Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Dieben.
stampfte,- das alles war bloß eine kurze, vorübergehende Ber- Irrung und Zentverwirrung gewesen. Die G.ugernell — das war schwingendes Leben und Beseeltheit, Sehnsucht, Zärtlichkeit, saftige Leidenschaft, Heiterkeit, holdes und derbes Gluck und seine ernsten Widerspiele und Auslösungen, alles, was Werb war: sie selbst, losgelöst vom Irdisch-Schweren, ein bezaubernder Eros barm, ein Elementares, das aus Blut und Sinnen sederte, dem Rhythmus selig verspielt hingegeben und ihm leidenschaftlich dienend. Ein Sonderfall, ein Naturwunder: die Tänzerrn Gugernell ... Nichts sollte und durste sie wieder an sich rrremachen! Ach, auch der stürmisch gläubige Kittel war kein unbesiegbarer Cherub mit flammendem Himmelsschwert. ..
Die beiden Damen tranken jetzt auf dem dsefferkornschen Seidensamtsofa nebst „Fauteuil" mit Quasten ihren Morgenkasfee. Katarina iah dabei die Post durch.
Bon wem?" fragte die Mama und blickte gespannt durch den großen Hornkneifer,- denn sie erwartete jeden Morgen durch die Post etwas Erregendes, irgendeinen Glückstaumel. Uebrtgens war sie gekränkt. „Nichts von Louis?" fragte ste, voll hartnäckiger ^Kcckarina war taub auf dem Ohr. Sie trug ein weißes, geblümtes Morgenkleid, schlicht und bürgerlich, sehr frisch, ein großes, gesundes, blühendes Mädchen.
Die Mama war schwarz und weiß gestreift, flimmerte von Ringen, war gepudert und welk, eine weißhaarige, stattliche Dame mit dunklen Augen und heftigen Brauen.
„Bitte!" Katarina warf flach einen Brief über den Tisch. „Bon Nikodem Glod. Ich fürchte sehr, er kündigt sich wieder mal an. Es würde mich gräßlich stören. Ich muß auch gleich Dr. Kittel anrusen. Ich kann ihn heute Nicht brauchen. Ich mochte überhaupt eine Weile Ferien machen. Ich bin schrecklich — wundervoll saul ... , ,, ...
„Oh — Niko!" rief die Mama, ohne hinzuhören.
Niko war ein Banderlip-Better, der gern plötzlich von irgendwoher auftauchte und dabei auf seine stürmische und unbekümmerte Art in Katarina verliebt war. __
„Louis Nasselbrinks wegen störend?" fragte die Mama, immer noch streitsüchtig: denn sie hatte aus einem Telephongesprach gehört daß heute ein besonders weiter Ausflug in Aussicht stand, ohne baß man daran dachte, sie mitzunehmen.
„Was schreibt dein Liebling, Mama?" fragte Katarina in
Mein ... Ein Genie! Oh, kein steifer, schwerer, majestätischer Professor! Kein rücksichtsloser Riesenmann!"
Katarina schlug, nun selbst temperamentvoll, mit den Fingerspitzen aus die Tischkante. „Du bist nicht sehr artig, Mama! Als wünschest du, mir den Tag zu verderben ... Was dir niemals gelingen wird!" erklärte sie gemütlich und bequem, mit einem Phlegma, unter dem sich ihr Temperament gern ausruhte oder seiner selbst eine Weile müde zu sein schien.
Die Mama zitterte mit der dicken Unterlippe. „Liebe und sehr verehrte Base ...!" las sie. „Er ist heute mit demFrühzug hier. Er wird gleich anrufen."
„Ich möchte ihn nicht sehn."
„Aber, mein Kind —I"
„Immer seine schwarzen, fressenden Augen und die Neigung, etwas Ueberraschendes und Unmögliches zu sagen ... Ungebärdig und entsetzlich lästig, Mama — glaub es mir! So gern ich ihn dazwischen und überhaupt habe. Ein Genie? Mag sein ... Trotz seiner Dreißig ein großer Knabe. Sag ihm, daß es heute nicht geht! Daß ich sofort weg muß — daß wir ihn diesmal überhaupt nicht brauchen können!" Sie trank ihre Tasse leer.
„Er wird etwas Neues für dich mitbringen: eine wundervolle Tanzmusik! ... Du meinst, daß Louis Hasselbrink ungnädig ——"
„Herr Professor Haffelbrink existiert niemals in diesen Zusammenhängen!" Katarinas perlgraue Augen blitzten. „Na, also! sagte sie friedlich. „Ich gedenke, mich anzuziehen und Niko hrnaus- zuwerfen." ..... , , .
Da zirpte der Apparat. Katarina erhob sich, groß, leicht, reizend.
Es bestand eine mehr gutmütige als stürmische Liebe zwischen ihr und der Mama, besonders auf Katarinas Seite. Katarina stammte aus Mamas erster Ehe mit Dr. Gugernell, der eigentlich Sänger hatte werden wollen, sonst bürgerlich untadelig intakt,- er war int zweiten Ehejahr gestorben. Danach war die Mama dem soliden Grundstücksmakler Stülpe in Hamburg für eine zwanzigjährige unruhige Ehe angetraut worden. Herr Stülpe hatte keinen Sinn für fremder Männer Kinder gehabt,- Katarina war im kiiblen Haus der Großeltern, Landgerichtsdirektor Gugernell am Liikowplatz, und in Pensionen erzogen worden und war schon als Kind ihre Zärtlichkeit nicht losgeworden.
Sie sang jetzt in ihrem Schlafzimmer. Auch sie freute sich. Sie hatte es unaussprechlich gern, verwöhnt zu werden. Ein unheimlich gediegener, überaus stattlicher Mann, der Großherr vom Tulpenweg: frisch und stark und jugendlich. Ein bedeutender Mann — herrisch und doch wieder nicht: mit einer menschlich heiteren Warze auf der Backe.
Hier hingen Bilder von Katarina in phantastischen Seidenge- wändcru in schlanken und qepluderten Hosen, in deutscher und fremder Volkstracht. Etliche andere zeigten sie halb und dreiviertel unverhüllt — höchst erfreulich anzusehen, o gewiß! Sie stammten aus jener kurzen wirrsäligen Nebergangszeit, in der auch sie sich als tänzerische Schwerarbeiterin gebärdet hatte, vom Publikum verleaen bestaunt und verleugnet.
Fran Ktawinke kam herein, junge rotblonde Witwe, die hier
wirtschaftete. „Die weißen Schuhe, gnädige Frau? Doch, doch! Für fo'n schönes großes, blankes blaues Auto!
„Die Aegypter beteten den heiligen Stier an — wir haben dafür das heilige Auto! Sie tun immer so kühl und verständig, Erika!" Sie reichte ihr die große Flasche mit dem Spritzknops und begann, sich langsam schwebend zu drehen. „Aber ich glaub es Ihnen nicht. Seh' ich gut aus, Erika?"
Erika spritzte andächtig lächelnd. „Sehr gut!
Katarina neigte Büste und Nacken (Louis wäre erblaßt, Diez in die Knie gesunken, und Dagobert hätte sich anerkennend geäußert». „Genug! Einen Hauch Puder auf Hals und Brust.
Die Mama nahm die Lorgnette hoch und musterte öte Erscheinung. „Du siehst glänzend aus, mein Kcnd!" lobte sie durch alle Verdrossenheit. „Aber wenn mich Louis nun d o ch bittet, mitzufahren —?" Sie hob die Hände und ließ ste temperamentvoll
J»u”o, sei bitte verständig! Ich wünsche, daß meine Mama immer den vornehmsten Eindruck macht. Glaube mir: Du wirkst am stärksten und eigensten mit deinem schönen weißen Haar, wenn du die Leute und Dinge an sich herankommen läßt geborene ^^Was' sprichst du, mein Kind?" warf die Mama mißtrauisch "^Dft ^o?blonde Erika erschien mit einem Lächeln: „Herr von @1?,®uten Tag, lieber Nikodem! Ich muß leider gleich weg...'
Nikodem sah ste, als habe er bloß aus diese Sekunde gewartet, aus dunklen, heftigen Augen an, die zugleich Enttäuschung und unplatonische Bewunderung strahlten. Sie sah zum Erzittern gut aus: der Blick versank in etwas sehr Süßem, immer wieder neu und überwältigend! Er küßte andächtig ihre Hand, die ste ihm ruhig entzog. Dann neigte er sich über die große weiße Hand Mama Stülpes. „Verzeih, Tante Margot! Wenn man eine so sehenswerte Tochter hat —!" , ,, ,, ,
„Nimm Platz, lieber Nikol Eine Viertelstunde hab ich noch
Zeit ... Du warst wieder im Ausland?"
Meist bei Tante Martine in Frankfurt", berichtete N'ko Glod und griff begierig nach einer Zigarette. „Morgen- und Abendandacht, elf Uhr Polizeistunde. Es ist sehr gesund. Du wirst ab- ^^^Vön^vmftrem Freund Profeffor Louis Haffelbrink!" warf die Mama hoheitsvoll dazwischen. , ., . .
„Hasselbrink? Die europäische Vokabel kenn' ich doch? Chemie _ Physik — Segen der Industrie ... Wer von den Vanderlips stammt, hat einen sechsten Sinn für so was — selbst ich, rote? Neue Errungenschaft?" Er wrach rasch, zart und scharf, wöbe, der Zigarettenrauch zwischen seinen schmalen Lippen hervorwirbelte.
Nikodem Glod hatte pelzartig geschorenes schwarzes Haar, das mit einer Spitze in die Stirn zackte, schwarz brennende Augen ttt einem feinem, schmalen, eigentümlich schönen Gesicht und einen dünnen, reizbaren Mund. Er war schlank, fast mager, über mittelgroß, jungenhaft keck und nervös in der Haltung, völlig furchtlos vor der Welt, wie es schien, und zu heftigen Ausbrüchen genetgtz eine beunruhigende und herausfordernde Erscheinung. Sein Blick hatte etwas Scharfes, aber plötzlich einen weichen, guten Schimmer, etwas Kindliches, und seine dünnen Lippen zeigten dany mit einemmal einen leidenden Zug.
Nikodem trug einen hellen Sportanzug mit Pumphosen, lief immer so herum: er hatte trotzdem etwas Prinzliches in seiner Art, eine eigensinnige, zarte Anmut, aber niemals Geld. Sein Vater war der berühmte Philosoph und Ethiker Immanuel von Glod gewesen. Sein Sohn hielt es mehr mit der weltlichen Musik, hatte schon eine Masse Kammermusiken, Lieder, Suiten, Sinso- nietten geschrieben, auch ein paar geistreiche und unverfroren melodiöse Opern, die ebenfalls nicht aufgeführt wurden, so daß er für einen internationalen Musikkonzern süßen Schnaps anderer Leute neu mixen und instrumentieren mußte.
Tante Martine glaubte allein in der Familie an seinen jähen Ausstieg. Aber Tante Martine hatte selbst kaum noch etwas, konnte ihm bloß Unterschlupf gewähren und ein bißchen was zustecken. Bei den übrigen Vanderlips war er unbeliebt, wie schon sein wenig taubenzüngiger Herr Papa.
Niko lief mit leichtem, nervösem Schritt umher, suhlte sich mit seiner raschen Art behaglich daheim: erzählte von Tante Martine, ihren sechs Katzen und ihren Gallensteinen und von Paris: blceb vor Katarina stehen und ordnete mit seiner schönen, sehnigen Liand behutsam etwas an ihrem Kleid: setzte sich an das betagte Pfefferkornsche Klavier in der Ecke, dessen sanfte Verstimmtheit ihn entzückte, und spielte ein paar hämmernde Rhythmen, die die Mama entzündeten: flunkerte dabei von seiner neuesten Oper „Tut-anch-Amon", mit Giftmückenballett und Miß Daisy Snake- bridge, die Tut nach Bokohama entführt. Höhepunkt das Brautlied: „Pyjama —Yokohama, Yokohama — Pyjama!" Diese Weltnummer sei schon fertig. Er spielte und sang sie, die Zigarette schief im Mundwinkel. Mittendrin sprang er wieder auf.
Die Mama saß entzückt. Auch Katarina hatte lächelnd und angepackt zngehört. Das war nicht bloß Spaß und frecher Schwindel, das hatte überall unerhört neu und echt geklungen und war zuletzt in eine herrlich schwelgerische Kantilene übergegangen und grell abgebrochen. Das waren offenbar Stücke aus einer viel ernsteren Sache. Denn Nikodem konnte etwas — konnte unendlich viel: war wirklich ein genialer Kerl, der unbändige und gewaltsam zarte Anbeter Niko! Sie hatte eben seine inbrünstige sinnliche Kraft ganz stark empfunden.
sFortsetzung folgt.»


