Gießener Zamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang DM Montag, den |8. Juni Nummer^b
verlegen dabei. Er öffnete das Futteral und zog das Glas heraus. Und weil er so aufgeregt war, oder weil das Glas sich festgeklemmt hatte, zerrte er daran, um eilig und gewandt zu sein, und ließ dabei das Glas' fallen. Es polterte über die schmale Brücke und plumpste mit dumpfem Klatschen in das Wasser, bas da unter ihren Füßen mit kleinen unruhigen Wellen und blitzenden Lichtreflexen sich bewegte.
Was darauf geschehen war, dessen konnte er sich später nur undeutlich erinnern. Jedenfalls hatte er eine Bemerkung gemacht, um seine Ungeschicklichkeit zu entschuldigen, war aber mitten im Satz steckengeblieben. Ihre Worte, die sie dann zu ihm gesprochen, hatte er kaum verstanden, weil ihm das Blut so heftig tn den Schläfen sauste.
Dann gingen die beiden Freundinnen weiter und plauderten und lachten, und er selbst stand noch eine Weile, Gleichgültigkeit heuchelnd, an der Brüstung und schaute unter vorgehaltener Hand auf das Meer hinaus, innerlich gepeinigt von dem Gedanken, daß er sie so unüberlegt plötzlich angeredet und sich dabet ungeschickt benommen hatte.
Den Nest des Tages saß er an seinem Fenster, das auf die See hinausging, und lauschte dem Brausen der Wellen, die schäumend den hartgeschlagenen Strand hinaufliefen, um plötzlich über ihre eigenen Füße zu stolpern und mit donnerndem Krachen niederzufallen...
Mit Scham dachte er an seine Ungeschicklichkeit und an die kleine zarte Hand, die sich ihm schon entgegengestreckt hatte, und in die er sein Glas hätte legen können, wenn er weniger tolpatschig gewesen wäre. Das Schicksal war ihm hold gewesen und ihm entgegengekommen, und er hatte alles wieder durch seine ungeschickten Finger verdorben.
Aber am andern Tage wollte er alles wieder gut machen. Er würde sich wieder an die Brücke stellen und sie erwarten zu der Zeit, wann der Dampfer dort anlegen mußte. Gewiß würde sie wieder auf ihrem Spaziergange dorthin kommen und ihre Post tn Empfang nehmen wollen. Und dann wollte er sie noch einmal anreden und wieder gutzumachen versuchen, was er heute versehen hatte. Eine Anknüpfung hatte er ja nun.
Er stellte sich alles genau vor: Dort war die Landungsbrücke — dort bei dem zweiten Pfeiler würde er stehen, genau wie heute. Sie würde kommen, und dann würde er sagen: „Mein Fräulein!" — hier stockte er in Gedanken, denn er mußte bet diesen Worten an die Augen denken, die zu ihm aufgeschlagen werden würden. Das Blut schoß ihm zum Herzen, als wenn sie in diesem Augenblicke leibhaftig vor ihm stünde. „Mein Fräulein!" würde er sagen, „was haben Sie nur von meiner Ungeschicklichkeit gedacht gestern! Ich hätte ihnen so gern einen Gefallen mit dem Glas erzeigt." Dann würde sie lächeln und vielleicht sagen: „Das schöne Glas. Es ist schade darum!" Und er würde sagen: „O, bitte, an dem Glase ist nichts gelegen — aber ..." So würden sie ins Gespräch kommen. Er malte sich alles bis in die kleinsten Einzelheiten aus, und wenn er damit zu Ende war, begann er von neuem, ob auch irgendwo ein Fehler wäre und alles richtig erwogen sei. Aber jedesmal, wenn er sich so vorstellte, daß er sie anreden werde, bekam er Herzklopfen und mußte tief Atem holen, um wieder ruhig zu werden.
Am andern Tage erkundigte er sich schon in der Frühe, wann der Dampfer heute eintreffen würde sdenn das richtete sich nach der Flut), so daß ihn der Bademeister fragte, ob er Bekannte CTTüClTtC.
Al« um Mittag die erste Spur des ausstetgenden Rauches sichtbar wurde, stand er wieder an dem Brückenpfeiler und wartete geduldig und entschlosien.
Währenddes kam das Schiff näher und naher. Er konnte schon den weißen Rettungsgürtel erkennen, der vor dem Steuermannshäuschen hing — aber das Fräulein war noch nicht ba. Ob sie heute nicht kam? Sie war doch täglich um diese Zeit auf der Brücke gewesen. Dann legte der Dampfer langsam qn und machte fest Passagiere stiegen aus und kamen mit Koffern und Decken neugierig schwatzend über die Brücke. Die Post wurde gewechselt und einige Badegäste, die wieder abreisen wollten, gingen an Bord, und immer war das Fräulein noch nicht zu sehen. Schon schickten sich die Arbeiter an, die Taue des Dampfers wieder loszuwerfen, weil das Signal mit der Dampfpfeife bereits gegebtzn war als noch zwei Hoteldiener mit zwei großen Koffern erschienen, die an Bord verstaut wurden. Dann kamen noch zwei Damen in Eile auf die Brücke. Er erkannte sie sofort an der Stimme wieder Sie mußte es sein. Da er bereits die Hoffnung aufgegeben hatte, sie heute noch zu sehen, überfiel ihn in diesem Augenblick
Morgendliche Trennung.
Von Rudolf G. Bindtng, GDS. Dämmrung. Frühgrau. Es tropfen die Bäume. Tief duftet die Welt von der Liebe der Nacht. Noch schaust du mir nach von der Pforte des Gartens. Doch da ich mich wende, verschlingt dich das Grau.
O heimliche Morgen der wahrhaft Geliebten.
O tieferer Duft deiner Liebe in mir.
Ich gehe dahin so leicht wie ein Seliger. Mein Atem ist süß und mein Auge ist weit.
Schon schweben die Adler besonnt in der Reine: So ende denn Nacht! So beginne denn Tag!
Ich will deine Liebe dem Morgen zutragen und ewigen Tagen — der Liebe nicht müd.
Auf der Landungsbrücke.
Von Wilhelm Scharrelmann.
Er ging die Treppe hinab, die von den Dünen zum Strande hinunterführte. Wie er dann da unten hinschritt, langsam, den Kopf etwas gebeugt, schwerfällig und ein wenig ungeschlacht in seinen Bewegungen, schien er den Körper eines Riesen zu haben.
Man sah ihn stets allein, und niemals bemerkte man, daß er einen Bekannten begrüßt hätte. Er war hier an der See ebenso einsam, wie früher zu Hause, und vielleicht noch einsamer als dort, trotz der vielen Menschen, die ihn hier umgaben und zwischen denen er sich verlegen lächelnd und mit linkischen Manieren bewegte.
Aber hier hatte er sich nun verliebt. Ganz plötzlich. Bisher waren ihm die Frauen ziemlich gleichgültig gewesen. Trotz seiner sechsundzwanzig Jahre hatte noch keine sein Blut in Wallung gebracht. Nun war es über ihn gekommen, wie ein Wetter über die Fluren hinfährt und die Kronen der jungen Pappeln durchbraust und die Birken tief zur Erde beugt und am Ufer des Sees die Wasservögel aufscheucht...
Die er liebte, war zart, klein und zierlich, rote eine Figur aus Meißner Porzellan. Seitdem er sie zum erstenmal gesehen, begegnete er ihr jeden Tag wenigstens einmal, wenn sie mit ihren Bekannten am Strande spazieren ging. Aber gesprochen hatte er mit ihr noch nie ein Wort. Es machte ihm schon Herzklopfen, wenn er sie nur kommen sah und sie unter ihrem Sonnenschirm von blauer Seide lächelnd und plaudernd an ihm vorüberging, ohne ihn zu beachten. Er fühlte dann, wie mit einem gewaltigen Stoß ihm das Blut zum Herzen drängte, daß es ihm den Atem benahm und er Mühe hatte, unbefangen und gleichgültig zu erscheinen. Denn er dachte Tag und Nacht an sie, malte sich ihr Bild aus, grüßte sie in Gedanken und überlegte tausendmal, wie er eine Anknüpfung finden könne. Aber in Wirklichkeit scheute e'r sich, mit ihr in ein Gespräch zu kommen und erschrak wie ein Schulbube, wenn er plötzlich ihre Stimme hörte. Er wurde trotz der heißen Glut der Sonne bleich wie ein Städter im Winter. Nur wenn er ihr begegnete, schien ein heißes verzehrendes Feuer in ihm aufzuleben, das seine Wangen erglühen ließ und ihn verwirrte und unglücklich "^Jn'Wahrheit hätte er nicht den Mut gehabt, sie anzureden. Aber er tröstete sich mit dem Gedanken, daß es sich schon einmal so fügen werde. Und es fügte sich wirklich einmal.
Er war auf seinem Spaziergange bis an die Landungsbrücke gekommen, um dort stehenzubleiben und in das Wasser hinunterzustarren. Die Flut fing an, auszulaufen, und allmählich lammel- ten sich mehr und mehr Badegäste hier an, um die Ankunft des Dampfers zu erwarten, der täglich die Post vom Festlanöe heruber- brachte. Als er aufblickte, stand sie neben ihm und schaute unter dem blairseidenen Sonnenschirm aus das glitzernde Meer hinaus. Er erschrak und erzitterte heftig und wagte nicht, die Hnnde von der Brüstung zu nehmen: es traf ihn, rote e,n plötzlicher Windstoß die Krone eines Baumes trifft. Dabei empfand er ein Gefühl der Beklemmung, als wenn ihn eine unsichtbare Hand am Halle ""Rein! Ich sehe wirklich noch nichts!" rief die junge Dame ihrer Freundin zu. „Aber sieh doch nur dort! Man kann den Ranch schon sehen!" rief die Angeredete zurück, dte weiter seewärts stand.
Da glaubte er, daß jetzt der Augenblick für ihn gekommen sei, und er bot ihr seinen Feldstecher an. Er sprach mit einer Stimme, die rauh und in Absätzen aus seinem Munde kam, und lächelte


