Ausgabe 
17.9.1934
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Nummer 72

Montag, den. 17. September

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Häusliches Gespräch.

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Von Iustinus Kerner. Mir leeren die Mäuse, Spitzmäuse und Ratten, Verschloss'ne Gehäuse Und offene Platten. Mann! die Apotheke Hilft sicherlich hier. Gift schaffe aus ihr, Auf daß ich es lege Dem wüsten Getier!" Weib! lasse das Morden! Vergönn unsre Speisen, Die bürgerlich heißen, Den schwäbischen Spatzen, Den Mäusen und Ratzen. Wenn ooll die geworden, In stillem Behagen Die Mäuler sich wischen Und weiter dann jagen, Die nirgends doch klagen, Wie sehr sie gelitten An unseren Tischen Durch Mangel an Fischen Und Schnepsendreckschnitten!

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Das Niemandshaus.

Von WaldemarAugustiny.

Was war das, Jakob?" fragen die Leute,fiel da nicht ein Schuß im Haus?" , ... ,

Aber Jakob zuckte die Achseln. Er hat nichts gehört.

Huschte da nicht etwas Helles hinter den Fenstern? Es stimmt etwas licht mit der Villa, denken die Leute. Sie haben das Haus, das die ginne des reichen Sonderlings miten in die Schrebergarten gesetzt hat mb das nun seit Jahr und Tag zum Verkauf steht, bas N'omandshaus x normt. In der Dämmerung, wenn das Haus geisterblaß mit toten fensterhöhlen auf den Weg starrt, machen die Bewohner der Garten-

Aber Jakob, der Verwalter, hört sich das Gemunkel der Leute an nb lacht. Er hört keinen Schuß und sieht keinen Lichtschein an den fenstern oorbeihuschen. Es kommt vor, daß der Wmd einmal e'ne ausge- |( rungene Tür zuknallt, ja, und er selbst macht gelegentlich mit der Kar- idlampe einen Rundgang durch die verlassenen Raume. Das Loch in der Decke des Bibliothekzimmers kennt er natürlich auch: er,«e ß bah dis keine Verzierung, sondern der Einschuß eines P'st°lengeschosses ist. Aber was neben ihn Schießereien fremder Leute an? Mögen die Rach- b.rn reden - er freut sich daß die Maklerfirma ihm den Posten eines Verwalters gegeben hat und daß er einstweilen nicht mehr zu stempeln 6 Al^ Jakob hat es sich in der Stube neben der Küche mit zusammen­gesuchten Möbeln gemütlich gemacht-, er hat sogar ein Grammophon nenn auch nur eine einzige Platte Quf3utretben mar; an bet®anb fingen Silber unb über bem Sofa bie Photographie der letzten Be- figerin. Jakob finbet biefen Kopf fabelhaft 'mpoitierenb unb schom

Jakob kann bas Leben aushalten, es ist höchstens e was langweil,^ 26 unb zu kommen Leute mit ihren Wagen angebraust unb sinb nach strzer Besichtigung auf Rimmerwiebersehen verschwunben. Das tt die einige Abwechselung. Aber Jakob kann |a goIegentUcg etroas basteln

Techniker hat immer irgenbwelche Jbeen ,m Kopf, an denen.er^her- oniknobelt. Unb schließlich - schließlich ist ba noch bas «tlb»jenerSrau.

Jakob geht nicht mehr auf ben Tanzboden, feit er d °r draußen nobnt. Aber wenn er zurückdenkt an b.e krischen warmen Dmger d,e r früher hort fenncnoclcrnt hot fetns t)ot if)n fo befn) i Q deses einfarbige, schon etwas verblaßte Bilb, bas von sorgens °dends um ihn ist. Es ist fein e i ngi ger ^.am et; ab tm t e er en erfja ^t Senfes. Jakob spricht mit ihm wie mit einem lebenbigen Wesen schm ckt e> mit zärtlichen Worten. Es ist nicht bie Schönheit allein, bte Hjn D Mett. Die wilben Gerüchte von glanzvollem Leben plötzlicher Fl chtt . ulverbampf unb Rauch, von Blut geben bem ^Men Kopf einen öfteren Reiz. Gegen ihn ist ber junge tebenbige Mensch machtlos.

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Auch bie Frau sagt nichts, steht steif, bie Handflächen aufeinanber- gepreßt, ba. Enblich geht sie gerabeaus auf bie Tür zum Gartenzimmer zu öffnet sie, geht burch verschiebene Zimmer, macht vor ber Küche kehrt, geht, als wäre sie hier zu Hause, zurück auf bie Diele unb steigt die Treppe hoch. Jakob mit ber Laterne, beren Schein bie Wände auf- unb abtanzt, hinterher. ., ,, . ,,

Spricht man viel über bas Haus?" fragt bie Frau mit bunkler Stimme.Unb ob! Aber ba machen Sie sich man nichts braus. Mich hat's auch nicht gestört" sagte Jakob. '

Sie kommen ins Bibliothekszimmer. Die Frau nimmt Jakobs Hanb, die bie Laterne hält, unb schickt einen Blitz gegen bie Decke, bann laßt sie bie Hanb roieber los. Als sie vom Salon zurückkehren, geschieht basselbe Wieber ergreift sie- Jakobs Hanb unb sucht mit ber Laterne an der Decke ba reifet Jakob sich los. Der ganze Kram, ber über bas Haus erzählt wirb, all die wilben Gerüchte von Morb unb wilbem Auf­bruch überfallen ihn. Er breht bie Lampe ber Dame ins Gesicht Gott fei Dank, es ist nicht bas Antlitz ber Frau, beren Bilb fein Zimmer schmückt. Ader trotzbem. sie kennt bie Schußstelle, sie weiß zum min- besten um das Verbrechen, sie will am Ende gar nicht bas Haus kaufen, der Brief kann ja gefälscht fein. Was will bisse Frau an biefem Adenb

hier im Hause? ... , ....

Schweiß tritt ihm auf die Stirn, denn er weiß nicht, wie er sich in diesem Fall zu benehmen hat. Immerhin ist es ja auch möglich, daß die Dame wirklich das Haus zu kaufen beabsichtigt.

Die Frau bemerkt feine Verstörtheit.Sie brauchen nicht zu er­schrecken" sagt sie ruhig.Ich bin die letzte Besitzerin. Haden Sie bie Legitimation nicht gelesen? Es steht alles barin - sehen Sie hier

'Jakob aber ist nicht imftanbe, zu lesen. Er macht starre Augen. Das soll unmöglich ist bas bieselbe Frau, beren Bild bei Tage und selbst in ben Träumen um ihn ist. . , , , _.

Jetzt tritt bie Dame ein wenig zurück, schlagt ben Mantel auf. Ein blaues Kleib wirb sichtbar. Sie zieht ben Schleier über bie Kappe, lächelt. Jakobs Lampe, bie tief am schlaffen Arm hängt, beleuchtet zitternb ihre Gestalt und eben noch das Gesicht.

äßenn Sie sich fürchten sollten ich kann Ihnen die bösen Gerüchte '^Fürchten?" Jakob ^hat ^k'eim'Furcht Er sieht die Vision, die er all bie Monate in seinem Herzen genährt hat, sieht bie frembe Frau,vor sich unb langsam geschieht es, bas bte beiben Gesichter in eins ver- schmelzen. Jakob zittert wie ein Jagbhunb. .

$ Aber nun beginnt bie Frau sich zu fürchten Was hat bieser junge Bursche? Haben ihn bie Webereien ber Leute verrückt gemacht? Dummer Einfall baß sie heute unbebingt bie Stätte eines lange zuruckliegenben Schicksals aussuchen mußte. Run muß sie sehen, wie sie mit einer un- Ö;X3«" Ml; Ml*,

bern wenn es m ben Wänben rieselt, wenn bie Holztäfelung knackt.

Bttte leuchten Sie mir hinaus", sagt bie Frau,ich mochte gehen " Da "fängt sie den Blick bes Burschen auf unb suhlt warum unb wieso farm sie nicht sagen: ber Bengel ist verliebt. Sie ist immer noch Frau genug, um barüber ein wenig stolz zu sein,,unb halt sich an seiner Seite, als sie bie Treppe hinuntergehen Das Licht ber Lampe schaukelt durch den Raum, die Treppe tanzt, das Gewölbe dreht sich die 8rau er­greift lächelnd ben Arm bes Jungen. Jakob brückt ben Arm sagen ^"wim roirb* bie Frau etwas übermütigEs ist kalt", sagt sie,wollen Sie mir, bevor ich gehe, einen Tee machen?"

Jakob schaut bankbar auf.Gern mach ich Anen Tee, ich habe auch Bohnenkaffe - auch Brot", fügt er verlegen hinzu. Mit ber Butter würbe es hapern.

Horch es klingelt. Jakob binbet sich schnell einen Kragen um. Er weiß: wenn es tlingelt, kommt jemanb, zur Besichtigung; bie Nach­barn klopfen nämlich ans Fenster. Jakob reißt bie Tür auf unb leuchtet mit feiner Lampe hinaus. Der Lichtschein hott eine schlanke blasse Frau aus ber Dämmerung. .., , rL ... .,

Ob sie bas Haus besehen könnte? Aber natürlich. Jakob strahlt birekt vor Vergnügen, unb bie Frau tritt ein Sie klappt die Handtasche auf unb zeigt eine Legitimation bes Maklerbüros. Jakob sieht ben bekannten Briefkopf, überfliegt bie Maschinenschrift unb nickt. Es wäre ,a eigentlich ein bißchen spät und fast dunkel, aber sie habe sich in der Stadt ver­spätet und umkehren habe sie auch nicht wollen.Aber bas macht gar nichts", versichert Jakob, unb jetzt stehen bie beiben vor ber Eingangs­halle. Die Karbiblampe schneibet einen weißen Kegel burch bas Dunkel, zu beiben Seiten steigen mit mattem Schimmer bie bronzenen Treppen- 9el<3atorb i(äg'tUnid)t5 weiter, er hält es für bas richtige Geschäftsprinzip, das Haus für sich selbst sprechen zu lassen. Vielleicht ist diese Dame eine Art Pensionsoorsteherin oder etwas Äehnliches. Möglich, bas sie an-