Ausgabe 
19.2.1934
 
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GietzenerZamilienbliittek

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang <934 Montag, den t9. Zebruar Nummer 14

Auf eine Lampe.

Von Eduard M ö r i k e.

Noch unverrückt, o schöne Lampe, schmückest du, An leichten Ketten zierlich aufgehangen hier, Die Decke des nun fast vergess'nen Lustgemachs. Auf deiner weißen Marmorschale, deren Rand Der Eseukranz von goldengrünem Erz umflicht, Schlingt fröhlich eine Kinderschar den Ringelreih'n. Wie reizend alles!, lachend, und ein sanfter Geist Des Ernstes doch gegossen um die ganze Form Ein Kunstgebild' der echten Art. Wer achtet sein? Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst.

Ein Mann namens Schmitz.

Novelle von Wilhelm Schäfer.

I.

Vor einigen Jahren wollte in Zürich ein älterer Herr vom Glockenhof nach dem Paradcplatz gehen, um dort ein Auto zu nehmen. Indem er zu eilig aus der Talackerstrahe kam, sprang ihm ein Köter an der Ecke so zwischen die Füße, daß er über das quiekende Tier fiel: gerade da, wo sich das Wasser eines eben vor­übergerauschten Sprengwagens zu einer staubigen Lache gesam­melt hatte. Es geschah ihm weiter nichts Böses, als daß er sich in seinem blauen Anzug übel beschmutzt erhob,- aber er war unter­wegs zu einem Besuch, der ihm einen Rosenstrauß wert sein mußte, und eben auf den war er hingefallen, so hart, daß die zärtlichen roten Köpfe zerquetscht in dem beschmutzten Seiden- papier hingen. ,,

Während er dastand und nicht wußte, wie er das Päckchen los­werden sollte, das für seinen Zweck wertlos geworden war, über­legte er rasch, ob der Fall nicht ein günstiger Vorwand wäre, das Mittagessen abzusagen, zu dem er sich sowieso unlustig verspätet hatte.

Denn der ältere Herr, ein angehender Sechziger von gesunder Frische, war ein Dr.-Jng. Herbert Schmitz aus Köln, der für seine Firma einen größeren Auftrag aus Zürich hereinbringen sollte. Das war ihm nun zwar gelungen, soweit der gedrückte Preis überhaupt eine Befriedigung zuließ,- aber er hatte sich an dem Morgen über die Schweizer geärgert, wie sie im Sattel ihrer ge­sicherten Währung saßen, als ob sich die Ewigkeit im Franken stabilisiert habe. Namentlich ein Doktor V.erwaldner war ihm tn den Verhandlungen peinlich gewesen, ein noch jüngerer Herr mit langen Gliedmaßen und weißen Gamaschen, der sein mokantes Lächeln für Ueberlegenheit hielt und sich mit der schweizerischen Zahlungsfähigkeit gleichsam als den Sieger im Weltkrieg auf- fpieltc.

Durch den Verdruß war der Doktor Schmitz wenig geneigt und geeignet, im Hause des Oberst Bünzli für seinen Sohn auf die Brautschau zu gehen: als ob es in Köln an Mädchen aus guter Familie fehlte, die nicht ebenso gern oder lieber als Schwiegertochter in sein schönes Haus an der Marienburg ge­kommen wären! Aber der Sohn hatte sich im Winter zu Engel- berg in die Tochter Julie verliebt und auch ihr Jawort erhalten, so daß die Einladung zum Mittagessen nur noch die erste der nun beginnenden Förmlichkeiten war, in die er wohl oder übel ein­treten mußte.

Nachdem er bis zum letzten Augenblick eine Absage erwogen hatte, befand sich der Doktor Schmitz nach seinem Zwilchen­fall mit den schmutzigen Kleidern und Händen und dem zer­quetschten Rosenstrauß in einer herausfordernden Lage, vtt» Hotel zurückzugehen und sich umzukleiden, war es zu spat, weil er schon seit einer Viertelstunde auf dem Zürichberg hatte fern muffen. Das Vernünftigste schien ihm, die so knallenfalls erfolge Entschei­dung hinzunehmen und also auf den Mittagszug nach -diiel zu gehen, der mit einiger Eile noch zu erreichen war.

Als Geschäftsmann rasche Entschlüsse gewohnt, war er auch schon auf dem vernünftigen Rückweg, als in ihm der Kölner durchbrach, der sich schließlich nicht von einem Hund konnnandieren lassen konnte. Mit einer Plötzlichkeit, die zwei alte -r amen er­schreckte, ritz er seine Füße nach dem Paradeplatz herum, sich dort, so beschmutzt wie er war, in ein Auto zu werfen. Als wäre da^ Ganze ein ausgezeichneter Spaß, lachte er aus vollem Hals m den

Wagen, wie doch nur ein Mann namens Schmitz aus Köln lachen kann, wo bekanntlich auch in dem würdigsten Herrn der Knabe nie ganz verloren geht.

Er kalkulierte nämlich so: mit den schmutzigen Hosen ist meine Verspätung entschuldigt. Wenn die Leute Humor haben, müffen sie das Mißgeschick mit scherzhaftem Mitleid aufnehmen, und wir kommen über die erste Steifheit fort. Denn er kannte weder die Tochter noch ihre Eltern: und von dem Vater wußte er nur, daß er Herr Oberst genannt wurde, also im bürgerlichen Leben der Züricher etwas Respektables vorstellen mußte.

Es kam aber anders, als es sich der Doktor Schmitz ausge­dacht hatte. Die Vorhalle des Hauses, die ihm von einem schwarz­gekleideten Fräulein mit einer weißen Rüsche an der Stirn auf­gemacht wurde, war abschreckend hell: es machte sich ohne Er­klärung wenig humorvoll, hier mit beschmutzten Kleidern einzu­treten und ein Bündel nassen Seidenpapiers mit zerquetschten Rosen in der Hand zu halten.

Ich bin dabei, einen dummen Streich zu machen, stellte er fest und bat das Mädchen, das mit unverhehlter Mißachtung zunächst auf seine Hosenknie, dann prüfend in sein Gesicht geblickt hatte, mit gedämpfter Stimme, ob er den Hausherrn für einen Augen­blick herausbitten dürfe.

Während die schwarze Gestalt durch eine lautlose Tür ver­schwand, trat er rasch vor den Spiegel, der in die Marmorwand eingelassen war und ihm seine eigene Gestalt bis auf die un­sauberen Schuhe zeigte. Hübsch siehst du aus, Herbert Schmitz, Dr.-Jng. ehrenhalber und Mitglied der Handelskammer, sagte er scherzend, den eigenen Schrecken zu dämpfen, daß nicht nur sein blauer Anzug, sondern auch der weiße Kragen und selbst sein Ge­sicht von dem bräunlich getrockneten Saft der Straße bespritzt war.

Er holte zwar rasch sein Taschentuch heraus, sich abzutupfen: aber darüber ging die lautlose Tür schon zum andernmal auf, und der Oberst Bünzli stand vor ihm, die Hand noch an der Uhr, die er eben weggesteckt hatte.

Ich muß sehr um Entschuldigung bitten, Herr Oberst! begann er und klappte gegen seine Gewohnheit die Hacken zusammen, weil ihn der militärische Rang verwirrte: dann erzählte er rasch seinen Unfall, in der Hoffnung, daß die gemessene Miene des alten Herrn sich durch seine komische Schilderung aufhellen würde. Aber der Oberst trug einen weißen Nietzsche-Schnurrbart tn seinem rosig gesunden Gesicht, der nicht erkennen ließ, ob die Mundwinkel spielten: die Augen jedenfalls unter den weißen Büscheln bewegten sich nicht.

Emilie, eine Bürste für den Herrn! befahl er und wies auf die umfängliche Wascheinrichtung, ihn der notwendigen Reinigung zu überlassen. Das Mädchen würde den Herrn Doktor dann ins Eß­zimmer führen, wo sie ihn, in Ungewißheit über sein Kommen, nunmehr erwarteten.

Es war dem Doktor Schmitz nach diesem selbstverschuldeten Empfang nicht mehr zweifelhaft, daß der Mittagszug nach Basel besser gewesen wäre, und der Galgenhumor, mit dem er sich reinigte, von der zierljchen Person mit der weißen Rüsche schwei­gend bedient, verging ihm jedesmal vor dem Spiegel, bis er es aufgab, sich besuchsfähig zu machen, und die einzige rote Rose, die noch unverletzt aus dem nassen Bündel starrte, verbissen her­ausholte, seinen peinlichen Gang anzutreten, zu dem ihm die schweigsame Führerin den Weg wies.

Die lautlose Tür führte in die blanke Halle des Hauses und der Einbruch durch eine gläserne Wand nach recht in das Eß­zimmer, wo die Familie Bünzli schon zu Tisch saß, fünfköpfig, weil auch die ältere Tochter mit ihrem Mann geladen war. Der Oberst, die Serviette noch in der Hand, stand gleich auf, den Gast der Reibe nach vorzustellen, von der Hausfrau bis zur jüngeren Tochter Julie, die ihm mit sichtbarer Neugier die Hand reichte. Als er ihr den aufgetraqenen Gruß sagte, war der Doktor Schmitz schon über die erste Bestürzung hinaus, daß die Mutter mit ihren beiden Töchtern gleichsam eine Person war, vielleicht ein wenig gemalter als sie, sonst aber die gleiche Sportgestalt mit kurzen, blond gebleichten Haaren: zum Ueberfluß waren alle drei in kaum verschiedener Schattierung lachsfarben gekleidet.

Die zweite Bestürzung war die, daß der Schwiegersohn nie­mand anders als der Mann mit den weißen Gamaschen war, über den er sich in den hartnäckigen Verhandlungen am meisten ge­ärgert hatte. Der Doktor Verwaldner begrüßte ihn auch im Fa­milienkreis mit seinem mokanten Lächeln, das durch ein in Augen- bauenschmäle ausrasiertes Schnurrbärtchen gleichsam eine dauernde Verstärkung erhielt.