bin ihm niemals sehr gut bekommen!" Sie sprach etwas laut „Was ist tos?" fragte sie nervös. „Ich möchte heim!' entschied sie und ging zur Glastür hinaus. __
Dann sah Katarina, bequem angelehnt und sehr wach, im Wagen.
.Ein dreister Herr, dieser Glod! Man ist nicht grade deshalb ein Genie Scheint einem vollendeten Größenwahn verfallen zu sein?
Ein Beter, der sich selbst zerwütet", sagte Katarina leise und eigensinnig. „Sprach er von Doktor Möncke?" forschte sie nach einer kurzen Pause und legte die Hände lässig nebeneinander über ihre große Handtasche und sah ihn unverwandt an Nein das doch nicht —"
Nein" sagte er. Ihn durchblitzte unbestimmt der Gedanke, dah ihn einmal jene Herren Möncke und Geyck, von denen nach Gastein und Lund hin berichtet worden war, flüchtig beschäftigt hatten; Herrn Möncke hatte er kennengelernt. . _
Es wurde im nächsten Augenblick kühl tn ihr und um sie. Eiskalt. So ein rascher Schnitt ins heihe Fleisch würde gut und heilsam sein und mußte einmal getan werden, dachte sie. Plötzlich sprach sie: „Nein, das nicht —I Ich wollte es dir selbst sagen. Aber ich konnte es noch nicht. Du nahmst es ebenso ernst — auf deine schwerere Art. Es ist schwer zu erklären. Es tut mir leid und weh. Es ist auch furchtbar unrecht." Dann erzählte sie ihm alles: von dem unabänderlichen Willen zum Tanz und dem niemals völlig überwundenen Freiheitsdrang und von Wil — auch von Peter vorher, flüchtiger und unbestimmter — und sah dabei auf die dicke Windschutzscheibe vor ihr, wunderlich weitab von ihr. Sie dachte dabei: Er hört gar nicht zu in dem Wagengerausch und Straßenlärm; er ist ein fremder, stattlicher Herr! Sie empfand dieses Sprechen wie ein langsames Erwachen, das sie befreite und entkrampfte, und doch hätte sie jedes Wort gern rasch zurückgenommen. Sie faß immer noch geborgen hier; es wehte noch sehr warm und stark von ihm 3U '^Da"kommt überraschend, Katarina", sagte er nach längerer Zeit. Es klang nicht hart oder böse erregt, aber leiser als sonst.
„Es tut mir furchtbar leid, Lu. Auch ich habe dich liebgewonnen. Ich habe es dir bewiesen. Ich kann es dir nicht anders sagen."
„Es tut auch mir leid." Er wurde wieder breiter. Ein unnahbar anspruchsvoller Herr, der Falten auf der Stirn hatte und das Kinn voll und fest auf den Kragen preßte.
Sie tastete verstohlen nach seiner Hand. Es wurde nicht bemerkt; gewiß waren hinter feinem Schweigen und seiner Stirn sehr harte und böse Dinge zu vermuten. „Siehst du", suchte sie alles zu erklären, „ich muß doch tanzen! Das ist unabänderlich. Das willst du nicht und kannst du nicht wollen, und ich selbst würde, auch wenn ich es dürfte, unfrei und gehemmt sein, nicht in meiner Welt; das muß man sein, wenn man schaffen will. Und damit hängt alles andere zusammen."
Er blickte geradeaus, mit runden, kugeligen Augen, graublau glitzernd, wie sie es noch nie an ihm bemerkt hatte. Ganz fremder Herr — viel fremder als bei der allerersten zufälligen Begegnung damals im Frühjahr. „Wir wollen und dürfen wohl noch nichts gleich entscheiden, Katarina", sagte er, nach abermaligem Schweigen, langsam und schwer. „Nach meinem Gefühl verbinden uns doch sehr starke, unlösbare Erlebnisse. Wenn ich dich recht verstehe, bist du selbst noch nicht völlig aus dem Chaotischen dieser — dieser andern oder neuen Erkenntnisse heraus? Ist es nicht so?" Er war sehr blaß.
O nein — o doch! dachte sie; aber sie sprach es nicht aus. „Ich möchte —", sagte sie aufatmend und eifrig zustimmend, wie ein folgsames, ängstlich gutes Kind, „ich möchte aus kurze Zeit zu Julia nach Breslau fahren. Julia hat viel Platz und mich schon oft eingeladen. Auch einen Saal zum lieben. Kittel kann ja mitkommen!" setzte sie rasch und willkürlich hinzu; ihr schöner, schlanker Leib schien sich, kaum merklich. in vollendeter Anmut zu regen und gewichtlos zu werden. „Auch ich will allein sein! Ich werde dort allein sein!"
„Du möchtest jetzt allein sein, Katarina? Ja, das gehört wohl dazu; das leuchtet mir ein." Sein Gesicht war fahl und zugleich hart geballt: ein von einer ungeheuren Erschütterung und Enttäuschung gealtertes oder verschlossenes Gesicht.
„Was ist dir, Lu?" fragte sie erschrocken und legte, besorgt und leise zärtlich, die Hand auf seine Hand: eine Bewegung, die ihn unter aller grimmigen Ohnmacht noch mehr erschütterte.
Er lachte kurz und herrisch. Nichts Besonderes ... Eine etwas unmögliche Situation und Ueberraschung. Fatal und lächerlich ... Ich bin niemals ein besonders beweglicher Mensch gewesen — war in Gefühlsdingen immer ein Dilettant."
Sie blickte starr vor sich hin. „Ich fahre dich heim, Lu, wenn ich darf. Lieber Herr Finke: Ich fahre noch mit dem Herrn Professor nach dem Tulpenweg!" rief sie nach vorn.
XXVIII.
„Till", sagte Dagobert in der Frankfurter Allee, „du mußt dich mal nach deinem Onko umsehn! Klüter hat wieder angerufen. Geht noch nicht besser."
„Tut mir schrecklich leib. Wie kriegt man das?"
„Wie das meiste, im unrechten Augenblick. Und ich habe mich mit meinem Kästchen so beeilt. Man kann sich immer bloß auf sich selber verlassen."--
Sanitätsrat Ladewig kam ins Haus, kugelrund, rauh und gutartig, wie ein älterer Seehund, der sich an die Menschen gewöhnt hat. „Ein rheumatisches Fieberchen. Erhitzt und durchnäßt im Auto auf der Reise, Sie junger Mann! Und hier auf einer romantischen Marmorbank gesessen! Männer Ihres Ausmaßes machen auch so was nicht obenhin. Nicht ganz harmlos fürs Herz... Wir muffen aufpaffen: Das Herz macht immer Ertratouren, besonders in unferm Alter!" scherzte Ladewig mit rauher Gewissenhaftigkeit.
„Mein Herz ist sehr gesund ... Wie lange —?"
„Abwarten ist unsre ganze Weisheit", sagte Ladewig und Überließ das Nötige einer älteren Pflegerin, namens Alwine.
Hasselbrink wollte sich keinen Tag länger als nötig in seinem Tulpen- weghaus halten lassen. Es trieb ihn in seine Alchimistenküche nach Tegel hinaus. Arbeit — seine große, weltumschasfende Arbeit — die war die beste Würze für einen Mann feiner Bedeutung und immer noch der
Sinn seines Lebens.--
(Fortsetzung folgt.)
So war alles in bester Ordnung. Er lag wie ein häßliches Neutrum da, ein Wrack, das aus welt- und zeitenfernen Augen etwas Hübsches, das eigentlich ungeheuer störend war und keineswegs in die Lebenslage gehörte, träumte. Keineswegs — keineswegs —! dachte er, im Rhyth- mus der Schmerzen ... Da stand Alwine, ältlich, sauber und gewissenhaft, und tat ein Pülverchen in ein Glas. „Was ist los?" fragte er ungehalten. , „ i
Und nach acht Tagen stand er wieder auf. Draußen war es mit einemmal kühl geworden; der Wind ließ die Blätter tanzen.
Am Tulpenweg war Till auf Onkos merkwürdig despotisches Geheiß eingezogen. „Was ist das für ein kolossaler Unsinn, Till? Drückst dich da bei fremden Leuten am Ende der Welt rum? Wer weiß, wie lange wir das Haus noch haben! Es sieht verdammt windig aus tn der Welt ... Früher dachte ich, du wolltest dich selbständig machen, überall da draußen, auch bei deiner Herbergsmutter Prings am Savignyplatz! Gut, das hast du nun raus. Hast du was gegen mich, Till?"
„Aber Onko!"
„Deine Freundin Pick, meine biologische Kollegin tn Dahlem, kann dich' hier besuchen, sooft sie will. Du kannst oben die Stube neben deiner alten Himmelsbude einrichten! Ich weiß, du bist gern für dich.
,Zst Tante — Katarina verreist?"
Onko sah sie mit unheimlich blauen Augen an. „Für einige Zeit nach Breslau zu ihrer Freundin Julia Hillerbeck, der Aerztin."
Man konnte sich allerlei dabei denken ... Das tat Till.
Die Assistenten Dr. Wiedehöft, Dr. Hombogen und Dr. Kipps er- schienen umschichtig aus Tegel, hielten Vortrag. Der Chef arbeitete den größten Teil des Tages im gekachelten Labor neben feinem Studierzimmer; (ein Diener Peppe vom Institut stand zu feiner Verfügung. Und am Abend faß er noch spät, bei nie ausgehender Zigarre, in der Bibliothek oder am Schreibtisch.
Parby Pick kam zu Till ins Haus und ging bezaubert, wie ein rich- tiges Gör aus Berlin O, durch die Himbeervilla; nicht würdelos — sie stand der biologischen Wissenschaft nahe und war Herrn Picks Tochter.
„Scheint nicht dumm und obenhin zu fein?" sagte Onko anerkennend zu Till.
„Ein braver Kerl; sehr gescheit."
„Was hältst du von Dagoberts neuem Unsinn?"
„Ich glaube, daß es ihm Ernst ist, Onko."
„Meinetwegen soll er Steine kloppen! Würde ihm ausgezeichnet be- kommen. Das sogenannte „Höhere" macht es beileibe nicht, Till. Ich habe in meinem langen Leben schauderhaft viel Fafsadenschwindel erlebt. Alles Tüchtige hat die gleiche Wurzel ..."
„Sagt auch Dagobert. Ich glaube, er würde ohne Wimperzucken, roenn’s fein müßte, Möbelpacker werden oder nebenamtlich mit Staubfängern hausieren, und jeder würde ihm gern zuhören. Ich vermute, er wird mal einen kleinen Laden aufmachen, allerhand schlichte Sachen, die in unsere eiserne Zeit passen, Herstellen und sie schließlich, wenn Gott will, auf dem laufenden Band ins Leben treten lassen; ganz Deutschland wird auf Dagoberts Stühlen aus Holz und Stahlrohr oder Couches ober „Sagobertinen" sitzen; unsere Epoche wird den Namen „Hassel- brinf" tragen, wie Berlin mal die schlichte, gute Schinkel-Zeit hatte, bloß ein bißchen anders. Du mußt ihn selbst fragen, Onko!"
Onko knurrte: „Er wird's billiger machen müssen und erst mal die eiaene Küchenesse rauchen lassen! Es wird bald anders aussehn im lieben Deutschland. Soll sich draußen auf dem Kietz mit einer Hobelbank an- i siedeln!" Aber eigentlich gefiel es ihm. „Was treibt Diez?" fragte er bann.
Till dachte nach: „Sehe ihn feiten. Ich bin, unserer Ausstellung wegen, viel unterwegs; Brosie ist entzückt von meinen Einfällen ...
„Und Diez?"
„Scheint auch in einer Art Häutung begriffen."
„Will er Schneider werden?"
„Ich glaube nicht, Onko. Er ist feit dem Ersten bei Mutzebecher, dem großen Wirtschaftsverlag mit Mammutdruckerei in der Spandauer Straße, und „lernt" Verlagsdirektor. Der junge Dr. Mutzebecher beschäftigt ihn für wenig Geld zu feiner Orientierung. Bloß ein Anfang, ein schmales Sprungbrettchen."
„Und der große Satiriker? Der kühl-sachliche, illusionsgefeite Intellektualist, Durchschauer und Darsteller aller Dinge — he?" fragte Onko boshaft luftig und zwinkerte mit einem Auge.
„Das will beinahe jeder einmal fein. Furchtbar komisch! Er findet, daß das richtige illusionsgesäugte Leben auch seine Vorzüge habe: Lebendig zu sein, schlicht und praktisch tätig zu sein, als Mensch und Wirkender mitten im runden Leben zu plätschern, scheint ihm bekömmlicher
und für ibn notwendiger — sagt er "
„Soll sich den Hals brechen! Eine unruhige Gesellschaft! Als hätten sie alle was versäumt und keine harte Verpflichtung vorm Leben, meine Herren Neffen! Sie sollen sich vorsehn!" zankte Onko, so daß er rot wurde und sich angenehm belebt fühlte, da er etwas von der eigenen Galle und scharfen Gereiztheit im Geblüt los wurde. „Würde mich gar nicht wundern, wenn er gleichfalls mit einer langen Dame angetanzt käme! Natürlich ganz was Besonderes vom hohen Seil ober aus bem Zirkus weg ober eine Herzogin an Geist, Schönheit unb Geblüt!" Be- i hagliches Husten unb groltenbes Lachen unb Schnaufen. „Aber bu nimmst bie beiben ja immer in Schutz!"
i Draußen war sonniges, kühles Wetter, fast schon rauh, wenn die 1 Sonne weg war, unb in ber Nacht gab es die ersten Fröste. Louis
verantwortlich: Dr. HansThyriot. — Druck undDerlagiDrühlschellntversitäts-Buch« undLieindru ckerei. L.Lange. Viebe».
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