Ausgabe 
19.3.1934
 
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sprach:

Fülle, Pfannkuchen und Pflaumeneingemachtes. Wer noch esse« konnte, kriegte neues, soviel er wollte. Die Stirnen schwitzten. Die Uhren blieben stehen. .

So saßen sie bei Rohleders in tiefem Schweigen, Die Groß- väter Nohleder gingen umher und sahen zu, daß alle Teller immer gefüllt waren. Die Jugend speiste im Hof unter etnep Zelt, denn die Stuben waren voll, Rohleders waren so großmach- tige Kolonisten, daß halb Wolgaland Gäste geschickt hatte. Die Erlesenen unter diesen saßen in einer kleinen Stube, zu der die Tür offen stand, der Sprengelpfarrer, der Schulmeister, Alexandra, Anna, Sommer, Karl Schehl und die vorzüglichsten Kolonisten.

Hans aber speiste mit dem Katchen in der kleinen Hinterstube, wo für sie besonders gedeckt war, zum erstenmal allein.

Als alle satt waren, hatten die Burschen Tische und Stühle der Rohlederfchen Hauptstube hinausgetragen, in der Ecke stand jetzt ein Tisch für die Musikanten, das Zymbal darauf nebst Branntwein, Gläsern und einem Becher für den Kwas, wovon sich unter dem Tisch ein ganzer Eimer voll fand. Und während die Musik zu spielen begann, das Hackbrett, die Violinen und die Baßgeige, die Klarinette nicht zu vergessen, erschien in der Tür des Hauptzimmerchens das hochgeschmückte Brautpaar. Jemand

Der Ehemann muß schaffen das Brot, daß Haus und Hof nicht leiden Not. Mutz sorgen wohl für Vieh und Kind, sonst tut er eine grausame Sünd.

Hei, dei böige ... fahr'n wir über die Wolge!

Die Ehfrau muh sehr gehorsam sein, mutz schassen und halten die Zunge rein, spricht sie hinter dem Mann ein nichtsnutzig Wort, muß sie brennen allda am feurigen Ort.

Hei, dei dolge ... fahr'n wir über die Wolge! Tanzen wir, tanzen wir ...

Schon tanzen sie alle, Brautvater und Braut, Bräutigam mit Schwieger, Christian mit Alexandra, Mutter mit Sohn, Söhnerin mit Vater, Verheiratenes, Versprochenes, Verlobtes, Verli^tes, Hanna mit Martin, Liese mit Sebald, Konrad mit einem Ma­chen, Franz und Fritz mit Mädchen. Und Anna und Arnold, mit Arnold Krott, denn er hatte sie so inständig und so ehrfürchtig gebeten. Aber Anna schaute geschloffenen Auges seitab in die Lust, es war offenbar, datz sie tanzte mit irgendwem Starken, Fremden, Fernen, den sie selbst noch nicht kannte, aber innig liebte... Und ein Spitz bellte. Und es krachten die Böden. Und es bog sich das d^Der Pfarrer stand lächelnd an einem Türpfosten des Sonder- zimmerchens, Karl Schehl am andern.

Die Braut war bald mit Papierrubeln besteckt, jeder, der mit ihr tanzen wollte, heftete ihr einen Schein an.

Die Gläser mit Wein und Branntwein kreisten. Die Frauen, die zuerst den Kwas, den kühlenden, erfrischenden, ungefährlichen, getrunken haten, gingen eine nach der anderen unauffällig zum Weine über. Es wurde bemerkt, datz auch Alexandra mit spitzen Lippen von einem Gläschen nahm.

Schon legte eineWers", so hietz man die würdigen Frauen, ein Bein auf einen Tisch am andern Tag wird sie sich schämen.

Alexandra aber und die vornehmen Leute saßen im Stübchen beisammen um den Tisch. Der Holsteiner Pfarrer sah Alexandra mit unverhohlenem Entzücken an. An ihrer Schulter schlief bereits ihre Schwester, es war Abend geworden.

Auf allen Hochzeitsfesten, zu denen Schulmeisters hingingeu, wurde Anna um zehn oder elf so müde, datz sie kaum noch aus den Augen sehen konnte, während Alexandra die ganze Nacht mit den Gästen schwatzte. Man kannte das, auch Alexandra wußte das so gut, datz sie still saß, wenn Annas Kopf an ihre Schulter sank und dort ein paar Stunden liegen blieb Aber Alexandra redete dann weiter. Die paar Hochzeitsgesellschaften^ im Jahre waren ihre Ausschweifung, während eigentlich ausschweifend nur Annas holde Natur war, die am liebsten mit den Winden in alle Welten und Weiten ausgeschweift wäre. Sie fürchtete sich nicht vor ent­führenden Schicksalen und allen Leidenschaften der Welt.

Auch auf der Hochzeit im Hause Rohleber hörte Alexandra, aufrecht sitzend und unverändert und gleichmäßig.freundlich für jedermann, jede der Frauen an, die zu ihr kamen, sich eine Weile neben sie setzten, die alte Frau Reinhard, eine W'nterin, eine Karninerin und. die Zungen vom Weine gelöst, ihre Freuden und Schmerzen, mehr Schmerzen, vortrugen. Obgleich sie keiner helfen konnte, so ging jede getröstet und erleichtert fort, denn sie hatte die Betrübte angehört, als höre sie nur einmal eine, eben die eine, an, obgleich im Laufe der Nacht das halbe Dorf, soweit es Unterröcke trug und grauhaarig war, bei ihr in der Hinter- stube satz. Der Pfarrer konnte sich kaum losreihen von ihrem Anblick und sagte heimlich zu Christian:Ja, zwei Alexandras in der Welt! Dann wär' die eine mein, und ich war kein saurer Innggesell geblieben."

Hei dei dolge, fahr'n wir über die Wolge bei mein' Tante Annemarie ...

Die Jugend sang, tanzte, fang, trank und fang. Eine neue Tanzpause war eingetreten, und nun kam den Deutschen die große Feierlichkeit ins Herz. Sie fangen Lieder vom deutschen Vater­land, wo meine Wiege stand, so einfach und natürlich, als satzen

Wie klein, wie ruhig erschien im Grunde die europäische Welt, bevor die Germanen handelnd in sie eintraten, ein Stilleben fast im engen Familienkreis: und welche rastlose Bewegung erfüllt sie seitdem! Gleicht jene dem Teich, den von Zeit zu Zeit der Sturm aufwühlt, so zeigt diese den ewigen Wellenschlag des Ozeans. Ihre Bewegung steigert sich fortwährend. Noch sehen wir kein Ende ab, ob uns auch manchmal der Atem ausgehen will. Wohin, wozu? Die Frage hat keinen Sinn, es ist Bedürfnis, Trieb, innere Notwendigkeit, die nicht fragt nach Zweck und Ziel, die nur unbekümmert dem eigenen Gesetze folgt und bei dem Ge­danken erschrickt, daß sie einmal gezwungen sein könnte, still­zustehen: die in jedem errungenen Erfolg nur den Ausgangspunkt zu neuem Streben sieht, und ihr letztes Ziel erst in der Ewigkeit erblickt: so wie es Worte ausdrücken, mit denen Faust dem letzten, höchsten Augenblick entgegengeht:

Im Weiterschreiten find er Qual und Glück, Er, unbefriedigt jeden Augenblick ...

Hochzeit im deutschen Wolgadorfe.

Von Josef Ponten.

Auf dem Kirchplatz standen Wagen und Rosse. Die mit Papier- rosen geschmückten Tiere trippelten ungeduldig. In hohem Ton bimmelten die metallenen Glocken hoch in ihrem Krummholzstuhl, im Vogen über dem Mittelpferd des Dreigespanns, an den Bei­läufern begannen die lose herabhängenden Schellenriemen ihr abgestimmtes Hundertglockengeläut, und irgendwo klirrten schon die Raspeln. Die Rosse bekamen einen Branntwein eingegoffen.

Los fuhren die Wagen! Hans, der Bräutigam selbst regierte - er konnte es nicht lassen entgegen der Regel die rotbebanderte Peitsche. Die Steppe rauchte. D,e Gefährte gatten in Wolken dahin. Die Kutscher fuhren um die Wette. Die Wolken vermisch­ten sich. Nicht konnte ein Wagen die Fahrbahm dem Nebenbuhler sperren, der zu überholen versuchte, genug Platz war da, jedes Gefährt suchte auf der Straße feinen Weg. Poltern von Brettern, Knirschen von Leder, Schnauben von Rossen, Schreie von Men­schen ein fremder Steppenwanderer, der vor dem aufholenden Donner und Sturm in die Stoppel ausgewichenl war-- hatte in dem vorbeirasenden Staubspuk kaum etwas Dingliches und Mensch­liches erkannt und hätte nimmer geglaubt, daß es die langsamen ernsten Deutschen gewesen seien, die da vorubergetobt waren.

Ä Mm Ä&"US "^Jn Bellmann aber"satzen sie und atzem Atzen und atzen. Sch!öps- fleisch und Schinken, Kohl und Kraut. Suppen, deutsche und rusi fische, Fisch vom allerbesten, Stör und Salm und Kaviar die

Was ist es nun, das sich in diesen Erscheinungen offenbart, was ist es anders, als neben einer erstaunlichen Fähigkeit der An­passung und Aneignung, die es den neuen Völkern erlaubte, in kurzem vom Erbe ihrer Vorgänger Besitz zu ergreifen, um es mit Zins und Zinseszins zu vermehren, eine noch erstaunlichere, nicht zu bändigende Lebenskraft? Von ihr legt ja die ganze Ge­schichte der germanischen Völker Zeugnis ab. Stärke, Lebens­energie, in allem und jedem ist es, wodurch die Germanen alle Völker, die vor ihnen waren, weit übertreffen: womit sie der Kulturgeschichte der Menschheit einen noch nicht dagewesenen An­trieb gegeben haben. Von Anfang an ist ihnen die Welt zu eng, ze klein. Von der Ostsee bis nach Spanien, von der Weichsel bis nach Nordafrika wandern sie. Mit ihren Kriegsschifsen umfahren sie ganz Europa, wo früher nur selten ein abenteuernder Händler eine schüchterne Küstenfahrt gewagt hatte. Mit den einfachsten Hilfsmitteln durchguerten sie die östliche Tiefebene von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Entfernungen sind für sie nicht vor­handen und Hindernisse nur dazu da, um überwunden zu werden.

Sie sind dieser Eigenschaft treu geblieben bis heute, haben sie im Laufe der Zeit nur gesteigert und die anderen Völker mit fortgeriffen, sei es durch Blutmischung oder Beispiel. Sie sind die Hefe im abendländischen Völkerteig geworden, so datz mit ihrem Auftreten ein neuer Lebensprozeß für alle beginnt. Die gewal­tige Willenskraft, die sich zu Anfang nur in Kriegszügen und Raubfahrten austobte, ist mit der Zeit gezähmt und auf friedliche Ziele gelenkt worden, die Leistung aber ist dabei ins Ungemessene gestiegen. Bald ist kein Meer zu weit, kein Berg zu hoch, kein dunkler Erdteil zu gefährlich, der ganze Erdball wird erschlossen, alle Seiten der Natur werden erforscht, alle ihre Kräfte, alle Ele­mente dem Menschengeist unterworfen und auch das Unbot­mäßigste, die Lust, bezwungen. In rastloser Tätigkeit, in uner­müdlicher Anspannung überwinden sie die anererbte Schwermut und geben dem grüblerischen Erkenntnisdrang, den sie mit den Griechen teilen, Ergänzung und Gegengewicht im Handeln, daß er nicht zu unfruchtbarer Träumerei entarte. Der deutsche Faust, der zuerst alles wissen, alles haben, alles genießen wollte, findet sein Ziel und seinen Frieden zuletzt im Wirken und Schaffen, im Kampf mit der Natur und in Ausbreitung des Reiches mensch­lichen Geistes und Willens. Umsonst hat der beredteste Denker dem Deutschen, dem Abendländer überhaupt, die Lehre von der Verneinung des Willens zum Leben gepredigt, die der Natur öst­licher Völker so gemäß ist. DieSeligkeit willenlosen Anschauens , die Schopenhauer preist, kann dem Abendländer nur für Augenblicke genügen, viel eher wird er dem Wort desselben Philo­sophen beipflichten: das einzig wahre Glück sei, daß man sich der eigenen Kraft bewußt werde. Da hat auch aus dem Adepten orien­talischer Entsagungslehre einmal die Stimme des eigenen Blutes