ein Bad nehmen muh, dem bürgerlichen Franzosen und andern noq nicht; im siebzehnten Jahrhundert badete man allenfalls einige Male im
Copyright by I. L. A., Wien.
Sitte und Mode ändern sich fortwährend und sind doch unerbittlich; man wird eher verzeihen und übersehen, wenn ein Mensch einen »rcunD betrügt oder seine Eltern in der Not verläßt, als wenn er in Gesellschaft mit seinem Löffel aus dem Suppentopf essen wurde. Und doch taten die Damen und Herren am Hofe von Versailles zur Zett Lus- wiqs XIV. das täglich, und niemandem fiel etwas dabei ausi Las denken wir nie, daß was wir alle täglich und selbstverständlich tun, einmal eine kühne Neuerung war, die ein Mann oder eine Frau als Erster zum erstenmal wagen mußte, und daß aller Fortschritt oer Kultur auf diesen Wagnissen beruht. ..
Dem bürgerlichen Engländer ist es selbstverständlich, daß er täglich ein Bad nehmen muß, dem bürgerlichen Franzosen und andern noch
9 Seit der Erschaffung der Welt bis ins siebzehnte Jahrhundert aß der "Mensch mit den Fingern." Mit diesen Worten beginnt Alfred Franklin, ein französischer Gelehrter, der ein vierundzwanzigban- diqes Werk über das „Privatleben der Vergangenheit" geschrieben hat den Band, der von den Gewohnheiten der Menschen bei ihren Mahlzeiten handelt. Der Satz ist nicht ganz richtig. Franklin sagt, daß Gavei und Messer früher nur zum Vorschneiden dienten daß die Gamn Karls IV. von Frankreich in ihrem Hoshatt nur eine einzige Gabel be|cß, Karl VI. hatte schon ihrer drei! Im siebzehnten Jahrhundert begann man in der vornehmsten Gesellschaft mit der Gabel zu essen, ftatt mit o Fingern: im Bürgertum wurde dies erst im achzehnten Iahrhunoer allgemein. So kurz ist es her! Franklin fragt, woher der Gebrauch der Gabel beim Essen kommen mag. Aus den Berichten alter Reisinven weiß er, daß sie in Italien früher zu finden war, als in Frankreich. verdanke den besten Teil meiner Kenntnisse aus dem Gebiet seinem unschätzbaren und unterhaltenden Werk: dennoch kann ich seine tfroge beantworten: einer der Dogen von Venedig aus dem Hause Djlcoio ich erinnere mich nicht, welcher, aber es muß ungefähr um das ^ay 1000 gewesen sein — hatte eine byzantinische Prinzessin zur Frau, un sie aß als die erste in Westeuropa — denn vom Osten kam dama^ nom die Kultur — mit Messer und Gabel. Die Folge war denn auch, oas, die Geistlichen Venedigs gegen ihre gottlose Hoffart predigten da ooq Gott sichtlich dem Menschen die Finger zum Esten gegeben habe! uev
wieder einmal gestellt. . „ .
Wen geht diese Frage an? Wo sind die Menschen, denen ein Band Lyrik ein Lebensbuch ist, denen es Bedürfnis ist und Glück, an jebem Tage ein paar Verse zu lesen oder vor sich herzusagen? Wo sind die Freunde der Lyrik, denen es selbstverständlich ist, zu ihrem Besitz an klassi cher und romantischer Lyrik, zu ihrem Besitz an den Banden Dehmels und Liliencrons, Rilkes und Stesan Georges auch die Lyrikbände der Jungen, Unbekannten zu stellen? Wo sind die Kenner und Liebhaber, die in ihrer Gesellschaft diskutieren über Friedrich Schnacks süße Melodie und Gottfried Benns hohen klaren Klang? Wer kennt die Gedichtbücher des jungen Wolfram Br o ckme, er? Wer kauft zu den Gelegenheiten, die ihm Büchergeschenke ab fordern, einen Band neuer Lyrik, oder nur eine der schönen Lyrik-Anthologien. (Etwa die beiden prachtvollen Bände des Phaidon-Verlags „Die schönsten deutschen Gedichte der Weltliteratur")?
Den Zweiflern zum Trotz, die nie ein Gedicht gelesen haben und richtig lesen werden — diese Freunde der Lyrik sind da. Sie sind ihrer ßiebrnie untreu geworden, sie öffnen täglich ihre Bande, sie lesen jebes Gedicht, das ihnen eine Zeitung, eine Zeitschrift bringt (die beide nie aufgehört haben, Gedichte zu drucken). Sie sprechen darüber zu andern, sie kaufen immer wieder einen, zwei neue Gedichtbände.
Es sind die Mädchen und Jünglinge, die Frauen und Männer, denen der Sinn für die Kristallform der dichterischen Sprache gegeben ist. In ihnen hat sich das Kindheitserlebnis immer fortgesetzt, unter einem neuen Wortklang! Wortbild, Wortstnn zu erbeben, ihnen hat sich die Lust an den allerersten Wortlauten immer erneuert. In ihnen erklingt Musik des Wortes, ihnen ersteht Magie der Sprache, sie gemeßen die Harmonie des Reimes und das Atmen des Rhythmus im Vers ihnen kost sich ciaene Freude, eigene Sorge, eigene Not am reinsten in den Versen derer denen ein Gott zu sagen gab, was sie leiden. Das Auswachen zur Sprache wird ihnen immer neu geschenkt, sie sind es, ine die Worte der ßnrit Wald, Traum, Gestirn, Sehnsucht, Herz wahrhaft sehen und hdren schmecken und riechen, tasten und erkennen. Das was den Kindern beim ersten Vers, was den Vierzehnjährigen bei der Begebung mit den großen Gedichten geschah, das wiederholt sich in diesen Gluck- sichen immer wieder. Keine andere Form der Dichtung kann ihnen das geben, w7s ihnen die Lyrik gibt. Nein, fie tonnen es m-ht entbehren, Qfn Abend oder in der Nacht, auf der Reife im Zug, beim Spaziergang durch die Felder diese magischen Zeilen ö" zitteren, in benen innerstes Bekenntnis eines Menschen im andern Menschen Macht und ^Ci$ie(e grauen sind in dieser Lyrikgemeinde. Als Mädchen blieb ihnen das in der Schule gelernte Gedicht unvergeßlich, spater können sie es noch ihren Kindern hersagen. Vielleicht bewahren die Frauen sich dauerhafter den Sinn für das Selige, Schwingende, Erhabende, IReine unb Parte vielleicht erfüllt ihre Phantasie leichter bas Wort bes Dichtes. Aber auch viele Männer finb bis ans Enbe bem Geheimnis bes Ge- bichtes ausgeliefert, selbst biejenigen bie es schamhaft verschweigen. Mag es bem Dumpfen unsichtbar, bem Nüchternen verschla fen bleiben, bem Rastlos-Tätigen eine kindische Spielerei, - das Gedicht lebt für alle
I Gläubigen, Ehrfürchtigen, auch für alle Geistigen.
Se,®s0 mag fein, daß diese Gemeinde für die Neugierigen und für die Statistik nicht zu fassen ist. Sie preist sich nicht an, veranstaltet keine Generalversammlungen. Aber sie lebt. Die Mitglieds dieser Gemeinde erkennen sich mühelos. Und sie geben einander das Gut weiter das sie sich erworben haben. Diese Gemeinde ist bald groß, bald klein, bald deutlich, sichtbar, bald scheint sie verschwunden. Aber für sie Mten bte Lyriker, für sie werden die Gedichte gedruckt. Diese Gemeinde stirbt nicht, das Gedicht aber bleibt ewig.
Nur den einen strengen Kreis ziehen diese wahren Liebhaber: vor ihnen gilt nur der höchste Anspruch. Sie hassen die Dilettanten, die Reimkünstler, die braven Verseschmiede, die Ehrgeizigen, die mit ihrer Privat- und Familienlyrik in die Literatur wollen. Dafür sind aber unter der Gemeinde genug, die selber die Literatur nicht kennen. Vielleicht I tragen sie nicht einmal den Namen des Autors mit sich. Zu ihnen gehören aber auch bie Kenner, gehören bie Schöpferischen, bie Geistigen, I bie bas Weltbilb ber Lyrik überschauen, bie bas hohe lyrische Kunstwerk I xu beurteilen verstehen. Sie alle lieben bas- Gebicht. Für bie andern ist es nur Schmuck, Stoff, SBilbungsgegenftanb wie die ganze Kunst.
Cs ist herrlich, daß einmal über Lyrik geredet und gestritten wurde. Streit klingt auch an bie Ohren berer, bie auf leise Dinge nicht Horen. Mancher von ihnen hat bie Lyrik vielleicht nur im Drang ber Ge- schäfte, im Strubel ber Sorgen vergeßen. Es geschieht alle Tage, batz Menschen bie Lyrik entberfen unb burch Gebichte gläubig unb ehr- I fürchtig werben.
Barocker Speisezettel.
Von Karl Febern.
In seinem Zimmer schaltet Jakob bas Licht ein. Ein nicht sehr heller, I wohltuend ruhiger Schein flammt auf unb gibt atten Dingen gleich- I mäßige Bestimmtheit, Jakob holt sogleich einen Kessel, füllt ihn m ber Küche mit Wasser, kommt zurück und stellt ihn auf einen Kanonenofen. I Er rückt die Stühle zurecht und ist sehr geschäftig.
Die Frau sieht ihr Iugendbild über bem Sofa. Sie schaut lange auf bas Bild Ist das sie selbst? Es ist ein anderer Mensch, ein fremder Mensch. Versteht sie noch die Wünsche dieses jungen Mädchens? Nein. I Kennt sie ihren Ehrgeiz? Kann sie ihre Leidenschaften nachempsinben? I Die Frau schüttelt heftig ben Kopf. Vor biefem Bilbe suhlt sie, baß bas Schicksal, bas sie hergetrieben hat, vergangen, ausgeloscht ist. I
Sie schaut sich ben Jungen näher an: er hat em offenes, unschuldiges Gesicht. Sie ist ihm dankbar, nicht etwa, weil er, von einem Irrtum befangen, ihr noch einmal die glückliche Vorstellung, geliebt zu werden, I geschenkt hat. Nein, er hat sie ihrem Iugendbild >md 'hier Vergangenheit^gegenübergestellt. Guter Junge, daß du dieses Bild aufbewahrt hast^
Jakob hat bas Wasser aufgegossen. Währenb ber Tee zieht, dreht er I noch schnell bas Grammophon an. Aber als die Frau nach ben ersten quietschenben Tönen ber verspielten Platte bie Jjanbe hebt, stellt er ben 2tPPetaet sinb^Äutoschlosser von Beruf?" Als Jakob nickt, sucht ihr Gedächtnis nach Adressen, bei denen sie sich für ihn verwenden kann. Sie weist hier unb bort wirb es gelingen. „
„Wie lieb von Ihnen, baß Sie bas Bild aufgefjangt haben. So glauben Sie nicht, was man über biefes Haus rebet? Jakob schüttelt ben Kops. „Schön, Ihnen gefällt bas Bilb - eine hübsche junge Frau nicht wahr? Aber, lieber Freund, diese Frau gibt es, nicht.mehr Sehen Sie —" Die Dame zieht die Kappe vom Kopf, dichte Buschel silberglänzenden Haares schießen hervor „Und nun haben Sie Dank und ^Die^Frau°steht auf, und auch Jakob erhebt sich. Er sieht wieder eine fremde Frau vor sich mit den ernsten Zügen einer Pensionsvorsteherin. Der lächelnde Kops an der Wand aber gehört jenem anderen, unwirklichen Wesen, das er im Herzen trägt. Jakob steht verlegen da und nötigt die Frau zum Bleiben. Der Tee sei ja fertig, es wäre doch gut, etwas Warmes zu sich zu nehmen. Aber die Frau ergreift feine Hand, schon knirscht die Tür, und Schritte klappern über die Stein- biele. Jakob geht hinterher, aber als er bie Haustur erreicht, ist bie Frau verschwunden, nach welcher Seite, ist nicht zu ^kennen
Ein paar Tage später packt Jakob seine Sachen. Er schließt bie Tur des Niemanbshauses ab unb marschiert, einen Anstellungsbrief m der ^"^'eht"ch^'!°fagen die Leute, „nun hat der Sput ihn doch gepackt."
Streit um Lyrik.
Von Alfred Günther.
Dichter unb Kritiker, Verleger unb anbere Schrifttumssachverständige haben sich — zumeist in Fachblättern — über die Rolle der Lyrik in unserer Zeit und über die Verpflichtungen der Zeit gegen bie Lyrik gestritten. Ein Dichter, Fritz Diettrich, selbst ein Lyriker, wagte ben ersten Vorstoß unb klagte namentlich die großen Verleger an, daß sie das lyrische Schaffen der Gegenwart vernachlässigten. Der Dichter orderte Opfer von diesen Verlegern und hätte ihnen gern die Verpflichtung abgelockt, jährlich eine bestimmte Anzahl neuer Lyrikbande beraus3ugebem a Heute veröffentlichten Lyrikbände auch ge
nügend Käufer finden, fand sich der Wortführer der Lyriker sehr optimistisch ab. Die Verleger erklärten, bah sie sich durchaus bewußt seien, mehr für die Lyrik getan zu haben, als vom Standpunkt des Geschäfts tragbar sei. Sie zählten die Bände auf, die erschienen sind, fie beurteilten die lyrische Produktion der Gegenwart (und ihre Lektoren dürfen beanspruchen, aufs beste darüber unterrichtet zu sein) als nicht sehr hoch, stellten fest, daß bas Mittelgut überwiege, nur sehr selten wirklich Bedeutenbes vorliege. Schließlich roanbten bie Angegriffenen bie Waffe: Es werbe noch viel zu viel Lyrik gebrückt, banale, mittelmäßige, dilettantische, auch ehrliche, gekonnte, gute — aber wo seien benn bie Käufer bafür, wo bie Liebhaber!
Der Streit würbe mit Leibenjchast unb mit Klugheit geführt Es würben runb um bas unerschöpfliche Thema eine Fülle von praktischen Vorschlägen gemacht, bie alle vor allem eins bewiesen, wie vielen Menschen bas Schicksal ber Lyrik am Herezn liegt. Ob nun diese schonen Vorschläge, ober sagen wir: Wünsche unb Hossnungen ber zur Forbe- rung ber Lyrik entschlossenen Fachleute in Erfüllung gehen ober nicht: Ein Gutes hat biefer Streit gehabt, bie Lebensfrage ber Lyrik würbe


