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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (93$ Freitag, den (9. Januar Nummer 5
Mein Vaterland.
Von A. H. Hoffmannvon Fallersleben.
Treue Liebe bis zum Grabe
Schwör ich dir mit Herz und Hand: Was ich bin und was ich habe, Dank ich dir, mein Vaterland.
Nicht in Worten nur und Liedern Ist mein Herz zum Dank bereit; Mit der Tat will ich's erwidern Dir in Not, in Kampf und Streit.
In der Freude wie im Leide Ruf ich's Freund und Feinden zu: Ewig sind vereint wir beide, Und mein Trost, mein Glück bist du. Treue Liebe bis zum Grabe Schwör ich dir mit Herz und Hand: Was ich bin und was ich habe, Dank ich dir, mein Vaterland.
Hoffmann von Fallersieben.
Eine Geschichte z« seinem 80. Todestage am 19. Januar.
Von Hans Franck
Als der Dichter des Deutschlandliedes, Hoffmann von Fallersleben, um seiner „Unpolitischen Lieder" willen der Breslauer Professur entsetzt war und von Ort zu Ort gehetzt wurde, von Oranienburg nach Leipzig, von Frankfurt nach Mannheim, von Heidelberg nach Soden, von Bingen nach Wiesbaden, von Lahr nach Schaffhausen, von Offenbach nach Oranienburg und nirgend vor der Polizei Ruhe fand, nicht einmal zu Fallersleben in seiner Heimat Hannover, wo ihn Landdragoner überwachten und mit Verhaftung bedrohten, wenn er das Haus seiner Schwester ohne soldatische Begleitung verließe: da kam der Obdachsuchende schließlich nach Mecklenburg. Ein freiheitlich gesinnter Mann, namens Dr. Samuel Schnelle, Herr zu Buchholz, gab ihm Unterkunft und verncherte ihm, daß er auf dem Stück Erde, welches ihm gehöre, solange verbleiben könne, wie es ihm beliebe. Denn ein mecklenburgischer Rittergutsbesitzer unterstünde nicht der Polizei. Sondern sei nur dem obersten Landesherrn, dem Großherzog, und seinen Schweriner Rcgicrungsorganen für Tun und Lassen verantwortlich.
Zwei Wochen hernach kam aus der Landeshauptstadt eine Groß- herzogliche Anfrage nach Buchholz: Wie Dr. Schnelle dazu käme, einen Ausländer, den pp. Hofsmann „aus" Fallersleben im Hannoverschen (nicht „von" Fallersleben, wie der abgesetzte preußische Professor sich, in Erschleichung des ihm nicht gebührenden Adelsprädikates unrechtmäßiger Weise nenne!) zu hausen und zu beherbergen?
Dr. Schnelle schrieb zurück: Daß einem mecklenburgischen Rittergutsbesitzer, wofern er landtagsfähig wäre, nach den derzeit geltenden Gesetzen zustände, Ausländer als Mecklenburger auf seinem erbeigcntümlichen Hofe zu recipicren.
Von der Negierung in Schwerin traf die Antwort ein: Die Necipierung eines Ausländers stände den landtagsberechtigten mecklenburgischen Rittergutsbesitzern allerdings ohne landesherrlichen Consens zu . Aber dieses Recht wäre an zwei Bedingungen geknüpft: Entweder müsse der zu Recipierende einen vermögensrechtlichcn Anteil an dem Gute des ihn Recipicrenden rcchtgiltig nachweisen können oder aber sich einer ortsüblichen täglichen Arbeitsfunktion unterziehen. Da von der ersten Bedingung im vorliegenden Falle sicherlich keine Rede sein könne, so habe er binnen einer Woche zu berichten: Welchen ortsüblichen täglichen Gutsdieust der pp. Hoffmann „aus" Fallersleben zu Buchholz sich gegen Entgelt unterziehe?
Dr. Schnelle konnte es sich nicht versagen, seinem Unmut Luft zu machen und zurückzuschreiben: „Bei uns zu. Lande wird es teilweise leichter, sich in andere Weltteile, als von einem ritter- schaftlichcn Gute in das benachbarte, oder von einer Stadt in die andere zu übersiedeln. Das klingt abenteuerlich, ist aber doch, wie jeder Mecklenburger weiß, buchstäblich wahr. Und dazu ist Mecklenburg das volkärmste Land von Deutschland!" Was aber Hoffmann ,,oon" Fallersleben und seine ortsübliche tägliche Arbeitsfunktion betreffe, so sei er auf seinem Gute als Kuhhirte angestellt. Habe allerdings während des Sommers einen Vertreter.
Die Negierung zu Schwerin: Politische Belehrungen seiner landesherrlichen, ihm vorgesetzten Behörde könne Dr. Schnelle sich in künftigen Fällen ein für alle Mal sparen. Falls er seiner fragwürdigen volksbeglückenden Weisheiten aber um jeden Preis ledig werden müsse, so sei dazu während der Landtage in Sternberg und Malchin hinreichend Gelegenheit. Auf die regierungsseitige Anfrage wegen der Beschäftigung eines Ausländers wäre binnen drei Tagen eine bündige, jederzeit nachprüfbare Antwort zu geben. Denn die des vorigen Briefes sei offensichtlich Scherz gewesen und ein schlechter obendrein. Ober ob zu Buchholz die Kühe etwa auch des Winters im Schnee gehütet würden? Falls auch die nächste Antwort nicht befriedigend ausfalle, habe der zugewanderte pp. Hoffmann „aus" Fallersleben („aus"! wie schon einmal richtiggestellt worden fei; nicht: „von"!) Gut und Land binnen vterundzwanzig Stunden zu verlassen.
Dr. Schnelle: Anbei ad 1 die Urkunde, durch welche der mittellose Dichter Hoffmann „von" Fallersleben („von"! nicht: „aus"!; denn Dichter hätten die unbestrittene Freiheit zu einem nom de guerre und könnten also solcherwegcn nicht der Usurpierung von Adelsrcchten angeklagt werden) zum Hintersassen seines Gutes ausgenommen und ihm Einwohner- und Heimatrecht zugesprochen fei; wozu laut Anerkennung der Regierung, im Falle ortsüblicher Beschäftigung, dem Briefschreiber als Guts- und Gerichtsherrn auf Buchholz das Recht zustehe. Anbei des weiteren ad 2 die Entlassungsbescheinigung Hoffmann von Fallersleben aus dem preußischen Staatsverbande. Da diese nur durch Einsendung einer notariell beglaubigten Abschrift der Hintersassenaufnahme nach Breslau zu beschaffen war, habe sich die verlangte Auskunft nicht, ivie vorgeschrieben, binnen drei Tagen, sondern nur binnen drei Wochen bewerkstelligen lassen. Was endlich die ortsübliche Beschäftigung des nunmehrigen Hintersassen Hoffmann betreffe, so sei er nach wie vor Kuhhirte und übe seine Obliegenheiten gewissenhaft Tag für Tag in Begleitung eines Hütejungen aus. Denn da er überraschend gute Fortschritte gemacht habe, sei es möglich gewesen, die ursprünglich beabsichtigte Vertretung durch einen Knecht viel früher in eine Adjustierung durch einen Hütejungen zu verwandeln, als bei Abfassung des letzten Briefes, der bitterernst gemeint gewesen, hatte angenommen werden können. Was alles jederzeit von einem Vertreter der Regierung durch Augenschein nachgeprüft werden könne.
So trieb also der Dichter Hoffmann von Fallersleben während eines Frühlings um die Mitte des vorigen Jahrhunderts allmorgendlich mit einem Hütejungen zu Buchholz in Mecklenburg die Kühe des Gutsherrn Dr. Samuel Schnelle auf die saftgrüne Weide. Dort kümmerte er sich freilich um die schwarzbunten und rotbunten Euterträgerinnen, um Bullen und Starken nnd Kälber nicht mehr, sondern überließ sie der Obhut seines barfüßigen Begleiters. Er warf sich hinter einem Knick mit ausgebreiteten Armen ans die Erde, horchte um sich, horchte in sich, gab sich der Natur ivie einer Geliebten hin und dichtete. Das Unscheinbarste wurde ihm wichtig. So wichtig, baß er es in seinen Lebenserinnerungen noch nach einem Jahrzehnt aufzeichnete. Dort heißt es: „Den dreißigsten April sah ich die erste Kirschblüte, den vierten Mai den ersten Maikäfer, und den 9. Mai hörte ich die erste Nachtigall, doch hatte sich der Storch schon den 4. April eingefunden." Das erste Gedicht, das der Kuhhirte und Hintersasse Hoffmann von Fallersleben auf der Buchholzer Viehweide niederschrieb, lautete:
„Wir sind mit dem zufrieden, Mit dem, was uns beschieden, Die gute alte Zeit.
Was ihr auch sprecht und schreibet. Der Mecklenburger bleibet Ein Mecklenburger stets.
Hali, Halo, halihalo!
Bei uns bleibts immer so."
Bald aber versanken die Händel dieser Welt dem vom Morgen bis zum Abend im grünen Gras Ruhenden. Nußhäher und Eichhörnchen, Rotkehlchen und Uhu, Blume und Halm, Ameise und Goldkäfer, Wind und Wolke wurden ihm wichtiger als Professur und Polizei. Und der Hütejunge ersetzte ihm das geistvollste Auditorium. Der Natur und dem Kinde galt die unerschöpfliche Sehnsucht des zur Nutze Gezwungenen. Lied auf Lied sprang ihm über die Lippen: Wer hat die schönsten Schäfchen? und Der Kuckuck und der Esel, Winter ade und Was haben die Gänse für Kleidung an?, Alle Vögel sind schon da und Nachtigall, Nachtigall, wie sangst du so schön!, Kuckuck. Kuckuck rufts aus dem Wald und Maiglöckchen läutet in dem Tal, Rühret die Trommel und Der Sonntag ist gekommen, ein Sträußchen auf dem Hut, Ward ein Blümlein


