zu
der
Ellenbogen zwischen die Rippen zu stoßen.
Oie germanische Sendung in der Geschichte.
Von Professor Dr. Johannes Haller.
Der Historiker Johannes Haller, der von 1904 bis 1913 als Ordinarius in Gießen wirkte, und dem wir u. a. die meisterhafte Darstellung der Epochen der deutschen Geschichte" verdanken, faßt eine Reche seiner kleineren Werke in dem bei I. G. Cotta rn Stuttgart erschienenen „Reden und Aufsätze zur Geschichte und Politik" zusammen. Einer der wichtigsten, vorher noch nicht veröffentlichten Beiträge behandelt den "Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte". In dem Schlußabschnitt befindet sich die folgende großzügige Schau über die Wirkung, die das Germanentum auf die abendländische Geschichte ausgeübt hat.
Ich kann darauf verzichten, von den eigentümlichen Hervorbringungen germanischen Geistes in Dichtung und bildender Kunst, in Wissenschaft und Technik zu reden. Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, der weiß genug davon. Hüten mutz man sich nur davor, allzu vieles auf germanische Wurzeln zuruck- zuführen, was doch vielleicht aus der frühen Mischung mit römischen und vor allem keltischen Elementen hervorgegangen ist. Die besondere Ausgestaltung des Rittertums, seine Verquickung mu höfischem Wesen, Frauendienst und Frömmigkeit, alles, roa» nut chevalerie und chevaleresque bezeichnet wird, durfte dahin zu rechnen sein. Auch in der Dichtung des Mittelalters und vollend» neuerer Zeiten ist das ursprüngliche germanische Element mit der Zeit immer mehr zurückgetreten, während Nebenflüsse au» anderen Quellen ihren Geschmack und ihre Farbe bestimmen. Was wir von altgermanischer Dichtung in reiner Gestalt kennen, hat sich nicht fortgeerbt, ihr Stamm ist abgestorben.
Um so stärker ist der Eindruck, den fte uns von Natur und Lebensgefühl der Völker vermittelt, aus denen und für d,e ste geschaffen wurde. Wir treten da in eine durch und durch aristokratische Welt, in der nur von Königen und Helden dm Rede ist, Kraft und Mut, Stolz und Treue die Tugenden sind. Ob wir die Lieder der Edda, den Beowolf, das Hildebrandslied oder den Spätling der Familie, die deutschen Nibelungen, hören, stets atmen wir adlige Luft. Es ist keine frohe, keine heitere Wett, diese Welt des Kampfes. In düstere Glut getaucht, erscheinen Menschen nnd Dinge, keine weichen Töne mildern die Härte des Schicksals, finstere Tragik ist der Grundton, und tragisch muß darum auch die Natur der Menschen gewesen sein, die ruhiges Behagen verschmähen und die Schwermut, die ihnen im Blute liegt, durch immer neue Taten kühnsten Wagnisses besiegen. Darin suchen sie den höchsten Genuß, das Gefühl der eigenen Kraft.
Daß der Kampf ihr Lebenselement ist, zeigt nicht minder deutlich ihre Religion. Ich meine nicht ihren ursprünglichen Götterglauben, den sie ja so früh und meist so merkwürdig leicht mit dem römischen vertauschten, sondern das, was sie aus dem angenommenen Christentum gemacht haben. Sie haben es recht eigentlich in sein Gegenteil verkehrt. Mit vollem Recht hat neuere kirchengeschichtliche Forschung geradezu von einer Germanisierung des Christentums gesprochen. Eine Friebensreligion, die Demut, Entsagung, Weltflucht predigte und in einsamer Beschaulichkeit die Vollendung des frommen Menschen sah, ist bei ihnen zum Kriegerglauben geworden, dessen Bekenner sich den Himmel am sichersten zu verdienen meinen, wenn sie den Namen ihres Gottes mit Feuer und Schwert ausbreiten, der sich selbst erniedrigte und die Welt durch Leiden erlöste, ist für sie ein König, der seinen Getreuen Sieg und Lohn und gutes Gedeihen schon in diesem Leben I verleiht und ewigen Jubel in seiner himmlischen Salle verheißt. I Da wird die Geschichte vom Leiden und Sterben des Weltheilandes umgedichtet zum Heldenlied, in dem der Herr Christ mit seinen I Mannen durch die Lande zieht, um dem Teufel die Welt zu entreißen, ihn zuletzt in der Hölle selbst zu besiegen und im Triumph emporzufahren in den Himmel Gottes. In der vorgermanischen I Welt wäre eine solche Denkweise unmöglich gewesen. Seit dem Eintritt der Germanen greift sie mit jeder Generation stärker um sich, bis sie in der großen Bewegung der Kreuzzüge gipfelt.
Auch nachdem diese Welle verebbt ist, die kriegerische Energie sich ausgetobt hat, bleibt das germanische Christentum grundverschieden von dem alten ursprünglichen, wie es sich im Orient erhalten hat bis auf den heutigen Tag. Niemals vermochte bas altchristliche orientalische Ideal der reinen apathischen Beschaulichkeit _ seine Verkörperung hat es noch heute im Mönchtum der griechischen Kirche — niemals vermochte dieses christliche Fakirtum im Bannkreis der germanischen Völker Wurzel zu fassen. Alle Ansätze dazu sind vereinzelt geblieben oder wieder verdorrt, alle Weltflucht, so oft sie versucht wurde, ist hier immer sehr bald in Wclteroberung und Weltbeherrschung umgeschlagen. In diesem tiefinnerlichen Wesenskontrast liegt die Ursache und Berechtigung der Trennung zwischen Ost und West. Die Welt fahren zu lassen, I um den Himmel zu gewinnen, wird dem Empfinden des Ger- I manen immer nur als Ausnahmeerscheinung begreiflich. Was er seiner ganzen Natur nach als Regel aufstellte, heißt: sich die I Seligkeit im Jenseits verdienen, indem man in diesem Leben seine Pflicht tut und die Ding» dieser Welt so gut und vernünftig wie möglich einrichtet. Es ist der Gedanke, den unbewußt der englische I Missionar noch heute vertritt, wie einst Bonifatius, der Apostel der Deutschen, ihn vor zwölfhundert Jahren schon vertrat. Und wenn jemand auch den großen Abfall von Rom, den die germanische Völkerwelt im sechzehnten Jahrhundert vollzog — sie nicht ganz, aber doch nur sie —, wenn man auch die Reformation aus diese letzte Ursache zurückführen will, ich wüßte nicht viel dagegen
gründen gedenke, bei ihr wohnen dürfe.
Die Pantoffelmacherswitwe widersprach: Kein Platzl
Gust wies darauf hin, daß inzwischen, wie man ihm in Bahn erzählt hätte, auch ihr Letzter aus dem Haus gegangen fei; daß da, wo zu früheren Zeiten Mann und Frau mit zehn Kindern untergekommen wären, ohne sich bei jedem Schritt auf die Zehen zu treten, sicherlich Mann und Frau mit einer alten Mutter wohnen könnten, ohne sich jedesmal beim Umdrehen mit dem
Mochten sie es in der Heimat treiben, wie sie wollten, die Mutter und die Brüder — was ging es ihn an?
Vor Gust stand — so deutlich, daß man in Versuchung kommen konnte, mit den Händen danach zu greifen, und doch berggipfel- fern — vor dem Pantoffelmacherssohn aus den Baracken sein Ziel. Nicht zurückblicken. Weiter! Weiter!
Nach zehn Jahren war der auf Wanderschaft — unbekannt wo? befindliche Schuhmachergeselle August Micheelsen eines Abends wieder da. Und nicht einmal allein. Denn mit Gust, dem fast dreißigjährigen blonden Hünen, kam seine Frau Friederik, eine schwarzhaarige, schmale, kaum mittelgroße Zwanzigerin; kam, wie Bläffe und Hohläugigkeit ihres ungemein schönen Gesichts vermuten ließen, wahrscheinlich noch jemand.
Gust ging Arm in Arm mit Rikelchen die Hohe Straße des Städtchens entlang, vom Weidetor bis zum Wiesentor, um auf diese Weise seine Rückkehr und seine Verheiratung öffentlich bekannt zu machen. Erst dann begab er sich in die Baracken zu der Witwe des Pantosfettnachers Schorsch Micheelsen, seiner Mutter.
„Wat wißt du von mi?" fragte Fiek ihren Siebten, noch ehe dieser einen Gruß, geschweige einen Handschlag anbringcn konnte.
Gust verzichtete auf das Entgegenstrecken seiner Rechten, sagte „Guten Abend" und bat die Mutter, daß er mit seiner Frau — jawohl, das da sei seine Frau, nicht seine Braut! — bis zur völligen Einrichtung des Schuhmachergeschäftes, welches er
Mit 18 Jahren ging der Schustergeselle August Mick;eelfen auf Wanderschaft. Er tippelte ostwärts bis Danzig, westlich bi» Aachen. Er spuckte zu Wien in die grüngelben Wasser der ^onau, stellte zu Aalborg fest, daß die dänische rode Grode ebenso wie die mecklenburgische Rote Grütze aus reifen Johannisbeeren gekocht wurde. Er winkte in Konstanz zu den weißen Häuptern der Berge hinauf, konnte sich in Glückstadt nicht genug daran tun, voni Elbdeich zu den Tag und Nacht nordwärts treibenden Eisschollen hinabzuschauen.
Aus keiner Stelle blieb der mecklenburgische Handwerksbursche länger als drei Monate. Mochte ihn auch mancher Meister hart ums Bleiben angehen, manche Meisterstochter, so viel 's" ihren Kräften stand, deswegen mit ihm schon tun, nach drei Monaten hieß das Lebensgebot, dem er zu gehorchen hatte. Weiter! Denn Gust wollte die Welt sehen! Nicht Frauensleut. Bei denen - das hatte er schnell heraus — gab es landaus, landenr kerne solchen Unterschiede, so daß es sich lohnte, sie ^ahr und Tag 'm Spiegel der Verliebtheit, Kopf neben Kopf, anzubttcken. Eust wollte die Leistungen und Einrichtungen, die Gewohnheiten und Verschiedem heften, die gleichbleibenden Bräuche und ,chnellwechselnden Moden seines Schusterhandwerks in ganz Deutschland kennenlernen. Wie also hätte er irgendwo länger als drei Monate bleiben dürfen, wenn er bei guter Zeit mit dem Meisterwerden zurechtkommen wollte?
Gab es auf einer Stelle schlechtes Esten, schluderte man auf einer andern bei der Arbeit, gefielen ihm bei näherer Betrachtung Nase und Mundwerk des Meisters zu wenig, dort die Reize der Meisterstochter zu sehr, dann wanderte Gust schon nach Wochen weiter. Waren aber die drei Monate, die auch an der besten Stelle zum Allesbegrcifen genügten, wieder einmal herum, oder sah Gust sich zum vorzeitigen Gehen gezwungen, so hieß es bei dem Lohnholen Sonntagnachmittags: „Meister, nächsten Samstag, oder „nächsten Sonnabend", wie man es nun gerade gewohnt war - „mach ich fremd. Mahlzeit!" Und kein Schelten des Meisters, ferne Bitte der Meisterin, kein Weinen der Meisterstochter vermochte ihn zur Rücknahme der ausgesprochenen Kündigung zu bewegen.
Denn Gust sah sein Lebensziel lange schon vor sich. In voller Klarheit. Aber auch in großer Ferne. Also weiter!
In dem mecklenburgischen Heimatstädtchen des wandernden Pantoffelmachersohnes wußte niemand, wo in der Welt Gust nut seiner Htnterseite den Schusterhüker drückte.
Anfangs hatte der Deutschland Durchstreifende, sobatt er irgendwo Arbeit nahm, jedesmal seinem Lehrherrn eine Postkarte in die Ackerstraße geschrieben: „Lieber Meister! Da — oder da — bin ich. Es geht mir gut. Mit bestem Gruß auch an die Meisterin, ($511 ft"
Aber schon nach einem Jahr blieben selbst diese kargen Karten aus. , , ,
Der Mutter in den Baracken flog — ebensowenig rote von den vor ihm ausgerückten ältesten Vier — seit dem ersten Tag der Wanderschaft nicht eine einzige Silbe von ihrem Siebten ins Hau». Es kam — ebensowenig wie von den andern — auch kein Pfennig Geld von Gust. Die Alte mit den beiden Nestkücken zu versorgen, war Sache des daheimgebliebenen Fünften und Sechsten. Sowie des Achten. Dem hatte Gust gegen Ende seiner Lehrzeit Tag für Tag zugeredet, am Morgen nach Ostern bei Meister Prttzschke auf seinem Süker in der Ackerstraße als Schusterlehrling Platz zu nehmen. Aber der Unbelehrbare war, obwohl nun auch die Mutter eingestimmt hatte: „Auf Gust hören! Schuster werden!" zu seinen andern Brüdern als Arbeiter in den Wald gegangen.
lFortsetzung folgt.)
zu sagen.


