Gefährten bei nahender Ge-
^°Aber es fällt ihnen doch wohl schwer, sich von der guten Weide dix ®e ba gefunden haben, zu trennen. Ein oder zwei Minuten vergehen, da wenden sie wieder und kehren langsam grasend zurück. Die Wachen eefjmen die vorigen Stellungen wieder ein, um Hügel und Lome scharf m Auge zu behalten.
Da es hellichter Tag ist und das Gras auf dem Boden drunten nicht Io hoch steht wie auf dem Hügel, sind die Beuteaussichten für den Löwen ! Bering. Mag es ihm auch gelegentlich einmal glucken, so habeichl selbst «tsächlich noch nie einen Löwen bei Tag mit Erfolg |Q9en Je^ ",ii?^ vermute, daß er selber gut Bescheid weiß, und Zweifle, ob er agsuber »irklich je mit ernsten Absichten jagt, es sei denn, hatte besemem nächtlichen Beutezug versagt, was auch man^mal Dortommt, Zumal m der nassen Jahreszeit, wo er gern an geschützter Stelle bleibt. Der Tag ft nicht feine natürliche Futterzeit, und schon aus biestm Grunde glaube ch, daß er dann mehr aus Jagdleidenschaft als aus Mordlust lagt, an üesichts einer weidenden Herde wird die Versuchung eben gar zu ch g, -ch ba anzupirschen. Die Katze gelüftet es zu spielen!
Nachdem ich Herden und Löwen einige Zeit beobachet habe, reite ch
achten zu können. Es verstrich eine Stunde, ohne daß wir etwas bemerkt hätten. Endlich entschlossen wir uns, der Sache näher zu gehen. Behutsam bewegten wir uns auf das tiefer gelegene Ende des Tunnels zu, um die Feststellung zu machen, daß die Löwen nicht mehr da waren. Schier unglaublich, war es aber reine Tatsache: die drei Tiere hatten den Tunnel verlassen und waren unter dem Schutz des kaum halbmeterhohen Grases in ein kleines Tal hinabgeschlichen, von dort wieder auf eine Anhöhe, auf deren anderer Seite sie verschwunden waren. Und habet lag das ganze Tal frei und offen vor unserm Blick >
Bei einer andern Gelegenheit war ich mit meinem schwarzen Boy allein in einer ähnlichen Gegend Hin und wieder leicht gewellter Boden, aber nichts, was den Blick hinderte, außer fußhohem Gras. Wir machten eben einen Bogen um eine jener kleinen Bodenerhebungen, als mein Boy mich am Arm packte unb mit ausgestrecktem Finger rief: „Simba!" (Löwe!)
Sie waren noch keine zweihunbert Meter weit, die fünf riesigen Tiere, bie anscheinend mit dem Verspeisen einer kleinen Gazelle beschäftigt waren, ein Mahl, von dem kaum mehr als ein kärglicher Happen für jeden von ihnen abfallen konnte.
Das war nun so eine Gelegenheit, wie sie sich einem im Geben nur selten bietet. Ich schickte also den Boy zurück, um die Kameraden zu benachrichtigen und meinen Apparat zu holen. Das sollte Ausnahmen geben!
Ich hatte allen Grund, gerade diesen Löwen mein besonderes Interesse zuzuwenden Am Morgen war ich nämlich zufällig auf einen menschlichen Schädel gestoßen, der, wenn auch völlig abgenagt, doch deutlich als von einem Eingeborenen herrührend zu erkennen war. Zwei Dinge waren sicher: der Mann war innerhalb der letzten zwölf Stunden geschlagen worden — und zwar von einem Löwen.
War also schon ein „Menschenfresser" in dieser Gegend, so dünkte es mich mehr als wahrscheinlich, daß er (oder sie?) eben jener Gruppe angehörte, die ich da vor mir hatte. Darum hatte ich auch nach dem Gefährten geschickt; denn beim Löwen ift’s wie überhaupt stets in prekären Lagen — man ist am besten zu mehreren.
Erst hinterher ist mir klar geworden, daß es eigentlich reichlich gewagt von mir war, am Ort zu bleiben, um auf Freunde und Apparat zu warten. Ich mag mir eben nie eine Gelegenheit entgehen lassen, wo ich den Löwen nur irgend beobachten kann Dachte in diesem Fall auch, die Tiere wären viel zu vertieft ins Fressen, um mir irgendwelche Beachtung zu schenken. Herrliche Gelegenheit also, ungestörte Beobachtungen zu machen.
Aber ich sollte mich täuschen unb das gründlich! Wahrscheinlich neigte das Gelage sich schon seinem Ende zu, oder die Gazelle war an sich nicht dazu angetan, die Aufmerksamkeit eines Löwen länger zu fesseln. Jedenfalls — lange, bevor ich meine Kameraden von der Lagerstelle her zu erwarten hoffen konnte — fängt plötzlich eine riesige Löwin an zu gähnen, sich das Maul zu lecken unb umherzublicken. Da, jetzt hat sie mich entdeckt! Sie erhebt sich, kommt ein paar Schritt vor, bleibt stehen betrachtet mich. Inzwischen sind auch die andern vier aufgestanden und folgen ihr.
Es heißt oft, ein Löwe sei nach dem Riß so schläftig und satt, daß man sich ihm ohne Sorge und Gefahr auf wenige Meter nähern könne. Das mag stimmen, aber nicht immer. Jedenfalls stimmte es nicht bei dieser Löwin. Vielleicht war ihr Gazellenanteil wirklich sehr knapp bemessen gewesen. Vielleicht aber hatte ich auch etwas an mir, das ihr besonderes Interesse erregte. Vielleicht aber — und das schien mir das Wahrscheinlichste — stand hier der „Menschenfresser" vor mir, dessen grausige Speisereste ich am Morgen gefunden hatte
Eins war sicher: sie hatte ernsthafte Absichten, unb es lag nicht im mindesten in ihrem Sinn, mich in Frieden meines Weges ziehen zu lassen. Etwas mußte geschehen, und zwar sofort Sollte ich kehrt machen und fortrennen?* Sie würde hinter mir hersetzen. Keine Möglichkeit ihr zu entkommen. Ich beschloß, löwenartige Taktik mit menschlicher List zu verbinden unb auf diese Weise eine möglichst große Entfernung zwischen mich und die Verfolgerin zu legen. Konnten Löwen sich im Gras unsichtbar machen, warum sollte mir das nicht auch gelingen!
Ich ließ mich also flach auf den Boden fallen und lag ba eine Minute lang mit klopfenben Pulsen. Dann hob ich ganz vorsichtig ben Kops um zu sehen, wie weit bie Löwin inzwischen näher gekommen war Zweifellos hatte mein Manöver sie etwas aus ber Fassung gebracht. Sie ftanb noch ba unb blickte sich nach ihren vier Begleitern um, als wenn sie fragen wolle, was aus mir geworben fein mochte. Nun sprang ich auf. Der Anblick, wie ich ba gleich einem Kastenteufelchen aus bem Gras schnellte, verblüffte sie berartig, daß sie von neuem stutzte
Aber nicht lange Sonberbar biefer Kerl ba, ber im Gras auftauchte, verschwanb unb roieber auftauchte! Ich vermute, baß ihre Neugier burch meine Person wohl aufs Lebhafteste aufgestachelt würbe, benn roieber steuerte sie auf mich zu, diesmal mit größerer Entschiedenheit.
Unb abermals verschwanb ich unb begann, mich im Grase so schnell wie möglich nach rückwärts zu verziehen, mit bem angestrengten Bemühen, nichts von mir sehen zu lassen
Die Sache war entschieben aufregend. Durch mein plötzliches Unter« unb Wieberauftauchen hatte ich bie Löwin zwar einen Augenblick auf- gehalten, hatte aber nicht gleichzeitig an Baben gewonnen Zurückweichen aber konnte ich nur in Deckung. Bald fanb ich heraus, daß bas Tier schneller vorankam, als ich zurückweichen konnte. Es war auch wenig Aussicht vorhanben, baß ich mich genügenb hätte seitwärts schlagen können, um aus ihrer Marschrichtung herauszukommen Nein, auf bk Dauer konnte das so nicht weitergehen. Ueber kurz ober lang mußte sic (von ihren vier Begleitern ganz zu schweigen) mich erreicht haben, wenn nicht noch glücklich'zur rechten Zeit meine Karneroben eintrafen.
Man stelle sich also meine Erleichterung vor (benn schließlich geht es auch bem leibenschaftlichsten Tierliebhaber über ben Spaß, sich auffressen
* An anberer Stelle erzählt Kearton, baß er stets ohne Massen auf Tierbeobachtungen gehl. (Anm. d. Uebers.)


