Ausgabe 
16.11.1934
 
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Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck unbBerlag: Brühlsche Universitäts-Buch- und Steinüruckerei, A. Lana«. Gieb> j

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schauers und Zuhörers führen kann.

* War auch in Gießen zu Gast.

Schauspieler ohne Herz.

Aus dec Geschichte des Puppentheaters.

Von Dr. Paul Iunghans.

Im geräumigen Wohnzimmer der Großmutter, der alten Frau Schult­heiß T e x t o r, in dem Goethe als Knabe am liebsten seine Frei­stunden verbrachte, ist ihm zum erstenmal die wunderbare Welt des Theaters ausgetan worden. Es war ein Puppentheater, vor dem der junge Wolfgang in Staunen und Entzücken faß, und der Anblick der künstlich gleich Menschen bewegten Puppen haftete tief in seinem Sinn, bis er einst mit seiner Dichterkraft lebendige Menschen zu gleichem Spiel erwecken und bewegen durfte. InDichtung und Wahrheit" hat Goethe später dieser ersten Begegnung mit dem Theater im Haus am Hirsch­graben gedacht und das Theater beschrieben, mit dem die alte Frau Textor den Enkel beglückte.An einem Weihnachtsabend jedoch setzte sie allen ihren Wohltaten die Krone auf, in dem sie uns ein Puppenspiel vorstellen lieh und so in dem alten Haus eine neue Welt erschus", heißt es da.Dieses unerwartete Schauspiel zog die jungen Gemüter mit Ge­walt an sich; besonders auf den Knaben machte es einen sehr starken Eindruck, der in eine große, langandauernde Wirkung nachklang. Die kleine Bühne mit ihrem stummen Personal, die man uns anfangs nur . vorgezeigt hatte, nachher aber zu eigener Uebung und dramatischer Bele­bung übergab, mußte uns Kindern um so viel werter sein, als es das letzte Vermächtnis unserer guten Großmutter war." Dies Vermächtnis sollte für Goethes Künstlerschaft von großer Bedeutung werden, denn das Werk, dem er fein ganzes Leben widmete, derFaust", hat in jener Welt des Puppentheaters feinen tiefsten Ursprungsort.

Wenn man die Geschichte des Puppentheaters zurückverfolgt, so kann man mehr als zwei Jahrtausende unserer Zeitrechnung abstreichen, ohne damit bis zum ersten Auftreten von Puppen aus dem großen Welttheater gelangt zu sein, das wohl immer im Dunkel bleiben wird. Aber drei Jahrhunderte vor Christus wird erwähnt, daß in Indien schon Puppen im Spiel die Stellvertretung des Menschen übernahmen, und in diesem Märchenland ist wohl der Anfang des Puppenspiels zu suchen. Daneben haben Chinesen und Japaner bereits früh die Puppen hochgeschätzt, die beweglich waren, und die an Fäden int Spiel als handelnde Personen uralter Tragödien und Komödien gegeneinander geführt wurden. Eine Anekdote aus dem Jahre 262 v. Chr. berichtet von der magischen Täuschungskrast dieser beweglichen Puppen: Zu dieser Zeit war die Stadt Ping durch Maa Tun und seine kriegerische Gemahlin Oh be­lagert worden; in der Stadt herrschte große Not, und niemand wußte, wie man sich der grausamen Gegner erwehren sollte. Da schlug der Mi-

2Rat

Von I. W. von Goethe.

Willst du dir ein hübsch Leben zimmern, mußt ums Vergangene dich nicht bekümmern, und wäre dir auch was verloren.

Mußt immer tun wie neugeboren; was jeder Tag will, sollst du fragen, was jeder Tag will, wird er sagen: mußt dich an eignem Tun ergötzen, was andre tun, das wirst du schätzen, besonders keinen Menschen hassen und das übrige Gott überlassen.

nister Tschan dem Kaiser Kao-tzo vor, auf den Wällen der Fessi M künstliche Puppen, die sich wie Menschen bewegten, erscheinen zu la(]e JA um durch ihren Anblick die Eifersucht der schönen BelagUm Oh zu, IW wecken. Diese List gelang. Kaum hatte die Amazone die schönen Frwdl auf den Zinnen der belagerten Stadt gesehen, die sich mit tänzerochil» Bewegungen dem Feind barboten, als sie auch schon ihren ®ema|6f zum beschleunigten Abmarsch drängte; denn sie hielt die Puppen Frauen aus der belagerten Stadt und sürchtete, daß ihr Mann ihr ui treu werde, wenn er bei der Einnahme der Stadt so reiche Eroberung! machen werde. Wie aber diese Puppen beschaffen waren, ist nicht gcchi bert worben. Uederhaupt ist in allen alten Ueberlieferungen bet morge unb abendländischen Geschichte bei ber Beschreibung unb Darstellung« Puppenspielen nie mit letzter Zuverlässigkeit bargestellt worben, ob sich nur um große Glieberpuppen, um Kinberspielzeuge, Schattench Handpuppen, in bie man bie Finger der Hand einführte, oder um AmlMi maten gehandelt hat. Die javanischen Schattenfiguren, die lerrahthU^ puppen der Griechen, die mittelalterlichen Krippenfiguren und die foldaten, mit denen die Knaben sich auf das Ritterhandwerk vorbereitchi sind wie der Kasperle und die Marionette Mitglieder ber großen ml umfpannenben Familie ber Spielpuppen, benen nicht nur äußerlich bii Gestalt bes Menschen verliehen würbe, sonbern bie man auch bunf Bewegung unb Stimme zu Stellvertretern, Sinnbildern, ja höhmi Verkörperungen des Menschen machte und sie zu festlichem Spiel, hi mit Späßen gewürzt war, vor einem andächtigen Zuschauer- und Hörerkreis in dramatische Handlungen miteinander verwickelte.

Von einem Puppenspieltheater im engeren Sinne, wie Goeth, h gekannt hat, ist mit Bestimmtheit erst seit dem 16. Jahrhundert zu fptti chen, in dem die an Fäden geführten Puppen, deren Bewegungen m, vor ober hinter ber Bühne mit entsprechendem Wortwechsel ergänz auch den Namen Marionetten erhielten. Mit ben Schauspielern b,t A5 Commedia dell arte kamen wohl auch bie ersten Puppenspiele mit Puppen aus bem klassischen Land ber Marionettenkunst Italien Frankreich und England, wo ein im Jahre 1573 begründetes steheidu-'« Theater italienischer Marionetten ben größten Genius bes Theaim Shakespeare, begeisterte, ber bes Spiels in feinen Werken m-hrwMI mals Erwähnung tut. Daß auch in Spanien bas Puppentheater M31a, eine beliebte Volksunterhaltung war, geht aus Cervantes' SckM rung hervor, ber feinen berühmten Ritter von ber traurigen Gestalt ütu, Quichote von la Mancha einer bebrohten TOarionettenprinjeffin gegen bei L frechen Mohren bes Spieles zu Hilfe kommen läßt, weil sich ber Mu- burch die Menschenähnlichkeit der Puppen täuschen ließ und der leibertar- Unschuld seinen ritterlichen Schutz gewähren wollte. In Deutschland iil sich zuerst das Puppentheater von Michael Daniel Treu einen Na.«" gemacht, der in seinem Repertoire denKönig Lear" unb benSollon Faustus" ausgenommen hatte. Hanbpuppen unb Kasperletheater mib® -A eiferten in ber Folge mit ben ötarionettenfpielen, unb wenn sich M fe arme Kasperle durch seine derberen Streiche auch das Leben sauer mafcilütr und seine Vorführungen verboten wurden, so konnte sich bas vornehm^ ,r | Puppentheater behaupten, zumal es sich in Italien schon ber Musil w sd», gc bünbet hatte, unb Singspiele unb Opern barbot. Joseph Haydn, Mils $n selbst ein Marionettentheater besaß, schrieb in den Jahren 1773 bis ffltait. einige kleinere komische Opern für Puppenspiele, die sogar der Sai n Maria Theresia vorgeführt wurden. Das im Jahre 1802 von stoph Winter in Köln gegründete Hännesche-Theater* bchäi bis auf den heutigen Tag, unb in München, das neben Hamburg «t »üll3 alte Puppenfpiel-Tradition hat, ist Branns Marionettenbühne* t» bildlich für bie moderne Puppenspielkunst. Wie die Romantik eine rtieU Wertschätzung des alten Puvpentheciters brachte, so dürsten auch ük 1 neuesten Bestrebungen zur Wiedererweckung alten Volksgutes zu eiutjL' . Wiedergeburt des Puppenspiels in D e u t f d) l®Cj : & führen.

Befremdend ist es jedoch für uns, aus der Geschichte des Pupffe«! ; fpiels zu vernehmen, daß man die Puppen für bessere Darsteller Werkes ber Dichter hielt als bie Schauspieler ans Fleisch und Blut. " rühren wir an eine ber tiefsten Fragen bes Theaters unb aller fflsj ;1 gegenmärtigung von Dichterwort unb -Gestalt. Die Shakespearetois ch Dramen unb Lustspiele sollen, so wirb berichtet, auf ber Puppenspiil'" « bühne wirkungsvoller gewesen sein als auf bem Theater, unb $ Dramatiker rühmten bie Puppenbühne, weil sie vor bem großen The>»k« -_ bie Stilreinheit voraus hat. Nicht ber ßebenbe, nur bie Marionetis rtfii imftanbe, eine Dichtung ohne ftörenben Eigenwillen zum Ausdrud 11 . 1n bringen; bie Menschenbühne versagt, die Puppe nie. Die Mario»»,h, ist ja nichts als ber Ausdruck ber Idee des Künstlers; der Sdjaufpielcii Mi -:ri( daneben noch Mensch unb nur allzuoft tritt biese Eigenschaft m

zwischen ben Gedanken unb seine Darstellung.Diese Ueberlegunig®«;ye mögen auch Jean Paul bestimmt haben, als er für bie Darsteliim ber Komöbie ausbrücklich Marionetten statt ber Schauspieler forderlckr.^ unb auch Justinus Kerner war ber Ueberzeugung, baß bie Ma "I $. nettennatürlicher" seien als lebenbe Schauspieler, well sie keinnuftttt,,,

Mag er Fritz heißen, Elisabeth, wenn er es absolut will, Gernot Leverkusen liegt schon zu lang im Grad, als baß er sich deswegen um« drehen wollte. Jedes Wort hat feinen Sinn, in Fritz strebt er mir nach, Fritz, Fritz, klingt es nicht wie eine gute Rute zum Leben, also mir ist es angenehm, beste Elisabeth."

Sie haben bas Echo schon vergessen, sie verstauben es nicht, wie können bie Leverkusen auch so was verstehen. Der kleine neugebackene Fritz kann es nicht vergessen. Manchmal steht er vor bem Silbe im Hafensaal.Fritz! , tagt er leise, fast wie betörenb. Er lauscht. Es kommt keine Antwort. Fritz!", sagt er roieber, bas Echo im Bilde schwebt schweigend, von Himmel 'und Erde gewiegt.Gernot!", sagt er, der Knabe. Not, erwidert es dunkel, warum warst du feige? Wie ein Seufzer, wie ein Mahnen, ganz leise, ja fast verhallt: Not.

Sie sind alle schön, bie Leverkusens, sie finb auch nicht auf Kosten ihrer Klugheit schön. Der Klügste unb Schönste ist Fritz Leverkusen, ber Jüngere. Er hat vor sich allen Glanz ber Welt, sagen seine Lehrer, ohne zu schmeicheln, Fritz Leverkusen, ber Nettere, ist nicht ohne Stolz.Das hast du fein gemacht, Elisabeth!", sagt er in weichen Stunden zu der stillen Frau,ja, ja, Uebung macht den Meister, und Letzing ist Besting. Nurn bißchen still immer noch und immer so der Plabs mittenmang, aber das gibt sich, sollst sehn."

Fritz!", fragt der Jüngling, zu dem Bild, das nun in ferner Zelle hängt. (Wenn du es fo gut leiden kannst, nimm es herüber, mein Sohn.) Es schweigt. Not, not, sagt die Wett unter dem schwebenden Echo, und ganz leise, fast schon verhallt, sie selber, bie Frau: Not!

Dies ist alles nichts als eine Episode, eine kleine Geschichte bes jüngsten Leverkusen, ber bann boch verschollen ist, trotz seiner glänzenden Gaben.

Aber neulich bin ich in einem bayerischen Walddorf gewesen, Elend, Armut und Krankheit sind dort bie Größten. Die Welt kreist vorüber, ohne es anzusehen; häßlich, einsam und darum mit Recht verstoßen ist es auch mir erschienen, einzig absonderlich durch ein kleines blechernes Schild am Haufe des Doktors.

Denn ich las die von Wind und Wetter wie auf einem Grabstein ver­witterten Zeichen: Gernot Leverkufen.

Ach, Fritz, Friedrich Leverkusen! Trug dich ein winziges, himmlisches Echo in ben Ruf dieser Oede und den Sinn deines Namens hinein?

theatralisches Leben" hätten. Ifr 1

An den großen Meister des italienischen Puppenspiels Vittorio Dis b r e c c a schrieb bie Düse, bie wunderbarste Darstellerin ber JBüirt bes vergangenen Jahrhunderts:Zwischen Traum unb Wirklichkeit die Marionette vollkommen fein, wenn sie von einer Seele geleitet rninb Mit diesen Worten ist an das tiefste Geheimnis alles Spiels gerii W $ auf der kleinen Marionettenbühne ebenso wie das auf den Breti»r, jj die die Welt bedeuten: Nicht Maske und Kostüm, nicht Gebärde n"» Spiel, nicht Bewegung und noch weniger die Szene entscheiden über W :.. Zauberwirkung des Theaters, sondern es ist allein die Kraft der >

lidjen Seele, die selbst einer Puppe, einem Schauspieler ohne fW j» Herz, Leben einhauchen und sie zum Triumph in der Phantasie de? 1