Ausgabe 
17.12.1934
 
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.Ja', sagt der Kapitän,bat bauert man blaß zehn Minuten, bann sind wir wall ba."In Heia?"In Heia. Da sind wir ftatiomert Eigentlich hören wir nach Danzig. Bei Eis gehn wir man nur eben nach Heia und dann wieder raus. Sind viele Schiffe fest draußen in diesem Jahr Na, die wallen dach Weihnachtspakete haben."

Maleen muß ein bißchen weinen var Freude.

Und wie heißt das Schiff?"

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,','Ach", bringt Maleen Hervar,das ist einmal ein Name für einen"

Weihnachtsengel", sagt Ole schnell und weih nicht, ab er sich nun var dem Kapitän schämen muß. Da erhebt sich Maleen, schluchzt bei allem Lächeln nach einmal auf und gibt dem Kapitän in aller Oeffent- lichkett einen Kuß mitten aus den Bart.Weil Sie dach ein Engel sind , sagt sie dazu. Und nun weiß der alte Walfischkapitän nicht, ob er sich schämen soll. ... , ,

Och Gatt", sagt er und hebt sein Punschglas hach.

Unter den Sternen.

Ban Conrad Ferdinand Meyer.

Wer in der Sanne kämpft, ein Sohn der Erde, und feurig geißelt das Gespann der Pferde, wer brünstig ringt nach seines Zieles Ferne, vom Staub umwölkt wie glaubte der die Sterne?

Dach das Gespann erlahmt, die Pfade dunkeln, Die ewigen Lichter fangen an zu funkeln, die heiligen Gesetze werden sichtbar.

Das Kampfgeschrei verstummt. Der Tag ist richtbar.

Gottsmann.

Eine Geschichte von Hans Franke, Heilbronn.

Nun sind es bald zwanzig Jahre, daß ich zu euch kam, Kameraden, ein kleiner schmächtiger Freiwilliger, und van euch die heilige Schule der Frontkameradschaft empfing. Wir waren mit dem ersten Schube der jungen Soldaten nicht herausgekommen, wir stampften voller Ungeduld aus dem Kasernenhofe, trollten uns durch die Straßen, und unsere Herzen barsten var Ungeduld, weil da draußen das hohe Lied des Krieges gesungen wurde und wir zurückbleiben mußten in einem lächer­lichen Dienst, der uns pedantisch und oftmals geschraubt schien.

Dann aber saßen auch wir in den Zügen und fuhren gen Flandern, in uns war die große Bereitschaft und die flammende Liebe, wir schweb­ten auf einer Brücke über dem Rhein und sangen die alten Lieder, nach denen wir marschiert waren und die nun einen viel höheren Sinn erfuhren, da wir dem Schicksal entgegendannerten. Noch war unsere Ungeduld zu zügeln, noch harrten Tage unser hinter der Front bei hartem männlichen Dienst, bei Märschen durch die flandrische Ebene, die sich dunstig und trüb, hell und glasklar entrollte, wo es nach Flachs roch und in kleinen Eftaminets ein saueres Bier geschenkt wurde.

Und eines Tages war der Ersatz zusammcngestcllt, wir hatten alles, was wir fürvorne" brauchten und vieles Unnütze trugen wir dazu, es war eine schwere Last für die jungen Schultern, aber auch jetzt sangen wir, als wir die Straße von Menin nach Upern mit harten klirrenden Schritten traten und uns der Donner der Front immer näher rückte.

Das Bataillon lag in einer kleinen von Büschen umschlossenen Ferme unweit Deimlingseck. Ich sehe noch, wie unser Zug auf das Kommando zögernd verhielt und wir zu denen spähten, die sich da in den Schuppen und Ställen, im WvhNhause und in den Wirtschafts­gebäuden ivohnlich eingerichtet hatten, deren Uniformen schon verstaubt und ausgelaugt schienen, rissig und geflickt, deren Stiefel nicht mehr nach dem Glanz des Appells fragten und deren Augen einen seltsamen Schimmer aus einer anderen Welt trugen.

Als ich zu der Gruppe trat, die nun meine Lebensgemeinschaft fein sollte für lange Monate, da war ich befangen, ich mag ein wenig hilf­los dagestanden haben in meinem viel zu weiten Rocke und mit meinem Zeug, das hvchgetürmt auf dem Tornister sich aufbeugte und mich schier zu erdrücken schien. Vielleicht hat auch einer der alten Leute gelacht. Aber da trat aus dem Dunkel des Stalles denn die Gruppe lag im Schasftall, in dem Stroh geschüttet war und die Soldaten sich andere Beguemlichkeiten geschasst hatten ein Mann aus uns zu, auf mich und die beiden anderen, die mit mir vorgetreten waren, gab mir die Hand und sah mir ins Gesicht. Da sah auch ich ihn an: und sah in jroei Helle große blaue Augen, die waren in einem regelmäßigen fast fdiöncn, männlichen Gesicht, sie waren warm und aus dem Herzen fehlen ein Zustrom in ihnen zu sein. Er warf ein leichtes Wort hin, half mir, wies mir den Platz und hockte sich bann neben mich, als wäre ich immer (ein Freunb gewesen.

Cs war Goltsmann. Ein Mann aus bem Erzgebirge, wie alte biefe Soldaten von dort waren, Weber aus den großen Webereien um Aue, Holzarbeiter aus dem Walde, nicht die zerdrückten Menschen des sächsi­schen Industriegebietes, sondern kleine zähe Kerle, die noch nahe der Natur lebten und hart waren.

Gottsmann zur Seite habe ich die schlimmen Tage überstanden, die über unser Regiment tarnen; unb ich weiß nicht, ob ich sie überstanden hätte, wenn nicht seine gute Hand wie die Hand eines Engels über mir geschwebt hätte. Längst war der Tornister nachgesehen und Unnötiges nach Hause gesandt worben, längst waren ble Erfahrungen bes Mannes

bk bes Jünglings geworben, längst wußte ich bk Einschläge zu unter« scheiben unb bk zischenbe ober rottenbe Bahn ber Granaten, längst ging ich mit ber Hanbgranate um wie mit einem Kinberspielzeug: immer war er mein Lehrmeister, immer war er zur Hanb. Als wir bie Sprengungen bei Höhe 60 miterlebten, ba lag er neben mir, unb als eine Riefenfahne von Rauch unb Staub ben Weg bezeichnete, ben viele unserer Kameraben bem Tobe zu genommen hatten unb es ment Herz in grenzenlosem Jammer schier zerriß, ba fühlte ich seine Hanb aus meinem Unterarm unb ich meinte in seinen Armen... Woher hatte Goltsmann Tee, wenn keiner ihn hatte? Woher hatte er Essen, wenn j bie anberen noch warteten? wie kam er zu Schnaps? ich weiß es nicht. Mein Tisch war immer gebeckt, wir teilten alles unb gingen auch in den Baracken miteinanber burch bie Sonne, wenn es bk brei Ruhetage gab in ben hinteren Linien.

Bor Hooge hatten wir schwere Tage. Es lagen bie ersten furchtbaren Trommelfeuer über unseren Linien, es gab tagelange Eingriffe unb bie ewigen Dualen mit ben wässerigen Gräben. Uebermübet von ber Last ] diejer Tage war ich gegen abenb auf meinem Posten eingefchlafen. Als 1 ich erwachte, lag ich in einem Unterftanb, ich war in zwei Mäntel ge« | wickelt, einer bavon gehörte Gottsmann, unb er selber ftanb brausten I auf meinem Posten in ber Kälte ber Nacht unb sah mit feinen großen | unermübiichen Augen in bas bämmrige Borfelb. I

Als bie große Sprengung war, machten Gottsmann und ich die I erste Patrouille gegen den Trichter. Es war im frühen Morgengrauen,! unb bie Erregung zitterte in meinen Nerven. Wir schoben uns langsam 1 burchs Gelänbe: burch verfallene Gräben, Sappen unb Trichter, wir stießen an Draht unb Balken, wir verkrochen uns in bk Erbe, bie uns ihren mütterlichen Schutz so oft gegeben hatte. Rings schien alles still, boch bas Gehör bevölkerte diese Ruhe mit Geräuschen, das Gesicht sah im zerreißenden Nebel die Gestalten von Feinden, alles war gespenstisch angefüllt, war eine andere nicht mehr natürliche Welt. Wir hatten uns bis nahe an den Trichterrand vorgeschoben, denn es galt festzustellen, ob der Feind hier schon seine Arbeit ausgenommen hatte. Ich war |o | mit Bvrwärtsspähen beschäftigt, daß ich zu spät eines Geräusches in ' meinem Rücken achtete: eine englische Patrouille war uns in ben j Rücken gekommen, unb eben erhob sich ber eine ber Gegner, sich auf mich zu stürzen, als ihn bie Kugel Öottsmann noch im Fallen erhaschte unb nur ein Toter auf mich fiel, mich nach sich ziehenb in ben Schlamm der ausgeworfenen Erde. Nun fielen die Handgranaten hin und her, I schon tackten die Maschinengewehre, die Front wurde lebendig, mir I waren entdeckt, schlugen uns aber dennoch zum Graben zurück durch.

Das erzählt sich sehr schnell, aber es lagen bange Minuten dazwi- I schen: schon war der Mvrgennebel gekommen, eine weiße wehende Wand stand zwischen uns und den eigenen Gräben, wir torkelten in diesem I milchigen Grau, das uns freilich gegen ben Feinb berfte, aber ich fühlte in mir bie Bangnis höchsteigen, ob benn in diesem höllischen Schwaben I ein Weg ins Freie führen könne, ba sah ich Gottsmann bie Nase heben, I er klemmte die Augen zusammen und schien wie ein Hund Witterung zu nehmen, seine Hand winkte kaum merkbar und mit untrüglicher Sicher­heit kroch er durch das Vorfeld und landete genau dort, von wo wir gekommen waren und wo uns bie Kameraben fröhlich empfingen. Als wir im Graben ftanben, wollte ich Goltsmann banken, aber er zuckte nur leicht mit ben Schultern unb roanbte sich ab.

Ich habe Goltsmann nur einmal weich gesehen. Das war wieder | auf einer Ferme. Wir hatten in Ruhe gelegen, es kam unerwartet Alarm, wir gingen vor, der Alarm erwies sich als unnötig, und lo verlebten wir zehn herrliche Tage, ohne Gefahren, ohne strengen Dienst, in einem wundervollen ganz unkriegerischen Nichtstun. Da geschah es. Es war Gewehrreinigen angesetzt, und mitten in unsere verhaltene Heiterkeit und unseren Gesang krachte ein Schuß: einer unserer Kame­raden lag mit zerschossener Stirn auf dem Sande. Wir hatten viele schon sterben sehen, aber es ist immer ein anderes, dort in den Gräben dem Tod zu begegnen als nun hier mitten in unserer kleinen Freude Furchtbar tobte derAlte", tobten die Unteroffiziere, es war ein Hin j und Her von Stimmen, aber sie alle machten den jungen Burschen nicht wieder lebendig, der durch Unvorsichtigkeit ober mit Absicht (bas hat keine Untersuchung je ergeben), ein Enbe gefunben hatte. Unser Alter, | ben wir alle sehr liebten, hat ihm bie Totenrebe gehalten: er machte es wunberschön, über uns ftanb nun schon ber sianbrische Frühsommer, unsere harten Herzen waren ganz weich, als ber Alte vom Opfer, von Vater unb Mutter, von Deutschlanb und Heimat redete, lind da sah ich, daß Goltsmann meinte! Hemmungslos ließ er die Tränen über die Wangen laufen, er wischte sie nicht fort! Was war auch der Pfarrer in der Kirche von Courtrai gegen den Allen, ber, wie wir wußten, ein Dichter war, unb ber nun hier unsere Herzen ergriff mit einem offenen freien männlichen guten Wort! Das rann burch unsere Seelen und machte sie weich unb für bas Fromme empfänglich. Ich schaute uerrounbert auf ben Kameraden, und erst am Abend erzählte er mir leise, daß I» fein Bruder im Sande gelegen habe, der aus dem eingestürzten Stollen eines Bergwerkes herausgehvll wurde, tot und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Damals hätte sein Vater auch gemeint ...

Ich hatte über Goltsmann naeh Haufe geschrieben, und nun kam ab und zu ein Päckchen für ihn von meiner Mutter, es mar Tabak ober eine Wurst, er nahm es hin unb sagte kaum danke. 'Aber viel später erst follte ich erfahren, daß er hinter meinem Rücken an meine Eltern geschrieben halte und daß er ihnen gesagt Halle, ich sei ein guter Kamerad.

Das mar Oottsmann! Nebenmann, Kamerad, Freund!

Wir haben davon keine großen Worte gemacht, und als mir uns eines Tages die Hand zum Abschied gaben, da mußten wir nicht, daß wir uns nicht Wiedersehen würden, es war wie sonst beim Abfchieh, ein Druck ber Hanb, ein Blick in die Augen. Wir sind uns nicht mehr begegnet, das Schicksal trennte uns, bas große Schicksal, bem wir unter­worfen finb mit unseren kleinen Wünschen.

lieranttoptilicb: vr. tzansThyrivt.Druck unbBerlag;Brühl'jcheUniversitäts-Buch- undSteinbruckere i. N. Lange,Gießen.