Ausgabe 
16.11.1934
 
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SietzenerAmilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang 1934

Nummer 89

Zreitag, den 16. November

HANS DOMINIK EIN

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FIEL VOM HIMMEL

COPYRIGHT 1934 BY KOEHLER 8 AMELANG G. M. B. H., LEIPZIG

Der Sturz des Boliden.

Ein leuchtender Fleck in der dunklen Polarnacht. Auf hohen Masten erstrahlen vier mächtige Lampen. Ihre Lichtflut wird von schimmernden Schneemassen zurückgeworfen. Sie beleuchten ein Gebäude, halb Haus, halb Schuppen, das der Forscherdrang eines Gelehrten in der Eiswüste der Antarktis entstehen ließ. Ihre Strahlen brechen sich in glänzenden Reflexen an physikalischen Instrumenten, die frei im Schnee stehen, und lassen die Umrisse eines Flugschiffes erkennen.

Schwer und massig wie der Leib eines gestrandeten Riesenwals lastet der mächtige Metallrumpf auf dem Schneefeld. Keine Räder, kein Kufen­gestell, die ihm eine Möglichkeit zum Starten geben können. Wurde das Schiff von seiner Besatzung verlassen? Ist es dazu verdammt, bis an das Ende aller Tage in der Schneewüste liegenzubleiben?

Als wolle es Antwort geben auf die Fragen, schlägt das Ungeheuer die Augen auf. Zwei gläserne Luken an seinem Kopfteil erstrahlen plötz­lich in hellem Licht, und fast gleichzeitig beginnen sechs Propeller über dem Rumpf sich in rauschendem Spiel zu drehen. Der Donner der Motor- explosionen dröhnt durch die eisige Luft.

Noch liegt der Leib des Flugdrachens regungslos auf dem Schnee, während feine leuchtenden Augen wie zornig in die Ferne starren. Und dann so mag wohl ein Kampfsaurier der Urzeit im Angriff den Stachelkamm gesträubt haben hebt es sich aus dem Rücken des Flug­schiffes, wächst empor und beginnt sich wirbelnd zu drehen. Schneller und immer schneller rotiert die mächtige Hubschraube, lauter brüllen die Motoren. In schimmernden Wolken stiebt der Propellerwind den Schnee auf, schon beginnt der Zug der Hubschraube zu wirken. Schwerelos hebt sich der gewaltige Metallbau vom Boden und schwebt senkrecht empor.

Immer höher steigt das Schiff, immer kleiner wird der Lichtfleck unter ihm. Jetzt ist es nur noch ein leuchtender Punkt, der davon Kunde gibt, daß dort unten am magnetischen Südpol eine deutsche Expedition ihr Lager errichtet hat.

Zwei Kilometer zeigt der Höhenmesser im Kommandoraum des Flug- schisfes, da setzen mit voller Kraft die sechs Propellermotoren ein. Schon tragen die Schwingen den Leib des Drachens, und langsam senkt sich die gesträubte Rückenflosse. Die Hubschraube wird in den Rumpf zurück­gezogen. ,<5t8', das neueste und größte Stratosphärenschiff der Eggerth- Werke, hat seinen Rückflug nach Deutschland begonnen.

Im Kommandoraum des Flugschiffes saß Hein Eggerth vor der Steuerung. Sein Blick hing an dem Höhenmesser, dessen Zeiger langsam über die Skala dahinglitt. 13 Kilometer ... 14 Kilometer ... 15 Kilo­meter Seine Hand bewegte ein blankes Gleitstück an dem Steuerapparat, und der Zeiger des Höhenmessers stellte seine Wanderung ein. Eine kurze Zeit noch beobachtete Eggerth das Instrument, dann erhob er sich von seinem Platz. ... ... . o,

So, Wolf! Der Automat ist eingestellt. Vorläufig können wir ,6t 8 sich selber überlassen." .

Wolf Hansen stand an der großen Backbordscheibe des Stratospharen- schiffes, zusammen mit Georg Berkoff, dem dritten Mann der Besatzung. Aus die Worte Eqgerths hin wandte er sich um.

'Der Robot tut seine Schuldigkeit, Hein? Um so besser! Da draußen ist allerlei zu sehen. Können wir das Licht ausmachen? Es stört die

Hein^EWerth nickte und bewegte einen Schalthebel. Die Hellen Lam­pen im Kommandoraum erloschen. Nur noch die Skalenscheiben der ß- instrumente leuchteten magisch m dem dunklen Raum. Noch einmal blickte ^Mil'omÄe? Höhe, 1500 Stundenkilometer. Alles in Ordnung. Was habt ihr denn da, was euch so interessiert? « ,

Ein Südlicht, Hein", rief ihm Hansen zu,so schon habe ich noch kems

Eggerth schaute eine kurze Weile mit den beiden andern zusam­men hinaus, dann schaltete er das Licht wieder ein. heobaditen

Kommt in den Mittelraum. Da werden wir es viel besser beobachten tÖn®ie Decke des Mittelraums bestand zum größten Teil aus klarem Kristallglas. Die Einrichtung war getroffen wordeni, um Stern- und Sonnenhöhen genau messen zu können, deren Ke f , Navigierung des Stratosphärenschiffes ,a unbedingt erforderlich war.

Alle Wetter, WolsI Hein hat rechtl" rief Berkoff, als sie in den Mittelraum traten. Tiesschwarz wölbte sich das Firmament über ihnen. Deutlich konnten die drei Insassen des Stratosphärenschiffes durch das Glas der Decke hindurch die funkelnden Sterne erkennen, aber das Süd­licht war erloschen.

Ah, eine Sternschnuppe! Ich habe mir das gewünscht", rief Hansen. Da! Schon wieder eine! Da eine dritte! Hoffentlich geht mein Wunsch in Erfüllung."

Merkwürdig." Berkoff strich sich über die Stirn,wir schreiben den 9. August, die Tränen des heiligen Laurentius wären also nach dem Kalender fällig. Aber ich habe noch nie gehört, daß sie auch in den Polarzonen auftreten."

Da! Schon wieder eine, hier noch eine!" Hansen deutete mit der Rechten zum Firmament.Laurentius hin, Laurentius her, wie es scheint, fließen seine Tränen auch am Südpol."

Schweigend blickten die drei Freunde während der nächsten Minuten in die Höhe. Immer wieder leuchtete es hier und dort am Firmament auf, zog einen leuchtenden Streifen und erlosch.

Ein ganz hübscher Schwarm, der unserer alten Erde da bas Fell kratzt", meinte Hansen.

Du wolltest wohl sagen, der ihr die Atmosphäre ankratzt", verbesserte Eggerth.Wenn all die Sternensplitter, die sich da in der Nähe der Erdbahn im Weltraum dahertreiben, wirklich bis zur Erdoberfläche kämen, wäre es schlecht um die Menschheit bestellt. Ein Glück, daß unsere Atmosphäre uns vor diesen Weltraumbummlern schützt."

Sagen wir: einigermaßen schützt", unterbrach ihn Berkoff.Die meisten Boliden tauchen ja nur in die äußersten dünnsten Schichten unserer Atmosphäre ein, kommen dabei durch die Reibung für einige Sekunden zum Glühen und zum Leuchten und verschwinden dann wieder im Weltraum. Aber bisweilen kommt doch mal ein ordentlicher Brocken runter, und wer den auf den Kopf kriegt, der braucht keinen neuen Hut mehr."

Ah, da! Seht doch nur, eine Sternschnuppe! Nein, ein Meteor!" Hansen hatte die letzten Worte mehr geschrien als gesprochen. Im Augen­blick waren die beiden andern neben ihm, starrten ebenso gebannt wie er zum Firmament.

Eine Sternschnuppe war es, die Hansen gesehen hatte, aber wie hatte sich ihr Aussehen in wenigen Sekunden verändert. Ein fahler Lichtstreifen war es zuerst, wie jede Sternschnuppe ihn an das Firmament malt. Ein rötlich strahlender Stern war es inzwischen geworden. Einen kurzen Moment noch so hell, wie die vielen andern Sterne dort oben. Nun schon viel heller, die andern mit seinem Glanz überstrahlend und verdunkelnd.

Ein fallender Stern, eine Sonne, die vom Firmament stürzte. Jetzt stand sie senkrecht über dem Stratosphärenschiff. Grell fielen ihre Strah­len durch das gläserne Dach in den Raum und erleuchteten ihn taghell bis in die letzten Winkel.

Würde der Bolide das Stratosphärenschiff treffen und zerschmettern? Schon schien die glühende Kugel größer als die Sonnenscheibe zu sein. Unerträglich wurde der Glanz, der von ihr ausging. Nur noch blinzelnd mit zusammengedrückten Lidern vermochten die drei im Stratosphären­schiff nach ihr hinzuschauen ... und sahen dabei, wie das strahlende Gestirn langsam von Steuerbord nach Backbord über der Deckenscheibe entlang zog! In Sekunden wurde es ihnen klar, daß der Bolide links ab vom Flugschiff die Erdoberfläche treffen würde.

Als erster stürmte Eggerth aus dem Mittelraum zu der Kommando- stelle. Eilend folgten ihm die andern. Hier waren ja Seitenscheiben vor­handen, durch die man die Erdoberfläche sehen, den Aufprall des Boliden vielleicht beobachten konnte.

Wie von vollem Sonnenlicht beleuchtet erblickten sie die Eiswüste unter sich, als sie die Gesichter an die Scheibe preßten. Die Atmosphäre in der Tiefe war klar In tausend Lichtern spielte das bläulichgrüne Gletschereis in immer grellerer Beleuchtung, flimmernd und schimmernd streckte sich eine Schnee-Ebene östlich von den Gebirgen in endlose Ferne.

Noch starrten sie wie fasziniert auf das wunderbare Schauspiel, als eine neue, noch viel stärkere Lichtflut sie zwang, die Augen zu schließen. Eine Sonne kam vom Himmel herab. Eine Feuerkugel stürzte backbords vom Stratosphärenschiff auf den Erdball. Sie wußten nicht, wie groß die Kugel war, sie wußten nicht, wie fern ober nah von ihnen sie niederfiel. Nur den Eindruck hatten sie, daß das Gestirn in nächster Nähe abgestürzt