Ausgabe 
16.11.1934
 
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Deutsches Wmterhilfsopfer 1934/35.

9 Von Ina Seidel.

Mr sollen opfern wie, gleich Honigbienen, Die Mütter ihren Kindern schweigsam dienen ...

Wir müssen opfern, weil wir nur im Geben Empfangen, und so strömend einzig leben ...

Wir wollen opfern! Für ein Volk von Freien Heißt das, sich froh und stolz den Brüdern weihen!

Wir dürfen opfern: niemals ist ein Orden, Der höher ehrte, uns verliehen worden.

Das Echo.

Von Ruth Schaumann.

Sie

Wes

hatten schon mehrere Kinder, als noch ein Knäblein kam, ein Kind, wie nicht nur Frau Siedel der blassen Senatorin nach

H!»ohnheit versicherte, sondern ein jeder es sagte, der den jüngsten igeiirtufen in der alten gebohnerten Wiege sah: ein mit blauen und !mren Perlen gesticktes Häubchen, die Tauf- und Glückshaube aller Mrkusen männlichen Geschlechts über dem wohlgerundeten Schädel, in bei rechten Hand die berühmte Leoerkusensche Kinderklapper, in Form eirs Delphins, geschnitzt aus Narvalzahn, bereit, künftigen Zähnen des Rnes zum Erscheinen zu verhelfen, in der Linken den Zipfel des Tauf- Wss, darauf er schon lag in dem langen, von Jahrhunderten ange- .giften Kleid aus florentinifchen Spitzen. Und so wurde er nun zum Astisch im Südzimmer, gebracht, wo er, ohne zu schlafen noch zu Wen, mit wachen Augen Kälte und Nässe ertrug und die Namen: Knot, Friedrich, Anselm, Ludolf, Jürgen, Hinrich, Valentin, Hjalmar emp- fft. Untper fünf Namen taten es die Leverkusen nicht bei den Söhnen, daß es Winal sogar sieben waren, hatte seinen Grund an dem ersten, dem Amen Gernot. Kurz vor der Taufe nämlich war es dem Senator ein- !wsllen, an die Verdienste des alten Gernot Leverkusen zu denken, di seltsamsten Junggesellen in der Familie, der vor einem Vierteljahr- Midert unaufgefordert dem jungen Friedrich Leverkusen in schwieriger ife unter die Arme gegriffen und ihn somit auf die Beine gestellt, i.lieuf er noch jetzt fest und stetig verharrte. Aus dieser Erinnerung also

I «grb es sich, daß Gernot Leverkusen, der Aeltere, auf seinen gichtigen grxen zu allgemeiner Verwunderung und bedenklichem Kopsschütteln in weiblichen Taufgäste als erster das Bündel aus florcntinischen

i Men, Leinwand, Perlen, Narvalzahn und jungen Leben vor das sil- Mne Becken hielt und der Name Gernot als erster von den bärtigen Pipen Pastor Boomströms erscholl. Nacheinander folgten die übrigen

Urnen, nacheinander wiegten sechs Paar Arme den deinen Gernot Mr Pastor Boomströms Namensgesang, bis Hjalmar Leverkusen auf p! ungeschickteste Weise den fertig getauften Säugling an den Busen pt eilfertigen Siebet warf und sich alles erleichtert in den getafelten i ipnsaal zu gut Essen und gut Trinken begeben durfte, wobei sich Ohm tot durch Entsagung hervortat, denn er genoß, wie man Gernot, k jungen später in leisem Gruselton erzählte, nur em Glas Milch. Zer laßt Euch man bloß nid) das Essen verderben, JungsI, ich bin lü1 dem Himmel und der lütte Gernot ist es noch auch, da gleicht sich ^Jedenfalls gedieh Gernot, der kleine, bei der seinen nach Gebühr.

- sDhrend Gernot, der Alte, verfiel. Der jüngste Leverkusen konnte sich top just an den Aeltesten erinnern, als an eine kleine, gebückte Gestatt, lii sich auf die beschwerlichste Weise aus der eigenen Rocktasche em Wchen ersingerte, worauf Gernot, dem Kleinen, eine Uf)r an 9ot£e"er Ltt entgegen,chwanq, eine tönende Sonne an ihrer eigenen Achse ter, zugleich erklang im Innern der Uhr ein regelrechtes Geläut. G rnot, k Kleine, klatschte in beide Händchen, die tonende Sonne sank hmem, ft Glieder der Kette klirrten, der Onkel rieb sich ^frieden die immer Wer werdenden Fingerspitzen und so, ganz so und nicht a prn der Erinnerung des letzten Gernot Leverkusen sch ,

k,st in die Grüfte der Sippe gesunken war. Die Uhr aber blieb mch^ hin, Gernot sorgte dafür. Erst war es nur daß er die auf einem k°intbett neben seinem Kinderbettchen 'egende am Abenkaufzog hiiarn und bedacht, wie sein daran anschließendes Nachtgebet dann

MKÄjah es daß er das Gerät Sonntags tragen durfte, er war I« 1 Wir behutsam, und nun, da sie alle auf .®^ro.eWr el Ifr! jeder Ferientag ein wahrer Sonntag erlchieutruger sie tag ch Ifc sand ihr leises Ticken und ihr freiwilliges Stundengelaut an seiner Wte unter dem Röckchen, wie das Leben eines äußeren Herzen , g ! sj»er Bruder seines kleinen, roten im Innern der B 1 ®eIt"

11 Senator Friedrich Leverkusen war bafiir, daß du?" Aller-

[ > »Es gehört mit zur Erziehung GhWD ^rg^bu?^^ < ps, die Senatorin, eine schmale, stille Frau, v obfdion sie

i »jnungen geschwächt, verstanb nicht so ganz, w flötete bann

Ijfl'Jieg, unb ber trotz aller Strenge boch muntere Senator flotele oan ,1 Freuden:

Mine Fru, be Jlsebill, Will nid) so, as ik wol will.

Aber auf ber Schweizerreise war Elisabeth ^eb^obtdjon

t| p <®ernots befonberer Freube, benn er hatte s deswegen oer-

pem Vater nachlief, wie ein kleiner, bunt $ > Leverkusen, mit

« toon den Geschwistern, Jungfern unb Jung , N ejnem gong, als H'* 3öpfen ^d Schöpfen, stattlld, unb s st mb der Schweizer

fachen selbst ihre Fuße und steilten ° W(e5 darum ihnen

Irfle wie die hanseatischen Seefahrer auf neuemueu1

i [pwenbes Land.

Heute gingen sie nun dem großen Rigi zu Leibe, ave Leverkusen Ws auf Frau Elisabeth und ihre Schwester, die im Bergdorf verblieben und die von sechs Zweigen der Leoerkusenschen Sippe bewohnten, nun ver­ödeten Sommerhütten bewachten:Ein Glück, daß sie weg find, Lisbeth, ich habe Schwielen von dem ewigen Bröterstreichen, und ein ganzer Tag ohne dein Kroppzeug ist ein unverdientes Paradies, wir rootlens gehörig genießen."

Achtzehn Leverkusen bevölkerten indessen den schönen Berg.Senators Seine" mitsamt ihrem rüstigen Erzeuger, alle tniefrei mit den Hüten der Aelpler aus dem Kanton Luzern, dann Bruder Christian mit Frau und einziger Tochter Helene, Vetter Heinrich mit Frau und drei Söhnen, Onkel Josua, endlich Hjalmar mit seiner jungen Frau, auf der Hochzeits­reise zu den andern gestoßen. Bei den ersten festen Stauden nach dem Talgerölle schnitten sich alle kräftige Stäbe, und nach gehöriger Lichtung des Haselgehölzes ging es die Höhe hinan:Rüstig, rüstig, was wollt ihr noch da unten? Man to, man Io, nun Gernot unb Leuchen, schon ein bräutliches Paar?" Gernot errötete, Leuchen grämte sich nicht, Hand in Hand liefen die Kinder die erste Grasnarbe hinauf vor die Augen unb Rufe ber Großen.Was nicht ist, kann noch werden, Leverkusen, er hat was, und kann was, das sieht ein blindes Pferd, und sie ist nicht ohne", Christian blinzelt vergnügt, der Senator ist ganz feiner Meinung,unb mögen tun sie sich auch, warte zehn Jahre ab ober besser noch zwölf." Und rüstig wallen die Leverkusens den Schweizer Gipfel hinan, wie den Berg allen Hoffens.

Leuchen Leverkusen ist ganz anders, wie die Leverkusens ansonst, es kommt von einer portugiesischen Großmama, darauf sie so stolz ist. Darum paßt sie zu Gernot, dem stillen, und er hält sie fest an ber Hand.Magst du so Berge, Leuchen? Ich mag sie nicht recht."

Meer ist schöner, Gernot, es macht ja auch Berge, aber nicht so steste, steste", sagt Leuchen, sie ist ja aus Kiel, aber bräunlich, beweglich und dunkelgezöpft und wechselnd wie bas Meer, bas sie liebt.Aber die Glocken ber Kühe hier mag ich unb, verstehst du, das Echo?"

Echo?"

Ja, bei uns gibt es doch keines, Vater hat gesagt, daß er cs rufe« wird."

Hast du es denn schon gehört?"

Noch nicht, aber Vater sagt und Gernot, verstehst du, ich mag alles gern, was ich nicht kenne."

Gernot möchte fragen: Mich auch? Denn mit ihm ist es ja wie mit dem Echo für Lenchen, die doch erst gestern morgen nach Goldau kam. Aber er fragt nun doch nicht, sondern bedenkt das Echo, das ihrer wartet. Zu Hause, im Hafensaal, hängt in einem Mahagonirahmen ein schöner Stich in englischer Manier und zart auskoloriert in drei Farben: Rötlich, das ist die Gestalt einer Frau, hingelagert, wie nach einem Bade im Bergsee, auf Schleiern, Grün, das sind die Wälder unter ihr, denn sie schwebt in den Himmeln, Blau, das ist die Nacht in den Himmeln unb bas Dunkel der übrigen Welt mit den Städten unb Weilern unter bem schwebenden Flug. ECHO steht unter bem Bilde, Gernot hat es schon früh entziffert, Zauberwort eines Träumenden, wie wird ihm nun hier bas Echo begegnen, da nicht Nacht ist in den Himmeln, sondern Morgen,

dem Mittag nah?

Sie sind nun alle auf der Staffel angekommen. Unter ihnen kreisen die Seen, die nach der Belehrung des Senators nur ein einziger See sind, wie in Tanz eines vergessenen Traums, das Geläut der schönen grauen Kühe ist verhallt, sie ruh'n sicher in dem kurzen Grafe fern diesen Felsen, ber Bergwinb, erwärmt von der Sonne, braust ohne Laut, um die Waldinsel im See, der von solcher Höhe wie viele Seen erscheint, schwimmt ein Schiffchen, wie ein weißes Insekt so klein aus ber Ferne, die Bergkräuter duften.Halloooh!" ruft Hjalmar Leverkusen, der junge Ehemann, laut in den Himmel hinein ... oh, oh, antwortet es, süß und stark zugleich aus verborgenen Räumen, wahrlich, die Stimme der schönen schwebenden Frau.

Gernot sitzt auf einem Felsblock und hört, rote sie rufen, Hallo, komm, ober ihren Rainen, und immer gibt das Echo seine Antwort in reinen Bokalen, sanft, tief unb wie roeisfagenb im Ton eines einzigen schwer­mütig hallenben Lautes. , ,

Was willst, kleiner Gernot?" Gernot ist zu Onkel Hialmar getreten in seiner leisen, langsamen Art, er bittet:Rufe mich auch!"Dich?" Meinen Namen." ...

Wie die Winde doch brausen, als wollten sie s mcht erlauben, wie Me <5ecn glänzen, als wollten sie die Augen lenken: Seht uns an, ruft mcht melt®ernotSP®ernot, Gernot!" ruft Onkel Hjalmar laut über die Erde. Not erwidert es sanft aus den Tiefen, dunkel vor Milde, Not, aus den Gründen der Seen, dem Herzen der Wälder, und nun, zum brittenmal, aus allen Richtungen des Windes, allen Höhen und Tiefen der Welt, schwer, doch schon an sich ersterbend: Not! ,

Gernot steht ganz allein. Warum rief sie so, warum ihm diese Antwort, warum dem Kinde? Die Leverkusen wimpeln mit Tüchern und Staben vom Grat des Kulmes hernieder. Wo bleibst du, Junge, nun wird ge­futtert, her mit ber Menag'!

Warum bringt Ihr mir Gernot so bleich zurück?"

Wissen wir alles, Elisabeth? Bergluft ist mcht jebermanns Sache.

Kriech in bie Kombüse, Jung, und schlaf den Bergkater aus."

Und Gernot geht hinauf in bie Kammer. Zitternb, am Hals feiner Mutter, die ihm sorgend nachgegangen, sagt er beim Flackern der armen Kerze- , Muß ich immer so heißen, immer, Mama?Gernot? Er nickt ftbroer Mißfällt dir ber Name? Es ist der altmodische Name eines ^modischen Mannes .. ."-Ich weiß aber ich dachte ..." Und plötzlich lügt Gernot, zum erstenmal in seinem Leben:Lenchen meint, daß er

2°lber^roir sind es gewohnt, wie denn wolltest du heißen?" _

Friß!" kommt es dumpf unter der Decke hervor unb nun, ein wenig leichter, an ihrem obersten Rande:Fritz, wie der Vater heißt.