Ausgabe 
17.8.1934
 
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Eichener ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Zahrgang W-M Freitag, den August Nummer 63

Rückkehr von einer Reise.

Von Ruth Schaumann.

Da wir gingen, fiel noch Schnee, Nun wir kommen, blühn die Rosen, Flaum und Duft von Aprikosen, Schläft die kleine Dorothee.

Mond, der kalt in Felsen schien. Webt hier Schleier um das Kissen. Sterne, dort vom Firn gerissen, Hier am Sims des Bettchens knien.

Und der kleinen Füße Zeh'n, Einst von Tuch und Band gehalten. Sagen durch der Decke Falten: Wißt ihr schon, wir können geljn!

Da wir gingen, fiel der Schnee Erde stürmt in heißen Achsen, Und du bist zum Weg erwachsen. Allerkleinste Dorothee.

Epilog zu einer Moselfahrt.

Von Rudolf G. Binding.

Run bin ich zu Hause in meinen vier Wänden. Gewohntes, Ver- irautes, Bekanntes umgibt mich und hat das große Recht seiner Nähe md Gegenwart. Aber ich werde den Fluß, die Menschen, die Landschaft - dieses ganz Eine und Einzige nicht wieder von mir abtun können, heute nicht, morgen nicht; vielleicht nie. So leicht ist dort alles und jo eindringlich. So eindeutig und so zauberhaft. So einfach und so inoergleidjlid). Ich werde nicht dort leben und mich dorthin zurücksehnen - wie sich eine nordische Seele nach Italien sehnt und nicht sterben toiU, bevor sie Rom gesehen; aber ich werde immer wieder einmal h meinem Innern in dieses Unvergleichliche zurückkehren.

Das alles heißt Mosel. Es hat diesen Namen mit dem ganz leise noussierenden Klang. Woher nimmt es seine Macht? Trägt man den Suft von Landschaften mit sich fort? Warum werde ich zurückkehren vollen? und wann? Ich fühle es, ich weiß es, ich irre mich nicht nun zwischen meinen vier Wänden: Wenn ich zu einer Wohltat zurückkehren Nächte; zu einer Leichtigkeit der Natur; zu einer Wohltat auch mensch- lidjer Kräfte, menschlichen Wirkens, menschlichen Fleißes in der Natur. Sern von Gewalttat übt sich hier beides, Natur und Mensch: hier ver- lihnen sie sich in der Landschaft. In anderer Weise, zärtlicher möchte rtan sagen, als der Bauer mit der Pflugschar das Feld umwirft und unterjocht, bestellte Menschenhand diese Berge, diese Hänge, diese vieler­lei Lagen weithin mit Wein.

Aber das Antlitz des Landes, der Leib der Erde blieb gleichsam unangetastet. Er ist eher verklärt davon. Er steht nicht in Fron wech- fInder Trächtigkeit wie Acker und Brache in den Ebenen. Er blüht im Bein. Die Gewalttätigkeiten der Industrie, wie sie das Rheinland durch- ftzen, bleiben fern, Handel und drückenden Verkehr flußauf und flußab «crhindert die Mosel listig mit ihren unzähligen Windungen, Kehren und Schleifen, als ob sie, wie die Reben an den Ufern, sich nicht genug tun könne, möglichst lange am Tage von immer der gleichen Sonne bestrahlt zu werden. Am Fuß der Weinberge macht die Maschine halt. Sie findet keinen Boden, die mühende Arbeit menschlicher Hand zu ver- ^Doch'dies ist nicht das Geheimnis. Es ist etwas anderes mächtig. Das Ueuherliche und Bedingte der Landschaft und des Flusses sind ohnmächtig »^nebensächlich. Ein Inneres Unbedingtes überstrahlt sie.

K um eine Landschaft ist so sinnlich wie diese: so wohlig sinnlich, den Sinnen zugetan, so wohlig und gesund. Man spurt sie wie eine Be­rührung, wie Licht, Luft der Frische und Wärme. Ihre Sinnlich eit geht richt auf das Erregende hin, sondern aus das Beruhigende. Beglückende. Nichts ist verborgen, alles in ihr ist sichtbar, fühlbar, schmeckbar laßt sich «mißen, trinken mit Atem Augen und Mund. Davon leuchtet das Land, invon redet der Wein. c. . ,

Inmitten der Fluß. Er verläßt nie die Landschaft Immer smdet ihn hs Auge. Immer ist er da wie ein freundlicher Geist Keine breite Mene, die ihn verschluckt. Bald links, bald rechts drangt das Sch.efer- cbirge heran und wo er vielleicht vor vielen Jahrtausenden gewaltsam l'n Fels zerriß, da schmiegt er sich jetzt gemächlich, verweilt und behagt sch in vielfacher, zärtlicher Windung, leichtem Schwung und stillem Weiten. Die Farbe des Wassers ist matt, sturnvf-grun wie Sjeu. Die b au-grünen Rebengelände spiegeln sich grün im Grurn Es zieht sich hi ®ie ein gleitendes, schimmerndes Tuch, wie ein schmeichelndes «and.

Wie anders bist du, freundlicher Fluß, als der große, der strömende, der gewaltige, der unendlich ruhelose, mit dem du so oft gemeinsam ge­nannt wirst wie anders bist du als der Rhein: Strom der Ströme, der die ewige Unruhe bringt in die Herzen der Menschen, mit Untiefen und Löchern, mit Strudeln und Wirbeln, die unsere eigenen Untiefen und Löcher, Strudel und Wirbel sindl

Nein: du enteilst nicht. Du verströmst dich nicht. Du bist nicht in Fron, nicht herrisch zugleich und maßlos. Ruhig und leicht ist dein Leben zwischen den Reben, an stillen Flecken und still sich gleichenden Orten vorüber. Wenige Brücken, viele Fähren, hinüber, herüber, von einem ewigen Fährmann bedient, fast wie von selbst und sich selber genügend.

Westlich ist dieser Fluh westlicher als der Rhein. Leichter schon, betagter; französischer möchte man sagen. Rebland und Fluß sie sind einander verschmolzen. Nicht nur das Auge und die Erinnerung vereint sie. Mehr noch: sie sind eine sinnliche Einheit, ein Einziges, ein in sich Einiges. Und dort an den Ufern und Hängen die unabsehbare Heerschau der Reben bis hin zur größten geschlossenen Parade, dem großen ge­schlossenen Weingebiet Deutschlands zwischen Zettingen und Bernkastl. Schnurgerade laufen die ausgerichteten Reihen der Stöcke. Wärmendes Schiefergedröckel, sorgsam gehäust, umgibt die Wurzeln und wirst selbst von unten den Reben die Strahlen der Sonne zurück. Eingebettet in den Schutz des Tals überläßt der Wein die Höhen und Schattenseiten, die windigen Stellen dem Wald, der tn wogenden Kämmen und Raupen droben das Flußtal begleitet. Aber bis dicht an die Häuser der Orte drängen die Reben heran. Kaum für die Lebenden ist Platz, geschweige denn für die Toten. So hat fast jeder Ort seinen kleinen Friedhof dicht bei sich. Umstellt und eingeengt von Reben schlafen die Toten unter kurzen Reihen von Kreuzen ihren heißen Schlaf. Sie brauchen keinen Schatten und der Wein braucht Sonne.

Die Weinorte gleichen einander. Es gibt keine andern. Das mildmatte Blau ihrer Schieferdächer, ihr sonnendämpfendes Matt, das kaum eine Farbe, nur einen stillen Schein der Landschaft zugesellt, ist das Be­stimmende aller Moselorte. Die Einheitlichkeit des Materials und des Handwerks ist fast Stil, ist Wohltat für Auge und Gefühl. Manches vor­nehmere Fachwerkhaus fällt auf; aber nur als Einzelwesen nicht im ganzen der Landichaft.

Sie ist ausgeglichen. Ihre wenigen Elemente kehren überall be­glückend wieder. Und ihr schönster Ausdruck ewig wiederkehrend ist der Wein. Wein ist Arbeit und Labung, Geschäft und Liebe, Mühe und Lohn, Rede und Antwort, Hoffnung und Schicksal des Landes und der Menschen. Er ist Sorge und Gebet. Tagewerk und Abendtrunken­heit, Glück und Enttäuschung, Nüchternheit und Rausch des Jahres. Weinberg und Weindors wechseln an den Ufern in endlosen, rühmlichen und geheimnisvollen Namen und ununterbrochener Folge. Alle haben ihre Ehre und Ueberlieferung, ihre wohlbehütete Art, ihren Reiz und ihre Eigentümlichkeit. Ist das Wirtshaus nicht die Sonne, ist es die Traube; ist es nicht das Schiff, ist es der Anker. Aber der Wein wird von demselben Schiefergrunde genährt und die Natur macht keine Sprünge. Gleichen sie sich lo alle, die vielerlei Lagen und keine ver­leugnet den reinlichen hellen schiefrigen Untergrund wenn sie kühl und frisch über die Zunge des Trinkers laufen, so bringt doch Sonne und Pflege, Auflrischung von Erde und Rebe, Sorgfalt und Wohlbe- schasfenheit der Keller, begünstigte Lage der Hänge alle die feinen und feinsten Nuancen hervor bis zu den hohen Gewächsen der sog. I. Bonität, den haltbaren edelen Weinen von Zellingen, Graach, Brauneberg, Bern­kastl und anderer berühmter Orte. ,

Auch dem Wein wird meine ewige Rückkehr gelten Auch er ist Wohl­tat. Auch ihm darf ein Epilog gewidmet werden Natürlich nur dem getrunkenen nicht dem zukünftigen. Aber vielleicht bezieht das kommende Jahr, der blühende Wein den Epilog auch auf sich. Der Wein wird sich nicht ändern. Er ist ja nur ein Ausdruck des Landes; ein Kind dieser (Erbe, dieser Lust, dieser Sonne, dieser Hände dieser rührenden Einheit. t ,

Der Wein macht nicht heiß. (Es ist mir als ob ich das auf alle Ewigkeit in mir trüge wie ein Evangelium.) Er ist kühl und mundet. Er ist ohne Beschwer und Hinterhalt. Er ist leicht, flüchtig, fein und hell wie eine liebenswürdige frische Musik, die nachklingt, ohne Körper und Gemüt zu belasten. Er macht sich nicht wichtig, er läßt sich genießen: das ist fein Ehrgeiz und seine (Ehre. Wenn der schwere Rhein­wein wie flüssiges Gold in den Adern rollt und pocht, den Trinker be- anlvrucht bis zu einem Taumel von Glück und Rausch, in dem er stumm vor seinem Glase, sich und die Welt vergißt, vertauscht der Moselwein nicht heimlich zu seinen Ounften die Gegenwart mit einer andern Well. Er geht dir nicht einmal nach. Aufdringlichkeit ist nicht seine Art. Wein- selige Zungen und Herzen, schwere Trinker, unergründliche Bäuche, un­erschütterliche Kehlen es gibt sie allenthalben, wo Wein wächst. Aber in alldem ift keinerlei Schwere, keinerlei Abgrund, keinerlei Leid.

Und doch: dies alles ist nur ein kleiner, trauriger Epilog Was ich erlebt und was sich zugetragen auf einer Fahrt flußauf in dieser Land-