Ausgabe 
19.1.1934
 
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Oer Sternenbaum.

Roman von Friedrich Schnack.

(Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Er hatte gewiß die Hand des Vaters auf seinem Gesicht ge­fühlt. Das war ihm wohl erinnerlich. Milde, liebe Hand ... Was noch? Sein Kopf strengte sich an. Da erschienen ihm zwei Licht­punkte zu der Hand ... Zwei Augen hatten über ihm geschwebt, als ihn die Hand berührte. Zwei Augen über ihm, wie Sterne über Wasser. Sie hatten sich mit freundlichem Winken gespiegelt, hatten sich abgebildet: die Augen in seinen Augen. Aus großer Höhe blinkten sie, kühl, gut. Ganz schwindelig war ihm zumute gewesen, als ihn die Blicke angeschaut hatten,' auf und nieder schwebten sie, kamen, gingen, kamen ... Als ob sie ihn weglocken wollten von hier. Er mochte aber nicht fort.

Prüfend tastete seine Fieberhand.

Ein Bett? Ah, bas war sein Kinderbett mit dem karierten Be­zug. Rings standen auch die Möbel. Alle waren um ihn: der Schrank, der Tisch. Die Uhr aber sah er nicht. Wo sie nur hing? Ticken hörte er sie. An der Hintern Wand. Er konnte aber nicht hinschaun. Unmöglich, sich zu rühren. Man muß still liegen, man schläft, man träumt ...

Die Augen. Ewtgkeitshell durchbringend leuchteten sie. Solche Augen hat der liebe Gott. Sonnenaugen, Erzengel-Funken. Einen Augenblick hat der liebe Gott an Juppis rotkariertem Kinderbett geweilt. Juppi durfte ihn ansehn. Draußen liegt Schnee, Winter. Jetzt blickt der liebe Gott in die Stuben und Häuser, in die Wald­hütten, in die Forsthausfenster.

Bei Juppi saß er, Juppi hat ihn anschaun dürfen. Lind strömt sein Atem auf ihn nieder, Gotteshauch. Als bliese ein heilsamer Mund. Kirchenkühle hatte sich über ihn ausgegossen. Wie gut.

So war der liebe Gott.

Juppis Jnnengesicht verlor alle Spannung, die Gestalt vor seinem Seelenblick verdunstete wieder.

Durst, Durst!" flüsterte er.

Und Äärb, die hereingekommen war, gab ihm Zuckerwasser. Stoch einmal spähte sein Geistesblick aus: Er war mit der Spielzeug-Gret durch öen Wald gezogen. Was hatte er da gesehn! Weiße Bäume, hell wie Bein. Goldene Hirsche liefen umher, mit ihrem Kreuzgeweih. Am Berg schritten sie und in den Himmel, wo statt der Fichtenzapfen Sterne an den Bäumen glitzerten. Ach, ein herrlicher Wald ... ein Wald von Weihnachtsbäumen ... ein Wald von Sternenbäumen ...

Spielzeug-Gret!" klang es.Schön, daß du wieder da bist ..." Die Vauernuhr tickte in sein Verstummen.

Am nächsten Morgen, nach unruhiger Nacht, stand es mit Juppi besser. Der Wickel hatte gute Dienste getan. Flunk, der im Stall genächtigt hatte, während Bärb bet ihrem Kranken geblieben war, holte aus der Apotheke die verschriebene Arznei, und als am Nachmittag öer Bezirksarzt seinen Besuch wiederholte, war es nicht mehr der liebe Gott, der da kam, nicht mehr Juppis Vater, sondern ein freundlicher, alter Herr, den Juppt schon von der Krankheit seines Vaters her kannte. Immerhin, in dem gütigen Blick des Arztes fand er Väterliches wieder, und er liebte ihn, als wäre er der beste Freund seines Vaters gewesen, bei dem er geweilt hatte, bis zuletzt.

Und als der Arzt, über den Hof gehend, sich entfernte, und Juppi ihm von seinem Bett aus durch das Fenster nachäugte, diesem Wald- und Dörserarzt in seinem stark abgenützten Winter­mantel, da erinnerte ihn dieser leicht gebückte Rücken an den Nucken seines Vaters; eine tiefe Falte zeichnete sich wie ein Strich darin ab, Juppi kannte einen solchen Mantelstrich.

_ Er genas langsam, doch verging ihm die Zeit auf seinem Lager schneist Draußen vor den Scheiben sah er die rieselnden Vorhänge °.nr Schnee: Tag um Tag schneite es, schn.ette es immer mehr. Diese Vorhänge waren weit ausgcspannt, als lägen dahinter große Raume und Stuben, Säle und Gänge, darin er jetzt sich nicht tummeln konnte. Alles Schöne, was er liebte und gern mochte, l»ckte hinter diesen weißen Vorhängen: der tiefe, klare Wald mit seinen Bergen, von denen Frühlinqswasser flössen, die Wald­hauser in den Niederungen, die Ziegen hoch oben, wo sie mit ihren Hornern fast an die Himmelsdecke stießen, die Gret, wie sie wan- dcrte von Tal zu Tal, die gewichsten Wiesen zu Spiegelau und die Ringelnattern, die überall schliefen, nicht nur auf den Schwellen rn Ringolay Freuden und Schätze verbarg der flockengewobene Vorhang: immer wieder raffte er ihn mit einer Traumeshand auf die! wette und schlüpfte hinaus in das grüne Land, mit seiner Freundin hmziehcnd durch den Wald, dessen Straße kein Ende nahm.

Als er aber das erste Mal aufstand und hinaustastete, teilte sich ihm der Vorhang, es hörte auf zu schnein und zu weben, vor Juppis nnn die alte Wirklichkeit: der winterbeladene Einodhof, die Schneepelzc vor den kalten Fenstern, der vergrabene Wald, der harte Bauer, mit dem man kein Wort wechseln durfte, dre mißtrauische Bäuerin, der freche, stichelhaarige Lois und der .unecht Flunk, der nun wieder der Flunk von früher war und nur darauf wartete, sein Bett von neuem in Besitz zu nehmen und Juppi wieder cinzuspannen ...

Hausierer mit Sternen.

war dann der Etnsamerhof durch gewaltige Schnee- masscn, die der böhmische Himmel über die Grenze gescgt hatte, von den Leuten int Tal abgeschnitten. Keine lebende Seel fand den ringeeisten Weg herauf. Wie eine Mauer wuchtete der Wald.

I Das war eine langweilige Zeit für Juppt. Weder zur Schule noch zur Kirche konnte er gehn. Glühend sehnte er den Frühling herbei und die alte Freundin aus dem Waldhünser-Dorf; er dachte auch an die gastfreundliche Försterin. Ob das Geweihhaus auch so tief eingeschneit war wie der Einsamerhof?

i Seine Einbildung schickte warme Sonne in den Bayrischen Wald, die leckte mit Feuerzungen den Schnee weg und die Eis­zapfen, trocknete die Bäume und die Straßen und lud ihn ein, mit der Spielzeug-Gret durch die Täler zu wandern. Da zogen sie wohlgemut nach Ringolay, Klingcnbrunn und Siebenellen...

In Wirklichkeit aber mußte er noch bitterlange warten, ehe die Schneewässer in die Abstürze gurgelten und die Steilwälder dnrchschwemmten. Die Januarhälfte nach seiner Krankheit verging mit Sturm; der Februar hob sich mit dem Gewölk hungriger Krähen über die Wälder und mit dem Lichtmeß-Tag: hinter den Schneevorhängen ahnte man gern helleres Licht; auf kalten Schwingen segelte der März herbei und stäubte Flocken aus seinem Gefieder. Nachts hing der Mond wie eine Scheibe von Eis über den Forsten. In der dritten Märzenwoche klopfte der Palmsonn­tag an die Fenster: Winbfinger trommelten. Schneidend kalt ließ sich der sehr frühe Karfreitag an und das Osterfest; noch platzte keine Knospe, auch die Weideukätzchen silberten nicht an Büschen und Stauden. Erst Ende April wurde es wärmer: milde Atem­züge wehten vom Südwesten, die verspäteten Palmenzweige zier­ten das hereinbrechenöe Frühjahr. Der Schnee krachte zusammen, Feld, Wiese, Wald, Tal ersoffen im Nachwinterschlamm.

Juppi badete sein Wintergesicht im scharfen Blenden der Tage. Wie mochte die Mittagsfichte den Winter überstanden haben? Er besuchte sie, ging hinauf zu ihr und den steinernen Stühlen des Oedhangs. In den Bvdcnfaltcn nistete noch hoher Schnee. Aufrecht und stark wie im vergangenen Sommer ragte die Fichte. Ihr grüner Turm hatte dem Winter Trotz geboten; nicht den ge­ringsten Sturmschaden hatte sie erlitten.

Die Landschaft klang; Verstecke und Klüfte tönten und läuteten: die Wellen klirrten über Eisbögen, Eiszacken, Eisharfen, als spiele das Wasser bergab eine verstohlene Harmonika. Die Vögel schmetterten ihre Lockrufe in den Himmel hinaus. Lustig lärmten die Waldfinken. Juppi wurde von ihrer Fröhlichkeit angesteckt: t er brüllte lange Schreie in die Weite, und die Berge warfen ihm das Echo zu. Nun, da die Sonne so warm schien, brauchte er nachts in seinem Heu nicht mehr so arg zu frieren.

Die Wälder sproßten. Die Fichten steckten neue, grüne Kerzen auf. Die Buchen hängten ihre Fahnen in die Luft. Am zweiten Sonntag im Mai kam die Spielzeug-Gret durch die blühenden Wiesen herauf in den Einsamerhof.

Sie und Juppi begrüßten einander hinter der Scheuer.

Gret, ich bin so froh, daß du wieder einmal kommst ..." sagte j er, von Freude durchwellt.

Ha, ihr da heroben, seid ja wie die Berggräser: erst muß der Schnee schmelzen, dann kann man euch finden", sagte sie.Es war ein schrecklicher Winter ..."

Sie opferte wieder ein Damenhemd. Leicht und fein war es wie Spinnwcb, durchbrochen von kunstvoller Nadelarbeit. Kein Wunder, daß die Bäuerin schmunzelte und der Gret mit einer Tasse Kaffee aufwartete. Ja, Juppi könne mit ihr gehn, auf die Wäschereise. So war es denn wieder einmal abgemacht. Er zog feinen neuen, grauen Anzug an.

Die Gret wiegte den Kopf. Wie angegossen saß der Anzug. ! Die Frau Förster werde sich freun. Juppis blaue Augen blitzten, seidig schimmerte sein Blondhaar. Mit einem so manierlichen ! Reisebegleiter konnte die Gret bei ihren Kunden Staat machen, i Nun waren sie aufs neue vereint: die zwei Reisenden des Waldes. Die Gret erzählte ihm, wer von den Dorfburschen und -Mädchen im Winter geheiratet und wer von den jungen und alten Leuten das Zeitliche gesegnet habe. Und sie berichtete, was sich sonst zugetragen, und wie das letzte Weihnachtsgeschäft ausge­fallen war. Eine lange Dorfchronik und eine längere Schilderung der Marktlage: die Hemden waren teuerer geworden. Jedoch hatte sie vorteilhaft Damenstrümpfe eingekauft.

Sie hielt die Hände in die Seiten gestemmt, henkelte die Arme und schritt kräftig aus. Der Korb auf ihrem Rücken knackte und knarrte, als wäre auch er langer Winterruhe enttaucht und fange an zu reden und zu erzählen. Aber Juppi war nur halb so neu­gierig auf die Dorfgeschichten und Strumpfe, wie die Gret ge­sprächig: er schickte seine Blicke in den Wald.

Springbrunnenhaft rauschten die jungbelaubten Buchen ins Licht. Die Hänge feierten Feste. Goldene Flechten und Moosbärte uberpolsterteu und bezotteten die Granitriesen längs der Wald- straße. Es waren noch die alten Klötze und Brocken, die Felsen- treppen und Steinburgen, und es ächzten auch noch die selben Holzfuhrwerke mit frischgeschlagenen Stämmen vorüber. In den Gründen gingen die Sägen: bei mancher kehrten die Hausierer ein und ließen Hemden und Schnupftücher zurück. Dieweil die Sagen schrillten und die Stämme polterten, pries die Gret ihre dauerhaften Waren au, lobte das gute Aussehn der Mnllerskinder, fand das Neugeborene entzückend und lockerte Kauflust und Geld. Sie war tüchtig: wem sie eine Hose, ein Leibchen, ein Mieder verkaufen wollte, an dem blieb es hängen, und wenn es gleichwohl Weiberzeng und der Käufer ein Mann war.

So trieben sie es zu zweit und hatten ihren Spaß bei dem Unternehmen.

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. - Druck und Derlag: Brühl sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei. A. Lange, Gießet