Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Nummer 22
Montag, den 19. März
Jahrgang
müßte
sich zu
dienten.
Grab- Frage
Fwei Jahre nach dem Tode des Vaters verließ der langauft geschvssene Konfirmand August Micheelsen, angetan mit einem viel zu kurzen, schäbigen schwarzen Anzug, die einklassige Armenschule in welcher die Stiefkinder der Stadt, abgesondert von deren rechtmäßigen Sprötzlingen, den Bürgersöhnen und Viirgertöchtern, unterrichtet wurden.
Fiek Micheelsen verlangte, August solle sich als ForstarbeiteL aumustern lassen! Daun verdiene er schon vom Tag nach Ostern an Stund um Stund Geld und könne sie beim Grobmachen des Achten Neunten und Zehnten, mit denen sie seit Jahren allem dasitze, unterstützen. Das sei bitter nötig! Denn von den sechs vor ihm gäben die vier Ausgeflogenen keinen dreckigen Dreier mehr ab. Die beiden andern aber zahlten von dem Lohn, welchen sie Samstags aus dem Forst mitbrächten, viel zu wenig, so daß es kaum für Kost und Logis reiche! Also müsse er nun, wo er konfirmiert sei, sie unterstützen. Dazu sei er verpflichtet! Denn die Kinder müßten nach den neuen Gesetzen ihre Eltern „standesgemäß" ernähren. Sie werde ihm den Gendarmen auf den Hals schicken, wenn er dieser Verpflichtung nicht Nachkomme! Also damit cr’8 könne, in die Forst gehen! Denn er wolle doch nicht vielleicht ans das Gerede des toten Vaters hören? Bei dem waren nicht die Taten, sondern die Worte so die Hauptsache gewesen wie beim Eichkätzchen der Schwanz. Schuster werben? Unsinn! Dann verdiene er in vier Jahren keinen roten Pfennig, und sic mit den drei letzten verhungern. In den Wald habe er scheren. Als Arbeiter! Verstanden?
Oer Mensch.
Von Matthias Claudius.
Empfangen und genähret
Vom Weibe wunderbar, Kömmt er und sieht und höret Und nimmt des Trugs nicht wahr: Gelüstet und begehret Und bringt sein Tränlein dar: Verachtet und verehret, Hat Freude und Gefahr: Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret, Hält nichts und alles wahr: Erbauet und zerstöret Und quält sich immerdar: Schläft, wachet, wächst und zehret: Trägt braun und graues Haar. Und alles dieses währet, Wenn's hoch kommt, achtzig Jahr. Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder, Und er kömmt nimmer wieder.
Oie Schufterkugel.
Roman von Hans Franck.
(Nachdruck verboten.^
I. *
Gust gab keine Antwort.
Als cs dunkelte, ging er auf den Kirchhof. An einem hüael führte er ein langes, halblautes Gespräch, das oud und Antwort, aus Ermahuung und Zustimmung, aus Sorberung und Gelöbnis bestand, obwohl der vom Gebüsch verdeckte Totengräber nur eine Stimme hörte.
Sichern Schritts kehrte Gust gegen Mitternacht zu dem Pantoffelmacherhäuschen in den Baracken zurück und gehorchte nicht dem Zetern seiner sorgenüberlasteten Mutter, sondern den stillen Worten seines totgearbeiteten Vaters. Am Abend des zweiten Ostertages packte er seine fünfeinhalb Habseligkeiten in ein roh buntes Taschentuch und trat des andern Morgens Schlag sechs seine Lehrzeit in der Ackerstraße bei dem Schuhmachermeister Pritzschke an, dem er sich unter Zustimmung seines Vormunds für vier Jahre versprochen hatte. Mit seiner Bkutter wechselte er deswegen fein Wort Sie sah, was vor sich ging. Das genügtel
So saß denn Gust, der Siebente des verstorbenen Pantoffcl- machcrs Schorsch Micheelsen in den Baracken, fortan tagsüber neben seinem fleißigen, aber vom Herkommen eingegittertcn Meister in der Ackerstraße auf dem dreibeinigen Schusterhüker vor der wasiergcfüllten Glaskugel, in welcher sich bet Hellem Himmel der Sonnenschein, bei Dunkelheit das Licht einer Petroleumlampe, das von ihrem Messinglaker vers^rkt daraufgeworfen wurde, regenbogig brachen. Saß da von sechs Uhr in der Früh bis sieben Uhr des Abends, in den Wochen vor der Ernte, dem Lierbstmarkt und Weihnachten, wenn es eilig war, von Uhr fünf, rtör vier, bis Uhr acht, Uhr zehn. Während der Mittagspause, der Vesperzet't, nach Feierabend half Gust der schrumpligen Meisterin in der Küche, im Stall, im Garten. Die Nächte verbrachte er hinter einem Bretterverschlag auf dem Boden, der unverschämt genug war sich Lehrlingsstube zu nennen. Dort war es unter den un- vcrs'chaltcn Ziegeln des Sommers so stickig, daß der schweiß auch dann in Rinnsalen an seinem Körper herunterlicf, wenn der nicht nur unbedeckt, sondern außerdem auch unbehemdet war. Des Winters tagte der'Sturm den Schnee durch die Fugen der uuoer- strichene» Dachsteine auf sein Lager, das Oberbett fror in dem Atem seines Mundes brettsteif, und manchmal mußte er, damit er des Morgens an das Waschwasser gelangen konnte, die Eisdecke auf seiner Blechschüssel zerschlagen.
SVraatc jemand Prihschkes nach ihrem Lehrling aus den Baracken so gab der Meister aufleuchtenden Auges zur Antwort. „Prima!", und die Meisterin versicherte: „Gust is n gaudn Jung, '' '«ogar ^Fi'ek"Micheelsen söhnte sich nach und nach mit dem Lebensweg aus,' den ihr Siebter gegen ihren Willen - ngeschlagen batte Denn Gust brachte ihr von den Trinkgeldern, die er in der ieferrt der fertigen Stiefel erhielt, und von dem ^aM^n^tMira^ den Meister Pritzschke ihm nach Ablauf eines Jahfes freiwillig ^aussctztE mehr für die Aufzucht des Achten kennten und Zehnten in bas Barackcnhäuschen, als der Fünfte und Sechste die Tag für Tag den Stundcnlohn im Wald ver-
Das zweitgrößte Geschäft in der Stadt besaß er: Schuhmachermeister August Micheelsen. Nur das seines Nachbars, des Kaufmanns Otto Markwardt, war noch größer. Aber das wollte nichts besagen. Denn die vor mehr als hundert Jahren gegründete Markwardtsche Kolonialmarenhandlung hatte sich Geschlecht um Geschlecht von dem Vater auf den Sohn vererbt, und es war nicht das Verdienst ihres jeweiligen Inhabers, der reichste Mann zwischen dem Wiescntor und dem Weidetor eines mecklenburgischen Landstädtchens zu sein. Aber daß er — Schuhmachermeister August Micheelsen - das zweitgrößte Geschäft sein eigen nannte und stch mäbrend zwanzig Jahren zum zweitreichsten Burger empor gearbeitet hatte war sein persönliches Verdienst. Es galt irrtümlich sogar als seine alleinige Lebensleistung, da Fricbenfe A iche el= sen es nicht duldete, daß irgendwer ihre frauliche Mithilfe ve
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aufkommen konnte: zum andern die Mahl p- t ßätte,
feilte sechs älteren Brüder, von denen keiner aus ihn geyork^ya^, als Arbeiter auf Tagelohn zu flC1Pe?'J°nr;Srnr?rinaf)nte in solchen werk zu erlernen. Fragte der e-ndrnglich Ermahnw m^mtw Augenblicken den Vater: was fur eins?, f la Hubwerk sei Schorsch Micheelsens al emal. ganz gleich. Feoes ^ ^lber am besser als Schaf er im Stundcnlohn m renide^iei _
besten wär's doch wohl, er wurde^ Schuster. Denn° »gcnowa^^ abgesehen von den wenigen sommerlichen f ’ & was müßten die Menschen über ihrer-Strümpfen » &
tragen. Also werde das Handwerk - jS/„cÄament Kindern jene lederne Fußbeklechung z 'ach nähren. Ver- Mode sei, bis zum Jüngsten Ta« seinen jwui Matsch
standen? Schuster! Denn obwohl s Meckleuvurge i nichts Besseres und Billigeres für die Füße gaoe < , _
Holzpantoffel, wären diese ja - mehr so säßen die Dienst- LL Ä“ btU" Wroe“e”
im Stallmist! " '


