Ausgabe 
18.5.1934
 
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dreiviertel ausgeschlagenen Weide, die immerfort glauben, dort steht noch besseres Gras zum Abraufen nein, dort dort! Er muffe sie seine Gedanken meine er, nicht die Schafe! oftmals wieder zusammentreiben. Muffe nach seinem Willen rufen wie der Schäfer nach seinem Phylax und kommandieren:Hol sie ran! Noch mehr ran! So so genügt

Rikelchen lachte aus tiefstem Herzen herauf. Zum erstenmal seit Jahr und Tag. t r .

Gust stimmte lachend ein: Jawohl, wie der Schäfer fernen Phylax! Sonst liefen sie ihm nach allen Seiten auseinander, dre Schafe. Nein, die Gedanken meine er natürlich, die Gedanken, hinter die er seinen Willen hetze. . .

Und Gust lachte über diesen unfreiwilligen Beweis seiner Worte noch lauter als bisher. ,

Da die beiden Heimkehrenden durch das Weidetor kamen, gab Nikelchen ihrem Mann den Arm. Das war seit Jahr und Tag nicht mehr geschehen. Ein Glücksschauer überrieselte sie, als Gust ihren Arm mit dem seinen an sich drückte, wie in den lang­versunkenen Zeiten ihrer ersten Liebe.

Arm in Arm gingen Gust und Rikelchen die Hohe Straße ent­lang. Wie an jenem Abend vor mehr als vierzig Jahren, da sie durch diesen Gang der Stadt ihr.e Ankunft gemeldet hatten. Sie wagten aus ihrem Glück heraus sogar, im gleichen Augenblick ihr verkauftes Haus anzusehen. *

Gust begann während des Weitergehens Nikelchen die Miß- wirtschaft zu schildern, die seit ihrem Auszug dort alles zugrunde gerichtet hatte, und geriet darüber so in Eifer, baß er nicht ge- wahrte, wie Rikelchen ihn an der Ackerstrabe vorüberfuhrte.

Die ganze Hohe Straße gingen sie Arm in Arm entlang. Bis zur knallroten Post. Dort bogen sie in die Baracken ein.

Gust wurde es vor eiferndem Erzählen nicht inne. Erst als er, umgeben von seinen eignen Möbeln, im elterlichen Hause stand, sah Gust, was geschehen war.

Rikelchen hatte, um der gewaltsamen Entfernung aus ihrer Wohnung an dem festgesetzten Termin vorzubeugen, tagsüber den Umzug in die Baracken ausführen kaffen. Zum Hause seiner Kind­heit/ deffen Bewohner ihren Vorschlag, seine jetzige Wohnung gegen die beffere im Nebenhause, die ihnen zugewtesen war, ein­zutauschen, mit Freuden eingegangen und seinen Umzug am Tage vorher ausgeführt hatte. Es war keine schwere, zeitraubende Arbeit gewesen, die Uebersiedlung aus der Ackerstraße in die Baracken. Denn die meisten Möbel hatte Rikelchen, da sie von dem Pantoffel­macherhäuschen zu viel Platz weggenommen hätten, verkaufen ""^So" war nun wieder Raum geworden für Gusts Schustertisch.

Er stand, wie es in der Ordnung war in der Ordnung seines Wesens und seines Zweckes am Fenster. Sonnenstrahlen fielen, als Gust und Nikelchen eintraten, auf die Schusterkugel und brachen sich durch ihr Wasser in allen Regenbogenfarben.

Nikelchen!" stöhnte Gust auf, als er erkannte, bei welcher Kreuzbergstation seines Lebens er angelangt war. Schreck war dieses Aufstöhnen, Verwirrung, tastendes Um-sich-Greifen, Nach- einem-Halt-Suchen. Aber kein Vorwurf.

Einen Augenblick lang stand Gust schwankend im Sturm seiner ^^Dann straffte der Ueberrumpelte sich. Drückte Rikelchen bankend die Rechte. Streichelte ihr mit der Linken das noch immer blau- schwarze Haar, das er einst mehr als alles an ihr geliebt hatte.

Gust"? schluchzte Rikelchen, schluchzte vor Glück.

Der Angerufene gab keine Antwort. Er streichelte.

Wir sind beieinander, Gust!" sprach Rikelchen ibm Mut zu. , Wir bleiben beieinander. Bis zu unsrer letzten Stunde. Wir haben nichts als uns. Aber wir können uns nun wieder einer am andern festhalten. Ich an dir und du an mir."

Gust schwieg. Vollauf hatte er damit zu tun, sein Rikelchen zu ffrcicbcltt*

Das war nicht mehr geschehen, seit er sie bei der Nachricht von Jupps Ernennung zum Offizier, die für sie die Vorbotschaft seines Todes bedeutete in der Ackerstraße auf das Sofa hatte 6Ct@o wohnt" denn also Gust als verarmter Rentner wieder

Gust fühlte sich als Held. .

Er erzählte ununterbrochen von seinen Erlebnissen wahrend der Wanderung. Von seinen Eindrücken auf dem musterhaft be­wirtschafteten Rittergut,- man baue dort einen Kubstall nach dem andern, schaffe ohne Unterbrechung an: Wagen, Maschinen, Pferde, Dampfpflüge, Lokomobilen. . .

Und immer wieder berichtete Gust von leinem Zusammenstoß mit dem Molker so habe er beim Hinwerfen den rechten Arm gehoben, so den Kopf in die Höhe gerissen mit dem Molker, der wie der Wucher in eigner Person, in unverwechselbarer menschlicher Gestalt vor ihm gestanden hätte: fett rote ettt Dret- einbalb-Zentner-Schroein. mit dickem Hängebauch, darüber eine meiste sich strammende Schürze, die schroarzbehaarten Hände rote ettt Flegel bis zu den Ellenbogen in den Hosentaschen.

Riechen stimmte immerfort zu: Gut gemacht, Gust! Sehr gut qemg^'" Um ihn auf einen andern Weg zu bringen, fragte sie schließlich: Und er sei nicht müde geworden während der sechs- stündiaen Wanderung? ...

Nei«' aab Gust stolz zur Antwort. Das heiste ein wenig müde schon. Aber nicht mehr als ein Gesunder. Jawohl, er sei nun wieder aesvnd. Ganz gesund. Nur seine Gedgnken wollten ihm noch nicht c» wie früher gehorchen. Die möchten am liebsten ttt fiHe iv-r Winde anseinandcrlaufen. Wie die Schafe auf einer erst

in den Baracken.

Dahin war er zurückgekehrt, von wo er als Siebenter des Pantoffelmachers Schorsch Micheelsen vor fast zwei Menschenaltern seinen Ausgang genommen hatte. War so zurückgekehrt, wie er ""Nein, noch armseliger! Denn wie kümmerlich es Vater und Mutter mit ihren zehn in dem Barackenhäuschen auch ergangen war, satt zu efiett hatten sie immer gehabt. Gust und Nikelchen aber wußten bald nicht mehr, womit ihren Hunger füllen.

Aufabi hatte die Valkenlchaukel ihres Lebens, hatte die Wippwapp gemacht. Aufab! Nichts sonst.

cz-u &er Tat, wie wenig war mit Gust und Nikelchen geschehen! Wie Alltägliches! In allen Städten des Landes konnte man das­selbe tausendfach antreffen: Aufab! , ,

Und doch: Wieviel batte sich ereignet! Wie Beispielloses! Wie Unausdenkbares für die Betroffenen!

Aufab! Es muß wohl sein, wird wohl sein, solange Menschen "^^Jst es Wille des Schicksals das Aufab!, wa<s bleibt andres, als sich innerlich zu beugen? . . .

Dieses Aufab! der Unzäl'liaen aber, die dem Vaterland den Arbeitsertrag ^-rea steb-ns, bedrängt von ihm, ovferten, war es Schicksal oder Willkür? War es Notwendigkeit oder Verbrechen? sFortsetzung folgt.!

r Ob er denn kein Herz tm Leib hätte? begehrte der Bedrohte ""^Der Mann kümmerte sich nicht um Gusts Gedanken uvch Ge­fühle, um Gusts Not und Anklagen. Er bestand auf feinem Schein, beantragte und erwirkte als sein gutes Recht dieZwangsvoll­streckung zur Räumung des von dem frühern Schuhmachermeister und Bürgerworthalter a. D. August Micheeljen bisher zu Wohn­zwecken innegehabten ersten Stockwerks Ackerstraße Nummer 3.

Rikelchen fing das gerichtliche Schreiben ab, unterschrieb die Zustellung mit dem Namen ihres Mannes, den sie in früheren Jahren so oft auf Rechnungen gesetzt hatte, daß die beiden Uicker- schriften kaum auseinanderzuhalten waren, und verheimlichte Gust das Datum des anbefohlenen Umzuges m die Baracken.

Am Tage vorher schickte die Besorgte den Ahnungslosen in der Frühe drei Stunden Weges über Land auf ein Rittergut.

Dessen Herr, sagte Rikelchen, solle den allgemeinen Wucher der Stadt nicht mitmachen, so daß es in seiner Molkerei noch Butter zu einem erschwinglichen Preis gebe. Gust brauche ftd) mtt 6er Heimkehr in keiner Weise zu beeilen. Er möge sich auf dem Hof nur alles in Ruhe ansehen. Auch könne er sich, wenn er müde werde, unterwegs ausruhen, solange er es nötig habe. Sie komme ihm des Nachmittags jawohl des Nachmittags, eher hatte sie keine Zeit vor ihrer Hausarbeit! ein Stück entgegen. Am besten wäre wohl, sie vereinbarten die genaue Stunde und den Ort ihres Zusammentreffens. Ja, so wollten sie es halten: vier Uhr sei sie an der Ecke des Stadtwaldes. Wenn er früher da wäre, solle er ruhig warten, bis sie etntresfe. Aber der Tag werde ihm bei der schönen Wanderung und bei der Besichtigung des Gutes sicher so schnell vergehen, daß er nicht auf sie zu lauern brauche.

Gust nahm das Geld für ein Pfund Butter -v'-le, viele Scheine aus der Hand seiner Frau. Nickte zum Abschied. Ging.

Mit dem Schlage vier war Rikelchen an der Ecke des Stadt- m!S, der schon länger als eine Stunde auf sie gewartet hatte saß auf der Bank, die in jener Zeit, als die städtischen Walder ihm zur Beobachtung unterstanden, auf sein Betreiben für müde Wanderer errichtet war. , , m .

Seine Scheltworte sprangen Rikelchen noch vor einem Gruß an: Kein Wucherer? Genau so wie alle andern Bauern und Bodeneigentümer sei der Herr Rittergutsbesitzer! Ein ganzes Pfund Butter hätte er holen sollen? 50 Gramm waren ihm, stmt 600 für sein Geld, das früher zum Kauf eines Hauses gereicht hätte, gnädigst angeboten worden. Aber da sei es mit seiner Ge­duld vorbei gewesen. Zu seiner ganzen Größe habe er sich auf­gereckt und dem Molker, dem Halsabschneider, der über ihn rote über einen Trottel gelacht hätte, die Lappen, die sich unverschamter- weise Geld nennen ließen, vor die Füße geworfen. So!

Gust stand zur Verdeutlichung seiner Worte in aufgereckter ^So^Ob"si"/q'enau sehe? Mit diesem Ruck seines Kopfes. Ein­fach vor die Füße, vor die hochhackigen Holzpantoffel. Selbstver­ständlich, ohne auf die 50 Gramm Butter, die er dafür hatte be­anspruchen können, zu warten! , ., ~ r

Das hast du gut gemacht, Gust!" stimmte die Erschreckte zu.

Nicht wahr, Rikelchen? Findest auch, daß es richtig war: Vor die Füße! Da ist es."Was?"Das Geld.

Ich denke, du hast es dem Molker..."

,,.si>ab ich auch! Du glaubst doch nicht etwa, ich lug dich an? So hab ich sie ihm vor die Füße geworfen, die dreckigen Geldscheine. Sol Mit dieser verächtlichen Bewegung meuter Rechten. Mit diesem vernichtenden Ruck meines Kopfes. Siehst du es, Nikelchen .

Ja, Gust, ich sehe es, als ob du's in diesem Augenblick tatest.

Aber dann, als der verschüchterte Molker mit feinen Holz­pantoffeln durch die Pfützen am Mauersteinboden rausgeklappert war, als ich ganz genau festgestellt hatte, daß mich keiner ^ben konnte, nicht mal der lausigste Lehrling, da hab ich mich schnell gebückt, hab die Scheine wieder aufgesammelt und in meine Tasche "e^Das hast du gut gemacht, Gust. Sehr gut."

Wir haben doch nur wenig Geld. So wenig, daß wir uns kein Pfund Butter mehr kaufen können!"

Seite an Seite gingen Gust und Nikelchen heim.

Verantwortlich: vr. Hans Thtzriot. - Druck und Derlag: Drühl'fche Univerf itäts-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.