Tatsächlich bog Zurrhelm zum Hause des Konsuls hinüber. Hier war es nun zum erstenmal, daß er sich umsah, die Straße hinunterschaute und nur den einsamen Mann in noch ziemlich bedeutender (Entfernung herankommen sah. Da trat er in den Garten, schlich zum Hause und wartete da, lauert« oder? ... Luzius meinte zu sehen, daß er eine winkende Bewegung mit ausgestrecktem Arme tue. Er blieb stehen. Das war ja nun die Krone )er Seltsamkeiten! Wem winkte Zurrhelm? Er sah, daß einige Fenster im hause Finkendey offenstanden, darunter das des Schlafzimmers im ersten Ztock. Zu diesem Fenster, es lag noch dunkel, Finkendeys saßen vielleicht >eim späten Nachtessen, — zu diesem fen,*er des Schlafzimmers hinauf Witte Reginald Zurrhelm? Spukhafte Angelegenheit! Oder? Aber das oar doch nicht möglich, es konnte doch niemand im Haufe des Konsuls nit Zurrhelm im Komplott sein.
Luzius, hinter einem Baumstamm geduckt, wartete. Was würde weiter eschehen? Erschien nun etwa Frau Olga am Fenster und gab ihrerseits in Zeichen, ober signalisierte der Konsul? Luzius wartete. Das verriet hn. Zurrhelm hätte sich durch einen Passanten, der draußen norüberging, licht beunruhigt gefühlt. Luzius sah, wie er sich dem Hause zuwandte, bereit, dort einzutreten, — da stutzte er, zögerte, lauschte aus die Straße hin und fand den Mann, der da in seinem Rücken gewesen war, nicht mehr. Und dies Gefühl, jetzt beobachtet zu werden, ließ ihn seinen ur- prunglichen Plan aufgeben. Er trat von der Haustür zurück, schlich durch len Garten zum Seitenausgang und schritt die Platanenallee hinauf.
Luzius bog um die Ecke und folgte sofort. Jetzt war es nun offen« ichtlich, daß Zurrhelm sich verfolgt und beobachtet wußte, er hielt sich m Schatten der Häuser, wich den Laternen aus und beschleunigte sein lempo. Luzius, seinerseits wissend, daß Zurrhelm seinem Heim zustrebte, beeilte sich nicht sonderlich. Er war unschlüssiger denn je. Was sollte er nun tun? Womöglich, wenn er Reginald Zurrhelm sestnahm, tat er das Allerungeschickteste! Was wollte Zurrhelm im Hause des Konsuls? Zurrhelm besaß die Perlen. Wollte er sie zurückbringen? Nachdem er sie gestohlen hatte? Das war nicht glaubhaft. Aber vielleicht hatte er sie gar nicht gestohlen, vielleicht holte er sie nur von dem Hehler, kaufte sie gewissermaßen zurück? Wer stahl dann die Perlen und ließ es Zurrhelm missen? Der Schreck fiel tief in den Assessor hinein. Barbara! Er blieb stehen. Daß er bas nicht vorher gebacht hatte! Natürlich, Barbara hatte die Perlen genommen unb verkauft. Zurrhelm kam dahinter unb ging eiligst, den Verkauf rückgängig zu machen; er wollte bie Perlen dem Konsul ;urückbringen, ba entbetfte er mich, schämte er sich unb verschob bas Vorhaben. Luzius schüttelte den Kops. Das ist Unsinn Sein Vorhaben verschiebt man nicht, weil ein Passant auf der Straße stehen bleibt. Die Geschichte stimmt auch sonst nicht ganz. Denn das Geld gab, außer den Perlen, der alte Berlebach. Zurrhelm nahm es. Also war bas kein Rück- aus, was ich bort mit ansah.
Er hatte Zurrhelm aus den Augen verloren; aber bas tat ja nichts. Zurrhelm war in sein Haus gegangen. Luzius folgte nach bis vor bie Tür. Sie war schon wieber verschlossen. Gerade erlosch bas elektrische Licht im Treppenflur. Zurrhelm war. also oben angelangt.
Unb wieber ftanb der Assessor Luzius vor diesem Haus in der Platanenallee und sah zu den Fenstern hinauf. —' Ich kam, um Zurrhelm zu warnen ober ihm freundschaftlichen Zuspruch zu bringen. In meiner Tasche habe ich noch die Zettelfetzen: heute abenb erwarte mich um 10 Uhr. Aber nun!? Es hat sich etwas verschoben. Es begann mit ber Perlenkette. Dann kam bie Affäre Barbara unb Jan Strornbeck da- zwischen. Aber es scheint jetzt doch, als fei der Diebstahl bes Schmuckes unb nicht ber Staub, ben Jan Strornbeck plant, das Beherrschende in dieser Geschichte. Und ba fiel ihm ein: Ich muß zu Brendel, dachte er, ich muh eiligst den Wingart Reußner fragen, was ihn veranlaßte, uns auf bie falsche Spur zu bringen. Unb er verließ das Haus Nr. 9 und entfernte sich.
Hätte er nur noch 5 Minuten gewartet, wäre ihm auf eine seiner Fragen schon jetzt die Antwort geworden, unb er hätte klarer gefehen. Aber er lief davon. Die Idee: Wingart Reußner hat ein Interesse gehabt, uns irre zu führen, welches ist dies Interesse!? — diese Idee beherrschte ihn unverrückbar.
Sechstes Kapitel.
„Die Tat war verwerflich; ein gemeiner Diebstahl; Paragraph —, aber das interessiert Sie natürlich gar nicht." Brendel saß mit übergeschlagenen Beinen hinter seinem Schreibtisch.
An ber Wand unter bem Bilb ber Gioeonba saß zusammengesunken Wingart Reußner unb hörte biefe Rebe an, ließ sie über sich ergehen. Die Mona Lisa lächelte ihr bekanntes Lächeln. Brenbel sah sie, nicht ben Primaner an. „Das Motiv war nicht unedel. Cherchez la femme, wie immer. Ob Fräulein Mita Ihnen dieses Opfer, wenn sie es erfährt, und bas wird sa einmal sein, dankt, ober ob sie sich von Ihnen abroenbet, wage ich nicht zu entscheiden Unter uns gesagt, ohne Sentimentalität, bie nur verwässert: es war eine riesengroße Dummheit. Ich weiß, protestieren Sie nicht erst. Sie wollen sagen: es war Liebe. Aber biefe Meinung werden Sie nach einiger Zeit berichtigen. Es sah nur so aus wie Liebe, guter Wingart. Liebe werben Sie später einmal wirklich kennen lernen. Ich wünsche es Ihnen. Wenn Sie dann bie richtige Frau zur Gegenspielerin gefunben haben, wird es völlig ausgeschlossen sein, baß biefe liebende Frau Sie in solche Situation geraten läßt."
„Fräulein Finkendey weiß nicht, woher ich das Geld beschaffte."
„Das wäre auch noch schöner! Aber Mita — ober legen Sie Wert daraus, bah ich. von meiner Kusine als Fräulein Finkendey spreche, — mußte annehmen, bah ihre Bitte Sie in Schwierigkeiten bringen würbe."
„Nein. Ich habe ihr bas Gelb angeboten."
„So", meinte Brendel, „nun ja." Er zuckte die Achseln und dachte: wir mürben ja auch das Mädchen verteidigen, das wir Heben. Aber der gute Wingart ist ein entgleister Romantiker. Zudem täuscht ihn feine Jugend. Nicht er ist es, der diese kleine Dame Mita interessiert, sondern Luzius. Wenn mich nicht alles täuscht!
Er zündete sich eine Zigarette an, nahm die Schachtel und warf sie seinem Gast in den Schoß. „Wenn Sie rauchen wollen?"
Der Primaner griff rasch danach. „Ja, danke", sagte er, „es beruhigt die Nerven "
Brendel lächelte dünn: aber er entgegnete nichts, denn gerade schlug draußen die Klingel an.
„Ist das der Herr Assessor Luzius?" fragte Wingart. Er hatte die Zigarette schon angezündet und blies hastig und nervös graue Wolken zur Decke. Brendel nickte. „Das hoffe ich. Luzius kann uns doch hier nicht den ganzen Abend sitzen taffen."
Draußen klangen Stimmen, dann kam ein Schritt näher unb jemand pochte gegen die Tür. „Herein!", rief Brendel, „wir wissen ja, daß Sie es sind, Luzius."
Der Assessor trat ein. Er sah erstaunt dies Bild friedlicher Eintracht. Wingart Reußner stand aus und verbeugte sich tief, aber Luzius gab ihm die Hand.
„Das ist recht", stellte Brendel fest, wir haben dem jungen Mann nämlich in gewisser Weise Unrecht getan, Luzius Wingart hat zwar eine Besitzverschiebung vorgenommen, aber von dem Perlendiebstahl hat er keine Ahnung."
Luzius schaute seinen Freund verdutzt an. „Setzen Sie sich", forderte Brendel, „nehmen Sie eine Zigarette. Es beruhigt die Nerven, findet Herr Reußner junior. So. Und nun lassen Sie sich die mysteriöse Geschichte erzählen Mita Finkendey, meine reizende Kusine hat tatsächlich bas Gelb für bie Berliner Reife von unferm jungen Freund hier erhalten. Das ist ber eine wichtige Punkt. Sie hat also bie Perlen ihrer Mutter nicht entroenbet unb etwa verkauft, um bafür reifen zu können."
„Mein Gott ", stöhnte Wingart.
Brenbel sah ihn an „Ich stelle ja ausdrücklich fest, daß Mita das nicht getan hat", sagte er trocken.
Luzius fuhr gespannt dazwischen. „Zur Sache!"
„Wir sind schon mitten darin. Wingart hat sich das nötige Kleingeld auf eine andere Art verschafft. Wissen Sie, daß der alte Herr, der Justizrat eine bedeutende Briefmarkensammlung besitzt? Diese Sammlung ist sehr umfangreich Wingart fagte sich mit Recht, daß ~ber Vater nicht so bald eine Entleihung einiger Marken aus seinem Schatz bemerken würde. Er benutzte eine Gelegenheit, und stahl dem Papa zwei wertvolle Marken. Sachsen, 3 Schilling rot unb Helgoland, 2 Neugroschen."
Aber Herr Brendel! Helgoland drei Schilling rot und Sachsen zwei Neugroschen."
Brendel nickte. „Richtig, so war es auch. Sie bekamen für jede Marke 500 Mark. Man sollte nicht denken, daß für solche Sachen so viel gezahlt wird, wie? Und Sie gaben die taufend Mark an Fräulein Mita, die diese Summe dankend nahm und nach Berlin fuhr."
Luzius schlug sich vor die Stirn. „Deshalb gestanden Sie am Bahnhof! Sie glaubten diese — diese Entleihung sei entdeckt!"
Wingart nickte. „Ich weiß nun nicht, was geschehen soll. Herr Brendel war so sreundlich, einen Vorschlag zu machen. Danach würde Vater nie etwas erfahren müssen. Ich muß sagen, es war meine eigene Idee, bie Marken zurückzukaufen Ich habe morgen Examen. Ich werbe bestimmt bestehen, benn ich bin vom Mündlichen bispenfiert. Es ist eigent» I lief) nur, baß ich hingehe unb es erfahre. Für biefen Fall hat Vater mir tausenb Mark versprochen Ich konnte mir bas Geld nicht gut im Voraus ausbittten; Fräulein Finkendey aber wollte sogleich fahren. Da tat ich, was nun einmal geschehen ist. Es wäre nie herausgekommen, wenn Sie mich nicht am Bahnhof übertölpelt hätten. Ich hätte die Briefmarken zurückgekauft und wieder eingeklebt in bas Album."
Luzius nickte. „Das glaube ich Ihnen aufs Wort", versicherte er. „Aber es ist besser, wir kaufen bie Marken sofort zurück, gleich morgen früh. Brenbel, haben Sie Gelb? Ich gebe die Hälfte dazu."
„Ist gut", sagte Brendel „Nur müssen Sie wissen, Luzius, wir werden bas Geld nicht so rasch wiedersehen."
„Bitte", brauste Wingart Reußner aus.
Aber Brendel beschwichtigte ihn mit einer Handbewegung. „Ich weiß mehr als Sie, lieber Wingart. Lassen Sie sich erzählen, baß Ihr alter Herr Durchaus überzeugt ist, daß Sie Ihr Abiturium bestehen, unb baß bie tausenb Mark schon für Sie bereit liegen. Nur eben: nicht in bar! Sie bekommen einen Reisescheck unb sollen sich, wie es Ihr eigener Wunsch war, bei einer Reise burch alle in Frage fommenben Stäbte, Ihre Universität, bie sie beziehen wollen, aussuchen. Auch bie Fahrkarte ist schon besorgt. Die erste Station heißt München. — Aber sorgen Sie sich nicht. Wenn Ihnen Luzius fünfhunbert Mark gibt, borge ich Ihnen gerne sechshunbert, bamit sie biefe leibtgen Briefmarken zuriickkausen unb Ihre Fahrt unbejchwert antreten können."
Fünfhunbert und sechshundert macht eintausendundzehn", warf Luzius hin. „Kopfrechnen sehr schwach."
Brendel sah ihn an. seine Munbecken zuckten. „Luzius", sagte er feierlich voll Spott: „Ich verzeihe Ihnen. Der Mann, ber bie Briefmarken von Herrn Wingart kaufte, lebt nicht von Gefälligkeiten. Die beiden Marken kosten morgen früh billigst zehn vom Hundert mehr, alfo elshunbert Mark. Sollte ich zwölfhundert anlegen müssen, werde ich mir von Ihnen sechshundert erbitten."
Luzius lachte. „Das vergaß ich. Aber Sie sind der geeignete Mann für dieses Geschäft, lassen Sie Wingart Reußner nicht allein hingehen."
Sie saßen noch eine Weile und plauderten. Wingart taute nach dem ersten Kognak merklich auf. Er war Feuer unb Flamme für seine Reise. Hotte er Mita unb feine Siebe ganz vergessen? Brenbel und Luzius hüteten sich, daran zu rühren. Cs war besser so. Mita, mehr noch als Wingart, dem Typus ber allerletzten Generation angehörend, brauchte einen anderen Freund, nicht diesen Primaner. Brendel betrachtete Luzius. Dich braucht sie, dachte er, dich, nicht zu hart, aber nicht weich; entschlossen intelligent genug, in dem Partner die Persönlichkeit zu achten, — und verliebt. Mit dir könnte die so selbstsichere Kusine Mita wohl glücklich werden — ob sie nun beim Film etwas erreicht ober nicht.
Luzius sah vor sich hin Wenn Mit bei Vera ist, wird sie zuweilen zwangsläufig an mich denken müssen. Vera wird nach mir fragen, Mita wird von mir erzählen müssen. Das ist gut ...
(Fortsetzung folgt.)


