Künste, die zu ihnen gehören, eine neue, feiner emfindende und ge» nießende Zeit. , , , „
Aber das Lieblingsgetränk der großen Mehrheit war noch wie seit den Jahrhunderten des Mittelalters der heute vergessene Hypocras. Da das geheime Wesen dieses besonders auch bei den Damen beliebten Süßtranks manchen interessieren mag, so folgt hier ein Rezept für „weißen Hypocras" aus dem Jahre 1715:
, Man nimmt zwei Pinten von gutem Weißwein, ein Pfund Zucker, eine Unze Zimmet, ein wenig Muskatblüte, zwei ganze Körner weißen Pfeffers, und drei Viertel einer Zitrone Das Ganze läßt man eine Zeit lang ziehen; dann wird euer Hypocras drei oder viermal durch einen Strumpf gesiebt. Man kann ihm Moschus- oder Ambraduft geben, indem man ein verzuckertes, in Baumwolle gewickeltes Korn davon vor dem Durchpassieren in die Strumpfspitze tut."
So fremd diese Dinge uns anmuten, so ftemd, so anekdotenhaft komisch werden unsere Gewohnheiten kommenden Zeiten erscheinen.
Das Volk wacht auf.
Roman von Walter von Molo.
(Fortsetzung.!
„Laßt das Gequassel", spricht abschließend eine Baßstimme. „Machen wir weiter, Herr Hauptmann, wir haben genug geruht!" Fühegetramvel, Waffengeklirr. „Probieren wir lieber noch einmal die aufgelöste Chaine^ Herr Hauptmann, das mutz noch ganz anders flecken! Schlag an, Karl!" Eine Trommel schlägt an; wildes Hurra bricht hinter der Hecke los: in loser, ungeordneter Zickzacklinie, vehement, wie eine mächtige, alles vor sich niederreihende Sturzwelle erscheint stürmend auf dem Exerzierfeld die Kompanie. Die Bajonette gefällt, wie ein Sturmwind stürzt sie über den sandigen Platz, dem Birkenwald zu; sie verschwindet, emporsetzend, zwischen den weihen Stämmen.
Bei gesenktem Kopf, langsam, tief nachdenklich, wandert der Pensionierte weiter; er schüttelt den Kopf: „Und da sagt man, es sei bei uns alles schlecht gewesen?! Hat vielleicht der große König anders mit seinen Soldaten gesprochen? Häh?" . m. , ,«
, Nächstens, Papa", spricht stolz die Tochter, „wird der Kurt Majori „Wieso? Es sind doch noch fünf im Rang vor ihm?"
„Die Anciennität gilt nicht mehr, Herr Papa! Es geht jetzt nur mehr nach der Leistung!"
„Seit wann wäre das?"
, Der Herr General von Scharnhorst hat das so verfugt.
Der wird auch noch bei der Jnfantrie drei Beine einsuhrenl Ein Teufelskerl!" Der Alte starrt: Blohfüßige Knaben marschieren in Reihe und Glied auf dem Sturzacker. Sie haben statt der Gewehre Prüges, sie sind wie die Mannschaft - auf dem Platze formiert: mit schrillem, Hellem „Hurra", daß der Acker poltert und die Erde spritzt, rennen die Knaben gegen das Birkenwäldchen an. Hell lacht die junge Hau^- männin. „Alle Jungens spielen jetzt Soldaten! Das war doch früher nicht o Herr Papa? Richt wahr?" Der alte Mann streckt den Arm: „Komm her, mein Kind." Er umarmt die junge Frau, er küßt sie fest, abbittend auf den entgegendrängenden Mund. Hastig, dankbar gibt sie den Kuh ! zurück. „Hab' Vertrauen zu uns, Papa!" bittet sie. Der Alte wendet sich. I „Kommt zum Exerzierplatz!" gebietet er, er zappelt mit Händen und ; Füßen. „Ich will mir das modische Gespiele näher angucken! Er um- : faßt die Hand seines Kindes und preßt sie, als könne der Druck Erfüllung schaffen. ,Zch hätt' ja solche Freude, wenn ihr recht hattet!
„Wir haben recht, Herr Papa!"
i Eilig, ineinandergehakt gehen sie zurück. Auf dem Exerzierplatz ordnet . sich lautlos, hochatmend die Kompanie zu neuer Hebung.
In einer kleinen Berliner Konditorei sind nur drei Gäste. Born bei der Eingangstüre sitzen zwei junge Leute, rückwärts in der Ecke nahe dem kleinen Büfett, mit dem Antlitz gegen die Wand gekehrt, trinkt ein hagerer, bejahrter Offizier feinen Kaffee-Ersatz. Die Zweie bei der Ture flüstern, zornig sehen sie zum Offizier. „Susette! noch ein Stuck Schill- torte!" ruft der Eine
Bitte sehr!"
Die junge Kellnerin in ihrer altdeutschen Modetracht kommt mit dem Stück Torte in den Vordergrund getänzelt; aufbegehrend fährt der Gast mit dem Löffel in den Teig, auf dem ein Stück von Schills Gestalt in rotem Zucker sichtbar ist. „War Herr von Schill heute noch nicht hier?
1 _ Unser Held war schon seit drei Tagen nicht mehr hier, Ehrenfester" _ So? Sie sehen aber heute wieder entzückend aus, Susette! Es ist gut "daß wenigstens ihr Mädchen noch in Deutschland Ehre im
i Leibe habt! Superb stehen Ihnen die Ritterlocken! Kennen Sie die | stndine' des Herrn de la Motte Fouque?" — „Nein, Ehrenfester, was ! ist das?" — „Diese deutsche Nixe muß so ausgesehen haben, wie unsere fittiqe Jungfrau, nicht? Bring' der Susette das Buch!" Der Redende wendet sich, und sagt pathetisch: „Es ist ein teutsches Buch, teutsches Mädchen^8 bezahlen", spricht'? leise aus der Ecke, Das Mädchen ; dreht sich, verstimmt geht es zum Ofsizier. Die Herren stoßen sich an ! Wie aelb der Latwergenmann wieder aussieht! — „®>e verweht und salopp seine Uniform ist!" — „Das sind unsere Säulen!" Der Ossi,zier
! erhebt sich Sein Blick unter der hohen Stirn ist, als ruhe er über Gedanken aus. Der Offizier nimmt die Kappe vom Nagel, freundlich nickend gelassen, lautlos, den bartlosen, faltigen Kopf gesenkt, schreitet er an der Kellnerin vorbei, zur Straße. Die Überhängende Gestalt mit dem eingefallenen Rücken verschwindet. „Es ist zum Tollwerden! Das . i will ein teutfcher Soldat fein? Unser Kriegsminister? Es ist zum Kobolz- ickießen» So was will vom Schill nichts wissen? Woher er nur seinen toönen alten Namen hat? .Scharnhorst'", spricht btflamierenb der Jung- Ung Scharnhorst'!? Das müßt' ein Titane sein, ein Riese mit Adlerblick mit Adlerfängen nicht so etn S-blappje! Er schläft ja den ganzen , i Tag! Susette, du mußt in unseren .Christlichen Verein' kommen; wir
,chshundert Jahre brauchte die Gabel, um von Byzanz nach Paris zu ! > inmen, bann nur noch hundert, um die Welt zu erobern. i
Im Hause der Marquise von Rambouillet, die dank chrer liebens« rürbigen Begabung die feineren Formen der modernen Geselligkeit, i tan kann es sagen, erfunden hat, brach auch mit der Sitte, daß alle ;äfte mit ihren Schöpflöffeln aus der gemeinsamen Schüssel aßen, wie ; der Hos noch lange tat, wie es heute noch in mancher Gegend die lauern tun Ihr Tochtermann, der Herzog von Montausier, der Erzieher >5 Dauphin, verbat es sich immer und verlangte einen eigenen Suppen» Her, er galt darum für einen beschwerlichen Gesellschafter. Dafür muhte n siebzehnten Jahrhundert jeder Herr vorschneiden können, sonst war : blamiert.
Wunderlicher noch, als die Art zu essen, erscheint uns, was man aß, le maßlose Fülle der Gerichte, der Fleischspeisen vor allem, die sonder- firen Mischungen. Im sechzehnten Jahrhundert preist ein französischer kchriststeller die „gute alte Einfachheit" frühere Tage, da man bei einem lärgerlichen Festmahl nur sechs verschiedene Fleischspeisen auftrug. Die pariser Speisewirte wie ihre Garküchen waren schon damals berühmt. §ei einem Diner Pyramiden von Wachteln und jungen Fasanen auf« stürmen, ober wie es Boileau schilbert, auf einer Schüssel einen Aasen mit sechs Hühnern unb sechs Tauben garniert unb mit brei quer- iberlegten Kaninchen zu servieren, währenb ein Kranz von gebratenen Archen ben Schüsselranb bebedte, galt im siebzehnten Jahrhunbert für «roße Art. .
' Die Hygiene ber Küche lag im Argen wie alle Hygiene. So wie bie finber bamals, vor ber Schutzpockenimpfung, selbst in ben vornehmsten Rufern wie Fliegen an ben Blattern starben, so waren bie Männer, tud) die großen Feldherren der Zeit infolge des übermäßigen Fleisch- md Alkoholgenusses mit dreißig Jahren gichtgekrümmt. So wie die Menschen sich in Unmaß parfümierten, sich nicht wuschen, so wurden :lle Gerichte in Unmaß gewürzt, mit Rosenwasser, mit Majoran, mit ilmbra und Moschus; Riechpulver wurden auf bie Fleischspeisen gestreut ;nb Rosenwasser barübergegossen, wie heute Salz unb Worcestershire- Sauce bas Backwerk, bie Eier, mit Parfüm zubereitet unb serviert.
Es fehlte nicht an Kochbüchern. Schon im vierzehnten Jahrhunbert irfchien unb nicht als erstes, ber „Hauswirt von Paris", ber Form nach der wirklich, Anweisungen eines reichen Bürgermannes an feine junge Trau. Für ein Diner wirb barin folgendes Menu empfohlen:
Erster Gang: Fleifchpasteten, schwarze Gemüsesuppe, ein ßampreten» >«richt, deutsche Kraftsuppe, Krastsuppe mit Fleischstücken, weihe Fisch- lauce, Birnenfladen. , ...
Zweiter Gang: Fleischbraten, Seefisch, Sühwassersisch, Fleischschnitten |n Speck, Fröschlein, Rose (?) von jungen Kaninchen und Bögelchen, Näße mit warmer Sauce, Pisaner Torten.
Dritter Gang: Schleien mit Brotschnitten, weiße Mandelgallert, gekostete Brot- und Speckscheiben in Eiermilch, Eberschwänzchen m warmer Srühe, Kapauner geschwenkt (?), Lachs- und Brassenpasteten, Schollen, ^^N^rte^Gang:"'Mehlsuppe, Wildpret, Eierbackwerk, Kalter Salbet, gestürzter Aal, Fischsülze, Kapaunpasteten. ,
Jeder Gang wurde auf einmal aus ben Tisch gestellt. So speiste ein reicher Pariser Bürger in ber guten alten „einfachen Zeit. Für die -einzelnen Gerichte sinb zumeist bie Rezepte angegeben. Das sur -Deustche Krastsuppe" lautet: „Man lege Eier in Oel, nehme Mandeln, schale, guetsche unb siebe sie, schneibe Zwiebel in Scheiben koche sie in Wasser, backe sie bann in Oel unb lasse bas Ganze tüchtig sieben; bann stampfe -nan Ingwer, Zimtrinbe, Gewürznelken mit ein wenig Safran, ber mit laurem Wein getränkt ist, tue enblich bas Gewürz m bte Speise unb siebe sie in einem Kessel, bis sie dickflüssig unb nicht zu gelb ist.
Feinere Kochbücher erschienen im siebzehnten ^chrhundert wie »Der iranzösische Koch" bes Herrn von Lavarenne, Küchenchefs des Marquw □on Urelles. Vor ganz strengen Richtern, wie vor ber Marquise von Sabie,^beren Küche berühmt war, sanb bas Buch keine ®nabe: „Man mußte ben Kerl (trafenI" sagte sie. Ihr erklärte auch °ls sie fromm geworben war, eines Tages ihr Freund, der Abbe de a MctoUe der Teufel ben sie aus ihrem Schlafzimmer unb ihrem Anklewe immer vertrieben, habe sich in ber Küche verschanzt Dem Publikum gefiel bas Werk; er erlebte acht Auslagen. Ein königlicher Kammer- diener, Nicolas von Bonnefons, gab 1655 ein erganzenbes Werk „D Köstlichkeiten ber Fluren" heraus Zwanzig Jahre spater erschieni o>on Pierre David ber „Koch" mit einem unendlichen Untertitel Aus einem | Rezept Lavarennes erfahren wir, baß man d'e Artychocken bamals n ’ vier Teile schnitt, ben Bart entfernte, sie iti kaltem Wassel quellen lieh unb sie bann mit Salz unb Pfeffer servierte. S'° würben °ber auch schon gebacken. Ein Zwischengericht, bas nach feinem Ersinber einem italienischen Koch Nullio, „Nullen" h>eh, würbe in folqender Art bereite! ..Man nehme vier ober fünf Eidotter, sehr frische S°hne v.el Zucker ein Körnchen Salz, schlage bas Ganze gut, lasse es in einer W™ -Schüssel kochen, streiche mit ber rotglühenden F°uerschaufel darüber begieße es mit wohlriechender Essenz und fermere ee mH TOotouMUtfer bestreut." Von den Gewürzen und E enzen abgesehen fangen d
i lichte an, sich unserer Kochweise zu nahem. JmIahre 1674 gab V . to. Robert ein Bändchen „Die Kunst zu bewirten her°us m bem er sagtt
I. ..Man ist heute von der UeberfüUung ber Gerichte °bgekommem m°n häuft nicht mehr sinnlos alles burchemanber aus, Be g ® '
I bizarr bereitete Zwischengerichte: b,e erlesene Abwahl d-r Flestchforien, Die Feinheit ber Zubereitung, bie elegante Art zu fer , .Zahl der Gäste angepaßte Menge der Speisen tut es. Man merkt 0 i Kulturfortschritt. Zur selben Zeit schrieb der Herr von 6 a n t L mond, ein Vorläufer B r i 11 a t - S a v a r ' ns ..fernen Wn weife und geistvolle, durchaus modern anmutende B ^tu 9 Küche und Kochkunst. Er hatte zu den Jnt.men der Mar^ye o LL tÄÄ'Ä Ä a*:


