fort Kunst den Weg zur Landschaft aufschlietzt und in der lyrischen Md epischen Dichtung ebenso wie auch in der Musik bestrebt ist, sie iril Ehrfurcht vor der Natur zu erfüllen.

Nur eine Kunstgattung scheint diesem Naturerlebnis völlig entfremdet zu sein, die in ihren Ursprüngen gerade am tiefsten ii der Natur verwurzelt ist: das Theater als Stätte der drama- tichen Kunst. Aus der religiösen Feier der in der Natur wirken­den Geister, Dämonen und Götter erwachsen, hat sich das Theater ii seiner Entwicklung zweifellos immer weiter von der Natur et tfcrnt, sie erst als Raum, dann aber auch als Gehalt verloren md anderenaturfremde" Elemente in sich ausgenommen, so daß nmi vielfach mit der BezeichnungTheater" gerade das Un­natürliche und das Nachgestaltete versteht, das die Naturer- slizen" soll. Das Theater hat sich mit der Schaffung des geschlos- srnen Bühnenraums, des Guckkastentheaters, der Kulisse und Kampe ein eigenes Bretterhaus geschaffen, das ihm nunmehr sune Welt bedeutet, und in ihm ein magisches Spiel entfesselt, dis in der Erwartung schon die Herzen höher schlagen läßt, wenn d r künstlich verdunkelte und spärlich erleuchtete Raum betreten mrd. Hier wird nunder ganze Kreis der Schöpfung" ausge- frritten; hier dieNatur des Menschen", sein Wille und seine Lidcnschaft, seine Liebe und sein Haß, zu einer erschütternden lfrlebniswelt gestaltet, die im Aeußercn nichts mehr mit dem fsaturgefühl gemein hat und die sich ihr doch an Tiefe und Reich- trm der Empfindungen messen kann.

Trotz dieser unbestrittenen Macht über die Geister der Zu- saauer hat das Theater aber doch immer wieder gezögert, dieTür zur Natur" endgültig zuzuschlagen und sich mit der Kulisse, der inturnachgeahmten wie der stilisierten, abzufinden und in dem Sretterhaus zu verkapseln, sondern es hat immer wieder versucht, Je Kulisse nur als Behelf hinzunehmen und den Guckkasten wie- J r zu öffnen und mit dem Spiel in den weiten himmelhohen Kaum der Natur hinauszuschieben. Damit würde die Rampe jsierflüssig werden, die sich oft wie eine unsichtbare Mauer zwischen Zpielerschaft und Zuschauer schob, und die Möglichkeit eröffnet »erden, beide auf gleiche Ebene zu stellen und ein Spiel auf der gleichen Erde zu gestalten, auf der Spieler und Zuschauer wie fiiiher einander begegnen. Jener soll losgelöst werden aus einer Mwirklichen Komödiantenwelt, wieder mit den aus der Tiefe der Erde aufsteigenden Kräften beseelt werden und aus dem Geist der ^ntur spielen, dieser aber aus dem gesellschaftlichen Gefüge des farketts und der Ränge herausgehoben und von dem ganzen äußerlichen Glanz befreit werden, der sich in der Ueberlieferung dis Theaters allmählich herausgebildet hat und der schließlich zu d-r lebendigen Gegenwart in Gegensatz geriet, die dem Theater »jeder eine Zuschauergemeinde zuführen will, wo bisher dasGe- fcllschastliche" herrschte.

Diese echte Sehnsucht, aus der vielfach verkapselten Theaterwelt »jeder in die Natur einzudringen, ist aber nicht eineroman- ssche". Es handelt sich deshalb auch nicht etwa darum, daß das Theater einfach den Schauplatz wechselt und daß der Guckkasten mseinandergelegt und wie ein Puppensptel ins Freie getragen »ird, damit sich alsdann die Zuschauer um ihn scharen. Der kul- tirgeschichtliche Weg und die künstlerische Bedeutung des Guck­st stentheatcrs als einer kulturellen Macht, die trotz aller Mängel einen unversiegbaren Zauber ausstrahlt, sollen keineswegs ver- stnnt werden. Das Spiel- und Raumgesetz des Theaters ist ja (ne künstlerische Form, in die der Gestalter des dramatischen Wortes, der Dichter, sein Werk goß; und innerhalb dieses Raum- g«setzes hat auch der Nachgestalter, der Schauspieler, sein Können e:lernt, ebenso wie die Zuschauer von dem Zauber des in magi- äem Licht auseinanderfallenden Vorhangs und von dem Einblick > eine besondere Bühnenwelt die Haltung desbewegten Zu- äauers" gewonnen haben, die sie nicht preisgeben wollen. So nie das Konzert zumeist eines geschlossenen Raumes und das iild eines bestimmten Platzes, etwa in der Kirche, für das es gi malt wurde, und einer bestimmten Beleuchtung bedarf, um innen reichen Glanz entfalten zu können, so braucht auch die Tichtung einen ihr bestimmten Ort, an dem sie zu Hause tft

Jene Sehnsucht des Theaters nach der neuen Einheit von Spieler und Zuschauer, nach einer Wiederentdeckung und Wteder- giwinnung der Natur als Sptelort wies darauf aus eine zinz andere Aufgabe hin: aus die Neugestaltung eines östlichen Spieles in der Natur, das wieder an jene erste Ur- strm des Theaters im religiösen Fest anknüpft, und das unter tinem eigenen Formgesetz steht. Nicht um die Uebertragung öes bi stehenden Theaters auf eine Naturbühne also handelt es sich, Icndern um die Neuschöpfung des festlichen Freiltchtsptels, wie es fit> noch an einigen Orten erhalten hat, aus einem neuen Ge­nieinschaftsdenken heraus, um eine Festspielschdpfung, die neben bi m Theater des geschlossenen Raumes steht und sich mit ihm in bie gemeinsame Aufgabe teilt. Aus dem Festspiel können dem Theater Kraft und Geist zuflicßen, die ihm über die äußerlichen Ränge! hinweghclfen, zugleich aber wird jenes auch vom -rheater mnkbar empfangen dürfen, was das Theater sroß machte: die Spielgewalt und die Schauspielkunst, die dort zu höchster Voll- kimmenheit herangereift ist. Aber dies Festspiel muß doch sein epenes Formgesetz finden und alle jene Elemente an sich ä,eo?'1' bc ihm entsprechen, die Sprache im freien Raum, die größere Be- >«Lgung, die in einem anderen optischen Winkel gesehen wird, den Tanz und die Musik. Und vor allem eine Dichtung, die nicht nur äußerlich jenen Ausmaßen entsprechen will, sondern die auch inner­lich die geistige Kraft und Bereitschaft sunt fcjthdjen Spiel sur br Gemeinschaft der Spieler und Zuschauer besitzt, eine Dichtung »so, die lebendig in diese neue Form einfließt und in ihr ein­malige Gestalt gewinnt.

Wenn heute neben den ersten neuen Schöpfungen, die aus dieser Forderung erwachsen sind, Werke jener anderen Theatersphäre an den neuen Festspielstätten aufgeführt werden, so ist es nicht zu­fällig, daß es zumeist geradeFremdlinge" sind, Werke, die den Raummassen der Guckkastenbühne widersprechen, Mysterienspiele, festliche chorische Werke, in denen Sprecher und Chöre als sym­bolische Gestalten einander gegenübergestellt sind. Als Beispiele wären hierJedermann",Die Braut von Messina",Wallen­steins Lager" und dieNibelungen" neben anderen zu nennen. Sie entfalten sich erst auf der freien Bühne und gewinnen hier den Glanz, der ihnen dort mangelte; und man empfindet deutlich, daß der Dichter sie in unbewußtem Verlangen-r solche Orte schuf. Daß es daneben Stücke gibt, die dem Gesetze des Guckkasten- thcaters und dem der Freilichtbühne entsprechen, widerlegt die obigen Betrachtungen nicht, sondern bringt nur den Beweis, daß der Geist des Dichters beide Räume, den des Theaters und den der Natur zu umspannen und eine Dichtung schaffen kann, die auf den Brettern magisches Theater wird, das bis in die Tiefe der Seele dringt und alle Zauberkräfte der Guckkastenbühne lebendig werden läßt, unverlierbar und kostbar zugleich aber auch die dämonische Kraft besitzt, die Natur zu erfüllen und dem Werk hier festliche Gestalt zu geben imSommernachtstraum", imKätchen vou Heilbronn" und denRäubern". Wie ein Regen­bogen wölbt sich diese Dichtungsgewalt über beide Welten des Theaters und bezeugt dem Volk der Gegenwart aufs neue den unveräußerlichen Besitz seiner schöpferischen Kraft und den un­begrenzten Reichtum der Gesichte und Gestalten seiner Seele.

Katarina kann sich nicht entscheiden.

Roman von Viktor von Kohlenegg.

Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H Berlin.

lFortsetzung.l

Lieber Finke! Halb zwölf Knesebeckstraße! Dann Rheinsberg! Denke: über Potsdam zurück. Wir halten aus der Rückfahrt an der Eremitage. Abends Verdeck!"

Frau Gugernell liebte die frische Luft im Gesicht. Auch er liebte das. Eine gesunde Frau voll warm rollenden Bluts kein empfindliches, gemaltes und rasiertes Weibchen. Eine richtige Frau, wie Gott sie an seinem besten Tag aus vollen Mulden geschaffen hatte! ~

Ein paar Decken für den Abend, Finke! Prachtvoller Tag!"

V.

In der Knesebeckstraße saß mgn noch beim Frühstück. Die Damen hatten, nach Verkauf der kostspieligen und dick verguldeten Vanderlipschen Villa in Nikolassee, die möblierte Wohnung einer Frau Professor Pfefferkorn, die in Tokio lebte, gemietet. Ein Heim in blühendem Jugendstil mit ehemaligen Gaskronen, aber das betrübte die Dame Gugernell nicht sehr. In das dreifenstrige helle Hinterzimmer hatte sich Katarina sofort verliebt und es zu ihrer Werkstatt erhoben.

Dort übte sie jeden Morgen mit leidenschaftlrchem Eifer, stun­denlang ihre Schwünge, Schwebungen, Biegungen, Sprünge, frei und an der Stange, die sie zur strengen Schmeidigung und Ent- schwerung ihres Körpers für nötig hielt. Am Nachmittag war häufig Herr Dr. Alfons Kittel zur Stelle, saß in der Ecke an ihrem Stutzflügel und spielte mit zwingendem Rhythmus, die gelblichen Ziegenaugen fest auf die Probende und Schaffende gerichtet: ihr Trainer und ihr Gewiffen zu manchen Zeiten gräßlich lästig!

Denn es gab, wie man schon weiß, auch lustlose und unpro­duktive Zeiten, zweiflerische Zeiten, die mit der bürgerlichen Guqernell-Seele und manchem andern zusammenhingen; in denen sie sich aufsässig und ketzerisch fragte: Ist das alles so notwendig? Wird man davon als Mensch und Weib satt und zufrieden?

Ja, es kam vor, daß sie sich mitten in der guten, stürmischen Arbeit plötzlich selbst verwundert zusah und es dann geradezu ein bißchen sinnlos und komisch fand, daß eine reife Frau von Sechs­unddreißig hier herumsprang, ihren Leib zu jugendlichen Künsten drillte, eine bejahrte Dame! Sie sah es in abirrender Unlust und selbstquälerischer Scham, die beide aus gewissen Versäumnissen oder unerfüllten Wünschen hochstiegen; zugleich aus dem ewigen Zweifel, daß es bald einmal aus sein könnte mit Bezauberung, Anbetung und Erfolg, was durch die schreckhafte Erinnerung an den schon einmal erfolgten scheusäligen Abfall und Verrat der Menge durch geheiligte Mode, Kritik und gymnastischen Tiefsinn abscheulich verstärkte wurde.

Dann konnte sie für kürzere oder längere Zett unerlaubt senti­mental sein. Konnte ihremenschliche Existenz" außen und innen in froher, unzerstörbarer Gelassenheit zu spüren wünschen; konnte wünschen, bloß Frau zu sein in starker, seliger Geborgenheit ja so wahr sie lebte und tanzte, Kinder zu haben: tüchtige, ge­sunde, starke, schöne, blühende Kinder ... Ach, das andere? Ein uferloses Erlebnis, das nicht ins Zentrum des Lebens traf.

Bis das schwarze, phantastische Gewölk ebenso plötzlich wieder vorüber war. , .

Dr. Kittel mißbilligte das natürlich mit heftigen Zischlauten, ein kleiner, fanatischer Mann mit gelbem, strähnigem Metho­distenhaar, der sich kennerhaft in allen Künsten umgetrieben hatte, bis der Tanz seine große Entdeckung geworden war: die Tänzerin Gugernell, die er, tapfer und fröhlich entschlossen, zu ihrer reinen Art zurückgeführt hatte. »

Denn um es gleich zu sagen sie hatte nie viel Stnn und gar keine Begabung für kunstgewerbliche Gymnastik mit Krampf und Tragik zu begleitender Negermusik gehabt, für Fußphilo- sophie und Flunkeret, die polternd über die Bühne schlich und