Der einzigen heil gebliebenen Nose, die der Doktor Schmitz der Hausfrau mit einem bezüglichen Scherzmvrl überreicht hatte, gelang es nicht, die kühle Stimmung zu erwärmen. Sie wurde dem Mädchen mit einer mundartlichen Weisung weitergegeben, die er nicht verstand. Auch als sie dann zu sechsen an dem kreisrunden Tisch saßen — die Eltern einander gegenüber, der Vater von den beiden Töchtern, die Mutter von dem Schwiegersohn und ihm eingerahmt, so daß er zur Rechten der Hausfrau saß und selber Fräulein Julie zur Rechten hatte —, als er die von Emilie hingestellte Suppe im Hinblick aus die abgegessenen Teller der andern mit einem zweiten Scherzwort an die Hausfrau verdankte: Strafe müsse sein! sand er damit nur einen erstaunten Blick.
Erst als der Hausherr in der Abräumungspause sein Glas hob, den Gast zu begrüßen, spürte der Doktor Schmitz eine freundlichere Luft. Die Worte waren offenbar genau überlegt, und sein Mißgeschick kam nicht darin vor,' aber sie klangen kernig wie ein Kommando, das die Marschrichtung angab. Und weil der Doktor Schmitz in die Marschrichtung mit einbegriffen wurde, kam er sich zum wenigsten nicht mehr als Störenfried vor
Er hatte genügend Erfahrung, um zu wissen, daß Einladungen zum Mittagessen zeremonielle Handlungen sind und selten zur Fröhlichkeit führen. Diese war gleichsam die Ouvertüre zu einer Festoper, in der ihm seine Rolle vorgeschrieben war: und er fühlte sich schon mit seinem Auftritt durchgefallen.
Um so dankbarer mußte er dem alten Herrn mit dem Nietzsche- Schnurrbart sein, der ihm mit seiner Begrüßung über den Durchfall hinweghalf: nun nicht mehr aus seiner Rolle zu fallen, nahm sich der Doktor Schmitz tapfer vor.
Während das Essen danach seinen Fortgang nahm vom Fisch zum Braten, und der Sternwein von Neuenburg war auch für einen Rheinländer trinkbar, spielte er seinen Part mit all der Unbefangenheit weiter, über die er als Kölner verfügte. Seine Rezitativs über den Sport nach links und rechts gelangen ihm besser als die ersten Scherze: und auch seine Arie über die deutsche Währung, zu der ihn der Doktor Berwaldner herausforderte, fand keine ungünstige Aufnahme bei den Damen. Er hätte mit sich zufrieden sein können, wenn das der Zweck des Mittagessens im Familienkreis des Oberst Bünzli gewesen wäre Aber er war sozusagen als das sechste Rad am Wagen dieses Familienkreises eingeholt worden und mußte mit ihm durch eine Landschaft fahren, die ihm nicht zusagte, Es ist die Landschaft Gottfried Kellers nicht mehr! stellte der Doktor Schmitz heimlich fest und fühlte sich dem Oberst mit dem altmodischen Nietzsche-Schnurrbart zugetaner als seiner Familie, die den alten Herrn offenbar als ebenso überständig ansah wie ihn selber, seinen Generationsgenossen.
Eigentlich ist es ein Operationssaal, in dem wir da essen! mußte er denken: indem aber sein Blick über diesen Gedanken gerade auf den schwarzen Knoten fiel, in dem das bedienende Hausmädchen Emilie ihr ungeschnittenes Haar unter der Rüsche trug, hatte er fast gelacht, weil ihm dieser Haarknoten und der Nietzsche-Schnurrbart als die einzigen Ueberbleibsel einer untergegangenen Zeit vorkamen. Nur die Mundart noch, in der sie von dem Achtzylinder des Doktor Verwaldner, von Greta Garbo und Strawinsky sprachen, war ebenso übriggeblieben: während sie im Mund des alten Herrn seiner urchigen Art angemessen ihren Rauhklang hafte, gellte sie aus dem Mund der drei Frauen, obwohl sie offenbar ihrem Gast zu Gefallen nicht eigentlich zürcherisch sprachen.
Dies tat nur der Doktor Verwaldner mit Aufdringlichkeit, so wenig es zu seiner sonstigen Vornehmtuerei paßte. Und weil er neben dem zurückhaltenden Oberst meist das Gespräch führte, das gegen Ende der Mahlzeit lebhafter wurde, so beteiligte sich der Doktor Schmitz bald nur noch mit dem Gefühl eines Schwimmers, den die Kräfte verließen.
Daß einem mundfertigen Kölner so die Sprache verschlagen kann! spottete er im stillen über sich selber und erneuerte noch einmal seinen Schwur, nicht mehr gegen den Stachel des Zufalls zu löten. Wenn mir ein Hund zwischen die Beine kommt, so bin ich eben gefallen und muß nach Hause gehen. Ich kann meiner Vernunft einen Entschluß abzwingen, aber ich kann keinen Zufall nach meiner Pfeife tanzen laffen, weil er selber die Pfeife ist, nach der ich tanzen muß. Und ich hätte mich besser gefügt, als in diese Famtlienmahlzeit zu kommen, die am Ende für mich doch nur eine Art Gerichtsverhandlung ist, bei der gegessen wird!
sFortsetzung folgt.)
$'d):e spricht.
Von Walter v. Molo.
Fichte legt im Vorzimmer den Hut ab. Er streicht sich das dunkle, ungleich verschnittene Haar aus der klobigen Stirn. Er preßt die Hände an die Schläfen. Er läßt die Hände sinken. Erhobenen Hauptes schreitet Fichte in den Hörsaal. Alte und junge Menschen erheben sich: Fichte erblickt auf der vordersten Bank- rethe ein Zeitungsblatt, Fichtes strenger Blick verfinstert sich, gewalttätig streckt er die Hand. Eilig wird ihm die Zeitung gereicht. Er schleudert sie verächtlich zur Erde und tritt mit dem breiten Fuß darauf.
„Zur Umerziehung des Menschengeschlechtes durch uns Deutsche, von der ich gestern sprach", beginnt Fichte, kopferhoben, mit starker Stimme, „gehört in erster Linie, gehört als Fundament, die sofortige Beendigung des schmählichen Federkrieges, in dem wir uns unter dem Gespötte der anderen Nationen und unserer Feinde mit leerem Geschrcie anklagen! Es ist Kurzsichtigkeit parteiische, anmaßlichc Pöbelmeinuilg, zu glauben, daß ein großes,
gemeinschaftliches Menschenunglück, wie es unser gegenwärtiges Unglück ist, durch eine einzige Regierung oder durch wenige Männer entstehen konnte. Genug der Selbstanklagen! Endlich genug damit! Man weint nicht über ein heilsames Ereignis! Tief verdammenswert und sehr schuldig am Unglück sind die", spricht Fichte, strafend über die reglosen Köpfe unter sich hinwegsehend, „die früher hündisch ergeben allem schweifwedelten, die jetzt, als ergebene Lakaien der über uns jetzt äußerlich herrschenden Gewalten, jetzt, da das Ungeheure geschehen ist, urplötzlich alles angeblich wissen, was wir vorher hätten tun und lassen sollen, was früher hätte geschehen sollen!" Befehlend hebt Fichte die Hand. „Einigkeit ist not: wir waren lange genug entzweit! Weg die Journalkanaillen! Weg damit!"
Zornig, gehorsam raschelt es allenthalben im Saal. Zerknittert, zerknüllt, verächtlich von den Füßen zu Boden getreten und gestoßen, liegt Berlins öffentliche Meinung auf dem Fußboden. „Deutsch fein", spricht Fichte dröhnend in den atemlosen Saal, bei geballten Fäusten und vorgestellter Stirn, „heißt Charakter haben! Charakter wird nicht durch freche Gehirnapotheker und eitle, schmalbrüstige, selbstische charakterlose Moralhornisten erzeugt, der Charakter ruht und wächst allein in der Selbsttreue der menschlichen Seele! Diese Seele, als Gewiffen in uns fühlbar, stellt an Sie die Frage: Wollen Sie zu Ihrer Besiegung auch noch die Ehre verlieren? ... Unsere Zeit gleicht einem Schatten", spricht Fichte, „der über seinem eigenen Leichnam steht, aus dem ihn eine Legion von Krankheiten trieb. Der Schatten unserer Vergangenheit jammert noch immer zuviel in Ihnen! Reißen Sie Ihre Blicke von der alten Hülle los! Suchen Sie nicht in die Behausung der Seuchen zurückzukehren: laßt fahren, laßt fahren dahin, ich kündige Euch neue Zeit! Die Zeit des deutschen Geistes will sich erfüllen! Geist ist Tatsächlichkeit!" spricht Fichte bei flammendem Blick. „Worum die Masse streitet, das ist leerer, aufgeblasener Schein! Nur der Geist kann uns erretten! Schassen Sie dem Geist freie Bahn! Wir müssen den Geist auf den Thron unseres Volkes setzen! Das ist unsere Aufgabe, bas ist unsere Pflicht! Das allein kann unsere Rettung fein!"
Fichte senkt den Kopf; er ringt die Finger auf dem Rücken ineinander.
„Groß ist die Not", spricht Fichte, „wir kämpfen ums Leben. Nicht kleine Mittel geziemen uns; kein Mensch und kein Gott kann uns helfen; es geschehen keine Wunder! Die trüben Wasser sind im Begriff, uns endgültig hinabzuziehen. Kleinmut und Haltlosigkeit, Schmutz, Lug, Trug, Charakterlosigkeit, Egoismus, Apathie, Dummheit und Verzweiflung sind Herrscher, das sind nicht die Mittel, um heraus- und wieder hochzukommen. Verschließet die Ohren nach außen, horchet endlich in Euch! Humanität, Liberalität und Popularität. Was ist das? Sitzt der Lähmung des fremden Phrasenschwulstes nicht auf! Besaßen wir Deutschen nicht seit je Menschenfreundlichkeit, Leutseligkeit und Edelmut? Wir tragen diese Eigenschaften ererbt in uns, sie fließen iy unserem Blut, sie steigen erhaben aus unserer großen Vergangenheit auf. Sie grüßen Sie und mahnen Sie mit ehernen Zungen: Besinnt Euch, daß wir deutsch sind! Nie sahen die Wertvollen unter uns den Zweck des Daseins in den Gütern dieser Erde erfüllt! Nie bat der Deutsche von der Ausnutzung fremder Völker gelebt! Wir sind in die Welt gesandt, um das Unvergängliche im Zeitlichen aufzupflanzen! Wir tragen die Ewigkeit in uns, mehr als jedes andere Volk! Was ist unsere nationale Einheit? Tiefster Glaube an die Unendlichkeit ist sie, an die göttliche Kraft unserer Seelen in der Jrdischkeit! Wir sind das Herz der Welt. Versinken wir, so versinkt die Menschheit mit uns. Darüber seien Sie sich klar!"
Fichte hält inne. Fragende Unruhe flutet unter ihm auf. Fichte fixiert einen Herrn, der eifrig auf dem Eckplatz zunächst der Türe mitschreibt; der Mann sieht erschrocken auf; alles starrt aus ihn und auf Fichte; der Mann verfärbt sich; er erhebt sich, Fichte zeigt zur Türe.
„Hinaus, Monsieur!"
Als zöge ihn Fichtes gebietende Fingerrichtung mit sich, schleicht der Mann zur Türe.
„Hinaus den Spion!" schreit eine Stimme im Saal. Zwei, drei, das ganze Auditorium brüllt auf. Der Mann ist verschwunden.
Fichte läßt den Arm sinken. Sein Antlitz erstarrt zu neuem, zu drohenderem Ernst.
„Wenn die Erdrosselung und Nichtachtung eines jeden Volkes verbrecherisch ist", fährt Fichte fort, „so ist es die Unterdrückung unseres Volkes erst recht! Sie ist Mord an der Gesamtmenschheit! Dagegen rufe ich Sie auf! Deswegen stehe ich hier! Sie haben um der Menschheit willen national zu sein! Wenn Sie um der Menschheit willen, wie es Ihnen geraten wird, Ihre Nationalität aufgäben, so wäre das soviel, als wolle ein Mensch beten, dadurch, daß er Gott lästert! Deutschland ist von Gott! Wenn die Menschheit weiter bestehen soll, müssen wir Deutschen weiter bestehen! Nennen Sie mir", spricht Fichte bei sicherem, Hellem Blick, „nennen Sie mir doch die Dichter und die Denker, die Gesetzgeber der anderen Völker, die so wie die unseren jede Regung der Zett und der Völker nur in Hinsicht auf den Gesamtsortschritt der Menschheit prüften und werteten?! Dem Ausland geht es um spießbürgerlich nivellierende Gleichheit, um sattmachenden inneren Frieden, um hohlen äußerlichen Nationalruhm, um häusliche verschimmelte, sogenannte Glückseligkeit, um Phrasen! Und geht es um der Menschheit Sittlichkeit! Üm der Menschheit Emporcntwtck- lung, uns geht es um Gott!"
Glänzend sind die Augen zu Fichte emporgerichtet; Fäuste haben sich geballt, ergriffen gesenkt sind die Köpfe, heiß, inbrünstig zustimmend nicken Gesichter. Fichte atmet hoch auf.
„Viel Ungemach muß der Bauherr erleiden", spricht Fichte, „der trachtet, die Zinnen dem Himmel zu zu erhöhen. Ich p reise


