Ausgabe 
19.2.1934
 
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ursprüngliche Form heute nur sehr schwer oder überhaupt nicht mehr erkennt. Vielfach sind aus einem Namen so viele Formen hervorgegangen, daß ihre Verwandtschaft nicht zu sehen ist. Durch dieses Umformen und Abschleifen entstanden z. B. aus Siegfried neue Namen wie Seyfried, Seefricd, Siefert, Süffert u. a., oder aus Richard Reichart, Reichert, Reichelt, Neichmann, Riemann usw. Auch die aus kirchlichen Namen entstandenen Familiennamen mußten sich oft Veränderungen, Kürzungen usw. gefallen lassen. Nur die verhältnismäßig kurzen Namen wie Thomas und Lukas blieben meist unverändert. Dagegen hat man aus Erasmus As­mus und aus Benediktus Benedikt bzw. Bendix gemacht. Er­wähnenswert ist noch, daß die Familiennamen erst gegen das 14. Jahrhundert zu rechtlichen Bezeichnungen wurden, die sie ja heute noch sind.

Schon diese wenigen Beispiele zeigen recht deutlich, wie unsere Familiennamen eine reiche Fundgrube kulturgeschichtlicher Be­gebenheiten sind und' vielfach bei richtiger Deutung auch in. der Regel sichere Schlüsse auf die Vorfahren zulassen. Damit schlagen wir gleichzeitig eine Brücke zu der heute so wichtigen Ahnen­forschung.

Mein freund Joke.

Von Edzard H. Schaper.

Ich wanderte des Nachts durch die Straßen, zwischen aufge­türmten Giebeln der Altstadt und unter den grellen Bogenlampen in engen Gassen. Der Regen sank, und die Laternen schwebten zwischen den Wänden. Selten ein Licht. Da und dort verschrie sich ein Lautsprecher, und Schatten kreuzten ferne Ecken, auf die der Blick durch lange Häuserzeilen ging. Unwillkürlich blieb ich stehen, als der weiße Schein eines Gaslichtes zur Seite mich streifte. Er drang aus einem immer noch erleuchteten Laden auf die Straße. Ich trat an die Scheibe und blieb länger und länger stehen. Ein dünnes Fensterglas nur trennte mich von einem kleinen, halbhellen Raum, ich spähte an den Schatten einer Unmenge von schlafenden Pfeffervögeln vorbei auf zwei Männer, die unter dem Licht standen und redeten.

Der eine von ihnen trug einen kleinen Affen wie ein Kind auf dem Arm, und wie einer Mutter hatte das Tier ihm die Arme um den Hals geschlungen und den Kopf an seine Schulter gebettet. Allzulange blieb ich vor diesem Fenster stehen und ging erst weiter, als der eine von ihnen sich aflschickte, den Laden zu verlassen. Aber nun ging ich durch eine ganz andere Nacht. Immerfort dachte ich an den Mann mit dem Affen auf dem Arm, wie gut er es hatte, das Vertrauen des kleinen Tieres zu be­sitzen, und wie wenig ich besäße, wenn ich Tage und Nächte allein verbrachte. Und als ich endlich aus dem Gewirr der Häuserzeilen in den fernen Park kam, war ich ganz schwindlig vor Sehnsucht nach einem Tier, einem Affen, dem ich einen Arm zum Sitz, meine Schulter, um den Kopf daran zu betten und meinen Hals, seine Arme darum zu schlingen, bieten konnte.

Die Sehnsucht dieser Nacht verließ mich fortan nie. Am nächsten Tage begann ich meinen Affen zu suchen. Im Hellen ging ich durch alle Straßen, wo sich nur ein Geschäft vermuten ließ, in dem ich ihn kaufen konnte. Ueber seinen Preis dachte ich nicht weiter nach. Fand ich eins und ging hinein, dann wollte irgendeine schmierige Frau mir für viel Geld eine häßliche Meer­katze aufschwatzen, die während der Verhandlungen wild an den Stäben ihres Käfigs rüttelte und die Zähne gegen mich fletschte. Das Raubtier hieß stets: Jumbg! Geld hatte ich nicht! Ich spürte weiter. Irgendwann einmal hoffte ich in der Zeitung ein Inserat zu finden, verheißungsvoll lautend:Junges Aeffchen billig nur in gute Hände abzugeben." Niemals fand ich das Inserat. Aber am Abend meines ersten Such-Tages hatte ich schon alle Orte in meinem einzigen Zimmer ausgemacht, die meinem künftigen Ka­meraden lieb sein konnten. Als Ausguck sollten ihm die Dach­balken dienen, hinter dem Ofen sollte sein Bett stehen, da seine Schaukelstange, dort sein W. C. dort entlang sollte seine Prome­nade führen, alles war ihm schon überlassen, und er war noch nicht einmal da. Eines Nachts beschloß ich sogar, große trockene Aeste an der Decke aufzuhängen, um es ihm heimisch zu bereiten. Ich suchte weiter und fand ihn nicht. Nach einigen Wochen fuhr ich eines Nachts auf dem Lastauto einer Speditionsfirma nach Hamburg. Jeder Verkäufer hatte mir erzählt, die Matrosen bräch­ten gar keine schönen Affen mehr mit. Matrosen waren also die Vermittler?!

Durch einen nebligen Morgen führte mein Weg dort kreuz und glier. Ich lief an den Hafen, wo ich die unberührtesten Affen finden zu können glaubte. Ich stieß auf Zierfisch- und Singvogel- Händler, aber einen Assen sah ich nicht. Unschlüssig stand ich 'zu­letzt an der Sankt-Pauli-Landungsbrücke, vor einem Heuerbüro. Da kam mit einem Male ein Mann vom Wasser, die Seekiste in der Hand und ans seiner nur einmal geknöpften Jacke sahen zwe, große, große, traurige Augen in den kalten Sonnenschein des Wintertages. Diesem Manne ging ich drei Schritt entgegen.

Guten Tag!" sagte ich,ein schöner Affe!" Der Mann wollte nicht stehen bleiben, mehrmals mußte ich hinter ihm herlaufen und rufen:Sie! Hören Sie! Sie! Sie! Aber hören Sie doch!" Endlich blieb er, vor der Tür des Heuerbüros, stehen, und fragte 'such aus dänisch, was ich denn von ihm wolle. Gott sei Dank ver­stand ich ibn. Nach langem Reden kaufte ich ihm den Affen ab. Er hatte ikm eigentlich seiner Iran mitbringen wollen, aber da hatte ich ibm zu einem ganzen Ast Bananen geraten. Er sah ein, daß i es paßender war. Zwetundzwanzig Mark legte ich ihm in die '

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'

Hand, und er nahm aus dem Rock den traurigen Affen, der mit einem Male zu fauchen begann, sich wehrte und beißen wollte, und den ich mit Mühe und Not bis zu einem Geschäft beförderte, in dem es Körbe zu kaufen gab.

Frierend langten wir zu Haus an. Nichts rührte sich in mei­nem Korb, und ich stellte ihn in eine Ecke und begann Feuer anznmacheu und mein Bett zu richten: nun erst merkte ich die Todmüdigkeit nach zwei schlaflosen Nächten, die eine davon auf dem Sitz des polternden Lastzuges verbracht. Wie es später wurde und alles mir dazu angetan schien, mein Glück jetzt in Empfang nehmen zu können, nahm ich den Korb, stellte ihn vor mich hin und öffnete ihn. Nichts kam zum Vorschein. Ich wartete wartete , endlich ging ich zur Seite und setzte mich. Und da sah ich, rote mein Kamerad unbeweglich in seinem Korb hockte, die Hände auf den Rand gelegt, wie in einer Fesselballongondel, und sich Licht und Wände aufmerksam und traurig betrachtete. Ich wollte mit ihm sprechen, doch ich wußte ihn nicht anzureden. Nach und nach entsann ich mich, daß ich als Namen für einen Affen immer Joko" gelesen hatte.

Joko!" sagte ich,willst du nicht herauskommen?" Joko rührte sich nicht. Ich streckte ihm meine Hand hin, er sah sie nur unver­wandt an. Mit einem Male aber sprang er aus dem Korb und wanderte neugierig im Zimmer auf und ab. Späterhin kletterte er wirklich auf den Dachbalken und besah die Schränke von oben. Ruhig ließ ich ihn gewähren, kleidete mich aus und ging zu Bett. Die brennende Lampe stand neben mir, und er konnte mich immer sehen.

Joko!" rief ich dann und wann und lockte ihn mit einer Nuß. Er kam nicht. Als ich ein Buch zur Hand nahm und las, kletterte er herunter und fing feine Wanderungen zur ebenen Erde an. Da begann ich ihm zuzusehen. Langsam stieg er vom Stuhl auf den Schreibtisch und griff in die Papiere. Ich wollte aufspringen und ihn hindern, dann aber besann ich mich und ließ ihn ge­währen. Und er nahm die umherliegenden Papiere, besah sie nur, ließ sie zumeist wieder fallen. Manche die farbigen zer­knüllte er. Es war so still, und ich wurde schläfrig trotz der Span­nung.Joko!" rief ich immer wieder und rettete mich damit vor dem Einschlafen.

Joke!" da tauchte zum ersten Male der Name auf, den er behielt. Joke, dachte ich, es heißt im englischen: Spaß! Der Name soll ihm bleiben. Joke kletterte vom Schreibtisch. Ich hörte ihn unterlaufen. Leise rote eine Katze, nur viel unregelmäßiger im Schritt. Dieses stille, spürende Dasein ließ mich einschlafen.

... Bis ich auf einmal erwachte. Seine Hand fühlte ich auf meiner Stirn. Und als ich, ohne mich zu regen, nach ihm spähte, sah ich ihn auf dem Bettrand sitzen. Ganz versunken hockte er dort. Die eine Hand hatte er halb erhoben, die andere fuhr behut- fam über meine Schläfe. Seine Augen waren so unendlich tief und geheimnisvoll.

Joke!" sagte ich leise,warum mußt du dort sitzen und mich so anstarren?" Er sah forschend auf meine Lippen. Langsam richtete ich mich auf. Jede meiner Bewegungen verfolgte er mit höchster Anspannung.

Meine Hand ging ihm näher, er starrte sie an und während ich leise und begütigend.nur immer wiederJoke! Joke, guter Joke!" sagte, streichelte ich ihn. Er ließ es geschehen: ganz 'weich klopfte er auf meine Hand. Alle Scheu, die Geducktheit langer Gefangenschaft verschwand. Er war ein Tier, aber mein Kamerad. Von nun hatte mein Hals zwei Arme, die sich um ihn schlangen, mein Arm war fein Sitz, und meine Brust fand einen Kops, der sich daran bettete.

Da ich sand, daß Joke zu einsam sei und ohne Grün und Leben, wollte ich ihm nicht so töricht, wie anfangs gedacht, einen Baum ins Zimmer bringen. Lange dachte ich nach, und endlich war es mir klar, welchen. Unter viel Beschwer beschaffte ich mir einen Jingo Biloba, in einem großen Kübel.

Nun stand der seltsame Japaner in meinem Zimmer. Schlank wie ein Turm, mit seinen starren, eigenwilligen Aesten. Seine Blätter sproffen im nächsten Frühling. Zuweilen riß Joke sich eins ab, und während ich am Schreibtisch arbeitete, saß er un­bewegliche wie ein kleiner Buddha, hielt das langgestielte, fächer­artig endende Blatt in der Hand und war ganz versunken Es kratzte leise, wenn er mit den Nägeln bas sich ausbreitende Ge­äder entlang fuhr. Ich sah auf er sah auf. Wir lächelten uns an. Manchmal sprang er schnell an mir hoch und gab mir die Hand. Und arbeitete ich weiter, dann saß er immer noch da. Meine Linke lag ja auf seinem Rücken, und er konnte aufs Papier schauen und den Zeichen der Feder folgen. Bald aber nahm er wieder feinen Lieblingsplatz unter dem Jingo Biloba ein und spielte zärtlich mit den Blättern, die er nie zerriß.

Spät des Abends, wenn ich schon zu Bett lag, mußte ich auf Joke warten. Sein Korb stand neben mir, in einer riesigen Kaffee­mütze hatte er fein Lager und nur bei Licht nahm er darin Platz. Es dauerte lange: denn Joke ging aufrecht im Zimmer auf und ab und aus der Rechten eine halbe Banane, die ihm als Bett- hupser zustand. So war er nicht zu vergessen: Aufrecht, aus der Faust von der Banane beißend: die Linke hätte er gewiß gern 'n die Hosentasche gesteckt, hätte er eine Hose ange'habt, mein lieber, guter Joke!

ist noch nicht lange her, daß Joke starb und der Jingo Biloba verdorrte. Ich wandere des Nachts wieder durch die kalten Straßen und bleibe lange vor erleuchteten Fenstern stehen Viel­leicht wartet irgendwo Joke auf mich und ein neuer Jingo

sche Universitäts-Vuch. und Steindruckerei, 2i. Lange. Gießen.