wundung krankt. — So geht der Sommer 6tn; <m den langen Winterabenden stichelt Tina ganz verzagt an ihrer Aussteuer. Daß es damit nicht eile, mag sie wohl voll Bitterkeit denken. Ach, ist ihre Hoffnung auf ein Glück an Dierks Seite nicht fast schon dahin?
Wieder wird es Frühling mit blauseidenem Himmel, Lerchentriller über grünendem Acker, Ruf des Kuckucks aus dem Birkenhag und milden, mondstillen Nachten über herbduftendcm Land. Ans die Nacht vor Pfingsten hat Dierk seit langem gewartet. Kaum daß es dunkelt, schlägt er sich mit verbissenem Gesicht heimlich quer durch die sumpfigen Wiesen, Moorstreifen und Aecker, die sich hinter den Gehöften des Dorfes erstrecken. Er weiß, warum er den bequemen Sandweg vermeidet, der schnurgerade an der langausgezogenen Reihe der Siedlungen entlangläuft. Heute will er erfahren, wer sich zwischen ihn und Tina zu stellen wagt, er ist überzeugt, daß er den Kerl diesmal erwischt, er soll sich freuen, und auch mit Tina wird es eine Abrechnung geben! In grimmiger Entschlossenheit legt er sich auf die Lauer, das friedlich schlummernde Haus, das sein Mädchen beherbergt, keinen Augenblick aus dem Auge lassend.
Wieder steht der Mond am Himmel, aber diesmal nicht als volle glänzende Scheibe, sondern wie ein schmaler, schaukelnder Kahn auf den Wellen eiltgziehender Wolken — in ungewissem Dämmer vergehen die Umrisse der Tageswelt. Die traumhafte Stille der Nacht, die durch bas sanfte, verschlafene Muhen einer Kuh, durch das Rascheln eines Igels im Gras nur noch unwirklicher wird, schmeichelt sich beruhigend in die aufgeregten Sinne des Wartenden. Schon will unter ihrem Zauber sein Trotz, sein finsterer Unmut langsam dahinschmclzen, näher und näher zieht es ihn mit tausend Fäden an das kleine Fenster heran, hinter dem Tinas junges, blühendes Leben atmet, da — er erstarrt. In der nächsten Sekunde ist er mit einem Satz in blinder Wut der schattenhaften Gestalt an der Kehle, die sich eben vorsichtig um die Hauswanö schiebt.
Zwei Männer wälzen sich keuchend in den Salatbeeten — ein Birkenstämmchen, zerknickt und zertreten, liegt im Sand. Plötzlich aber läßt Dierk mit einem Ausruf grenzenloser Ueberraschung seinen Gegner ebenso jäh los, wie er ihn gepackt hat. Er springt ans die Füße, fährt sich wie hilflos mit allen zehn Fingern durch das zerzauste Haar, als könnte seinem Gehirn dadurch eine Erleuchtung der Zusammenhänge kommen, schlägt sich dann an den Kopf und lacht laut und schallend auf. Sein jungenhaftes, befreites und schadenfrohes Gelächter dnrchschneiöet klingend die Stille der Nacht.
Indessen rappelt der Mann aus dem Gartenland sich mühsam auf und macht sich eilig, in qebücktcm Altmännergang, davon. Dierk läßt ihn laufen, denn an Tinas Fenster hat sich leise die Gardine gerührt. Den übelzugerichteten Maibaum ausnehmend, lehnt er sich mit strahlendem Gesicht gegen die Scheiben, die seinem Druck willig nachgeben, und flüstert seiner Tina, die sich un- gläubig-glücklich zu ihm heransbeugt, die frohe Nachricht ins Ohm Nach dem Erntefest solle die Hochzeit sein, er habe jetzt ein sicheres Mittel, die Zustimmung des Vaters zu bekommen, denn die Bäuerin, seine Stiefmutter, mache durch Ian, den alten Knecht auf dem Reinershof, selbst den Freiwerber. Diesen Maibaum habe sie Tina geschickt... Nun sei alles gut!
Die Schusterkugel.
Roman von Hans Franck.
(Fortsetzung.) lNachdruck verboten.)
Die nachgewiesene Wohnung lag in den Baracken. Neben dem Haus des verstorbenen Pantoffelmachers. Schorsch Mecheelsen. Der verheiratete Kuhfütterer des Viehhändlers wohnte darin. Dieser, der als einer der ersten in der Stadt die Zeichen der Zeit begriff und nur die Not kannte, sein Geld möglichst schnell und vorteilhaft anzulegen, baute seinem Viehknecht das Dachgeschoß des Stalles in der Ackerstraße aus, und die neue Wohnung für den verarmten Schuster, dessen paar Zimmerchen der Hauswirt dringend für seine Heranwachsenden sechs Kinder brauchte, war gefunden.
Gust erklärte, daß er nicht ausziehen werde.
Der Besitzer zuckte die Achseln. Dann müße er Gewalt an- "^A>uch der Gewalt weiche er nicht! behauptete der mittellose Rentner. , , t , L,
Das werde man ja sehen, wenn s soweit sei, und dann notfalls noch andere Mittel anwcnden! drohte der Hauswirt.
Er habe seit Jahren, versicherte Gust der Wahrheit gemäß, von den Bewohnern seines Elternhauses, das noch immer sein eigen sei, weil sich kein Käufer für das hutzlige Häuschen gefunden hätte, nicht einen einzigen Pfennig Miete erhalten. Und habe trotzdem nicht erreicht, daß der Säumige hätte ausziehen müssen, weil nach dem Spruch des Wohnungsamts, dem sein früherer Freund Willem vorstehe, sich keine geeignete Wohnung für den zur Räumung Verurteilten in der Stadt hätte finden lassen, der sehr wohl die Miete zahlen könne, da er als Zimmergeselle vom Frühjahr bis zum Herbst in Arbeit und Lohn stehe. Gerechtigkeit für alle! Oder ob die Welt sich so gänzlich in ihr Gegenteil verkehrt habe, daß Gerechtigkeit nur noch für die Untern, Ungerechtigkeit aber für die Obern da sei?
Wenn Gust in seinem Kopf, erklärte der von Gemütsanwand- lungen Unbelastete, vor Alter ober infolge seines Schlaganfalls mit der neuen Zeit, mit ihren Gesetzen und mit ihrem Geld nicht mehr zurechtkomme, so gehe ihn als Hauswirt das gar nichts an. Er habe die Räumungsklage gewonnen, eine ausreichende Wohnung sei vorhanden, also gebe es nur noch eins: Ausziehen!
Oer Maibaum.
Von Anke Ehlers (Worpswede).
Spät und zögernd kommt der Frühling ins Moor, aber wenn er erst einmal Fuß gefaßt hat auf den weiten braunen Flächen, daß sie von weißem Wollgras erblühen, wenn über die Sandwege die grünen Schleier der Birken wehen, die roten, strohgedeckten Gehöfte im Schnee der Kirschen-, im rosigen Schaum der Apfelblüte versinken und am leise quirlenden Wehr des dunklen Moorgrabens eine Entcnfamilie schnatternd sich ihres Daseins freut, dann ist nach dem langen Warten dieser Frühling berauschend wie der herbe Obstwein, den die Bauern aus den Beeren ihrer Gärten ziehen. In den Mondscheinnächten flüstert der Nachtwind lauter Liebesworte, die niedrigen Weidenknicks am sumpfigen Wiesenrain sind verschwiegene Verstecke, und wie lockt die Einsamkeit des Torfmoors mit seinen Heidepolstern und Machangelbüschen, mit dem Flug einer Eule drüber hin, weich wie Wolle, oder dem Balzruf eines Käuzchenpaares!
In einer solchen Nacht, der Nacht vor Pfingsten, ist es hier Brauch, daß die jungen Burschen ausschwärmen und als sinnfälligen Ausdruck ihrer Werbung ihrem auserwählten Mädchen einen grünen Virkenzweig — einen Maibaum —vor das Kammer- fcnster pflanzen, wofür die so Geehrte, hat sie nicht einen gar zu festen Schlaf oder zu-gestrenge Eltern, sich auf der Stelle zu bedanken pflegt.
Nun, auch Dierk, der junge Bauernsohn vom Reinershof, ist in dieser Nacht mit einem Birkenbusch unterwegs, den er soeben am Torfstich von jenem Baum abgeschnitten hat, unter dem er Tina zum erstenmal im Arme hielt. Sie sind jetzt miteinander versprochen, das ist nichts Neues mehr im Dorf. Wenn die Hochzeit noch nicht ausgerichtet worden ist — eine richtige „Fleischhochzeit" mit dem üblichen Schweinebraten, Backobst und Mehlpudding, denn Tinas Leute gehören nicht zu den Acrmsten im Moor —, so hat das leider einen gewichtigen Grund, gegen den weder Tinas Gutwilligkeit, noch Dierks verliebte Ungeduld aufzukommen vermag. Auf dem elterlichen Hof, den Dierk einmal übernehmen soll, regiert vorläufig noch der alte Reiners, mehr aber noch die derbe, jugendliche Bäuerin, seine zweite Frau, Dierks Stiefmutter also, die rund heraus erklärt hat, daß sie so bald nicht daran denkt, die Herrschaft im Haus mit einer jungen Schwiegertochter zu teilen oder sich aufs Altenteil abschieben zu lassen. Da der Bauer sich von ihrer Meinung, Dierk sei noch viel zu jung zum Heiraten, überzeugen läßt, so bleibt dem Jungen um des lieben Friedens willen nichts anderes übrig, als sich in Geduld zu fassen und zu warten. Schließlich sind sie ja auch beide, Dierk und Tina, als Kinder dieses kargen Moors, das nur den Geduldigen Brot und Auskommen gewährt, zur Geduld und zum Wartenkönnen erzogen. _ . o ,
Dierk schwingt sich über das Gatter des Hofes und schleicht sich unter den Bäumen des Eichkamps näher an das Haus seiner Braut heran — es ist nicht nötig, daß der Hund anschlägt und die Eltern aufwachen... Der hohe Giebel des moosverfilzten Strohdachs legt einen spitzen Schatten auf den saubergeharkten Hof, tn den kleinen Fenstern spiegelt sich blinkend ein Mondstrahl. O Ttna, kann sie denn schlafen in sqlch einer Nacht? Hört sie nicht die Schritte, spürt sie nicht- die Nähe ihres Liebsten? — Jetzt steht er unter ihrem Kammerfenster, zärtlichster Gefühle voll. Aber was ist das? Wie vom Donner gerührt, starrt er auf ein V'rken- stämmchen, das, vom Mondlicht umfloßen, vom linden Nachthauch zitternd bewegt, mit seinen Blättern an die verhängten Schemen einlaßbegehrend anpocht. Ein Maibaum für sein Mädchen. Bon einem anderen! „ ____ t, , . .r, _ .
Nun muß man .wissen: Nach der Sitte dieser Gegend ist es ein unerhörter Vorgang, daß bei einem festen Verlöbnis sich ein Zweiter werbend einmischt, es sei denn, daß er durch das Mädchen ausdrücklich dazu ermutigt worden ist. Dierk steigt das Blut in den Kopf. Den fremden Maibaum ausreißen, in hohem Bogen wegschleudcrn, als habe er den unverschämten Nebenbuhler selbst am Kragen, und seinen eigenen Virkenbaum statt dessen ein- pslanzen, ist das Werk eines Augenblicks. Wütend und gekrankt, znm erstenmal den Stachel der Eifersucht im Herzen spurend, stürzt er davon, ohne an das blinkende Kammerfensterchen zu klopfen, wie es ihn doch eigentlich mit allen Fasern drangt.
Der unglückliche Zufall will es dann, daß er schon am nächsten Abend auf dem Pfingstball, wo Tina sich von einem ortssremden jungen Mann mehrmals zum Tanz auffordern laßt, !iernen Widersacher entdeckt und das falsche Spiel seiner Braut durchschaut zu haben glaubt, und es bedarf des strengen Eingreifens der beiden im Saal anwesenden Landjäger, um eine wilde Schlägerei zwischen einheimischen und ortsfremden Bnrschen ö" verhnten.
Tina hat seitdem manchen Anlaß, den hnbschen,weizenblonden Kops hängen zu lassen, sie weiß keine Erklnrung für daß reizbare und unfreundliche Benehmen ihres Verlobten, etwas Unausgesprochenes, dem von ihrer Seite nicht beizukommcn ist, rteiltet sich wie eine Wand zwischen beiden ans. Zwar ist Dierk oftmals nahe daran, das Unsinnige seiner Verdächtigungen einzusehen. Spricht ihr nicht die blanke Treue aus den blauen Augen, und fühlt er denn nicht, wie sie unter seinem veränderten Wesen leidet? Aber er wird die leidige Erinnerung an den fremden Maibaum nicht los, an diese Veleidignng, die ihm durch Tinas Schuld zu- gefügt worden ist — sie hält ihn in seinen trüben Hirngespinsten gefangen. Hinzu kommt, daß seine Sttefmntter, der die Spannung zwischen dem Paar natürlich nicht entgangen ist, ibn durch geschickt hingeworfene halbe Andentungen in ^l"on Zweifeln bestärkt. Wenn er ihr auch mißtraut und scheinbar nicht hinhört, so bleibt von ihren spitzen Worten doch immer ein Splitter in seinem Herzen hängen, das schwerblütig und verschlossen an solcher Ver


